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(de) FDA-IFA, Gai Dao #102 - Für eine neue anarchistische Synthese! Von: Jonathan Eibisch Rückblick

Date Fri, 2 Aug 2019 08:30:11 +0300


[Teil 3 von 4, Teil 4 erscheint in Gai Dao N o 103 07/2019] ---- Unser Leben im Zeitalter der Apokalypse und Herrschaft wurde im letzte Abschnitt zum Ausgangspunkt genommen um zu begründen, warum die soziale Revolution eine vernünftige und naheliegende Antwort auf sie darstellt. Dazu wurden einige Eckpunkte der sozialen Revolution aufgelistet, die keine neuen Erkenntnisse darstellen. Sie stellen allerdings kein Programm dar, sondern sollen zu unserer* Orientierung beitragen. Damit war auch die Frage aufgeworfen, wer denn die revolutionären Subjekte sein könnten... Die vorweggenommene weltweite Konterrevolution---! ---- Statt der durchaus vorstellbaren sozialen Revolutionierung der Gesellschaft, der langanhaltenden strukturellen Erneuerung, die zwar nie abgeschlossen sein wird, welche aber Grade ihrer Ausdehnung und Ver tiefung erkennbar werden lässt, erleben wir aktuell die weltweite Konterrevolution. Faschismus und Funda-
mentalismus sind weltweit in neuer und alter Gestalt
auf dem Vormarsch. In den USA, Brasilien, Russland,
Ungarn, Polen, teilweise auch auf den Philippinen, in
Italien und Österreich, in vielen anderen Ländern, aber
auch hierzulande schreitet die Faschisierung der Ge-
sellschaft in schnellen Schritten voran. Wie eh und je
geht dieser Prozess mit der Verbreitung und Förderung
von Irrationalismus, Esoterik, kruden Patchwork-Ideo-
logien und wahnhaften Verschwörungstheorien einher,
die von den Ganzmächtigen gefördert (nicht aber ver-
ursacht!) werden. Infantile und psychopathische Präsi-
denten und Regierungschefs kommen der politischen
Kaste gerade recht, um von "Systemfehlern" abzulen-
ken, der systematischen Unordnung, von der sie selbst
profitieren.

Die Konterrevolution erscheint in der multiplen Krise
(Finanz- und Wirtschaftskrise, Krise der internationa-
len Beziehungen, soziale Krise, ökologische Krise, Kri-
se in der Reproduktion, teilweise politische Krise etc.)
als vorweggenommene Unterbindung, Verhinderung
und Ausschaltung der sozialen Revolution. Weil das
neoliberale Wirtschafts-, Gesellschafts- und Herr-
schaftssystem nicht mehr zu retten ist und - trotzdem
es scheinbar noch so fest im Sattel sitzt - tatsächlich
nur noch Abwehrkämpfe führt, bedienen sich die alten
Eliten brutaler Mittel, um die Absicherung ihres ge-
sellschaftlichen Status und ihrer Privilegien zu ge-
währleisten. Gleichzeitig sehen neue politische Mächte
schon lange ihre Zeit gekommen, um die durch soziale
Bewegungen vehement erkämpften Errungenschaften
zurückzudrehen und mit hoch modernen Mitteln (z.B.
internetgestützt, durch facebook-bots oder whats-app-
Bombardements) eine umfassende Reaktion einzulei-
ten. Daneben sind hunderte militante und bewaffnete
Nazis "verschollen" und bei der Polizei und im Militär
werden nur mühsam die putschistischen Verschwö-
rungen heruntergespielt.

Genau so wirkt Faschismus, der die Ungleichwertig-
keit des Lebens propagiert und systematisch durch-
setzt und durchprügelt - ob durch die Abschaffung
des Asylrechts und des Rechts auf Schwangerschafts-
abbruch oder rassistische und sexistische Übergriffen.
Es ist kein Zufall, dass Faschist*innen historische
Bündnisse, etwa mit evangelikalen Pfingstkirchen, is-
lamischen Fundamentalist*innen, Unternehmer*innen-
Clans, autokratischen Regimen und dem weißen
Post-Arbeiter*innenmob neu auflegen können.

