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(de) Fda-Ifa, Gai Dao #92: Praktiken des Austretens und gemeinsamer autonomer Lebensgestaltung statt anarchistischer Gesellschaftsentwürfe und Programme - wichtige Aspekte von "Postanarchism" (Saul Newman, 2016) Von: Jonathan Eibisch

Date Sat, 8 Sep 2018 13:55:42 +0300


Der seit 2006 an einer Londoner Uni angestellte Professor der Politischen Theorie dürfte manchen Leser*innen ein Begriff sein. Immerhin prägte Newman stark den Begriff des "Postanarchismus" mit seinen Arbeiten From Bakunin to Lacan. Anti-Authoritarianism and the Dislocation of Power (2001), über Max Stirner (2011), wie auch mit dem äußerst inspirierenden anarchistischen politischen Theorie in The Politics of Postanarchism (2010). ---- In Letzterem stellt er die interessante These auf, dass sich der klassische Anarchismus mit seiner Betonung von Ethik und Utopie bewusst nicht politisch organisiert und orientiert hätte, während der Postanarchismus darauf abziele, in das unauflösliche Spannungsfeld zwischen dieser Anti-Politik und dennoch notwendiger Politik hineinzugehen um neue Politiken der Autonomie zu entwickeln.
Newman hatte 2010 geschrieben, Po-
stanarchismus sei keine spezifische Form
oder Strömung des Anarchismus mit
neuen Programmen oder Richtlinien.
Noch nicht einmal sei er eine bestimmte
politische Theorie, sondern ein Projekt
um die anarchistische Politik zu erneu-
ern und zu radikalisieren. Dies sollte vor
allem durch die Dekonstruktion ver-
schiedener problematischer Annahmen
im klassischen (= modernen) Anarchis-
mus geschehen. 1 Beispielsweise sei "Ge-
sellschaft" keine natürliche oder gar organische Form des
Zusammenlebens, welche dem künstlichen Staat entgegen
gesetzt werden könne. Zu problematisieren sind so auch
weitere Annahmen der Aufklärung wie das teleologische
Geschichtsbild, die (bürgerliche) Vorstellung des "autono-
men" Subjektes oder auch die Universalität von Moral und
Vernunft. Schließlich kommt er zu dem Ergebnis: "Weil
Anarchismus in einem unerwarteten neuen Licht erscheint,
nämlich als Horizont von heutiger Politik, müssen wir sei-
ne klassischen Grundlagen auf Weisen überdenken, die
zugleich seinem wesentlichen Ethos von Freiheit, Gleich-
heit, Anti-Autoritarismus und Solidarität treu bleiben.
Mein Argument war, dass Anarchismus sich selbst etwas
Neues zu lehren hat. Anarchismus ist beseelt durch einen
lebendigen, atmenden 'Geist' der Anarchie, welcher seine
eigenen statischen Formen und fixierten
Identitäten stört. Postanarchismus ent-
hüllt diese freudvollen Moment von An-
archie innerhalb des Anarchismus und
nutzt sie darüber hinaus, um das Politi-
sche und das Ethische in neuen Wegen
zwischen den Zwillingspolen Politik und
Anti-Politik zu denken" . 2

Im aktuellen Buch mit dem schlichten
Titel Postanarchism 3 widmet sich New-
man nun vor allem dem "Geist der An-
archie", welcher jegliche
Festschreibungen aufbricht oder sich
ihnen entzieht. Es wird betont, dass Po-
stanarchismus eben keine politischen
Programme oder bestimmte anarchisti-
sche Organisationsformen entwickelt,
sondern sich vor allem damit beschäfti-
gen würde, wo Anarchie im Hier &
Jetzt vorkomme. Diese sei nicht als Er-
gebnis anarchistischer Kämpfe, sondern
gewissermaßen als Ausgangspunkt für
jene zu verstehen: Weil es einen Willen zur freiwilligen
Knechtschaft gibt, muss es potenziell auch immer Mög-
lichkeiten von "Freiheit", zur "Eigenheit" oder "Autono-
mie" geben. Wenn mit dem Postanarchismus keine
anarchistische Gesellschaft theoretisiert wird, sondern
vielmehr jene Praktiken der Freiheit untersucht werden,
die innerhalb des Bestehenden schon wesentliche Unter-
schiede machen (würden), wendet sich Newman von den

