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(de) FDA-IFA: Gai Dao N° 101 - Für eine neue anarchistische Synthese! Von: Jonathan Eibisch

Date Sat, 27 Jul 2019 09:06:57 +0300


[Teil 2 von 4, Teil 1 könnt ihr in der in Gai Dai N° 100 nachlesen. Der dritte Teil wird in der Gai Dao N° 102 erscheinen.] ---- Rückblick ---- Im vorherigen Teil habe ich formuliert, dass die Enttäuschung eine notwendige Grundlage für einen neuen Aufbruch darstellt. Weiterhin setzte ich strategisches ?ir, im Wissen darum, dass Kollektivsubjekte immer (auch) kritisch daraufhin zu betrachten sind, ob sie auf Zwang beruhen. Gleichzeitig sind wir jedoch schon gemeinsam, woran ?ir anknüpfen können. Dann habe ich versucht zu umkreisen, warum es wichtig ist, dass wir Debatten führen - Weil nie sowieso "alles klar" ist. Es braucht Austausch, wenn ?ir uns weiterentwickeln wollen. ---- Bestandsaufnahme aus der Vogelperspektive ---- Wir leben im Zeitalter der Apokalypse. Die Apokalypse ist allerdings kein großer Knall oder der spektakuläre Zusammenbruch mit Katastrophen, Mutanten, knappen Lebensmittelvorräten, Raumschiffen, die
einen winzigen Teil der Erdbevölkerung retten und
einem Pärchen, das am Ende zusammenfindet und
eine neue Menschheit begründet, wie uns die Bibel
oder Hollywood weismachen wollen. Außerdem ist
die Apokalypse menschengemacht. Sie ist nicht unauf-
haltsam und bricht nicht über uns hinein, sondern wir
leben täglich in ihr und mit ihr.

Um die globale Situation zu beschreiben, liefere ich an
dieser Stelle keine Analyse, sondern belasse es bei
bekannten Schlagworten: Lohnsklaverei, Sklaverei und
Zwangsprostitution; Klimawandel, Ölkatastrophen,
Atommüll, Plastikmeere, genetisch manipulierte Lebe-
wesen und Tierausbeutung; Patriarchat und die fortbe-
stehende Vorherrschaft des "weißen Mannes";
Verdummung, Verblödung, Verwirrung und "Unterhal-
tung" der Leute; Ellenbogenmentalität, Grausamkeit,
Narzissmus und Depression; offene oder verdeckte
Kriege zur Behauptung von Staaten und Interessen-
gruppen in der globalen Hackordnung; der Verfall
kommunaler Infrastruktur bei gleichzeitiger Investi-
tion in neue Herrschaftstechnologien und den Ausbau
der Überwachungs- und Repressionsapparate. Dies
sind nur einige Stichworte der irrwitzigen Situation, in
der wir lange schon leben, bei der sich jedoch kein
Ende abzuzeichnen scheint, was uns wiederum umso
kränker macht.

Für Menschen in den privilegierten Teilen der Welt -
sei es den "westlichen" Industrienationen, deren
ungeheurer Reichtum auf globaler Ausbeutung, Raub
und Kriegsführung beruht, sei es bei den Ober-
schichten aller möglichen Länder - mag es soweit
noch ganz gut laufen. Rein materiell gesehen sogar
besser denn je. Global gesehen steigen auch viele
Menschen in "Mittelschichten" auf, kommen also
gerade erst in den "Genuss" einer zerstörerischen,
imperialen Lebensweise. Sie kaufen sich fröhlich SUVs
und teure Wohnungen in den Innenstädten der
Metropolen, die sie leer stehen lassen, reisen in
Urlaubsparadiese und zu Meetings, schließen Lebens-
versicherungen ab, lassen neue Kameras an ihren
Villen anbringen, eröffnen ein neues Schwarzgeld-
konto in der Schweiz oder auf den Bahamas und
investieren in was eben gerade so geht - den digitalen
Wandel der Produktion und Arbeitswelt, Waffen oder
Schweinebäuche. Sie leben nach dem Motto "Nach uns
die Sintflut" und tun doch alles daran, ihre Privilegien
juristisch, militärisch, politisch, physisch und durch
Mythologie abzusichern. Sie zu enteignen und zu
entmachten ist die Herausforderung, der nur struktu-
rell begegnet werden kann - und die dennoch kaum
ohne Blutvergießen ablaufen wird.