Ihr Weltbild ist nicht einfach "konservativ", sie
treten nicht lediglich friedlich für bestimmte
Werte, Lebens- oder Gesellschaftsentwürfe ein
(was ?ir auch niemandem verbieten würden,
selbst, wenn ?ir es könnten). Nein, ihr Denken
und Handeln ist reaktionär, weil sie mit ihm so-
zialen Fortschritt aggressiv und gewaltsam rück-
gängig machen wollen. Wenn sie ihre Zeit
gekommen sehen, werden sie etliche von vns ab-
holen, einsperren und ermorden. Im Unterschied
zu den progressiven Kräften, welche für die so-
ziale Revolution stehen könnten, verfügt die Re-
aktion über enorme Ressourcen, Medienzugänge und
hat ein relativ klares (wenn auch aus naheliegenden
Gründen: wenig komplexes) Programm. Die Reaktion
hat jedoch zudem eine Vision. Und diese stellt für vns
den reinsten Albtraum dar.

Die Reaktionen der Linken <

Die meisten Irgendwie-Linken reagieren mit Entset-
zen, Panik oder mackerigen Sprüchen auf die Konter-
revolution. Sie begreifen nicht und sie wollen nicht
begreifen, was sich tatsächlich verändert hat und
warum ihre alten Strategien nicht mehr aufgehen. Vor
allem sträuben sie sich vor eigenen Positionierungen
und ernsthaften, direkten Auseinandersetzungen. Ihr
Gerede von "Gesamtscheiße" ist nichts mehr als eine
hohle Phrase. Auch von "Kommunismus" blieb ihnen
oft nur der Begriff übrig. Ihre "reine" Negation ist eine
Sackgasse, mit der sich radikale Parolen und angepass-
te Lebensstile verbinden lassen. Ihre erhitzten Diskus-
sionen darüber, was "die" Linke tun "müsste",
"könnte", "sollte", offenbart ihre Ratlosigkeit, und dass
sie kaum von sich selbst ausgehen können.
Die meisten Sozialdemokrat*innen (in der Linkspartei
und ihrem Anhang) meinen dagegen, strategisch zu
handeln, wenn sie Hegemonietheorien herunterbeten
und ein "linkes Mosaik" zusammensetzen, damit sie es
anführen können. Ansonsten erfreuen sie sich ihrer
Bildungsprojekte und glauben mit der alten marxisti-
schen Besserwisserei an ihre intellektuelle und morali-
sche Überlegenheit. Auch die Feind*innen für dumm
und böse und die zu repräsentierenden Subjekte (die
Milieus, aus denen die Wahlstimmen stammen), für
verblendet und "verunsichert" zu erklären, ist eine
Komplexitätsreduktion. Denn es heißt, ihnen nicht in
die Augen zu sehen und sie nicht konfrontieren zu
wollen. Doch manche Arbeiter*innen und manche Bil-
dungsbürger*innen sind absolut überzeugte Rassist*in-
nen und wollen eine autoritäre Gesellschaft. Und
Syriza in Griechenland hat versagt. Die Idee einer "so-
zialistischen" parlamentarischen Regierung hat sich
wie in einem anarchistischen Bilderbuch selbst diskre-
ditiert und so viel kaputt gemacht. Auch Bernie San-
ders ist wirklich nur ein Sozialdemokrat. Und die
Labour-Party ist antisemitisch. Bessere Übel bringen
uns nicht weiter.

A Aspekte eines anarchistischen Staatsver-
ständnisses _A

Spätestens an dieser Stelle kommen zwei Fragen
auf: 1. Glauben ?ir etwa, die soziale Revolution
ließe sich wirklich vollständig ohne und gegen
den Staat vollziehen? 2. Sind wir wirklich so naiv,
utopisch, idealistisch und verbohrt?

Die Antworten zu erstens lautet: Ja. Viele andere
gesellschaftliche Umwälzungsprozesse sind eben-
falls vorstellbar. Aber die soziale Revolution voll-
zieht sich ohne und gegen den Staat. Dennoch
unterscheidet sie sich auch von bloßer Revolte
oder umfassenden Reformen: Sie wandelt die alte
Gesellschaftsstruktur in Richtung einer neuen,
anderen um, wobei sich auch die Positionen von
Gruppen innerhalb der Gesellschaft grundlegend
verändern. Ihre Fluchtpunkte bilden vollständige
Gleichheit, soziale Freiheit und Individualität und
Kooperation. Obwohl die Vorstellung grundle-
gend falsch ist, "der Staat" ließe sich mit einem
Schlag, bei der Erstürmung von XY abschaffen,
halten ?ir dennoch aufrichtig an der Überzeu-
gung fest, dass eine gesellschaftliche Organisation
ohne Staat vorstellbar und wünschenswert ist.

