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(de) FDA-IFA: Gai Dao N° 101 - Ungehaltener Beitrag anlässlich der Veranstaltung "Was wollen die Anarchisten" - Ein Brief aus dem Knast. Von: Anonym

Date Mon, 8 Jul 2019 07:45:41 +0300


Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag nimmt Bezug auf die im Titel genannte öffentliche Diskussionsveranstaltung in der Anarchistischen Bibliothek Fermento (Zürich), die dort am 9.2.2019 stattfand. Der Ankündigungstext kann unter bibliothek-fermento.ch gelesen werden. ---- 8. Februar 2019, Gefängnis Zürich Liebe Gefährten, Angesichts der heutigen Diskussion zur Frage "Was wollen die Anarchisten?" will auch ich mich hinsetzen und einige Überlegungen niederschreiben, die euch wahrscheinlich mit einiger Verspätung erreichen werden, da hier alles erst durch die Zensur muss. ---- Nicht im Gefängnis sein. Das ist irgendwie das erste, was mir gerade in den Sinn kommt. Aber es macht auch deutlich, wie die Panzertüre vor mir, dass es nicht ausreicht etwas zu wollen. Ohne Bedingungen, die es ermöglichen, den Gegenstand des Willens in der Realität zu erfassen und in der Handlung zu überwinden, bleibt es der bloße Ausdruck eines Wunsches,
ähnlich dem jener, die noch an den Weihnachtsmann
glauben, oder jener etwas Erwachseneren, die an eine
objektive Kraft glauben, die in der Welt wirkt und uns
eines Tages befreien wird. Ob man sie nun Gott, Ver-
nunft, Dialektik oder Fortschritt nenne. Nichts derglei-
chen.
Für die Anarchisten sind diese abstrakten Prinzipien
alle derselbe Betrug. Und vielleicht haben wir noch zu
wenig darüber nachgedacht, dass archê bei den alten
Griechen, noch bevor es Synonym für Herrschaft wur-
de, für das erste Prinzip stand, das allem zugrunde
liegt. Es ist dieses ursprüngliche religiöse Element,
woraus die Rechtfertigung der Autorität und schließ-
lich des Monsters des Staates erwächst.

