A - I n f o s

ein mehrsprachiger Informationsdienst von, fr und ber Anarchisten **
Nachrichten in allen Sprachen
Die letzten 40 Artikel (Homepage) Artikel der letzten 2 Wochen Unsere Archive der alten Artikel

Die letzten 100 Artikel, entsprechend der Sprache
Greek_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

Die ersten paar Zeilen der letzten 100 Artikel auf:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
Die ersten paar Zeilen aller Artikel der letzten 24 Stunden

Links zu den Listen der ersten paar Zeilen aller Artikel der letzen 30 Tage | von 2002 | von 2003
| von 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014 | of 2015 | of 2016 | of 2017 | of 2018 | of 2019

(de) fda-ifa: Gai Dao #96 - Plena III - Von Plenen, Bewusstsein und anderen Problemen Von: ignoramus

Date Mon, 31 Dec 2018 07:39:23 +0200


Es hat bis heute immer Leute gegeben, die sich berufen fühlten, ‚die Ordnung zu handhaben‘. Die Geschichte hat uns jedoch gelehrt, dass alle jene Leute, welche immer Ordnung machen wollen, im Grunde stets die größte Unordnung verursacht haben!!! -- Anonymus individualo, 1892 ---- Ich muss gestehen, dass ich mich auf diesem anarchistischen Sommercamp gar nicht erst habe blicken lassen und dass dabei, abgesehen von Reisekosten, mitunter ausschlaggebend war, dass mir die Berichte des letztjährigen Treffens, welche ich hörte, die Lust genommen haben. Effektiv ist es mir als Mensch, der gerne nackig badet, sehr schwer gefallen, dass Leute effektiv verlangt haben, fürs Nackigbaden quasi um Bewilligung fragen zu müssen. So was mach ich auch an einem Strand voll Normalbürger*innen nicht, wieso ausgerechnet da...

Diese Gerüchte sowie die Erfahrung, dass in Öster-
reich eben eine solche Theorie unter Anarchist*innen
grassiert, die sich vor allem durch strenge Verhaltens-
und Sprachregeln auszeichnet sowie durch rigide Aus-
schlussverfahren, mir oftmals unverständliche Codes
und einem studentischen Gehabe äußert... nun, diese
Sachverhalte (ich weiß, dass ich sie hier tendenziös
definiere) nahmen mir die Lust daran. Auch war es
mir zu anstrengend, mich dorthin zu begeben, um dies
anzusprechen und verstehe ebenso, dass Leute dieser
Diskussion ausweichen, vor allem wenn sie "männlich
gelesen" werden, was heißt: von vornherein in solchen
Dingen nicht ernst genommen werden bzw. bald mal
als Sexisten abgestempelt sich mit den ach so anar-
chistischen Ausschlussverfahren rumschlagen kön-
nen...
Nun, so denkt ein Teil der anarchistischen Bewegung
aller Geschlechter und Farben und das auch schon
länger. Das sind Gründe, weshalb sich Leute teils
schwer tun mit einer "gewissen Denkweise". Die die
Szene, welche sich zumindest anarchistisch nennt, ei-
gentlich lieber meiden, weil sie sich Anarchie und An-
archismus anders vorstellen.

Nun aber zur plenarischen Frage. Auch hier sieht man,
dass es zwei (natürlich viel mehr, aber der Vereinfa-
chung halber) ganz verschiedene Denkweisen gibt in-
nerhalb der anarchistischen Bewegung mit und ohne
Anführungszeichen. Die eine hält es für ein Argument
für das Plenum, dass es "basisdemokratische Konsens-
findung" ermöglicht, während anderen die Demokra-
tie auch in ihrer basischen Form schwer verdaulich
erscheint. Dass sich Großplena mittels Moderation
möglicherweise besser strukturieren lassen, mag sein,
zumindest theoretisch. Praktisch lassen sich aber eben
viele Anarchist*innen nicht gerne strukturieren. Wieso
auch?
Die Behauptung aber, dass das Fehlen einer Moderati-
on die "frustrierenden Kleingruppengespräche" zur
Folge habe und nicht vielmehr, dass man sich in der
großen Gruppe vielleicht einfach nichts zu sagen hat
bzw. gar nicht einig ist, wieso zusammen diskutiert
wird, ist gewagt. Meiner Erfahrung nach ist es meis-
tens so, dass, wenn eine Basis vorhanden ist (wozu,
wieso, und was zusammen diskutiert werden muss),
die Leute überhaupt keine Probleme haben, ohne jeg-
liche Moderation und Listen, je nach Erfahrung mehr
oder weniger schnell, aber zumindest zielbewusst eine
gemeinsame Diskussion zu führen, welche zur ge-
wünschten Handlung befähigt. Aber das ist selten und
viele Plena werden gemacht, bevor diese notwendige
Gemeinsamkeit im Ansatz vorhanden ist und dann
öffnet sie nur Tür und Tor für Politikante jeder Sorte.