?ir haben staatenlose Gemeinschaften erfahren,
sie genossen, kennen ihre Widersprüche und vor
allem die Schwierigkeit, sie aufrechtzuerhalten in
einer durchstaatlichten Welt. Damit sind nicht
hauptsächlich autonome Zentren gemeint, son-
dern alltägliche Verhaltensweisen, wie Menschen
also ihre Angelegenheiten untereinander regeln.
Die Frage lautet daher weniger: "Warum bricht in
der Krise eigentlich nicht alles zusammen?", son-
dern eher: "Warum bleibt so viel erhalten?". Nicht
nur, weil Menschen gezwungen werden. Nicht
nur, weil sie Staats-Subjekte sind. Sondern vor al-
lem auch, weil sie - von sich aus - jeden Tag Ge-
sellschaft erzeugen. Ganz ohne Staat.

Dies führt zur zweiten Frage. Die Antwort lautet:
Nein. Viele Menschen, auch viele Anarchist*in-
nen, kennen Teile des Staates aus eigener Erfah-
rung ziemlich gut. Dies ist einer der wesentlichen
Gründe, ihn überwinden zu wollen. Im letzten
Punkt unterscheiden ?ir vns allerdings von einem
großen Teil der Menschen - zumal in den soge-
nannten Industriestaaten -, die ebenfalls viele ne-
gative Erfahrungen mit dem Staat gemacht
haben, aber aus verschiedenen Gründen nicht den
Schritt gehen möchten, sich von ihm loszulösen.
"Der" Staat ist kein ominöses Monster, dem wir
Kopf und Glieder abhauen könnten - wozu ?ir
im Übrigen nie die Macht haben werden. Staat ist
selbst ein Herrschaftsverhältnis, eine Beziehung
zwischen Gruppen von Menschen, eine Teilung in
Herrschende und Beherrschte. Staat ist eine Lo-
gik, nach welcher wir uns verhalten und oft auch
gezwungen werden, zu verhalten. Staat ist auch
eine Ideologie. Eine Ideologie die aus einer mate-
riellen Grundlage erwächst.

Mit dem staatlichen Herrschaftsverhältnis werde
die anderen Herrschaftsverhältnisse, wie der Ka-
pitalismus, das Patriarchat, die Nation und die
Unterwerfung der Mitwelt, strukturiert. Darin be-
steht seine Besonderheit. Deswegen formiert er
sich als besondere Ansammlung von Institutio-
nen, bringt hierarchische Kasten von Bürokrat*in-
nen, Jurist*innen, Politiker* innen, Polizist*innen
und Soldat*innen hervor. Doch auch als Instituti-
on, in der unglaublich viel Macht zentralisiert
und verfestigt ist, stellt er eigentlich ein Verhältnis
zwischen Menschen dar. Das staatliche Herr-
schaftsverhältnis bestand auch schon vor dem Ka-
pitalismus, der eine moderne Form des
ökonomischen Herrschaftsverhältnisses ist.

Moderner Staat und Kapitalismus wurden parallel
zueinander, eigentlich sogar gemeinsam mitein-
ander, entwickelt. Diese Entwicklung ist zwar
nachvollziehbar und aus Herrschaftsperspektive
"logisch". Keineswegs ist sie jedoch wünschens-
wert oder "notwendig" für den sozialen Fort-
schritt. Mit dem Argument, dass es Schlimmeres
gab oder geben könnte, wird gerechtfertigt, dass
Besseres zerstört wurde und in Zukunft verhin-
dert werden soll. Sehr stark wurde die Form der
Herrschaftsverhältnisse verändert. Ihr Wesen als
hierarchisch abgestufte Einteilung von Menschen
in Beherrschte/Herrschende, Ausgebeutete/Aus-
beuter*innen bleibt jedoch bestehen. Aus diesem
Grund kann die Forderung "der Staat", sollte "die
Wirtschaft" besser kontrollieren, nie über die be-
stehende Ordnung hinausweisen. Genau darum
soll es jedoch gehen: Woanders hin zu gelangen.
Und dieses Andere ist uns schon manchmal be-
gegnet. Menschen leben (auch) schon darin, denn
zwischen ihnen bestehen (auch) Beziehungen, die
nicht-herrschaftsförmig sind. Daher ist die Vor-
stellung, Menschen könnten sich des staatlichen
Herrschaftsverhältnisses bedienen, um die soziale
Revolution voranzubringen und eine nicht-staat-
liche Gesellschaft einzurichten, naiv, utopisch,
idealistisch und verbohrt.

