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(de) Interview mit zwei langjährigen Anarcho-Syndikalisten

Date Sat, 17 Apr 2010 16:07:52 +0200


„Uns die Zeit nehmen, uns zu bilden, zu schulen und zu befähigen“ –
ein Interview mit den Genossen Folkert und Günther ---- Das folgende
Interview mit zwei Hamburger Anarchosyndikalisten erschien zuerst am
9. April auf Syndikalismus.tk ---- Wir freuen uns sehr das sich die
beiden Genossen Folkert und Günther für Syndikalismus.tk zu diesem
Interview bereit erklärt haben. Beide sind seit mehreren Jahrzehnten
in der anarcho-syndikalistischen Bewegung aktiv und haben sich an
verschiedensten Projekten beteiligt oder diese initiiert. Beide sind
aktive Genossen im Anarcho-Syndikalistischen Kreis/Vereinigung Aller
Berufe Hamburg-Altona (ASK/VAB) und waren davor in der FAU
organisiert.

? Könntet ihr euch den LeserInnen kurz vorstellen? An was für
Projekten seid ihr beteiligt?

Günther: Ich war von 1988 bis 2000 in der FAU in Bielefeld und von
2006 bis Januar 2009 in Hamburg. Aktuell mache ich einen 1-Euro-Job in
einem karitativen Antiquariat und bin im ASK Hamburg organisiert.

Folkert: Ich bin immer noch im anarchosyndikalistischen Cafe Libertad
Kollektiv als Buchhalter und Vorstand beschäftigt und daneben aktiv im
Anarchosyndikalistischen Kreis / VAB Hamburg-Altona. Der ASK besteht
aus sieben ehemaligen Mitgliedern der FAU Hamburg, die keine
Möglichkeit mehr sehen, die lokale Gruppe der FAU zu reformieren. Das
haben wir zwei Jahre lang versucht, aber es macht keinen Sinn, mit
denen eine klassenkämpferische AS-Gewerkschaft zu organisieren.
Daneben habe ich mit dem Archiv Karl Roche angefangen, um das Andenken
und die anarchosyndikalistische Arbeit dieses FAUD-Genossen zu
würdigen. Seit November 2008 gebe ich die AS-Streitschrift barrikade
heraus, deren dritte Ausgabe gerade erschienen ist. Hier auf
Syndikalismus.tk schreibe ich seit einiger Zeit eine wöchentliche
Kolumne, die Wirtschaftspolitischen Betrachtungen. Ich sehe meinen
aktuellen Schwerpunkt mehr in der theoretischen Aufarbeitung der
Erfahrungen unserer Bewegung.

? Wie fing es bei euch an das ihr euch Gedanken über die Welt und die
zahlreichen Ungerechtigkeit gemacht habt? Wie kam es zu dem
Entschluss, diese nicht hinzunehmen? Und wie habt ihr vom
Anarcho-Syndikalismus erfahren?

Günther: Ich bin jetzt 61 Jahre alt und hab ne Schriftsetzerlehre
gemacht und dort mein politisches Bewusstsein entwickelt. Als ich eine
Rechnung von meinem Chef gesehen habe, hab ich das System kapiert: ich
bekam monatlich 114 Mark im ersten Lehrjahr 1965 und der Chef schrieb
35 DM die Stunde dem Kunden in Rechnung …

Folkert: Ich bin 55 Jahre alt und seit 1976 in der AS-Bewegung aktiv.
Bereits als Realschüler habe ich mich mit einer kleinen eigenen
Schülerzeitschrift engagiert und war dann auch Redakteur der
offiziellen Schülerzeitung. So richtig „klick“ hat es bei mir gemacht,
als ich „Easyrider“ gesehen habe und beim Rausgehen aus dem Kino die
Kirchenglocken läuteten. Als Lehrling (Azubi) hab ich dann die
Lohnarbeit am eigenen Leib erfahren und mußte während der Ölkrise 1974
meinen Ausbildungsbetrieb mangels Pleite wechseln. Ich durfte dann
meine Ausbildung zum Verlagskaufmann beim Springer-Verlag fortsetzen;
um dann nicht übernommen zu werden. Bei diesem Gespräch war der
freigestellte DKP-Betriebsrat dabei und sagte mir grinsend: „Du weißt
ja warum!“. Mein „Fehler“ war meine Mitarbeit in der ganz kleinen
Betriebszelle maoistischen KPD/AO. Ich war in der IG Druck & Papier
organisiert und beteiligte mich 1976 als einziger Angestellter bei der
SPD-Tageszeitung Hamburger Morgenpost am Druckerstreik, der noch mit
Werksblockaden beim Bauer-Verlag recht kämpferisch geführt wurde. Die
Drupa hatte zu der Zeit noch monatliche Mitgliedervollversammlungen in
Hamburg mit teilweise 1.000 Druckern, Setzern und Verlagsangestellten
aus fast allen Verlagshäusern und Druckereien.