Für mich, wie für viele andere anarchistische Indivi-
duen, ist es zumindest nicht Sache einer Plenumsmo-
deration, den Leuten den Mut, sich zu äußern,
beizubringen. Das ist in meinen Augen einfach absurd
und der falsche Zeitpunkt. Jeden Tag und jede Stunde
könnten sich die anarchistischen Individuen gegensei-
tig helfen, ermutigen und bemühen, sich auf ein Ni-
veau der Äußerungsfähigkeit zu heben, welches nötig
ist, um die eigene Ansicht zu vertreten. Das ist ein jah-
relanger Prozess, kulturell ganz vielfältig und durch
Regelungen sicherlich nicht zu lösen. Die bedrückende
Schulatmosphäre, welche an vielen Diskussionen in
der autonomen Szene vorherrscht, trägt zumindest zur
Befreiung wenig bei. Sie sollte auch von ernsthaft an-
archistisch eingestellten Leuten nicht übernommen
werden - so natürlich meine ach so wenige Ansicht.
Vielmehr würde es Sinn machen, eine Kultur zu ent-
wickeln, welche uns auch ermöglicht, in der ganzen
Gesellschaft unsere Ideen zu verbreiten, stolz und
dreist, ohne Blatt vor dem Mund.

Aber nein, im Namen von irgendwelchen Identitäts-
konstrukten wird das Blatt vor den Mund geschmie-
det, hämmert sich die "anarchistische Bewegung" ihr
eigenes Gebälk vor die Augen...

Und dazu gehört eben auch, dass etwa "Bewusstsein"
an eine spezifische Gruppe delegiert werden soll. Ich
meine, die Frage: Brauchen wir eine Awareness-Grup-
pe? ist doch eben eine Frage, die immer nur ein Teil
der "anarchistischen Bewegung" besprechen wollen
wird. Vor allem: Wieso braucht es dazu ein Plenum?
Das ist die Frage. Eine Awareness-Gruppe könnte sich
ja auch ohne Nachfragen gründen, einfach von jenen,
welche diese für notwendig halten... ganz nach dem
uralten anarchistischen Prinzip der freien Gruppie-
rung, schon hundertfach erprobt... aber halt, das wäre
ja eben nicht das Konzept einer Awareness-Gruppe,
welche ja darauf basiert, repräsentativ zu sein. Oder
nicht? Zumindest scheint es mir so, als würden gewis-
se Leute verlangen, dass im Plenum quasi der Awa-
reness-Gruppe eine Art Anerkennung als ausführende
oder ideologische Organe gegeben wird. Und dazu
braucht es das Plenum, welches eben dann bedeutet:
Es wurde entschieden, basisdemokratisch, und so
muss es auch anerkannt werden. Man komme nicht
damit, dass die Bewusstseinstruppe keine polizeiliche
Funktion habe. Vielleicht nicht, ja, besser wäre sie mit
einer Art Pfaffenvereinigung zu vergleichen, welche
seelsorgerische und Predigeraufgaben übernimmt. So
zumindest, wenn denn wirklich eine ganze Gruppe
von Anarchist*innen sich darauf einigt, dass jede*r
Einzelne unfähig sei, selbstverantwortlich und selbst-
bewusst - self aware wenns noch in Englisch sein soll
- zu leben.

Die Rolle des Plenums also, wie sie im Artikel Zur
Frage von Plena II (Gai Dao No 95 11/2018) dargestellt
wird, ist eben diese, Kollektiventscheidungen zu tref-
fen, nicht zu gemeinsamer Aktion oder zur Aufstel-
lung von Kochgruppen, sondern zum Aufbau einer
repräsentativen Struktur. Zur ideologischen Arbeit.
Zur Delegation gar des eigenen Bewusstseins?

Wenn zumindest die Frage "Wozu brauchen wir Ple-
na...?!" mit: "um Awareness-Gruppen etc. aufzubau-
en", beantwortet werden muss, dann wollen eben viele
gerade deshalb keine Plena. Und das scheint auch die
einzige wirkliche Begründung in Zur Frage von Plena
II .

Es kann Sinn machen, eine gemeinsame Sitzung, ein
allabendliches Treffen etc. je nach Bedarf zu machen,
um die praktischen Aufgaben anzugehen und wenn
dies mit Plenum gemeint ist, so soll es sein. Aber das
ist auch nicht a priori und ist nicht per se erhaben
über Absprachen, welche kein klares Gefäß haben.
Der Hund liegt aber auch nicht hier begraben, sondern
an dem, was die Einzelnen wollen.