bedeutenden politischen Implikationen, die The Politics of
Postanarchism beinhaltete, offenbar teilweise wieder ab.
Freiheit und Autonomie auch zu einer Frage des Willens
zu erklären und dabei von Einzelnen auszugehen, ist eine
durchaus anarchistische Sichtweise. Diese sollte jedoch nie
eingenommen werden, ohne zugleich die materiellen und
sozialen Bedingungen in den Blick zu nehmen, auf wel-
chen individuelle Sehnsüchte nach Autorität, die eigene
psychische Verhaftung in Herrschaft und damit ebenfalls
die Chancen auf Distanzierung von Herrschaftsverhältnis-
sen sowie eine selbstbestimmte Lebensgestaltung beruhen.
Offenbar vollzieht Newman hier wieder eine Wende zu-
rück zu seiner individualanarchistischen Herkunft.
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[1]Newman, Saul, The Politics ofPostanarchism, Edinburgh 2010, S. 4f.
[2]Newman, Saul, The Politics ofPostanarchism, Edinburgh 2010, S. 182; alle Zitate aus eigener Übersetzung.
[3]Newman, Saul, Postanarchism, Cambridge 2016.Gai Dào
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Ontologische Anarchie

Am Beginn des Buches steht die "postmoderne" Annahme
vom Ende der Meta-Narrative 4 , also auch der Vorstellung
einer "staatenlosen Gesellschaft". Statt sich Anarchismus
als sozialrevolutionärer Bewegung zu widmen, geht New-
man dem Konzept einer ontologischen Anarchie nach.
Dies umfasst, dass Vorstellungen und Handlungen keine
"eigentlichen", ihnen "wesentlichen" Gründe und festge-
legten Ziele haben. Handlungen werden anarchisch , wenn
sie sich nicht in vorgefertigte Raster einfügen, was zu Er-
fahrungen der Freiheit und ethischen Reflexionen führen
kann, wenn wir gewissermaßen nie aufhören Fragen zu
stellen, anstatt immer schon die Antworten zu wissen.
Dies ist zunächst nachvollziehbar. Dennoch wird die Frage
aufgeworfen, warum das Fragen-Stellen dem experimen-
tellen Entwerfen von Alternativen im Wege stehen soll.
Betreibt Newman mit diesem Gedankengang nicht im
Grunde genommen eine Privatisierung von Anarchismus
als persönliche Denkweise und Haltung, also seine Verkür-
zung als philosophische Lebenseinstellung? Zentral am
Anarchismus ist für ihn " die Idee autonomen Denkens und
Handelns, welches die gegenwärtigen sozialen Räume in
diesem Sinne verändert, welches aber zugleich kontingent
und unbestimmt ist, indem es keinen vorbestimmten Logi-
ken und Zielen untergeordnet wird. Das heißt nicht, dass
Anarchismus keine ethischen Prinzipien haben oder von
bestimmten Idealen angeregt sein sollte - stattdessen sollte
er nicht und kann er sich vielleicht nicht länger als be-
stimmtes revolutionäres Programm oder politische Organi-
sation verstehen. Das bedeutet selbstverständlich nicht,
dass alle Projekte aufgegeben werden sollten, sondern viel-
mehr, dass es kein 'Projekt von Projekten' gibt, dass die an-
deren zusammenfasst " 5 . Newman geht darum mit Michel
Foucault von einer 'Non-Power', einer Nichtakzeptanz der
Macht aus, wobei ich mir nicht sicher bin, inwiefern er
damit die eigene politische Ohnmacht verklärt.

