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(de) FDA-IFA, Gai Dao #96: Der Konsensfetisch des politischen Anarchismus Von: Martin von Loeffelholz [Teil 2 von 2, Teil 1 in Gai Dao N o 95 11/2018]

Date Sun, 6 Jan 2019 08:28:08 +0200


Dieser Artikel ist eine Neuauflage des bereits 2017 in der Gai Dao erschienen zweiteiligen ---- Artikels "Der blinde Flecken des Anarchismus". Hier habe ich seinen zweiten Teil aus inhaltlichen und stilistischen Gründen überarbeitet. Des Weiteren habe ich hier das Konzept der "Anti-Macht" eingeführt. ---- Die Fixierung auf den Konsens als Organisationsprin zip einer herrschaftsfreien Gesellschaft ist zu einem Fetisch verkommen. In weiten Teilen lässt sich eine Realitätsverweigerung konstatieren. Zwar erübrigt sich die Konsensfrage im Emanzipationsprozess ohnehin, beispielsweise in der Widerstandspraxis. Doch wie sieht es mit Zwang in der emanzipierten Gesellschaft selbst aus? ---- Zum Umgang mit "Kriminalität" ---- Der Anarchismus behauptet, dass die gesellschaftliche Prägung durch die inhumanen Verhältnisse der real existierenden Gesellschaft die wesentliche Ursache von Verbrechen sei. Und dass "nur ein geringerer Teil der ‚Kriminellen‘ sich aus psychischen oder somati schen Gründen abnorm verhält. Sein Ideal besagt, daß‚ in der Anarchie‘ Kriminalität faktisch ausstirbt, und
daß Menschen, die sich trotzdem gegen die Gesell-
schaft vergehen, Hilfe statt Strafe zuteil wird"1 . Dieses
Paradigma findet sich bei nahezu jede*r Anarchist*in.
Sehr gerne wird diese Position unterstrichen mit der
Kritik an Psychiatrien, der Zwangsmedikamentierung
usw. Es wird aber (zumindest noch für sehr lange
Zeit) ein Restmaß an Gewalt und antisozialem Verhal-
ten geben. An der Stelle der Strafe sollen Wiedergut-
machung, einvernehmendes Zureden,
Ursachenergründung usw. treten. Was ist aber mit be-
sonders renitenten oder aggressiven Menschen, die
immer wieder andere Menschen angreifen und eine
dauerhafte Gefahr darstellen? Was ist beispielsweise
mit Menschen, die an pädophilen Tendenzen erkrankt
sind? Die Antworten darauf lauten dann häufig so:
"Auch wir können die herrschaftsfreie Gesellschaft
nicht in all ihren Details ersinnen", aber "Gemein-
schaften werden Wege finden, um mit solchen Proble-
men umzugehen" 2. Diese idealistische
Ausweichargumentation weigert sich einer konkreten
Antwort. Anarchist*innen schlagen als langfristige Lö-
sung den "Ausschluss aus der Gemeinschaft" 3 vor, was
verkennt, dass eine Gesellschaft kein Schiff ist, das im
Meer herumtreibt. Bei unmittelbarer Gefahr muss die
Lösung aber Psychiatrie oder Freiheitsentzug bedeu-
ten, wobei das klassische Verständnis von Rache und
Strafe abzulehnen und der Fokus auf Freiraum, Würde
und Rehabilitation zu setzen ist. Wäre diese
Machtausübung denn nicht auch als ein legitimer Wi-
derstand gegen eine Macht zu verstehen?

