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(de) FDA-IFA, Gai Dao #103: Jean­Jacques Rousseau - Ein Inspirator des Anarchismus? Von: Maurice Schuhmann

Date Sat, 17 Aug 2019 09:22:49 +0300


Dem französischen Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon wird die Aussage zugeschrieben, dass Eigentum Diebstahl sei. Eine ähnliche Formulierung findet sich zwar schon in Marquis de Sades Justine - und weist wiederum auf den, ihm verhassten Jean-Jacques Rousseau zurück. ---- "Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir«und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: ‚Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken‘" schrieb dieser - und umschrieb damit die Entstehung des Eigentums als Form des Raubs und als Ursprung der Ungleichheit - lange vor Proudhon. Rousseaus Werk Der Gesellschaftsvertrag soll sich auch im Gepäck von Sergej Netschajew, dem jungen Mitstreiter Bakunins, befunden haben, als man diesen an der Schweizer Grenze verhaftete.

Rousseau gilt schlechthin als einer der wichtigsten De-
mokratietheoretiker, der sowohl Facetten der direkten
Demokratie propagierte, aber auch mit seiner identi-
tären Form der Demokratie zeitweilig als Vorläufer des
Faschismus sowie des Sozialismus. Als Vorläufer des
Faschismus sah ihn Theodor Heuss, der erste deutsche
Bundespräsident. Aber nicht nur als politischer Den-
ker ist er in die Geschichte eingegangen - sein kitschi-
ger Briefroman Julie und seine autobiographischen
Bekenntnisse sind Meilensteine der französischspra-
chigen Literaturgeschichte und sein Erziehungsroman
Emile, mit dem das Konzept der "Kindheit" begründet
wurde, inspirierte den christlichen Anarchisten Leo
Tolstoi bei der Umsetzung seiner Schulprojekte in Jas-
naja Poljana, dem Beginn der Tradition der freien
Schulen. Selbst die Hippiebewegung, die ihm fälschli-
cherweise den Aufruf "Zurück zur Natur" in den
Mund legte, sowie die Ökobewegung lassen sich als
von Rousseau beeinflusste Bewegungen verstehen. Der
in vielen Ökobewegungen mitschwingende Naturbe-
griff hat seinen Ursprung teilweise in der Gedanken-
welt Rousseaus.

Vor diesem vielschichtigen Hintergrund ist es ver-
ständlich, dass auch Anarchist*innen Interesse an
Rousseau haben. Seine Überlegungen zum Eigentum,
die kritische Auseinandersetzung mit seinem Erzie-
hungskonzept und die direkt-demokratischen Elemen-
te seiner politischen Philosophie - ebenso wie die
fälschlicherweise ihm zugeordnete Vaterschaft als spi-
ritus rector der französischen Revolution von 1789 ma-
chen ihn zu einer spannenden Ressource für einen
anarchistischen Diskurs.

Für einen Einstieg bietet sich der von Ansgar "Findus"
Lorenz und Antonio Roselli erstellte Sachcomic "Jean-
Jacques Rousseau" an, obwohl dieser natürlich auf
Grund des begrenzten Platzes nur ein paar Aspekte
des Rousseau‘schen Denkens abbildet. Mir persönlich
fehlen z.B. die Überlegungen zu Musik oder die kon-
kreten Verfassungsentwürfe für Korsika und Polen, in
denen sich sein Denken konkretisiert, aber das sind si-
cherlich auch eher Themen für eine tiefergehende Be-
schäftigung. Das Literaturverzeichnis weist - für
Kenner*innen der Materie - deutliche Lücken bezüg-
lich Standardliteratur auf - sei es, dass Iring Fetschers
grundlegende Studie über den Demokratiebegriff fehlt
oder die bislang fast lediglich in französischer Sprache
vorliegenden Studien von Tanguy L‘Aminot, der als
einer der wichtigsten, noch lebenden Rousseau-Ex-
pert*innen gilt und u.a. derzeit eine mehrbändige Bi-
bliographie zu Rousseau publiziert.

Anhand einzelner Stichpunkte beleuchtet der vorlie-
gende Sachcomic die Philosophie Rousseaus - z.B. das
Menschenbild, der Naturzustand, naturgemäße Erzie-
hung - und erläutert unter Berücksichtigung von aus-
gewählter Sekundärliteratur die Inhalte jener
Konzepte. Dabei werden auch eigene Exkurse einge-
gangen, die sich z.T. mit einzelnen Konzepten in einer
philosophiegeschichtlichen Tradition (z.B. Anerken-
nungstheorie, Höflichkeit, Selbstliebe) oder einzelnen
Werken (Julie) beschäftigen. Für mich wirkt es
manchmal etwas willkürlich, was als Exkurs geführt
wird - z.B. der Exkurs zu Pier Paolo Pasolini, den ich
persönlich völlig unpassend finde. Generell sind die
Exkurse sehr pointiert und informativ. Die Zeichnun-
gen sind zwar handwerklich gut - teilweise finde ich
aber, dass sich Findus etwas vergreift - z.B. in Dar-
stellung des Naturzustands. Es sind z.T. zu plakative
Zeichnungen, die mich partiell auch an popkulturelle
Muster wie aus dem Film "300" erinnern. Insgesamt ist
es dennoch ein guter Einstieg in die Thematik - mit
dem Mut zur Lücke und leichten Schwächen. Insge-
samt ist es ein erfreuliche Entwicklung, dass die Idee
von Sachcomics eine Renaissance erlebt. Anfang der
80er Jahre hat der Zeichner Rius mit seinen Sachco-
mics (Freud, Marx, Lenin, Mao) hierfür hohe Maßstä-
be gesetzt und diese Tradition war leider lange Zeit -
zumindest in Deutschland sehr abgeebbt. Wem das als
Einstiegslektüre noch nicht reicht, sei auf den von
Iring Fetscher verfassten Band Rousseaus politische
Philosophie (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft)
verwiesen. Aus anarchistischer Perspektive kommt
man sicherlich auch nicht an Peter Marshalls Deman-
ding the impossible vorbei, in dem Rousseau ein eige-
ner Abschnitt gewidmet ist.
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Ansgar Lorenz / Antonio Roselli: Jean-Jacques
Rousseau (Philosophie für Einsteiger) , Wilhelm Fink
Verlag Paderborn Verlag 2019, 92 S., Preis: 19,90 €,
ISBN: 978-3770564071
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