Singularitäten

Im zweiten Kapitel wird mit Singularitäten ein (poststruk-
turalistisches) Verständnis von Einzelnen entfaltet, wel-
ches der neoliberalen Regierung des Lebens widerstehen
können soll. Das Leben in seiner "nackten" Form sei unre-
gierbar und entzöge sich der Kontrolle, schreibt Newman
in Anlehnung an Giorgio Agamben. Er möchte Individuen
weder als Klassensubjekte, partikulare Identitäten (bürger-
licher Subjekte) oder einem (souveränen) Volk zugeordnet
denken. In Hinblick auf den Gebrach sozialer Medien ist
Newman dabei ziemlich kritisch, inwiefern sie echte Po-
tenziale für die Erzeugung anderer Menschen bieten. (Da-
zu passt, dass er an anderer Stelle bemerkt, um den
Kapitalismus zu überwinden, müssten wir uns auch von
unseren kapitalistischen Wünschen lossagen und ein ein-
facheres Leben wählen.) Die Klassendimension sei zwar
weiterhin vorhanden, doch von einem Klassenbewusstsein
zu sprechen, gehe an der Realität vorbei, in der Subjekte
disparat[= widersprüchlich], fragmentiert und heterogen
seien. Gleichzeitig wendet sich Newman gegen "Identi-
tätspolitik": " Im besten Fall wird Identitätspolitik eine gut-
artige Form von Liberalismus, besessen von der
Repräsentation immer weiterer partikularer und margina-
ler Identitäten - wie in LGBTQ. Im schlimmsten Fall führt
das Bestehen aufeine authentische Identität, das heißt, auf
eine konstant zum Opfer gemachten Identität, zu einer Po-
litik vergleichbar einer Form des Fundamentalismus. In je-
dem Fall erreichte diese Art von Politik von Repräsentation
und Anerkennung einen Punkt der Erschöpfung " 6 . Dage-
gen könnten radikale Kämpfe jedoch ebenfalls nicht mit
Mitteln populistischer Politik geführt werden, weil mit
dieser immer nach Führenden verlangt wird und sie zu-
mindest in der Gefahr stehen, rassistisch und nationalis-
tisch zu werden. Das Konzept von sozialen Singularitäten
beschreibt dagegen Menschen, die sich - in Auseinander-
setzung mit anderen - selbst begründen und gestalten und
dabei Gemeinschaften gründen, in denen verschiedene ko-
existieren können. 7 Dieses Konzept des Philosophen Jean-
Luc Nancy verbindet Newman nun mit jenem des "Einzi-
gen" von Max Stirner. Individualistisch von Einzelnen
auszugehen soll allerdings nicht dazu führen, dass diese
auf Andere keine Rücksicht nehmen oder sie mitdenken,
sondern freiwillige Assoziationen nach Affekten und An-
ziehung statt erzwungener Gemeinschaften ermöglichen.

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[4]Meta-Narrativ bedeutet "große Erzählung", also beispielsweise die Vorstellung, dass sich die ganze Gesellschaft (zwangsläufig oder durch
Kämpfe) zum Sozialismus hin entwickeln wird. Auch die kapitalistische Gesellschaft beruht aufso einer Erzählung, die allerdings lange behauptet
hat, "ideologiefrei" (und alternativenlos) zu sein. Seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2011 wird Kapitalismus zunehmend wieder als
Ideologie verstanden. Allerdings scheint die (umfassende und "realistische") Alternative zu ihm zu fehlen. Auch wenn Anarchie vor allem eine
praktische Angelegenheit ist, ist es wichtig, dass aus dem Anarchismus heraus neue Erzählungen entwickelt werden, wie und wohin die heutige
Gesellschaft grundlegend geändert werden kann.
[5]Ebd., S. 13.
[6]Ebd., S. 31.
[7]Siehe zu dieser Thematik auch: Kuhn, Gabriel, Jenseits von Staat und Individuum. Individualität und autonome Politik, Münster 2007
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Aufstand