Günther: Ich war so ein unorganisierter Bewegungslinker und im Kontakt
mit einer Vorläuferorganisation des Kommunistischen Bundes (KB),
gewerkschaftlich war ich in der Drupa organisiert. Zum Anarchismus bin
ich durch ein Bauchgefühl gekommen, weil der Marxismus immer Recht
hatte, was meinen Widerspruch herausforderte. Als erstes
anarchistisches Buch hab ich Max Stirner Der Einzige und sein Eigentum
gelesen. Komischerweise konnte ich damit auch was anfangen. Über den
Politikbuchladen Eulenspiegel bin ich an anarchistische Literatur
rangekommen.

Folkert: Mein Gastspiel bei der KPD dauerte nicht lange, denn es kam
sehr schnell zur Stalin-Schulung und ich musste mich mit der
Liquidierung von Trotzkisten und Anarchisten auseinandersetzen. Allein
die Frage, was denn „Anarchisten“ wären, führte zu einer
Kaderbesprechung und meinem Austritt mit stalker-ähnlichen
Hausbesuchen meiner Ex-Genoss/innen. Bakuninseidank, gab es in Hamburg
auch einen unabhängigen Buchladen, wo ich dann libertäre Literatur und
die Kölner anarchistische Zeitung Befreiung fand. Dort begann gerade
eine Organisationsdebatte zum Anarchosyndikalismus und da hab ich mich
dann eingeklinkt, wohl mit Haut und Haaren. Ich habe das bis heute
nicht bereut, denn ich habe viel gelernt und mich hoffentlich als
Person entwickelt.

Gleich nach meinem ersten Treffen mit Genoss/innen im Ruhrgebiet habe
ich die lokale Ortsgruppe gegründet, über das Komitee Freies Spanien
Hamburg Mitstreiter gefunden und bereits im Herbst 1977 erschien die
iFAU-Zeitung direkte aktion.

Die erste Phase meiner FAU-Mitgliedschaft endete mit dem Ausschluss
der Gründer und anarchosyndikalistischen Genossen (wie Jonnie
Schlichting und meinem bereits vor Jahren verstorbenen Freund Jürgen
Lohstöter, der bereits ORA*-Erfahrungen hatte) 1979. Zwei Ex-2.
Juni-Aktivisten hatten sich im Knast unsere Organisation zur Übernahme
ausgesucht. In der konkreten Praxis wollten sie als FAU mit dem
maoistischen KB zusammenarbeiten, um u.a. ‚Proletarische
Hundertschaften’ aufzubauen. Später wurde aus dieser iFAUD-Truppe aus
Hamburg eine parallele Bundes-FAU und nach deren Auflösung entstand
daraus letztlich die immer noch existierende AG/R (Anarchistische
Gruppe/Rätekommunisten). Leider waren noch sind diese Genoss/innen
weder anarchistisch noch Rätekommunist/innen.

Günther: Kontakt zur FAU in Bielefeld bekam ich 1987. Mir war
unorganisierte Arbeit einfach zu wenig und die autonomen Strukturen
waren mir zu theoriefeindlich. In der FAU habe ich mit die Schwarzen
Tage organisiert und die Obdachlosen- und Sozialhilfeempfänger-Zeitung
Piranha herausgegeben.