A

?ir sind keine Fundamentalist*innen. Es gibt
nicht "den" richtigen Weg. Ebenfalls scheuen
?ir einfache Antworten, denn ?ir wissen um
die gesellschaftlichen Widersprüche, weil ?ir
versuchen, sie auszuhalten. Im Unterschied zu
vielen Irgendwie-Linken oder sozialdemokra-
tischen Parteipolitiker*innen haben ?ir nicht
die Wahrheit gepachtet und mit Löffeln ge-
fressen - ?ir sind keine Sektierer*innen. Es
mag eine*n Parlarmentarier*in geben mit
der*dem ?ir punktuell gut zusammenarbeiten
können. Der irgendwie linke Haufen in der
diffusen Szene ist vns oft sympathisch. ?ir re-
spektieren Menschen, ihre Entscheidungen
Überzeugungen. Deswegen üben ?ir Kritik an
ten, deren Überzeugungen schwammig und deren
cheidungen immer widerrufbar sind. ?ir kritisie-
dass sie Radikalität inszenieren und dabei das,
sie meinen zu tun und im kleinen Kreis sagen und
was sie tatsächlich tun und öffentlich sagen, so
eimlich stark auseinanderklaffen.

st es kein Wunder, dass Irgendwie-Linke und Sozi-
mokrat*innen letztendlich dem Trugschluss ver-
n, eine vermeintlich bessere Vergangenheit zu
eidigen, diese aber als etwas Neues auszugeben.
mpfhaft klammern sie sich an die Zeit, als es noch
Wohlfahrtsstaat gab, als Faschist*innen außerhalb
Parlamente saßen, die Klimaerwärmung noch als
ämmbar galt und das weltweite Wettrüsten nicht
erneut entfacht worden war. Als es noch cool war, bei
der IL zu sein eben - mit einem Bein in der hierarchi-
schen Basisgruppe, mit dem anderen auf dem Gewerk-
schaftsposten oder im Parteibüro. Doch diese Strategie
geht nicht auf. Die alte Welt liegt schon längst in
Trümmern und ?ir weinen ihr nicht nach.

/// Aufbruch und Fluchtpunkt ///

An diesem Punkt kommen ?ir ins Spiel. Damit ist
klar, dass ich nicht das ?ir meine, dass ist, sondern das
?ir, dass im Werden ist. Denn ?ir können Unterschie-
de sehen. Es geht nicht darum, dass wir irgendwen,
z.B. Irgendwie-Linke, anführen sollen (?ir könnten es
auch nicht) oder darum, dass wir Gesamtpläne erstel-
len (das halten ?ir ohnehin für unmöglich und gefähr-
lich). Und keineswegs werden ?ir alleine die soziale
Revolution durchführen, sondern gemeinsam mit all
jenen, welche sich dazu entschließen. Unser Beitrag
besteht darin, im positiven Sinne, Enttäuschung zu
verbreiten, Illusionen zu zerschlagen und gleichzeitig,
eine große Vision zu entwickeln.

Was? Ist das nicht Augenwischerei? Ist vnsere Vision
nicht zwangsläufig eine Illusion - zumal in diesen an-
geblich "nicht revolutionären" Zeiten? Verkennen ?ir
nicht völlig die Bedingungen, unter denen wir zu han-
deln gezwungen werden - ob es vns passt oder nicht?
Zugegeben, was ich beschreibe, ist Utopie. Es ist ein
Nicht-Ort, das Noch-nicht-Seiende. Oder anders ge-
sagt, eine Phase, in der einfach alles in Bewegung ge-
rät. Allerdings gehen ?ir davon aus, dass die
Grundlagen dieser Gesellschaft schon lange vermodert
sind und stinken, auch wenn Krisenbewältigungsstra-
tegien und Austeritätspolitik das laute Krachen ab-
dämpfen, während die Menschen weiterhin diesen
Planeten und sich gegenseitig auffressen.