Darauf aufbauend entwickelt Newman ein Konzept von
Aufstand ("insurrection"), welcher wie die Soziale Revolu-
tion darauf abzielt, soziale Beziehungen zu transformieren,
dabei aber im Unterschied zu dieser entscheidend von der
Selbst-Befreiung motiviert wird und somit auf Selbster-
mächtigung beruht. Ziel ist nicht die Errichtung einer neu-
en sozialen Ordnung, sondern die Entwicklung von
Autonomie, welche sozusagen erst im Moment des Auf-
stands entsteht bzw. sich weiterentwickelt. Der Aufstand
unterscheidet sich von den meisten politischen Handlun-
gen und ist " eine mikro-politische Transformation des
Selbst in seiner Beziehung zur Macht durch die wir befä-
higt werden, uns selbst aus dem System der Macht und un-
serer Abhängigkeit von ihr, sogar unserer Sehnsucht nach
ihr, herauswinden " 8 . Mit der Veränderung des Selbst liegt
sein Fokus auf der Veränderung der " unmittelbaren Bezie-
hungen zu Anderen und auf der Entwicklung von autono-
men Lebensweisen, die versuchen die Falle der Macht zu
vermeiden. Der Aufstand ist
der relationale Raum der
Freiheit, der geöffnet wird,
wenn wir unser Leben au-
ßerhalb jenes institutionellen
Rahmens und vorgeschriebe-
ner Ziele zurückfordern und
bestärken " 9 . Was die Einzel-
nen dabei aus der gewonne-
nen Freiheit machen, ist
ihnen selbst zu überlassen.
Das bedeutet umgekehrt
nicht, dass im Anarchismus
keine ethischen Maßstäbe
entstehen können. Dafür
zentral ist die präfigurative
Politik , das heißt, dass gegenwärtige Aufstände konkrete
neue Arten von Solidarität und in-Gemeinschaft-sein her-
vorbringen sollen.

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[8]Ebd., S. 54.
[9]Ebd., S. 56.
[10]Ebd., S. 79.
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Frage der Gewalt

Die (philosophische) Besprechung von Aufständigkeit
führt Newman unweigerlich zur Frage der Gewalt. Hierbei
bezieht er sich einerseits auf den Mythos des General-
streiks des umstrittenen George Sorel sowie Walter Benja-
mins "Kritik der Gewalt". Dazu stellt er dar, warum im
anarchistischem Denken von einem "sozialen Krieg" aus-
gegangen wird, den die herrschenden Klassen gegen die
Unterworfenen führen - auch wenn es darin Phasen einer
Befriedung gibt, die allerdings entscheidend durch Gewalt
durchgesetzt und aufrecht erhalten wird. Gezeigt wird,
dass Sorels militaristisch anmutende Beschreibungen von
Gewalt vor allem auf Ermächtigung abzielen und in die-
sem Sinne viel weniger gewaltsam sind, als das bestehende
System einerseits, aber auch politische Revolutionen ande-
rerseits. So ist die " Idee von Autonomie für den proletari-
schen Generalstreik zentral: Sie hat nichts damit zu tun,
mit dem System über bessere Bedingungen zu verhandeln,
vielmehr stellt sie eine vollständige Loslösung der Arbei-
ter*innen von Staat und Kapitalismus durch die Kultivie-
rung alternativer sozialer Praktiken, Subjektivitäten und
ethischen Beziehungen, dar " 10 . Benjamin denkt wiederum
vor, wie nach ethischen Richtlinien statt nach Gesetzen
gehandelt werden kann, die selbst durch Gewalt eingesetzt
und aufrechterhalten werden. Postanarchismus mit Nicht-
Gewalt gleichzusetzen wäre zu einfach. Die offensive The-
matisierung von Gewalt führe jedoch zu ihrer Transfor-
mation und Möglichkeiten zur gemeinsamen Setzung
ethischer Richtlinien statt moralischer Befehle und Geset-
ze.