Folkert: Auch damals war bereits ärgerlich und katastrophal für die
Entwicklung der iFAUD, dass das damalige Nationalkomitee in Köln
(heute: Geschäftskommission) sich aus diesem angeblich Hamburger
Konflikt heraushalten wollte, es seien lokale Probleme und die könnten
nicht durch Intervention geklärt werden. Als die Spalter dann eine
zweite FAU gründeten, war es plötzlich ein bundesweites Problem; als
Konsequenz blieb ich erstmal draußen und gab den Industrie-Rundbrief
mit unserer Gruppe Arbeitersolidarität heraus.

Günther: Aus der FAU bin ich so um 2000 raus gegangen, weil mich die
Sexismus- und polit-correctnes-Debatte nervte. Mich ärgerte die Zensur
von oben und die Kontrolle über das Denken.

Folkert: Während des britischen Bergarbeiterstreiks und der
Solidaritätskampagne der FAU bin ich dann 1984 wieder in Hamburg
eingetreten und bis März 2008 aktiv gewesen.

? Die zahlenmäßige Stärke und der Einfluss des Anarcho-Syndikalismus
in Deutschland ist nach wie vor bescheiden. Kommt man da nicht auch
mal an einen Punkt der einen Resignieren lässt? Schließlich habt ihr
sicherlich auch viele GenossInnen kommen und gehen gesehen. Wie geht
man damit um?

Günther: Ich hab da ne ziemlich hohe Frusttoleranz, ich denke in
langen Zeiträumen.

Folkert: Sicherlich, zumal man ja feststellen muss, das sich – wie
allerdings in jedem Verein – eine ganze Menge Mitläufer und
Ja-Sager/innen wie auch großspurige Maulhelden in der
anarchosyndikalistischen Bewegung austoben. Das liegt einerseits an
der unklaren gewerkschaftlichen Haltung und Klarheit über die
Strategie der FAU. Andererseits kann man sich als kleine Gruppe vor
Ort kaum gegen eine Unterwanderung oder Übernahme durch „Genossen“
wehren, wenn bundesweit bei lokalen Konflikten plötzlich die
‚Was-geht-mich-die-xyz-Stadt’-Haltung eingeschaltet wird. Diese
ignorante Nichteinmischung in andere Ortsgruppen oder Syndikate ist
mir etwas zu viel „lokale Autonomie“, falsch verstandener Lokalismus,
weil dadurch bundesweite Strukturen angegriffen und zerstört werden
können.

Als wir die da-redaktion hatten, mussten wir noch ohne Handys, PCs und
Internet auskommen. Es kann sich ja keiner mehr vorstellen, unter
welchen lächerlichen Bedingungen wir monatlich die FAU-Zeitung
hergestellt haben. Wöchentliche Redaktionssitzungen, redaktionellen
Bearbeitung und Spaltentippen der Artikel, Klebelayout der Seiten und
dann ab zur Druckerei. Danach Versand. Später wurde das Layout auf
Disketten mit dem Wochenendticket nach Göttingen gebracht, dort wurde
die da von einem Genossen auf seinem Laserdrucker ausgedruckt bzw.
belichtet – und am folgenden Montag vor der Arbeit zur Druckerei nach
Bad Segeberg gebracht. Ein anderer Genosse hat die Zeitungen dann
abgeholt, wir haben einen Nachmittag lang die Ortsgruppen-Pakete
gepackt und dann im Libertären Zentrum noch die ca. 500 Abos in
Banderolen versandfertig gemacht. Und ob die da heute inhaltlich
besser geworden ist, wage ich auch zu bezweifeln.

? Auch wenn das nun wie ein Widerspruch zur vorherigen Frage klingt:
Würdet ihr euch der Ansicht anschließen, das der Anarcho-Syndikalismus
im Vergleich von vor 10 Jahren einiges an inhaltlicher und personeller
Stärke hinzugewonnen hat? Schriften und auch Aktionen haben ja
deutlich zugenommen. Aber noch immer ist die Bewegung nicht einmal
Ansatzweise an der Stärke zum Ende der Weimarer Republik angelangt
(Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) hatte damals um die 6000
Mitglieder). Was denkt ihr, muss getan werden, das mehr Menschen im
Anarcho-Syndikalismus eine Alternative sehen und sich selbst aktiv
einbringen?