Anti-Macht

Ein Gedankenspiel sei angeführt. In der Wirtschafts-
wissenschaft wird der Terminus "Gegen-Macht" zur
Beschreibung von Marktakteuren angewandt: Ge-
werkschaften etwa könnten Kapitalfraktionen durch
gezielten Druckaufbau Lohnzugeständnisse abringen.
Nun versteht die Soziologie Macht oft im Sinne einer
" power to x ", also als Fähigkeit. Die Konzeption von
Gegen-Macht im Sinne einer " power to x " ergäbe aber
keinen Sinn: ein Lehrer beispielsweise, der qua seiner
Macht über eine Fremdsprache diese einem Schüler
lehrt, baut dabei zugleich seinen Wissensvorsprung ab.
Jedes Moment von Macht wäre dann zugleich Gegen-
Macht: der Begriff würde also universal und überflüs-
sig.
Das Konzept der Gegen-Macht basiert also auf dem
Verständnis von Macht als " power over x ". Davon aus-
gehend wird der ökonomische Terminus Gegen-Macht
erst schlüssig. Das könnte auch auf soziale Praktiken
im Allgemeinen ausgeweitet werden, wie etwa Not-
wehr. Daraus folgend, kann Gegen-Macht auch als
Anti-Macht verstanden, ja sie kann synonym gesetzt
werden: denn eine Notwehr weitet Macht nicht aus,
sondern ersetzt sie, indem sie sie auf anderer Seite re-
duziert. (Damit geht der Begriff über das Konzept des
Philosophen John Holloways hinaus4 ).
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Antwort. Anarchist*innen schlagen als langfristige Lö-
[1]Horst Stowasser: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft. Frankfurt am Main 1995, S. 195.
[2]Ebd., S. 210.
[3]Exemplarisch: o.A.: Anarchie, 30.10.2011, URL. http://aos.blogsport.de/2011/10/30/anarchie/ (3.11.2018).
[4]Auch John Holloway sprach von "Anti-Macht", definiert sie aber mit einer gänzlich anderen Bedeutung: für ihn nimmt der außerparlamentarische, emanzipatorische Kampf die Form einer asymmetrischen "Anti-Macht" ein, die dem Parlamentarismus, der symmetrischen Macht, gegenüberstünde.
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Das Gedankenspiel weiterführend, können, um ein
Beispiel zu nennen, gefährliche Gewalttäter notfalls
auch eingesperrt werden, bei gleichzeitiger Bewah-
rung des Resozialisationsgedankens und würdiger
Haftbedingungen. Der Herrschaft des Angreifenden
wird eine Anti-Herrschaft, oder allgemein Anti-
Macht, entgegengesetzt. Eine Gefangenschaft einer ge-
fährlichen Person ist folglich kein Widerspruch zu an-
archistischer Theorie und Praxis. Dieser Denkweise
stimmten auch die Anarchist*innen zu, die im Spani-
schen Bürgerkrieg richtigerweise die Gefängnisse be-
wachten5 . Während dieser Gedanke unter vielen
Anarchist*innen Abwehr hervorrufen wird, merken
sie nicht, welchem Trugschluss sie unterliegen: jeder
geworfene Stein basiert auf dem Konzept der Anti-
Macht.

Da aber Anti-Macht auch immer Macht zugleich ist,
enthüllt der Begriff soziale Prozesse nicht nur, sondern
verschleiert sie zugleich. Sei es Militanz, Tyrannen-
mord oder Parteiengagement: Anti-Macht ist und
bleibt immer noch Macht. Für politische Debatten ist
der Begriff daher kaum erkenntnisfördernd. Um die
Borniertheit des libertären Konsensdogmas aufzude-
cken, soll der Begriff deshalb für diesen Text nur aus-
nahmsweise als theoretisches Modell dienen.

Subjektlose Zwänge

Foucault meinte einst: "Man muß aufhören, die Wir-
kungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als
ob sie nur ‚ausschließen‘, ‚unterdrücken‘, ‚verdrängen‘,
‚zensieren‘, ‚abstrahieren‘, ‚maskieren‘, ‚verschleiern‘
würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv" 6 . Da-
mit öffnete er einen wichtigen Verständniszugang. Am
klarsten zeigt sich das im Neoliberalismus, in der die
produktive "Freiheit" des "Individuums" zum Motor
kapitalförmiger Herrschaft geworden ist. Erst so kann
Macht als "subjektlos" begriffen werden. Herrschaft
und Macht können sich somit "strukturell" äußern.
Daran angelehnt kann Herrschaft auch in Form eines
subjektlosen Sachzwangs auftreten: die Entschei-
dungsgewalt über ein Kleinkind ist zwar herrschafts-
förmig, aber zugleich eine Maßnahme gegen die
Sachzwänge einer eingeschränkten Entscheidungsver-
nunft, die durch die biologischen Grenzen des neuro-
logischen Entwicklungsprozesses hervorgerufen wird.
Die maßvolle Entscheidungsgewalt von Eltern über
ihre Kinder ist eine Anti-Macht. (Freilich haben den-
noch auch hier als Prinzip Vorrang: Eigenverantwor-
tung statt Autorität oder das Grenzen-austesten-lassen
statt pädagogischer Bevormundung.) Zuletzt wären
vielleicht noch Sonderfälle wie geminderte Unzurech-
nungsfähigkeit aufgrund von affektiven Überreaktio-
nen, Drogeneinfluss, oder Altersbedingheit zu nennen.
All das verlangt machtförmige Interventionen - sie
stellen aber keinen Widerspruch zum Anarchismus
dar, sondern sind auch hier Ausdruck von Anti-Macht.
Ein*e Anarchist*in, der sich all diesen Tatsachen nicht
stellen möchte, ist gezwungen, in einer verkürzten
Gedankenwelt befangen zu bleiben.