Doch jeden Tag sterben Menschen an Hunger,
heilbaren Krankheiten, verseuchtem Trinkwasser, im
"asymmetrischen" oder Drogen-Krieg, auf der Flucht,
durch patriarchale, sexistische, rassistische, antisemi-
tische oder homophobe Gewalt, durch Terror - ob
staatlich oder quasi-staatlich. Der physische Tod ist
dabei nur das äußerste Kennzeichen der barbarischen
weltweiten Herrschaftsordnung, der wir unterworfen
sind. Alles andere ist Leid. Leid, das sich Menschen
innerhalb dieser Konkurrenzgesellschaft und den
Gewaltverhältnissen, unter denen sie zu leben
gezwungen werden, sogar dauernd gegenseitig zufü-
gen. Leid, das immerfort gerechtfertigt wird, welches
als "natürlich" oder selbstverschuldet dargestellt
werden muss. Leid, das aus dem einzigen guten Grund
abgeschafft gehört: Weil es möglich ist, es abzuschaf-
fen. Weil Menschen die technologischen, wissen-
schaftlichen und wirtschaftlichen Mittel dazu haben,
die so weit reichen, dass sie selbst den Planeten nicht
weiter zerstören müssten, um dies möglich zu mach-
en. So wie vor vielleicht 200, mindestens aber 100
Jahren, sind auch heute mehr als genug Dinge da, um
allen Menschen ein Leben in Würde und ohne
Kannibalismus zu ermöglichen. Ängste vor Armut,
sozialer Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit, die mit
Wohltätigkeit abgemildert, durch die Unterhaltungs-
industrie und sinnentleerten Konsum kompensiert und
somit aufrechterhalten werden, sind zwar Folgen der
Herrschaftsordnung, dienen zugleich jedoch auch
ihrer Verfestigung.

Die Antwort auf die alltägliche Apokalypse?
?ir sind am Elend der Welt nicht schuld. Und dennoch
wissen und empfinden ?ir genauso, dass ?ir offen
oder ganz subtil in Herrschaftsverhältnisse und
Ungerechtigkeiten verstrickt sind. Diese Beschreibung
ist aber eine Bestandsaufnahme und keine Moral-
predigt. ?ir wissen, wie es um diese Welt bestellt ist.
Wenn es an etwas nicht mangelt in dieser Gesellschaft
des allgemeinen Mangels, dann an Information. (Ob
?ir lernen, die relevanten herauszufiltern, ist freilich
eine andere Frage). ?ir wissen auch, dass ?ir die
allgemeine Misere nicht alleine oder mit Wenigen
verändern können.

Allerdings ist bei vns jeder Glaube an die Reformier-
barkeit dieses Herrschaftsgefüges von Kapitalismus,
Staat, Patriarchat, Nation und der Unterwerfung der
Mitwelt erloschen. Die soziale Revolution ist daher für
vns keine vermeintlich radikale Phrase oder (nur) ein
von Sehnsucht beladener Bezugspunkt, sondern eine
naheliegende Konsequenz. Für die soziale Revolution
einzutreten, Stück für Stück auf sie hinzuarbeiten, sie
zugleich heute schon zu leben, ist eine logische
Schlussfolgerung aus dem, was ?ir sehen, hören,
denken, fühlen. Dabei wissen ?ir, dass sie nicht mit
einem großen Streich durch eine Avantgarde
"gemacht" werden kann, sondern, dass die neue
Gesellschaft in der Schale der alten, in einem langen
und mühevollen Prozess durch verschiedene Gruppen
zu erarbeiten und zu erkämpfen ist. Die Grundge-
danken der sozialen Revolution sind so alt wie wahr.