Folkert: Bei Gründung der iFAU 1977 waren vielleicht 15-20
Genoss/innen bundesweit involviert. Heute, nach 33 Jahren sind es
vielleicht 3-500, die sich irgendwie zur FAU zugehörig fühlen. Aber
das Engagement von damals – gibt es nicht mehr. Heute kriegt die FAU
weder ihre da-Redaktion ohne langwierige Diskussionen besetzt, noch
passiert letztlich 20 mal mehr als damals. Die FAU ist auch nach 33
Jahren immer noch eine Polit-Sekte und keine Gewerkschaft, dazu sind
viel zu wenige Mitglieder betrieblich aktiv bzw. stehen in gar keinem
Ausbeutungsverhältnis. Auch ist das Klassenbewusstsein wenig
ausgeprägt.

Günther: Ich denke, dass die Ortsgruppen der FAU mal ihre Stellung und
Arbeit überdenken sollten und aufhören, sich selbst in die Tasche zu
lügen. Auch die internen Strukturen müssen überarbeitet werden – und
vor allen Dingen, sie müssen eingehalten werden und es muss sich an
die eigenen Beschlüsse gehalten werden.

Folkert: Natürlich hat die FAU in all den Jahren sehr viele Mitglieder
zeitweilig erhitzt und organisiert. Das ‚Politikmodell’ ist ja auch
sehr attraktiv für junge Leute, jede/r sucht sich sein Steckenpferd,
an dem sie/er herumdoktern kann. Aber da jede/r seine eigenen
Vorstellungen von dem hatte und hat, was denn Anarchosyndikalismus zu
sein hat, kommt es immer wieder zu krassen Diskussionen mit
Auflösungserscheinungen und erneutem Neubeginnen. Das liegt an der
absolut mangelhaften bis vollständig fehlenden Bildungsarbeit (man
könnte es auch Schulung, Kaderbildung nennen). Hier haben wir alle
versagt, die FAU hat auch keine theoretische Zeitschrift zustande
gebracht. Vielleicht braucht auch unsere AS-Bewegung den ein oder
anderen Agitator und Organisator (und keine organisationsfremden
Organizer), der/die auf Versammlungen oder Demonstrationen Reden
schwingen können und offen als solche bekannt sind.

Früher hatten wir nur Flugblätter – heute erreicht jede Gruppe über
das Internet ein breites Publikum, aber es passiert immer weniger
Widerstand, realer Widerstand. Cyber-Widerstand und
erlebnisorientierte Flashmobs sind nicht meine Vorstellung von
gewerkschaftlicher Gegenwehr oder gar politisch-sozialer Gegenmacht.
Und die vernünftige Kombination wurde noch nicht gefunden.

Es kann ja niemand allen Ernstes glauben, dass die Arbeiterklasse
durch ein oder zwei Flugblätter mit anarchosyndikalistischen Inhalt
während eines gesamten Arbeitslebens zu militanten Klassenkämpfern mit
libertären Gesellschaftsvorstellungen kommen kann. Und der Kontakt mit
einer schwarz-roten Internetseite ist auch nicht mehr als der Besuch
auf einer x-beliebigen Politseite, wenn mensch da durch einen Web-Link
draufkommt.

Eine Organisation, gerade eine Gewerkschaft, muss Erfolge vorweisen
können. Niederlagen – das hat die CNT-Valencia-Rundreise letztes Jahr
schön herausgearbeitet – bringen uns keinen Schritt weiter. Kämpfe
müssen mit allen Mitteln (auch mit allen finanziellen Mitteln!) kurz
und hart geführt werden. Monatelange Auseinandersetzungen können wir
uns nicht leisten, sie zermürben und zerfressen jede
nicht-bürokratische und unbezahlte Organisation.