Also, in Ermangelung eines Weltgeistes, wie Hegel es
nannte, oder dialektischen Materialismus, wie Marx in
direkter Abwandlung, müssen wir uns selber befreien.
Und dazu, offensichtlich, müssen wir es wollen. Aber
auch der Wille kann uns ein Gefängnis sein. Ich zum
Beispiel habe manchmal, draußen, angesichts der
Schandtaten, die um uns geschehen, Momente gehabt,
in denen ich mich gefangener fühlte als jetzt hier drin-
nen. Hier sieht sich der Wille zwangsläufig veranlasst,
seinen Perimeter zu reduzieren. Draußen aber stößt er
gegen Mauern, die weniger deutlich und eben deshalb
perfider sind. Diese letzteren sind es an erster Stelle,
die wir erkennen und Stein für Stein abtragen müssen;
nur dann können eines Tages die konkreten Mauern
der Gefängnisse fallen.
Ich will deshalb hier nicht von der Schönheit der
Anarchie sprechen, von der Reinheit der anarchis-
tischen Prinzipien. Das sind eitle Dinge, für die wir
auf ein ganzes Jahrhundert der anarchistischen Propa-
ganda verweisen können. Ich will meine Aufmerk-
samkeit weniger auf des Problem des "Was" denn auf
jenes des "Wollen" legen.
Wir können nur wollen, was wir in irgendeiner Weise
verstehen, also uns als Gegenstand vorstellen können,
und sei es auch die sonderbarste aller Utopien. Das
heißt unser Wollen ist durchaus nicht so frei, wie sich
eine voluntaristische Tradition auch vieler Anarchis-
ten lange darauf stützte. Es ist abhängig von unserem
Vorstellungshaushalt, von unserer Kultur im weiten
Sinne. Wobei unter letzterer nicht nur die literarische
Überlieferung und allgemeine Bildung zu verstehen
ist, sondern auch was und wie wir essen, uns kleiden,
miteinander umgehen, kommunizieren, wertschätzen;
kurz, alle Aspekte des alltäglichen Lebens. In einer
Gesellschaft, die dabei ist, alle diese Aspekte in einen
geschlossenen Kreis hineinzuziehen, der von der Tech-
nologie verwaltet wird, bietet sich der Macht die
Möglichkeit, die Kultur immer mehr von der Realität
zu lösen. Das betrifft nicht nur jene überwiegende
Masse der Ausgeschlossenen, die passiv verwaltet
werden, sondern auch jene selbst, die Verwaltungs-
positionen besetzen. In diesem Sinne kann man davon
sprechen, dass die Technologie sich den Staat, die
alten politischen und wirtschaftlichen Herrschafts-
strukturen allmählich einverleibt. Einige haben den
Begriff der Derealisierung verwendet, in einem noch
unsicheren Versuch, diesen allumfassenden Wandel zu
verstehen, der unser aller Anstrengung bedarf. Wir
müssen die Technologie nicht bloß als die Gesamtheit
ihrer Apparate, sondern vor allem auch als einen
Schleier von substanzlosen Formen und Inhalten
verstehen, der sich immer mehr über die Realität legt,
dahin strebend, sie als Referenz zu ersetzen. Ist dieser
Kreis einmal dicht geschlossen, werden die kulturellen
Inhalte, unser Vorstellungshaushalt, dem Willen gar
keine befreienden Handlungsmündungen mehr eröff-
nen, die doch zumindest eines Kontakts mit der realen
Substanz des Machtübergriffs und der Ausbeutung
bedürfen. Der Wille, sich zu befreien, verwandelt sich
nur noch in symbolische und Ersatzhandlungen, die
im eigenen kulturellen Universum von gesonderten
Denkmuster eingeschlossen bleiben. Es grassieren
aufgeladene Schlagworte und Symbole, Geschwätz
und Rituale. Unnötig zu bemerken, dass auch die
Anarchisten von dieser Entwicklung nicht unbeein-
flusst sind. Und das hat vielleicht auch damit zu tun,
dass wir zu sehr glaubten, die Wahrheit oder den
Rosenkranz der Prinzipien in der Tasche zu haben,
ohne es nötig zu haben, uns einer weiteren Vertiefung
der Probleme anzunehmen, die letztlich stets Probleme
in Hinsicht auf das Handeln in der Realität sind.

Die Anarchisten haben eine Idee von Freiheit, die sich
weder in Abstufungen noch in Sektoren unterteilen
und auch nicht in Worten einschließen lässt. Da sie
nicht bloß die bestehende Herrschaft zu einer Anpas-
sung anregen oder eine neue, veränderte Herrschaft
hervorbringen wollen, müssen sie von einer globalen
Sicht ausgehen. Unser Denken ist gezwungen, die Welt
in getrennten Begriffen und Situationen zu erfassen,
als Behelfsmittel, um dem Verstand Orientierung zu
geben. Die Welt als Ganzes aber, und somit auch die
Idee von Freiheit, ist eins und ununterteilbar und hat
nur in unserem Herzen Platz. Anders wäre die Aus-
sage Bakunins nicht verständlich, dass wir nicht wirk-
lich frei sein können, solange noch ein Mensch auf der
Welt in Ketten liegt. Heute mehr denn je, denke ich,
müssen wir lernen, nicht nur auf die Worte zu achten,
die oft trügerisch sind, und mehr auf das Herz; auf
das, was zwischen den Worten mitschwingt. Die Suche
nach Affinität, wenn nur die Worte kommunizieren,
bleibt letztlich unergiebig. Wer den Kopf eines Esels
hat, sagte einmal jemand, kann nicht plötzlich das
Herz eines Löwens in sich entdecken.