Einige Eckpunkte der Sozialen Revolution

* Enteignung der Reichen durch eigenmächtiges Han-
deln
* Abschaffung des Privateigentums an Produktions-
mitteln, Boden und Kapital (keine Kollektivierung von
"persönlichen Dingen", vor allem Zahnbürsten und
Lieblingspullies)
* Erlassung aller Schulden und Abschaffung der Erb-
schaft (abgesehen von persönlichen Dingen mit Erin-
nerungswert)
* Abschaffung von Polizei, Militär und Geheim-
diensten
* Organisierung der Verteidigung gegen die Reaktion
und ihre möglichst gewaltarme Niederhaltung
* Kollektivierung der Produktion, Dienstleistung und
Landwirtschaft durch Betriebsräte; Angebote an frü-
here Chef*innen und leitende Angestellte gleichbe-
rechtigte Mitglieder im Kollektiv zu sein
* die Verkürzung des Arbeitstages auf maximal vier
Stunden gesellschaftlich notwendiger Tätigkeiten; Ab-
schaffung des Lohnsystems
* Abschaffung gesellschaftlich sinnloser Arbeit ("Bull-
shit-Jobs")

* freier, kostenloser und bedingungsloser Zugang zu
Nahrungsmitteln, medizinischer Grundversorgung,
Bildung für alle; Versorgung der Alten, Kranken und
Gehandicapten
* Einrichtung von Konsumgenossenschaften, Klei-
dungskontoren, öffentlichen Werkstätten, Poli-Klini-
ken
* kostenloser Nahverkehr und Ausbau umwelt-
verträglicher Massenverkehrsmittel bei gleichzeitiger
Begrenzung des (erdölbasierten) Individualverkehrs
und Flugverkehrs
* gleiches Mitspracherecht aller Berufsgruppen in
Krankenhäusern, Verkehrsbetrieben, Logistikzentren
etc.
* sinnvolle Verteilung von Reproduktions- und Care-
arbeiten, unabhängig vom Geschlecht
* Abschaffung der direkten und indirekten Sklaverei
* Kollektivierung und Nutzung von Medienanstalten;
keine Zensur, aber Beeinflussung der Massenkommu-
nikation
* Entmachtung der Mächtigen durch selbstorgani-
sierte Aktionen
* die Einrichtung eines Systems dezentraler, kommu-
naler Selbstverwaltungen und ihre Föderation; Wahl
von Mandats- und Amtsträger*innen auf ein bis zwei
Jahre bei steter Gewährleistung ihrer Abberufbarkeit
(mindestens 50% nicht-männlich); Dokumentation
ihrer Tätigkeit, Rechenschaftspflichtigkeit und Verhin-
derung jeglicher Privilegierung durch Tätigkeiten in
Verantwortungspositionen; Würdigung von Verant-
wortungsübernahme und Diensten an der Gemein-
schaft
* ernste Empfehlung, vorherigen Mitgliedern der herr-
schenden und verwaltenden Klasse (hohe Beamt*in-
nen und Jurist*innen, hohe Politiker*innen und
mächtige Unternehmer*innen) für mindestens 10 Jahre
den Zugang zur Wahl auf jedes (imperative) Mandat
und gewählte Amt zu verweigern
* das Recht aller, einer Kommune oder einem Kollek-
tiv beizutreten oder sie/es zu verlassen; keine Pflicht
einer Kommune/eines Kollektivs, Mitglieder aufzu-
nehmen, welche ihre Grundprinzipien nicht teilen; das
Recht aller Kommunen/Kollektive, Mitglieder, die wie-
derholt gegen Grundprinzipien verstoßen auszu-
schließen, ohne jedoch ihre Vergehen weiter zu ahn-
den