Zum Umgang mit Abstimmungs-Patts

Wie ist mit Abstimmungspatts umzugehen, mit Ab-
stimmungsversuchen, in denen kein Konsens möglich
ist? Wenn sich die Beteiligten trotz unzähliger zäher
Versuche nicht einigen wollen? Zum Beispiel wenn es
in postrevolutionären Zeiten um Fragen der bewaffne-
ten Verteidigung geht, dem Bilden von Volksmilizen
usw., spielen auch emotionale Faktoren eine große
Rolle, die eine Entscheidungsfindung ggf. verunmögli-
chen. "Sollen wir den Angriffen der islamistischen
Milizen bis zum bitteren Ende trotzen? Oder ergeben
wir uns?" Das wäre ein möglicher Streitpunkt. Wie
realistisch dieses Szenario ist, zeigt das Beispiel Kôba-
ne in Rojava. Doch auch banale Alltagsangelegenhei-
ten können selbstverständlich zum Problem werden.
Was wäre in so einem Fall zu tun?
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[5]Siehe etwa Martin Baxmeyer: Der Anarchist Melchor Rodríguez García, in: Graswurzelrevolution. Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft 345 (2010).
[6]Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a. M. 1977, S. 250.
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Sehen wir uns als Beispiel an, welche Antworten uns
Horst Stowasser gibt. Er ist Autor eines akribisch re-
cherchierten, 396-seitigen Werkes über die Geschichte
und Theorie des Anarchismus. Stowasser formulierte
drei mögliche Antworten auf das Konsensproblem. Die
erste: "das Problem bleibt ungelöst" 7. Diese Antwort ist
eine Scheinantwort, denn wenn das Problem ungelöst
bliebe, dann wäre das ja auch eine gemeinsam getrof-
fene Entscheidung, ohne dass eine Mehrheit ihren Wil-
len mit Macht durchsetzen würde. Mit anderen
Worten ein Konsens! Auch die zweite Antwort ist nur
eine Scheinantwort "die Gruppe teilt sich" 8. Oftmals ist
es in der Praxis gar nicht möglich eine Gruppe, die
sich zu einem spezifischen Zweck gebildet hat, zu tei-
len, ohne dass sich ihre Interessen überschneiden (eine
Gesellschaft ist kein Schiff!). Und wenn es hinsichtlich
der thematischen Interessen der Gruppe möglich sein
sollte, dann ist dies doch wieder nichts anderes, als ei-
ne gemeinsam aus freien Stücken getroffene Entschei-
dung, der nur eine längere Diskussion vorausging. Mit
anderen Worten: ein Konsens! Ebenso widersprüchlich
verhält es sich mit Stowassers drittem Vorschlag: "es
wird am Ende doch abgestimmt" 9. Er folgert daraus le-
diglich die nichts-aussagende These: "Keines der drei
Ergebnisse wäre eine Katastrophe"10. Das Konsenspro-
blem stellt für Anarchist*innen eine theoretische
Lücke dar, wie anhand von Stowasser exemplarisch
gezeigt wurde. Es gibt keinen dritten Weg zwischen
Konsens und Zwang.