Günther: Nordhausen z.B. war nach außen hin ein Erfolg für die FAU.
Wir sind dadurch ziemlich bekannt geworden und haben gezeigt, dass wir
so etwas organisieren können. Folkert und das Cafe Libertad haben
damals eine gute Pressearbeit gemacht und den Auslands-Verkauf der
Fahrräder organisiert. Aber auch andere Gruppen waren sehr engagiert
und motiviert. Leider ist der Auftrieb dann innerhalb der FAU ziemlich
schnell wieder zusammengebrochen, das erscheint mir ein Schwachpunkt
der ganzen Bewegung überhaupt.
Folkert: In einer nicht-revolutionären Zeit, da sollten wir uns eben
diese nehmen, uns zu bilden, zu schulen und zu befähigen, mehr aus den
wenigen Möglichkeiten zu machen, die sich uns bieten. Meistens sind
wir ja persönlich gar nicht involviert, sind revolutionäre
Dienstleister/innen in einem völlig aussichtslosen Kampf. Ich will
damit keinesfalls einer marxistischen Elendstheorie das Wort reden,
aber weil’s den meisten Leuten zumindest annehmbar mies geht, passiert
hier nicht viel – außer am Stammtisch und auf dem Fußballplatz, wo die
Aggressionen überschäumen und sich trotz Polizeikontrolle ebenso Bahn
brechen wie in der privaten Resignation. Dagegen haben wir keine
Rezepte oder Ideen, weil wir einfach extrem unbedeutend sind
(marginalisiert, aber nicht ausgegrenzt!). Wie soll eine
Mini-Gewerkschaft wirklich punkten, das ist die Frage.

Günther: Ich bereue mein Engagement in der FAU überhaupt nicht, und
würde mich jederzeit wieder aktiv einbringen, wenn das nicht so ein
Luschenverein wäre, jetzt momentan.

? Mit dem Arbeitskampf im Babylon-Kino in Berlin und dem darauf
folgenden Verbot der FAU Berlin, sich als Gewerkschaft zu bezeichnen,
führt die FAU ihre seit Jahren größten Auseinandersetzungen. Nach
einem Erfolg sieht es bislang nicht aus. Welche Konsequenzen könnte es
für die gesamte Bewegung haben, wenn das Verbot der FAU Berlin sich
als Gewerkschaft zu bezeichnen auch in den nächsten gerichtlichen
Instanzen bestätigt wird? Kann dies nicht dazu führen das die
Kapitalisten auch in anderen Städten mit der recht simplen Methode der
„einstweiligen Verfügung“ die FAU aus den Betrieben heraushalten
wollen? Dadurch wird ja eine Menge Energie und Zeit auf ein rein
juristisches Terrain gelenkt. Was denkt ihr, wie kann man effektiv
solch eine Situation vermeiden und dennoch im Betrieb offen auftreten?

Folkert: Wir vom ASK Hamburg bleiben dabei, dass der Babylon-Konflikt
von der Berliner FAU in einem Fiasko enden wird. Nicht etwa, weil es
hier um einen Nischenkonflikt geht, den hauptsächlich Teilbeschäftigte
in einem kommunalen Kino führen. Es fehlt vielmehr an der vollen
Unterstützung der FAU Berlin, sich in den Konflikt einzubringen.
Zweitens darf eine Organisation wie die FAU sich nicht die Strategie
und Taktik von einer neuen kleinen Betriebsgruppe diktieren lassen
(die Babylon-Kollegen traten erst ab Januar 2009 in die FAU ein und
viele mittlerweile wohl auch wieder aus), die bislang keinerlei
Erfahrungen in Arbeitskämpfen hatten. Drittens gab es innerhalb der
Bundes-FAU keine inhaltliche Diskussion vor der Aufnahme dieses
Arbeitskampfes über die Ziele. Bis heute hat die FAU keine
einheitliche Haltung zum Tarifrecht und zu Betriebsräten. Wer aber
beides akzeptiert, wie die Berliner FAU, der verheddert sich im
Gestrüpp juristischer Auseinandersetzungen. Man ist dann auf die
Beratung eines Anwaltes angewiesen, der kaum unsere Ideenwelt und
Überzeugungen versteht. Da wir juristisch nicht das Vokabular des
„herrschenden Arbeitsrechts“ draufhaben, um in einer so kritischen
Frage wie der um Tarif- und Gewerkschaftsrechte -unter Zeitdruck- mit
dem Anwalt in eine ausführliche Diskussion zu treten, haben wir
bereits verloren. Viertens: wenn man kämpfen will, muss man bereit
sein, auch schwere Konsequenzen zu erleiden; eine Niederlage mit
erhobenem Kopf ist aber immer besser als eine doppelte Niederlage nach
monatelangem hin & her, und ohne mal den Kapitalisten gezeigt zu
haben, dass wir bereit sind, etwas zu riskieren. Unseres Erachtens
hätte es also mindestens einen Warnstreik geben müssen, so wie es
ver.di jetzt im unmittelbar benachbarten Cubix-Kino macht. Und
fünftens: wenn die Berliner nicht genügend Geld in ihrer Kriegskasse
(Streikfonds) haben, dann können sie keinen derartigen Konflikt vom
Zaun brechen. Es gehört zu den Gepflogenheiten unserer Bewegung,
zumindest die ersten Wochen aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Hier
läuft es gerade völlig anders ab und wird damit sehr schräge. Man kann
nicht erwarten, dass andere lokale Gruppierungen und Syndikate
Genoss/innen unter die Arme greifen, die zu wenig eigene Anstrengungen
(in einer 4-Millionen-Stadt) unternehmen, um ihren Konflikt bekannt zu
machen oder auch Streikgeld zu sammeln [in Spanien sammeln die
CNT-Genoss/innen bei jedem Streik auf den Straßen Kohle ein und machen
damit den Arbeitskonflikt publik]. Sechstens: jede andere AS-Gruppe
oder lokale FAU-Gruppierung, ob Lokalföderation oder Syndikat ist mit
diesen Urteilen und der Revisionsabweisung des „Gewerkschaftsverbots“
durch das Landgericht und das LAG Berlin zum Boykottes jetzt
angreifbar; wer das nicht kapiert, lebt in einer Parallelwelt … Die
Urteile kann jeder Anwalt einer Firma benutzen, da sie vom Gericht
veröffentlicht wurden, und sie uns unter die Nase reiben. Weg dann mit
dem „Schwarzen Brett“ der FAU-Betriebsgruppe, weg mit
gewerkschaftlichen AS-Vertreter/innen von einer Betriebsversammlung.
Das wird die FAU schreddern.