* Schutz vor Gewalt und Übergriffen, insbesondere für
alle Minderheiten, Stigmatisierten und Diskrimi-
nierten durch antifaschistische Schutzgruppen
* Entlassung aller Richter und Wahl von kommunalen
Laiengerichten, die sich wechselseitig kontrollieren;
Dokumentation ihrer Tätigkeiten
* Schaffung der Grundlagen eines kommunal verab-
schiedeten modernen Gewohnheitsrechts (mit Hilfe
von Konzepten wie "transformative justice"); Abschaf-
fung von Haftstrafen, Erniedrigung und Folter; Ein-
richtung umfangreicher (freiwilliger) Resozialisie-
rungsangebote
* auf Antrag der Opfer oder ihrer Angehörigen: allein
bei besonders schweren Vergehen (Mord, Vergewal-
tigung, grausame und schwerwiegende Gewaltan-
wendung) Verbannung in menschenwürdige Umge-
bung auf 5 bis 30 Jahre bei jährlicher Prüfung einer
möglichen Rückkehr in die alte oder eine andere
Gemeinschaft (mit deren Zustimmung)
* bei besonders schweren Vergehen von Gefangenen
(der alten Gesellschaft): Verbannung (s.o., nie jedoch
länger als Hälfte der verbliebenen Haftstrafe); Befrei-
ung aller übrigen Gefangenen
* Übernahme des Bildungswesens; eigene Wahl der
Lehrinhalte unter entscheidender Einbeziehung der
heranwachsenden Menschen; Einrichtung der Gesamt-
schule; Abschaffung der Schulpflicht; Abschaffung
von Eliteuniversitäten; Förderung des Zugangs zu
allen Bildungswegen und der Allgemeinbildung durch
Hochschulen für alle Lebensalter
* besonderer Schutz von heranwachsenden Menschen
und die frühe Förderung von Selbstständigkeit, Selbst-
bewusstsein, Gemeinschaftsbewusstsein und Sensibi-
lität
* Herstellung antinationaler Solidarität und Aufbau
globaler freundschaftlicher und solidarischer Bezieh-
ungen durch gewählte Delegierte
* kollektive Erarbeitung einer neuen Kultur und Ethik,
die sich auf Gleichberechtigung, Respekt, Solidarität,
Individualität und ein Leben ohne Ausbeutung von
nicht-menschlichen Tieren oder die Zerstörung der
nicht-menschlichen Mitwelt gründet
* gezielte Förderung der (Fähigkeit zur) Selbstbe-
stimmung bei Sexualität und Drogengebrauch
* gezielte Förderung aller freiwilligen Vereinigungen,
die sich der Renaturierung des Planeten, dem kultu-
rellen Austausch, der allgemeinen Bildung, der digi-
talen Vernetzung und freien Software und sonstiger
Weiterentwickelungen zum Wohl Aller
* Freiheit der Religionsausübung bei Abschaffung
jeglicher Förderung von Religionsgemeinschaften und
ihren Institutionen
* Abschaffung jeglicher Förderung der bürgerlichen
Ehe und Aufhebung ihres Status' als Institution der
Gesellschaft; Gewährleistung der Betreuung von
kleinen heranwachsenden Menschen
*...
Viele Details könnten in dieser Programmatik
ausgearbeitet werden. Dies ist jedoch Angelegenheit
der jeweiligen Kommunen und Assoziationen, welche
sich diesen Grundlinien anschließen und die Anarchie
verwirklichen wollen. Bei den umfassenden gesell-
schaftlichen Umwälzungen wird sich zeigen, welche
Aufgaben sich konkret stellen. Und zwar denen, die
sie betreffen. Ohnehin war es nie und ist es nicht
Sache und Aufgabe der Anarchist*innen eine zukünf-
tige Gesellschaft am Reißbrett zu entwerfen.
Deswegen stellen die aufgelisteten Punkte auch kein
umfassendes Programm dar, dem mensch einfach
folgen bräuchte, welches also einfach nur abgearbeitet
und durchgeführt werden könnte. Sie weisen lediglich
in die Richtung, in welche es - aus vielen guten
Gründen und Erfahrungen - gehen müsste, wenn ?ir
umschreiben, was Anarchie als gesellschaftliche Ord-
nung ausmacht. Sicherlich sind viele weitere gute
Punkte zu ergänzen. Manch eine*r hält es dagegen
vielleicht für problematisch schon so ins Detail zu
gehen. Worum es geht, ist, Orientierung zu gewinnen.