Wenn eine Meinung bis auf das Äußerste verneint
wird, wird es Widerstand geben, als klassisches Bei-
spiel seien Sabotageaktionen an einer geplanten Bau-
stelle genannt. Übrigens kein prinzipiell illegitimes
Unterfangen, verstehen sich Anarchist*innen doch si-
cher nicht als Rechtspositivist*innen. Stowasser und
große Teile der Anarchist*innen verwechseln hier
Wunsch und Notwendigkeit. Es ist absurd zu glauben,
dass eine mehrere Milliarden Individuen umfassende
Menschheit in einhundert Prozent der Fälle konsensual

entscheiden würde. Die Existenz von Zwang ist nicht
erwünscht , sondern eine logische Notwendigkeit . Inso-
fern wird das Konsensdogma der Anarchist*innen
zum Konsensfetisch: denn der Konsens wird als Prin-
zip idealisiert und damit die Möglichkeit einer Univer-
salexistenz imaginiert, für Situationen, in denen er gar
nicht realisiert werden kann.

Doch auch ethisch-normativ, sollte der Einsatz von
Zwang stellenweise geboten sein. Sollte beispielsweise
die Weltgesellschaft sich ernsthaft dem Veto einer ver-
schwörungstheoretischen Minderheit unterwerfen,
wenn diese überlebensnotwendige Maßnahmen gegen
den Klimawandel ablehnt? Das ist absurd! Das Kon-
sensdogma offenbart sich als nichts anderes als die
Diktatur der Minderheit. Mit diesem Prinzip zu bre-
chen, das ist praktische Anti-Macht.

Abschluss: eine terminologische Anmerkung

Wer das Konzept Anti-Macht trotzdem nicht verste-
hen will, kann sich an der Soziologie orientieren. Eine
Vielzahl von Soziologen vertritt die Auffassung, dass
Zwang nicht mit Herrschaft gleichzusetzen sei. Exem-
plarisch soll das an Max Weber erklärt werden.

Laut Max Weber sind Macht und Herrschaft für ihn
zwei verschiedene Bedeutungen, wobei Macht der
"allgemeine Begriff" 11 und Herrschaft ein "Sonderfall
von Macht" 12 sei. Macht bedeutet für ihn, "jede Chan-
ce, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen
Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen,
gleichviel, worauf diese Chance beruht"13. In der So-
ziologie wird von Machtbasen gesprochen. Die emo-
tionale Identifikation mit einem charismatischen
Führer kann eine solche Machtbasis sein, ebenso wie
das Androhen von Sanktionen oder auch körperliche
Gewalt. Weiter schreibt er: Der spezielle Fall von
Herrschaft "soll heißen die Chance, für einen Befehl
bestimmten Inhalts bei einer angebbaren Gruppe von
Menschen Gehorsam zu finden" 14. Das bedeutet zu-
nächst ein Über- und Unterordnungsverhältnis, aufge-
teilt in Herrschende und Beherrschte. Nach Weber
existiert aber erst dann ein "echtes Herrschaftsverhält-
nis", wenn "ein bestimmtes Minimum an Gehorchen-
wollen, also: Interesse am Gehorchen" 15 gegeben sei.
Das Über- und Unterordnungsverhältnis muss also aus

anerkannt werden, aus traditionellen, theokratischen
oder auch zweckrationalen Gründen. Demzufolge ist
das bereitwillige Zahlen von Steuern ein Ausdruck
von Herrschaft, nicht aber die Waffe, die ein Räuber
der Bankangestellten an den Kopf hält. Beides aber ist
Ausdruck von Macht.
Der Zwang, also die Waffe des Bankräubers, wäre in
dem Fall zeitlich begrenzte Macht, punktuelle Macht,
aber keine Herrschaft, die, wie Max Weber es fordert,
"legitimiert,[...]dauerhaft anerkannt und institutiona-
lisiert ist" 16. Der Unterschied zwischen Zwang und
Herrschaft liegt also in der zeitlichen Dimension. Auf
Grundlage der Herrschaftsdefinition von Max Weber
wären also in einer herrschaftsfreien Gesellschaft
punktuelle Zwänge kein Widerspruch.
???
Über Kommentare würde ich mich freuen und mich
gerne austauschen: loeffelholz.m@web.de.
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[7]Stowasser, a.a.O., S. 128.
[8]Ebd.
[9]Ebd.
[10]Ebd.
[11]Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen, Ausgabe v. 1980, S. 541.
[12]Ebd.
[13]Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen, Ausgabe v. 1972, S. 28.
[14]Ebd.
[15]A.a.O., S. 122
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