Günther: Wir müssen uns damit abfinden, aber es ist eine böse
Erfahrung, dass eine Organisation, die sich keine wirkliche Strategie
und Taktik in über 33 Jahren erarbeitet hat, bankrott machen wird. Es
tauchen neue anarchosyndikalistische Gruppen und Organisationen auf,
die den Alleinvertretungsanspruch der FAU in Frage stellen und sie
herausfordern. Letztlich ist das okay, denn es muss etwas Neues
entstehen, die selbstgerechte Haltung der FAU kann nicht bestehen
bleiben. Auch wenn das noch einige Jahre dauern wird – Klassenkämpfe
finden real nicht statt, wir können uns etwas Zeit nehmen, uns neu zu
formieren. Aber dann muss Klarheit herrschen über das, was die
AS-Bewegung will, nur dann kann sie neue Mitglieder und Genoss/innen
gewinnen, Wischiwaschi hilft niemandem weiter. Und auch die (angeblich
so vielen) herumschwirrenden AS-Genoss/innen in den DGB-Gewerkschaften
und sonst wo müssen sich langsam mal entscheiden, was sie wollen:
mitarbeiten oder nur auf .TK rumlabern, das es sie gibt und wie schlau
sie alle sind. Organisation bedeutet eben Verantwortung und
Positionierung, nicht Lahmarschigkeit, Nichtstun und indifferentes
Abwarten.

? Da möchte ich jetzt noch mal am Punkt „neue Betriebsgruppe“
nachhaken. Die wenigsten Genossinnen und Genossen in der FAU dürften
ja über praktische Erfahrungen im Arbeitskampf verfügen. Wenn du nun
sagst, die FAU darf sich ihre Strategie und Taktik nicht von einer
„neuen kleinen Betriebsgruppe aufzwingen lassen, die bislang keinerlei
Erfahrungen in Arbeitskämpfen hat“ was ist denn dann die Alternative?
Offensichtlich war (und ist) ja genügend Grund gegeben um im
Babylon-Kino aktiv zu sein. Wie sollte ein Arbeitskampf einer neuen
Betriebsgruppe deiner Meinung nach organisiert und unterstützt werden?