Phänomen der freiwilligen Knechtschaft

Wie aber können Menschen
mit ihrer freiwilligen
Knechtschaft brechen? Zu-
nächst, indem sie sich von
der Herrschaft distanzieren
und vor allem selbst mit ih-
rer Sehnsucht nach Beherr-
schung/Herrschen
auseinandersetzen, die sich
in vielen Formen von Identi-
fikation, Passivität, konfor-
men Verhaltensweisen,
Verhaltens- und Kommuni-
kationsmustern widerspie-
gelt. Als erste Person scheint
Étienne de La Boétie das
Phänomen der freiwilligen Knechtschaft behandelt zu ha-
ben (1548). Die Frage, warum Menschen gehorchen und
sich selbst unterwerfen ist dabei ebenso einfach wie tat-
sächlich bis heute ungeklärt. Fest steht, dass sie nicht al-
lein passiv, vor allem aus Angst vor Bestrafung, oder
aufgrund eines "falschen Bewusstseins" geschieht, sondern
Menschen ihre Beherrschung immer wieder aktiv wählen
oder gar einfordern. Newman arbeitet heraus, dass La
Boétie drei Faktoren dazu ausmacht. Erstens, die Gewöh-
nung an die Knechtschaft und das "Vergessen" der Frei-
heit. Zweitens, die Verführungen und Verwirrungen mit
denen Herrschaft arbeitet, um uns mit Spektakel und Ri-
tualen irrezuführen. Drittens konstruiert Macht selber
hierarchische Beziehungen und Netzwerke der Abhängig-
keit von ihr, sodass unsere Unterordnung und unser Ge-
horsam durch jene abgesichert werden, welche in der
Hierarchie unmittelbar über uns stehen. 11 Der Knackpunkt
bei La Boétie ist, dass er davon ausgeht, dass alle Macht
von den Menschen selbst kommt, welche sie dem Tyrann
(oder anderen, auch symbolischen Herrschern) übertragen.
Wenn Herrscher aber aus sich selbst heraus keine wirkli-
che Macht haben, bedeutet dies, dass sie ihnen prinzipiell
verweigert werden kann. Selbstermächtigung führt dabei
automatisch zur Schwächung der Herrschaft, wenn sich
mit ihr nicht einfach in Opposition gestellt, sondern aus
dem Machtspiel tatsächlich ausgetreten wird. Im Unter-
schied zu den meisten (konservativen) Vorstellungen, dass
es Herrschaft bräuchte, die eine Ordnung der Freiheit er-
mögliche, kann von La Boétie daher abgeleitet werden,
dass "Freiheit" umgekehrt durch keine Herrschaftsordnung
erreicht werden kann. Praktiken und Beziehungen der
Freiheit sind dabei aber nicht einfach gegeben, sondern
fortwährend zu üben und weiterzuentwickeln.