?ir wollen nicht in das miese Haus des widerlichen
Neoliberalismus zurück und nicht in das eines lang-
weiligen Neokeynesianismus einziehen! Wir wollen
auch keinen Staatskapitalismus der "realsozialisti-
schen" Staaten! Und wir wollen keinen Totalitarismus
wie in China, Russland oder der Türkei; keine patriar-
chalen Klassengesellschaften wie fast überall auf der
Welt! All diese Staatsgebäude, die die Herrschaftsver-
hältnisse zementieren, machen uns krank. Weil ?ir
vns danach sehnen, dass deren Wände zusammenstür-
zen, wollen ?ir ausziehen und solange umherwan-
dern, bis ?ir eines Tages ins unentdeckte Land
kommen. Dort werden ?ir eine Bleibe finden, die ?ir
selbst gewählt und in mühevoller, lustvoller, kämpfe-
rischer, spielerischer Arbeit gemeinsam errichtet ha-
ben. Und sie wird so neu sein, wie sie alt ist. Sie wird
so fern sein, wie sie schon nah ist. Sie wird so univer-
sell sein, wie sie speziell ist. Und so ganz anders, wie
?ir sie schon kennen. ?ir haben sie schon erfahren,
gerochen, gefühlt, gehört, gesehen und geschmeckt.
Ihr Name ist Anarchie.

A A A A A

# Zwischenreflexion #

Das Meiste von dem, was ich bisher geschrieben habe,
weißt du vermutlich schon. Und sicherlich weißt du
ebenfalls viele weitere Dinge, die damit zusammen-
hängen. Vielleicht hast du auch Kritik an manchen
Stellen. Das würde ich sehr begrüßen, denn mit diesen
Zeilen habe ich keine Wahrheit behauptet, sondern
mich auf die Suche nach ihr begeben - stets im Wis-
sen darum, dass sie mir gerade entwischen wird, wenn
ich glaube, sie zu erhaschen. Möglicherweise findest
du auch, dass dieser Text viel zu kompliziert und hoch
gestochen geschrieben ist, um die entscheidenden
Dinge klar zu machen. Wenn du dies so siehst, verzeih
mir bitte. Da ich meine, die Dinge sind nicht sowieso
schon klar, habe ich versucht, ihnen zumindest etwas
auf den Grund zu gehen. Da mich diese Dinge sehr
bewegen, so sehr, dass sie sich manchmal wie ein
großer Stein anfühlen und ich mich selbst gar nicht
bewegen kann, habe ich versucht, sie in einer Sprache
zu formulieren, die mir überhaupt erlaubt, dafür Wor-
te zu finden. Deswegen wird es Zeit, dass ich zurück
und auf den Punkt komme:

Ich habe von einem ?ir geschrieben, was ich mir
wünsche, wonach ich mich sehne; einem ?ir, dass die
soziale Revolution lebt und verwirklicht. Ich brauche
selbst Sachen, die erst durch die soziale Revolution
möglich werden. Genau das ist wichtig zu bedenken,
damit ich dieses Bedürfnis nicht auf andere projiziere,
sondern selbst, mit Anderen, sozial-revolutionär wer-
de. Auch wenn es sich bei der sozialen Revolution um
einen Prozess handelt, ist dieser Prozess kein Selbst-
zweck. Vielmehr zielt er darauf ab, Anarchie (oder wie
immer du sie nennen magst) als gesellschaftliche Ord-
nung zu verwirklichen.

Diese Ordnung besteht nicht nur aus bestimmten In-
stitutionen, Methoden, selbstgewählten Regeln und
Funktionen, sondern schließt gleichberechtigte, frei-
willige, solidarische, respektvolle und gegenseitige Be-
ziehungen ein: Die Verhältnisse, wie Wir-Alle
zueinander stehen, wie wir überhaupt zueinander in
Beziehung treten können. Ich formuliere dies mit ei-
nem individuellen Klang, weil wir andere Verhältnisse
konkret erfahren (können) und sie bedeutungslos sind,
wenn wir sie nicht konkret erfahren (könnten). Ge-
meint sind damit aber ganze Gruppen von Menschen
nach sozialen Klassen, lokalen Zugehörigkeiten, Ge-
schlechtsidentitäten, Interessen, Herkünften, Lebens-
phasen und vielem mehr...
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