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(de) FDA-IFA, Gai Dao #102 - Replik auf Ralf Burnicki Von: Martin von Loeffelholz

Date Sun, 4 Aug 2019 09:39:55 +0300


Anmerkung der Redaktion: Der Artikel von Martin von Loeffelholz, um den es geht, erschien in der Gai Dao N o 96 12/2018 und hieß "Der Konsensfetisch des politischen Anarchismus". In der Gai Dao N o 98 02/2019 veröffentlichten wir eine Antwort von Ralf Burnicki. ---- Es freut mich, dass du, Ralf, meinen Artikel einer Reflexion unterzogen hast. Jedoch hast du ihn entweder falsch verstanden oder du willst ihn nicht verstehen. In letzterem Fall bestätigst du voll und ganz, was ich schon zuvor konstatiert habe: eine Position der Realitätsverweigerung. Dabei hinterlegst du doch mit deinem Buch "Anarchismus und Konsens" ein solch durchdachtes und großartiges Werk! ---- Tatsächlich überging mein Artikel eine positive Darstellung des Konsens und das hätte ich zur Vorbeugung von Missverständnissen wohl klarstellen sollen.
In der Tat schätze ich den Konsens sehr und er ist für
eine emanzipatorische Praxis wie für die emanzipierte
Gesellschaft selbst unverzichtbar. Es ging mir lediglich
darum, nachzuweisen, dass ein Konsens nicht immer
möglich ist. Eigentlich habe ich in meinem Artikel
schon alles gesagt, aber ich hebe es gern noch einmal
hervor:

"Die Existenz von Zwang ist nicht erwünscht,
sondern eine logische Notwendigkeit". Auch ich
ziehe also den Konsens eindeutig vor, doch wie
sich andere Subjekte entscheiden werden, das ob-
liegt nicht meiner Macht. Denn "es ist absurd zu
glauben, dass eine mehrere Milliarden Individuen
umfassende Menschheit in einhundert Prozent der
Fälle konsensual entscheiden würde".

Des Weiteren habe ich aber auch behauptet, dass der
Einsatz von Zwang auch ethisch-normativ geboten
sein sollte. "Sollte beispielsweise die Weltgesellschaft
sich ernsthaft dem Veto einer verschwörungstheoreti-
schen Minderheit unterwerfen, wenn diese überle-
bensnotwendige Maßnahmen gegen den Klimawandel
ablehnt?". Was für ein Konsens ist es, wenn wir Ent-
scheidungen akzeptieren, die in ihrer Auswirkung,
Zerstörung von Mensch und Umwelt, nichts anderes
als strukturelle Gewalt bedeuten? Muss ich mit Anti-
semit*innen einen Konsens finden? Mit Vogelschüt-
zer*innen, die jedes Windrad verhindern und den
Ausbau der mörderischen Atomkraft vorantreiben?
Ein solcher Konsens ist kein Konsens, sondern die Ak-
zeptanz struktureller Gewalt. Der Konsens, selbst
wenn er beschlossen würde, existiert in diesem Falle
nicht, er ist imaginiert. Diese Imagination macht den
Konsens zum Fetisch.

Du unterstellst mir einen "Hingang zu den üblichen
Verfahren im Umgang mit Kriminalität". Dabei habe
ich doch die Wichtigkeit von einvernehmlichen "Täter-
Opfer-Ausgleichen", "Würde" und "Rehabilitation" un-
terstrichen und mich eindeutig vom "klassischen Ver-
ständnis von Rache und Strafe" distanziert. Ich halte
nach wie vor daran fest, dass ich gefährliche Amok-
läufer*innen lieber in eine geschlossene Institution ge-
be, anstatt sie frei herumlaufen zu lassen. Aber diese
Wahrheit passt nicht in jedermenschs Märchenwelt.
Nicht selten habe ich schon von "Inseln" gelesen, auf
denen delinquente Gewalttäter*innen ver-
frachtet und dort "in Freiheit" umherlaufen
sollten. Mir schwant Schlimmes...

Das kann, wie ich in der Gai Dao 96 geschil-
dert habe, auch den Umgang mit Kleinkin-
dern, Dementen und anderen Individuen mit
eingeschränkter Reflexions- und Zurech-
nungsfähigkeit betreffen. Wer würde schon
seine 12jährige Tochter um Mitternacht
durch Medellín laufen lassen? Auch antiau-
toritäre Pädagogik hat ihre Grenzen. Wer
würde sein geliebtes Kind, das unter De-
pressionen leidet, bei akkuter Suizidgefahr
nicht in eine geschlossene Klinik einweisen?

In meinem Artikel habe ich versucht zu begründen,
warum solche Fälle von eingeschränkter Reflexionsfä-
higkeit einen "subjektlosen Zwang" darstellen. Es ist
die neurobiologische Materialität, die die menschliche
Wahrnehmung und den "freien Willen" (sofern er
überhaupt existiert) erheblich beeinträchtigen kann. So
ist etwa Drogenabhängigkeit offiziell als Krankheit an-
erkannt - der*die Abhängige entscheidet nicht (oder
zumindest nicht gänzlich) frei, sondern er*sie unter-
liegt einem subjektlosen Zwang.

Ich ersehne mir eine Gesellschaft, die auf Konsens ba-
siert. Doch es gibt Fälle, in denen der Einsatz von
Zwang zur Vermeidung von struktureller Gewalt oder
subjektlosen Zwängen von Nöten sein wird. Ich emp-
fehle dir daher, Ralf, dir nochmals mein eingeführtes
Konzept der "Anti-Macht" zu Gemüte zu führen.

Muss ich mit einem sturzbetrunkenen Autofahrer
wirklich einen Konsens schließen? Oder darf ich, not-
falls gewaltsam, seinen Schlüssel klauen? Auch in ei-
ner libertären Gesellschaft wird es noch
Karnivor*innen geben. Soll ich mich wirklich mit ih-
nen einigen, wenn sie eine neue Mastanlage bauen
wollen? Konsens ist Gewalt - zumindest in einigen Si-
tuationen.
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