Autonomie

Auf Grundlage der vorherigen Überlegungen zu Anarchie
als vorhandenen Praktiken und Beziehungen, zu Singulari-
täten, Aufstand und freiwilligen Ungehorsam thematisiert
Newman schließlich wie es möglich ist, außerhalb des Be-
stehenden zu denken. Erneut begreift er dabei Postanar-
chismus nicht als bestimmtes revolutionäres Projekt,
sondern als bestimmte Empfindsamkeit, Haltung oder Le-
bensweise aufgrund vorhandener Freiheiten. Unter Auto-
nomie wird allgemein Selbstregierung verstanden. Diese
will Newman allerdings deutlich von liberalen Vorstellung
von ihr unterschieden wissen, da beispielsweise Immanuel
Kant Gehorsam als Ausdruck vernünftigen Willens be-
greift und den Staat als Ergebnis einer universellen Moral
und Vernunft ansieht. Vor allem beruht sie auf der Idee
von einander abgeschnittener, konkurrierender "bürgerli-
cher" Individuen. Doch das Selbst " hat kein Wesen, son-
dern ist eine Abfolge von Werden, ein weiterführendes
Projekt der Selbstgestaltung ohne klares Ende oder Ziel
("telos"). Aus dieser Perspektive sollte Autonomie nicht als
Status gesehen werden, den jemand erreicht, sondern viel-
mehr als Reihe agonistischer[="kämpferischer"]Prakti-
ken, hervorgebracht im Kontext von Zwängen und
Begrenzungen, sowohl äußeren, als auch inneren " 12 . Unge-
horsam bedeutet demnach heute nicht nur bestimmte Ge-
setze zu übertreten, sondern verlangt andere
Lebensformen und Selbstwahrnehmungen. Wichtig ist Ne-
wman zudem, Autonomie und Demokratie voneinander
zu unterscheiden. Wenn sich Menschen egalitär und bei-
spielsweise basisdemokratisch organisieren, sei dies nicht
Voraussetzung für autonome Lebensformen, sondern um-
gekehrt Ausdruck dieser. Demokratie sei somit eine not-
wendige aber nicht ausreichende Bedingung für
Autonomie und nicht nur aufgrund von Mehrheitsprinzi-
pien zu kritisieren, sondern auch wegen Zwängen zur Un-
terordnung unter entfremdete, als allgemein behauptete,
Wertvorstellungen und Ideen. " Demokratische Souveräni-
tät und Autonomie sind daher zwei sehr unterschiedliche
Prinzipien: das erste ist kollektivistisch und absorbiert das
Individuum in einen gespenstigen Volkskörper, der dazu
tendiert eine Figur staatlicher Souveränität zu sein; das
zweite ist singulär und verkörpert die Möglichkeit ethi-
scher und politischer Differenz, die sich bisweilen gegen
den Willen von Leuten richten mag " 13 . Autonomie im hier
verstandenen Sinne ist also eine ethische Anfechtung von
Herrschaftsverhältnissen und wird durch (widersprüchli-
che) Versuche der Selbstorganisation verwirklicht. Deswe-
gen besteht für radikale Politik " heute die zentrale
Herausforderung nicht darin, bessere Prozeduren und
Kanäle für demokratische Beratung zu entwickeln; aus
Demokratie sollte kein Fetisch gemacht werden. Stattdes-
sen muss das Gemeinsame mit und durch die Einzelnen
gedacht werden, müssen Formen der Assoziation und Ge-
meinschaft gedacht werden, die singuläre Projekte der Ein-
zigkeit und ethischen Selbst-Transformation nicht
verdecken, sondern diese im Gegenteil intensivieren durch
ihre Unterschiedlichkeit.[...]Statt Versuchen ein Volk zu
konstruieren und die Staatsmacht zu übernehmen - ein
Projekt, das nur durch Vertreter*innen erreicht werden
kann, die darin enden 'das Volk' von seiner eigenen Macht
zu entfremden - bekräftigt radikale Politik heute eine sou-
veräne Indifferenz[=Gleichgültigkeit]gegenüber Macht " 14 .

Nach der Lektüre von Postanarchism bleibt der Eindruck,
ein kompliziertes, aber spannendes Buch gelesen zu haben.
Die Bekräftigung unserer Möglichkeiten anders zu han-
deln und anders zu werden, sind enorm wichtig unter Be-
dingungen, in denen Menschen permanent Ohnmacht
erfahren, sich hilflos fühlen und autoritäre Sehnsüchte
nach Beherrschung und Herrschaft sich nicht einfach
durch einen antiautoritären Stil aus der Welt schaffen las-
sen. Dennoch scheint es mir wie eingangs geschrieben
sehr wichtig, die sozialen Bedingungen, unter denen Prak-
tiken der Freiheit geübt werden können, zu benennen.
Dies tat Newman allerdings auch 15 Jahre zuvor nicht, wo
er schon die meisten der hier behandelten Fragen anfängt
zu diskutieren. 15 Hier bleibt eine Leerstelle auch wenn die
Überlegungen insgesamt sehr inspirierend sind. Nach die-
ser gründlichen Selbstkritik sollten Menschen meiner An-
sicht jedoch anschließend wieder anarchistische
Programme entwickeln und vorschlagen.
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[11]Ebd., S. 101f.
[12]Ebd., S. 124.
[13]Ebd., S. 101f.
[14]Ebd., S. 136f.
[15]Saul Newman, From Bakunin to Lacan. Anti-Authoritarism and the dislocation ofpower, Plymouth 2007[2001].
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