Die Rebellion, scheint mir, hat heute nur noch den
Ausweg, direkt auf den obengenannten Kreis abzu-
zielen. Und dazu gehört auch, uns die kulturellen
Mittel anzueignen, die uns die Macht auf allen Ebenen
entziehen will. Ein Element davon ist sicher die
Kenntnis über den Gegenstand des Willens, die aber
auch ein Hindernis werden und den Kontakt mit der
Realität verlieren kann, wenn sie abschließenden An-
spruch hat. Ein anderes Element, noch viel wichtiger,
sind gewisse Eigenschaften, die nicht sehr modern
scheinen mögen, aber Grundlage sind für die Über-
windung vom Willen zur Handlung: der Mut, an erster
Stelle, die Entschlossenheit, aber auch, und in keinerlei
Gegensatz dazu, die Liebe, in ihrem allgemeinen Fun-
dament, die Offenheit für Andere, die Sensibilität, die
Kreativität.

Das Buch, das bis heute im Zentrum der kulturellen
Entwicklung zu stehen schien, ist sicher ein Gegen-
stand, der aus der Mode gekommen ist, und zu Recht,
in seiner Anmaßung, die Welt zwischen zwei Deckeln
einzufassen. Und sicher, wir können der Ansicht sein,
es dahin zu schicken, wo der Pfeffer wächst. Als
provisorische Reflexionsgelegenheit könnte uns jedoch
ein quasi unerschöpflicher Schatz an heute selten
gewordenen Anregungen entgehen, die obengenan-
nten Elemente zu vertiefen und zu verwurzeln.

Um abzuschließen denke ich, die Anarchisten wollen
die revolutionäre Umgestaltung der etatistischen1
Gewaltordnung, welche durch ihre ganze Geschichte
hindurch, um einer herrschenden Gruppe Privilegien
zu verschaffen, auf Kriegen, Ausbeutung und
Massenarmut basiert. Eine Umgestaltung in Richtung
eines staatenlosen, dezentralisierten, selbstorgani-
sierten Zusammenschlusses von Individuen, Gruppen,
Gemeinden etc.. Nicht alle, aber die meisten sind der
Ansicht, dass die technologischen Produktions-
bedingungen von heute mit der Perspektive einer frei-
heitlichen Selbstverwaltung unvereinbar ist. Die An-
archisten wollen sich spezifisch als revolutionäre
Minderheit organisieren, um in erster Person zu käm-
pfen, sowie die Selbstorganisation der Menschen in
ihren Kämpfen fördern. Letztere allein kann Grund-
lage einer revolutionären Umgestaltung sein, die nicht
eine neue politische Gruppe an die Macht bringen soll.
Nicht alle, aber die meisten sind der Ansicht, dass eine
solche Umgestaltung nicht Resultat eines Großen
Abends oder einer bloß eduktionistischen2 Arbeit sein
kann, sondern einer langen, manchmal auch schmerz-
haften Reihe von Zwischenkämpfen und Aufstands-
versuchen der Unterdrückten. Deshalb wollen sie den
Wandel der sozialen Realitäten und Konflikte, in
ihrem globalen Sinne, ausreichend verstehen, um vor-
schlagend und vorantreibend und nicht wie ein
Fremdelement sich dort einzubringen, wo sie ein Ent-
wicklungspotential in diese Richtung sehen.

Natürlich mag ich falsch liegen, aber es ist das, was
ich in der Erfahrung der anarchistischen Bewegung
auszumachen glaube und auch persönlich denke. Ich
denke außerdem, dass allumfassende Umgestaltungen
der Macht im Gange sind, die unseren Untergang be-
deuten könnten, ohne dass wir es merken, wenn wir
uns nicht einer Erneuerung öffnen. Und das Neue
kommt stets durch die Handlung heran.
Ich hoffe, der heutige Abend bot Anlass zu einer
lebhaften Diskussion, in der niemand zu wider-
sprechen und konfrontieren scheut, aber nicht weil an-
getrieben vom Willen, Recht zu haben, sondern von
dem, besser zu verstehen um besser zu handeln.
Schließlich, und das seien wir uns stets bewusst, sind
es nichts Geringeres als unsere Leben, die auf dem
Spiel stehen.

"Man muss noch Chaos in sich haben, um einen
tanzenden Stern gebären zu können."
- F. Nietzsche, "Also sprach Zarathustra"

Endnoten (von Gai Dao)
1 staatlichen
2 erzieherisch; die Bildung und Erziehung betreffend
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