Wenn z. B. es für einzelne "die sich u. a. mit dem The-
ma Awareness auseinandersetzen wollten, extrem
frustrierend" war, dass dies von anderen Leuten nicht
getan wurde. So war es für andere möglicherweise
"extrem frustrierend", dass deren Kritik an Awareness
für nicht vorhanden vorausgesetzt wurde, bzw. dass
das Konzept der Awareness ohnehin kritiklos bleiben
muss (und vor allem noch ein sexistischer Kommentar
rein muss, von wegen "grösstenteils cis-männlich ge-
lesene Gruppe"). Ebenso nervig ist es, dass von diesen
Leuten die Ideologie, welche mit "Awareness" um-
schrieben wird, zum x-ten Mal durchgekaut wird. Etc,
etc. Dies hier nur, um etwas die paternalistische Argu-
mentationsweise von Zur Frage von Plena II zu para-
phrasieren, was durchgehend möglich wäre.

Möglichkeiten, Konflikten zu begegnen etc. gibt es
auch jenseits von "Zustimmungsprinzip, Transformati-
ve Justice/Community Accountability, kritische
Männlichkeits*runden, und Awareness-Konzepte"
(oder auch Defma). Dass von den Vertreter*innen die-
ser Ideen immer so getan wird, als würden alle ande-
ren nur deshalb diese Ideen nicht übernehmen, weil
sie diese nicht kennen würden, ist eine vielgesehene
Anmaßung. Die Awareness-Ideologie (oder Theorie,
wie auch immer) ist zumindest etwas, das ein Teil der
"anarchistischen Bewegung" auch nach ausführlicher
Beschäftigung immer noch ablehnt.

Und so kann man getrost den Vorwurf zurückwerfen,
um die Komödie zu vollenden: "Die von ‚euch‘ geäu-
ßerte Meinung, dass alles, was nicht ‚eurer‘ Denklinie
entspricht, autoritäre Machtausübung ist, empfinden
wir dabei als problematisch."

Beim Verfassen dieser polemischen Intervention ist
mir einiges klar geworden. Wir alle sind geprägt von
einer christlichen Moral, einer Verfangenheit in Wor-
ten und einer Kultur, welche vor allem auf dem Opfer
basiert. Überall muss immer Kompromiss sein, an-
sonsten lauert das Risiko, zur Sünder*in gestempelt zu
werden. Überall schleichen sich jene ein, die glauben,
mit Argumenten von der Verteidigung der Organisati-
on oder sogar im Namen der Selbstorganisation jede
Selbstorganisation jenseits ihrer Selbstorganisation als
nicht vorhanden darzustellen, jedes Bewusstsein,
Awareness, als inexistent zu erklären, wenn es nicht
das ihre Bewusstsein ist und damit Selbstbewusstsein
eigentlich negieren.

Die Debatte, ob Organisation mit oder ohne Plena, ist
unspannend und eine Formfrage. Es ist Schade, dass
sich ein Teil der anarchistischen Bewegung anschei-
nend noch "nicht ausreichend" mit der Kritik an Re-
präsentation, Delegation, formeller Organisation,
Basisdemokratie, an der (Identitäts-)Politik etc. aus-
einandergesetzt hat. "Das ist natürlich okay, aber eine
schlechte Ausgangsposition", sich "so breit und so po-
larisierend über dieses Thema auszulassen."

So könnte ich den Text beenden. Aber natürlich ist es
mir klar, dass da die Geister sich einfach scheiden.
Grundlage für ein friedliches Nebeneinander ist der
Respekt und das Bewusstsein, dass eben die Ansichten
komplett verschieden bleiben werden. Und die Unter-
schiede nicht einfach daran liegen, dass die anderen
ungebildet und dumm sind und die jeweiligen Ideen
"nicht ausreichend" kennen, denn das ist doch die un-
tergründige Tendenzaussage des Textes zur Frage von
Plena II . Was in ellenlangen Plena, welche in die Hose
gehen und zur Zermürbung führen, zum Ausdruck
kommt, sind zumindest Konflikte, welche nicht erst
seit gestern bestehen.

Für viele gilt eben auch:
Demokratie oder Anarchie - Es gibt keinen Mittelweg!
und ebenso:
Ideologie oder Selbstbewusstsein - auch da kein Mit-
telweg!

Mit herzlichen Grüßen
Ein weiterer Mensch mit dem ach so unverständlichen
"Bedürfnis nach absoluter individueller Freiheit"
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de