Und diese Orientierung muss von dem Kontext
ausgehen, in dem ?ir stehen und von den Beding-
ungen, denen dieser unterliegt. Alles andere wäre nur
Gefasel. Gesellschaftsformen unterscheiden und ver-
ändern sich. Dies trifft auch auf Herrschaftsformen zu.
Deswegen wäre es irre, demokratische und soziale
Rechte pauschal abzulehnen - auch wenn sie uns
gewährt werden und ?ir mit staatsbürgerlichen
Pflichten große Probleme haben. Denn sie wurden
von vnseren Vorgänger*innen in bitteren und langen
Auseinandersetzungen erkämpft. Dies sollten ?ir
würdigen und zum Ausgangspunkt nehmen.

Es kommt eben ganz auf die gesellschaftliche Position
an, wem ?ir welches Handeln empfehlen können.
Beispielsweise wäre es völlig fehl am Platz, Menschen
aus anderen Ländern nicht in ihrem Bestreben zu
unterstützen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu er-
langen. Das Konzept Staatsbürgerschaft abzulehnen,
ist nämlich ein Privileg derer, die in eine hochwertige
Staatsbürgerschaft hineingeboren wurden. Umgekehrt
müssen Menschen in ihrer politischen Sozialisation
nicht "erst einmal" eine Phase durchmachen, in der sie
etwa in Parteijugendorganisationen sind, "bevor" sie
Anarchist*innen werden. Sie können es gleich werden,
wenn sie freundlich angesprochen und eingebunden
werden - was aber auch bedeutet, dass sie mit ihren
demokratischen Illusionen brechen.

Nur, weil viele Menschen heute die Überlegung zur
sozialen Revolution für "unrealistisch" halten, heißt
das nicht, dass sie nicht Wahrheit beinhaltet. Es waren
immer überzeugte Minderheiten, die gesellschaftliche
Entwicklungen vorangebracht haben (im Guten, wie
im Schlechten). Realistisch erscheinen die vermeint-
lich so großen Ansprüche, wenn ?ir unsere Blicke
weder allein auf die Makroebene der Gesellschaft "als
Ganzes" richten, noch ausschließlich auf unsere
unmittelbare Umgebung schauen und lediglich
"Mikropolitik" betreiben. Es gilt nicht nur zu beach-
ten, dass sich beide ineinander widerspiegeln, sondern
die mittlere Reichweite unseres Handlungsradius'
auszukundschaften. Ähnlich sieht es in Hinblick auf
die Zeitlichkeit der Verwirklichung vnserer Ziele aus.
?ir sollten uns weder nur auf ultimative Fernziele
richten, noch allein im Hier&Jetzt agieren, sondern
immer etwas über das Alltagsgeschehen hinausblicken
und nach Möglichkeit Ziele auf ein, drei, fünf oder
zehn Jahre abstecken. Die adäquaten Methoden und
Wege lassen sich nicht abstrakt im Vorhinein bestim-
men, sondern ergeben sich aus den konkreten
Kämpfen sozialer Bewegungen.