Günther: Wichtig ist wohl, dass vor einem Konflikt inhaltlich
diskutiert wird, was erreicht werden soll. Bei einem so weit
reichenden Arbeitskampf wie dem Babylon bzw. seinen Konsequenzen für
die AS-Bewegung sollten vorher die Strukturen einer bundesweiten
Organisation genutzt werden bzw. müssen benutzt werden, wozu brauchen
wir sonst ne FAU, wenn jedes Syndikat oder jede Betriebsgruppe ihre
eigen Vorstellungen durchsetzt, ohne Rücksicht auf die
Gesamtorganisation bzw. deren Beschlüsse?

Folkert: Genau das ist der springende Punkt für die AS-Bewegung. Wenn
kämpferische Kolleg/innen zu uns kommen, wie integrieren wir sie oder
wie können wir sie unterstützen? Ich denke, es ist vollkommen falsch,
einzelne Genoss/innen sofort in unsere Gruppen aufzunehmen, auch wenn
das dem Charakter einer Gewerkschaft widerspricht, aber die FAU ist
eben meiner Meinung nach keine „normale“ Gewerkschaft. Die Krux ist
doch, dass wir selbst bei zwanzig, vierzig oder einhundert
FAU-Mitgliedern (wie in Berlin) nicht in der Lage sind, eine Gruppe
von betrieblichen Kolleg/innen, die von ver.di nicht ernst genommen
wurden, eine „Heimat“ zu geben. Nicht nur, dass sie keine überzeugten
Anarchosyndikalist/innen oder libertäre Sozialrevolutionäre sind und
keine Schulung über die Kampfmethoden unserer Bewegung haben. Hier
wird viel zu leichtfertig eine falsche Offenheit und ein Opportunismus
gegenüber neuen, eher noch mehreren neuen Mitgliedern geübt. Durch
Bildung und Schulung könnte das ausgeglichen werden – aber nicht in
einer akuten Arbeitskampfsituation.

Deshalb nehmen wir als ASK niemanden in unsere Gruppe auf, von der/dem
wir nicht wirklich überzeugt sind und den wir nicht längerfristig auch
in anderen „Zusammenhängen“ kennen gelernt haben (das feit einen
natürlich auch nicht vor Spitzeln und U-Booten). Wir sind bereit,
aktiv Hilfestellungen in Arbeitskonflikten zu leisten, aber nur nach
dem Motto: Wir helfen Euch, aber machen müsst ihr selbst! Wir können
Infrastruktur und verschiedenste Kenntnissen (Recherche,
Pressemitteilungen, Organisation, Transparente) gerne zur Verfügung
stellen und machen das auch begeistert. Wenn derjenige oder die
Betriebsgruppe dann immer noch bei uns mitmachen will, dann arbeiten
wir gleichberechtigt zusammen. Und eines ist definitiv klar: wir
unterstützen als ASK Betriebsratsgründungen –nach alter FAU-Tradition
– nur dann, wenn es ohne BR keinen Sozialplan geben wird. Das ist dann
ein Akt des Widerstandes und der Provokation der Geschäftsführung,
aber keine gewerkschaftliche Strategie in dem Betrieb. Wer kämpfen
will, muss selbstverantwortlich handeln!

Günther: Die Erfahrung bei der Auseinandersetzung um die Entlassungen
bei dem Abschleppunternehmen Aktiv Transport hier in Altona zeigt,
dass das richtig war. Normale Kollegen, die zwar kämpferisch sind,
weil sie sich gegen eine kriminellen Chef wehren, sind noch längst
nicht in der Lage, selbstbestimmt zu handeln. Wer es gewohnt ist, dass
unter „Gewerkschaft“ verstanden wird, dass auch der Weg zum Arbeitsamt
von den anderen erledigt wird, der ist bereits erledigt. Und warum
sollten wir – und wovon könnten wir? – Ausfall- oder Streikgelder für
Kolleg/innen zahlen, die wir gerade mal zwei, drei Mal gesehen haben.
Und wenn dann in den Diskussionen noch befremdliche Ansichten
zumindest beim Wortführer der Kollegen deutlich werden, dann ist es
sicherlich erstmal besser, nicht mit derartigen Kameraden in einer
Organisation zu sitzen. Nachher gehen die dann nicht und wir müssen
erneut erklären: „Houston, wir haben da ein Problem …“.

