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(de) FdA/IFA Gai-Dao #77 - Anarchismus und französische Kriminalliteratur Von: Dr. Maurice Schuhmann (Berlin)

Date Sat, 20 May 2017 09:37:49 +0300


Im auss gehenden 19. Jahrhundert durchlebte der Anarchismus in Frankreich Dynamit-geschwängerte Jahre, denen Ravachol (1859 - 1892) ein Gesicht gab. Das Erbe jener insurrektionalistischen Strömung trat der Illegalismus an. Diese Strömung ist eng verbunden mit dem Mythos um die Bonnot-Bande (1911-1912), die die Expropriation und Banküberfälle als Form der Auseinandersetzung und für die Geldbeschaffung für die Bewegung populär machten. Sie inspiriert bis heute die Fantasien französischer Autor*innen, Regisseur*innen und Sänger*innen. ---- Arsène Lupin - Vom anarchistischen Robin Hood zum Serienheld ---- Als erster popkultureller Ausdruck der Auseinandersetzung mit dem Anarchismus erblickte 1905 ein Serienheld in Frankreich das Licht der
literarischen Welt - der Gentleman-Dieb Arsène Lupin. Insgesamt
erschienen zwischen 1905 und 1935 ca. 20 Romane, etliche
Kurzgeschichten und Theaterstücke. Sein Schöpfer Maurice Leblanc, der
ihm zeitweilig in seinen Werken die eigene Adresse zuschreibt, ließ sich
inspirieren von einem legendären Anarchisten - Marius Jacob (1879-
1954), obwohl er dies stetig verneinte. Marius Jacob soll über 150
Einbrüche begangen haben - und arbeitete zynischerweise später im
Pariser Luxuskaufhaus Printemps.

Außer dem Spiritus Rector verbindet weder diese Buchreihe noch seine
Verfilmungen direkt etwas mit dem Anarchismus. Dennoch lässt es sich
als eine Hommage lesen - oder welcher andere Anarchist kam schon in
den Genuss, als Gegenspieler des berühmten Detektivs Sherlock Holmes
anzutreten (s. Arsène Lupin vs. Herlock Sholmès, Diogenes Verlag)?

Fantômas - Die Reinkarnation der Furcht vor den Anarchist*innen

In der Auseinandersetzung mit der Angst vor dem anarchistischen
Insurrektionalismus und Illegalismus entstand die Figur Fantômas. Der
geniale Verbrecher, der seit 1911 und später auch in einer Trilogie des
französischen Schauspielers Louis de Funès (1964-1967) die Leinwand
eroberte, stellte ursprünglich die Reinkarnation des Anarchisten
schlechthin dar. In der Figur vereinten sich Züge, die man
zeitgenössisch mit der (vermeintlichen) anarchistischen Gefahr
assoziierte - Grausamkeit und Unberechenbarkeit. Damit spielten die
beiden Autoren Pierre Souvestre und Marcel Allain. Die ideologische
Aufladung der Gestalt verwundert auch nicht weiter, wenn man
bedenkt, dass der Herausgeber Arthème Fayard Mitglied der
rechtsextremen Action Français war. Dessen ungeachtet war Fantômas
eine Referenz für den Surrealismus.

Einige Rezipient*innen haben direkte Verbindungen zwischen der
literarischen Gestalt und der Bonnot Bande hergestellt. Hierfür spricht
unter anderem, dass der geniale Coup der Bonnot Bande auf eine
Bankfilliale im 18. Arrondissement von Paris in ähnlicher Art und
Weise von Fantômas verübt wird. Ansonsten wurde der direkte Verweis
auf den Anarchismus herausgehalten - ähnlich wie im Falle Arsène
Lupins.

Léo Malet - Ein Anarchist als Krimiautor

Der 1909 geborene Anarchist Léo Malet ist einer von Frankreichs
bekanntesten und beliebtesten Krimiautoren. Seine Neuen Geheimnisse
von Paris - in Anlehnung an den sozialistischen Sittenroman Die
Geheimnisse von Paris von Eugène Sue - machten ihn berühmt. Er ließ
sich aber auch sowohl von den Fantômas-Geschichten als auch von
Bonnot inspirieren. Letzterem widmete er seinen Roman Das Leben ist
zum Kotzen, dem ersten Teil seiner schwarzen Trilogie (in deutscher.
Sprache bei Edition Nautilus erschienen). Seine Darstellung Bonnots
entspricht zwar nicht unbedingt der realen Gestalt, wie u.a. die
französische Soziologin Anne Steiner kritisierte, aber es zeigt ein
anderes Bild vom Anarchisten. Ebenso kannte Malet den bereits
erwähnten Marius Jakob persönlich.

Léo Malet erlebte eine Sozialisation in anarchistischen Kreisen (vgl.:
Léo Malet: Stoff für viele Leben, Edition Nautilus), die ihm immer
wieder - nicht nur in der schwarzen Trilogie - Inspirationen boten.
Gleich in mehreren seiner Geschichten und Erzählungen um den
Privatdetektiv Nestor Burma, das Alter-Ego von Léo Malet und
gleichzeitig eine Parodie des klischeebeladenen Typus des verruchten
amerikanischen Privatdetektivs, tauchen immer wieder
Anarchist*innen und deren Lebensweise auf.

Im Gegensatz zu den Fantômas- und Arsène Lupin-Romanen, die
getrost zur Trivialliteratur gezählt werden können, weist sein Werk
literarische Qualitäten auf, die in mehreren Krimipreisen mündeten.
Mittlerweile gibt es auch eine Reihe von Comicadoptionen seines
Werkes - u.a. durch den Zeichner Tardi, der auch für die Fédération
Anarchiste tätig war.
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