Nur, weil die sozial-revolutionären Kräfte heute viel
zu schwach sind, heißt dies nicht, dass sie sich nicht
an einer Vision ausrichten sollten, welche ambitioniert
ist und über das Bestehende hinausweist. Im Gegen-
teil: Nur, wenn ?ir (mit vielen anderen) neue Ge-
schichten spinnen, wie es grundlegend anders werden
kann und wohin die Reise gehen soll, werden wir
handlungsfähig. Dabei müssen ?ir das linke Jammer-
tal verlassen, jene ewige Identifikation mit den Verlier-
er*innen und Besiegten - zumindest, wenn sie
eigentlich eine Projektion unseres eigenen Ohn-
machtsgefühls, bloßen Mitleids oder Gerechtigkeits-
bedarfs darstellt. Denn auch die Identifikation mit den
Unterdrückten ist eine zugewiesene und aufgedrückte
Identifikation. vnsere Geschichten handeln von Men-
schen, die frei sind, weil sie Würde besitzen und für
das schöne Leben für alle kämpfen.

Nur, weil das Bewusstsein aller Menschen unter dem
gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft getrübt ist
und sie emotional abgefuckt sind, behindert werden
und sich in psychischer Verhaftung zur Herrschaft
befinden, heißt dies nicht, dass die angebrachten
Punkte - nüchtern und von einer gewissen Wertebasis
her betrachtet - nicht absolut vernünftig wären. Und
schließlich: Nur, weil mit der beginnenden Umsetzung
des anarchistischen Programms (und sei es im ganz
Kleinen) zurecht eine gewaltsame Unterdrückung
seiner Träger*innen zu befürchten ist, handelt es sich
dennoch nicht um vnsere Gewaltanwendung. Nein,
die Herrschenden, ihre bezahlten Verteidiger*innen
und die psychisch Deformierten, die sich mit der
bestehenden Ordnung identifizieren (auch wenn sie
ebenfalls unter ihr leiden) - sie wenden Gewalt an!

Träger*innen und Subjekte der sozialen Revolution

Wer aber soll die soziale Revolution durchführen?
Diese Frage ist so berechtigt, wie sie mir gleichzeitig
ein müdes Lächeln abverlangt. In meinen Ohren klingt
sie etwa so, wie in alten Zeiten konservative Politiker-
*innen sozialdemokratischen Politiker*innen die
rhetorische Frage an den Kopf warfen: "Wer soll das
denn alles bezahlen?", um sie vermeintlich bloßzu-
stellen, mit ihren dreimal entschärften Minimalfor-
derungen. Allerdings stimmt es ebenfalls, dass ein
alltagsanarchistisches "Wer macht, die*der macht" vns
nicht zum bedachten und kontinuierlichen Ausbau
vnserer Macht führt, die für die soziale Revolu-
tionierung erforderlich wäre. Zudem weist diese Her-
angehensweise meiner Ansicht nach auch nicht in die
Richtung, welche meiner Vorstellung von Anarchie
entspricht. So wie es in der alltäglichen (Anti-)Politik
bestimmte Gründe hat, wer die Kapazitäten, die Erfah-
rung, die Motivation und den Mut hat, bestimmte
Aufgaben zu übernehmen, Ziele zu bestimmen und
voranzugehen, so ist es auch bei der sozialen Revolu-
tion. Logischerweise - denn ?ir leben sie ja bereits.