Folkert: Warum das alles? Nun, weil wir aus dem Nordhausen-Konflikt um
die Betriebsbesetzung und die StrikeBike-Produktion gelernt haben. Wir
haben damals als FAU kein einziges Mitglied in Nordhausen gewonnen,
die führenden Kräfte haben zwar zeitweise eine schwarze Katze an der
Mütze gehabt, letztlich sind sie doch da wieder untergekrochen, wo es
wärmer war: bei der PDS oder der SPD als lokale Wahlkreiskandidaten.
Aber auch hier gilt selbstkritisch zu sagen: aus Hamburg oder
Frankfurt kann niemand, keine noch so gewaltige FAU-Gruppe, eine
Betriebsbesetzung in einem Industriebetrieb inhaltlich und
organisatorisch wirklich begleiten, schon gar nicht mit einer lokalen
IG Metall als Bremsklotz und Saboteur. Wo keine Genoss/innen im
Betrieb sind, werden es auch keine nach einem verlorenen Arbeitskampf
sein. Und die in Nordhausen haben die längste Betriebsbesetzung des
neuen Deutschlands durchgeführt, während in Hamburg einige
Genoss/innen lieber in den Malle-Urlaub geflogen sind oder verwundert
meinten, die StrikeBike-Arbeitsgruppe habe sich doch nicht etwa
täglich treffen wollen …

? Zum Abschluss: Welche Schriften oder Filme würdet ihr Interessierten
für das Selbststudium empfehlen?

Günther: Zuerst – Orwell Mein Katalonien, wo ich zum ersten Mal die
Worte Würde, Stolz und Selbstbewusstsein nicht als Phrase empfunden
habe, das hab ich so um 1976 gelesen. Als Film auch Land und Freiheit
von Ken Loach … gefallen haben mir auch die Schriften der
Situationisten, wo erstmals Arbeiter/innen und Intellektuelle
konstruktiv zusammen gearbeitet haben. Im Mai ´68 in Frankreich hast
Du zum ersten Mal in der neueren Geschichte, wie in den spontanen
Streiks bei Klöckner in Bremen, oder später bei LIP in Frankreich,
Ford in Köln – und Du merktest, es gibt sie noch, die Arbeiterklasse,
und wie! Lesen, eigentlich alles, was einen emotional anmacht, B.
Traven, Erich Mühsam, oder auch antikommunistische Literatur wie
Tagebuch der Hölle (Jan Valtin) und Sonnenfinsternis von A. Köstler,
Renegatenliteratur wie Arbeiter gegen Kommunismus. Als Film noch Spur
der Steine mit Manfred Krug, der aufzeigt, dass, wenn man persönlichen
Mut hat, man fast überall seine Interesse vertreten kann. Dann die
ganze spanische Revolutionsliteratur: Revolution und Konterrevolution
in Katalonien oder Durutti.

Folkert: Mir fällt da spontan George Orwells 1984 ein. Aber Lesen
bildet grundsätzlich, denke ich mal. Also ran ans Bücherregal oder bei
Syndikat-A erstmal einige Klassiker bestellen und lesen. Besser wäre
es, ihren Geist zu inhalieren. Kann man ja ruhig ein paar Bierchen bei
trinken und wichtig ist, sich aktiv an einer AS-Gruppe zu beteiligen,
die an den sozialen Fragen diskutiert und die Arbeiterklasse und die
Arbeiterbewegung nicht wegdiskutiert. Denn wir sind noch hier, sicher
zum Ärger der Antideutschen oder Pseudo-Anarchist/innen!

? Habt vielen Dank für dieses ausführliche Interview.

Folkert: Gerne, für Rückfragen und Kritik stehen wir gerne zur Verfügung.


Anmerkung:

* ORA – »Organisation Revolutionärer Anarchisten« (ca. 1972 – 1974)

Deutsche Sektion der französischen ORA, die sich ca. 1976 in
»Organisation Communist Libertaire« (OCL) umbenannte. ‘Zentralorgan’
war und ist »Front Libertaire«. Daniel Guerin war übrigens Mitglied
der französischen ORA/OCL. In Hamburg hatte die ORA vielleicht 30
Mitglieder.

Interview online unter:
http://syndikalismus.wordpress.com/2010/04/09/„uns-die-zeit-nehmen-uns-zu-bilden-zu-schulen-und-zu-befahigen“-–-ein-interview-mit-den-genossen-folkert-und-gunther/
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