Fest steht (so felsenfest, wie je ein Typ gesagt hat, dass
etwas "fest steht", wenn er etwas feststellt): Es braucht
Zeit, Ressourcen, Wissen, Kontakte, Fähigkeiten,
Erfahrungen, Initiative, Entschlossenheit, Überzeu-
gung, Freude, Tanz und eine verbindlich zusam-
menhaltende, solidarische Gemeinschaft von sozialen
Revolutionär*innen. Und dabei geht es um bestimmte
Dinge. Zum Beispiel brauchen Sozial-Revolutionär-
*innen die Fähigkeit, mit sozialen Medien eine weitrei-
chende, populäre aber dennoch emanzipierende Propa-
ganda zu machen. Aber sie brauchen nicht die Fähig-
keit, sich bei facebook oder instagram selbst besonders
in Szene zu setzen. Sie brauchen Erfahrungen in wirk-
lichen sozialen Kämpfen, hingegen keine darin, hun-
derte PC-Games durchgezockt zu haben. Und sie
brauchen die Entschlossenheit, eine bessere Welt zu
schaffen, nicht aber dazu, Rache zu üben. Was es für
die solidarische Gemeinschaft braucht, ist gegenseitige
Wertschätzung und Anerkennung. Was es für sie
hingegen nicht braucht, sind Märtyrer*innen und
Märtyrer*innenkulte. Anarchist*innen sehen beides:
die "objektiven" Bedingungen, die unsere Handlungs-
möglichkeiten vorgeben und die "subjektiven" Fak-
toren, welche dazu beitragen, sie auf bestimmte Weise
zu nutzen - und zu erweitern. Doch da die scheinbar
subjektiven Faktoren durch die scheinbar objektiven
bedingt sind, die Bedingungen aber von handelnden
Menschen gestaltet werden, versuchen sie diesen
Widerspruch aufzulösen.

Auf welches "revolutionäre Subjekt" können ?ir vns
also beziehen? In der aktuellen Situation lässt sich
diese Frage nicht beantworten. Es ist aber auch nicht
an vns, sie zu beantworten. Vielmehr werden sich
revolutionäre Subjekte in konkreten Auseinander-
setzungen zeigen. Und sie zeigen sich schon - wenn
wir genau hinschauen. Die Arbeiter*innenklasse - im
alten sozialistischen Sinn - kann keineswegs der
alleinige Bezugspunkt sein. Schon gar nicht, wenn ihr
eine "historische Mission" angedichtet wird, die sie zu
erfüllen hätte. Linksliberale formulierten eine "Iden-
titätspolitik", die ihre Berechtigung hat. Die konstru-
ierten "Minderheiten" für "revolutionäre Subjekte" zu
erklären, ist weder richtig in der Analyse, noch fair
jenen Gruppen gegenüber. Die soziale Revolution wird
auch nicht woanders stattfinden, beispielsweise in den
Ländern des sogenannten "Trikont", wie die antiim-
perialistische Theorie behauptete. Nein, sie wird bei
uns und mit vns stattfinden oder sie wird gar nicht
stattfinden. Und zwar, weil sie zugleich in Kurdistan,
Chiapas und in vielen anderen Gegenden stattfindet.
Und was ist mit Studierende+Arbeiter*innen+anti-
kolonialer Befreiungskampf, wie es ‘68 hieß? Auch hier
haben sich die Verhältnisse verschoben. ?ir können
uns nicht unkritisch den alten Theorien bedienen und
ihnen einfach folgen.
Auch wenn die Frage nach dem "revolutionären
Subjekt" an dieser Stelle nicht beantwortet werden
kann, so kann doch festgehalten werden:
1) In jedem Fall wird die soziale Revolution nur in
einem Bündnis aus ganz verschiedenen Gruppen an
verschiedenen Orten möglich.
2) vnserem Verständnis nach ist es keine soziale
Revolution mehr, wenn sie von einer Avantgarde
angeführt und zentral ausgerichtet wird.
3) vnserem Verständnis nach zielt die soziale
Revolution darauf ab, die Staatsmacht zu umgehen,
anzugreifen und andere Strukturen an ihre Stelle zu
setzen.
4) Jene, die von Herrschaftsverhältnissen am
schwersten betroffen sind, brauchen die Unterstützung
von relativ privilegierteren Gruppen, damit sie sich
selbst befreien können.
5) Wenn ?ir Teil der sozialen Revolution sein wollen,
müssen auch ?ir vns verändern, müssen auch ?ir vns
(kollektiv) selbst befreien. Selbstveränderung und
Gesellschafts-transformation gehen dabei miteinander
einher und sind nicht "nacheinander" zu vollziehen.

Den dritten Teil könnt ihr in der nächsten Gai Dao
lesen
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