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(de) fda-ifa, Gai Dao #92 - Kapitalismus und falsche Bedürfnisse* Von: Ralf Burnicki

Date Mon, 3 Sep 2018 09:28:10 +0300


Während meiner Ausbildung zum Schlossergesellen fragte ich mich, warum ich mich unwohl
fühlte, obwohl mir der Umgang mit Eisen und Stahl und die Tätigkeiten als solche (Schleifen, Stanzen, Schweißen, Bohren) durchaus Freude machten. Freude machte mir, dass ich am Ende stets sehen konnte, was ich erreicht hatte, es gab ein klares Ergebnis, und ich hatte damit das Vorgegebene verändert. Gleichzeitig aber gingen mir der lange Arbeitstag, die körperliche Anstrengung, der Verlust an Lebenszeit von Montag bis Freitag (was die Hoffnung auf ein spannendes Leben aufs Wochenende verschob), der Leistungsdruck, die konkurrenzhafte Atmosphäre untereinander, die ständige Kontrolle von oben sowie die Monotonie der gleichförmigen Arbeit schwer aufs Gemüt.
Am Freitagnachmittag kam man nach Hause, völlig erle-
digt, und die Knochen taten so weh, dass man nicht wuss-
te, wohin damit. Das Wochenende war dann ganz und gar
nicht spannend, weil es vor allem der Notwendigkeit
diente, mich schnellstmöglich zu erholen, um Montag wie-
der fit zu sein für die Arbeitswoche. Als Ersatzmittel für
eine spannende Lebenszeit dienten die Angebote der Frei-
zeitindustrie: Anstelle eines freien Lebens ab in den Frei-
zeitpark, anstelle selbstbestimmter Kreativität ab ins Kino
und sich berauschen lassen, anstelle eines selbstorganisier-
ten Lebens was ‚Nettes' kaufen, um der Selbstbelohnung
und irgendeiner Identitätsstiftung willen dafür, dass man
eine ganze Woche geschuftet und sich in die bestehende
Ordnung eingefügt hatte.

Selbstverständlich waren damals nicht alle Wochenenden
so, selbstverständlich waren meine Erfahrungen nicht die
aller anderen Menschen, und selbstverständlich gibt es
auch durchaus interessante Arbeitsplätze, in denen man
sich mit seinen Fähigkeiten aufgehoben fühlt. Und doch
lässt es sich beim Kapitalismus insgesamt von einem
durchaus negativen Arbeitssystem reden, das bis heute
existiert und weiterexistieren wird, wenn wir nicht dage-
gen halten.

Eine kapitalistische Gesellschaft ist ökonomiezentrisch, ist
orientiert an der Maximierung von Profit, erzieht die ge-
sellschaftlichen Individuen zu Leistungsstreben und Kon-
kurrenzkampf um den Platz am Futtertrog, frei nach dem
Motto: Wer hat das schnellste Auto, die neueste Marken-
kleidung, die stilechteste Wohnung, wer hat in der Schule
die beste Note? Folgte man dem Sozialphilosophen Pau
Virilio, dann gleichen wir Projektilen, geschossen in die
Welt, immer unterwegs und in Eile auf dem Weg zu noch
mehr Produktivität, - der Ideologie des Höher, Schneller
und Weiter entsprechend. Mit der Leistungsgesellschaft
entstehen zugleich Zukunftsängste, ökonomisch (und das
meint zugleich gesellschaftlich) nicht mithalten zu können.
Auf der anderen Seite verspricht die Gesellschaft immer
neue Entlohnungen für nicht gelebtes Leben, und zwar
durch Konsum jener Güter, die der Kapitalismus produ-
ziert. Kaufe, kaufe, kaufe! So halten wir das System am Le-
ben.
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[*]Der Text wurde als Rede gehalten bei einer Kundgebung zum 1. Mai 2018 aufdem Rathausplatz in Bünde bei Herford. Literaturhinweis: Herbert
Marcuse, Der eindimensionale Mensch, Darmstadt 1979 (letzte Wiederauflage 2014)
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Folgen wir Herbert Marcuse, einem Sozialphilosophen in
der Tradition der sogenannten Kritischen Theorie, dann er-
zeugt der Kapitalismus über seine Konsumindustrie " Eu-
phorie im Unglück". Denn der Leistungsdruck der
Arbeitswelt verlange nach einem psychischen (glücklich
machenden) Ausgleich, und diesen erhalten wir über den
Kauf von Konsumgütern. Kauf dich glücklich, heißt das
Programm. Ein Widersinn in sich, denn um kaufen zu kön-
nen, muss sich das Subjekt den strikten Bedingungen der
Produktion unterwerfen, körperliche und geistige Erschöp-
fung erdulden und stets leistungsfähig sein. Das Schein-
glück wird mit dem Unglück des Alltags erkauft.

Eben das meint Herbert Marcuse, wenn er zwischen "wah-
ren" und "falschen" Bedürfnissen unterscheidet. Falsche
Bedürfnisse seien solche, die keinem Grundbedürfnis oder
sachlichen Zwecken (also "wahren Bedürfnissen") ent-
springen, sondern etwas Außenstehendes (als Lebenser-
satz) ins Spiel bringen, z.B. ein mit einem Produkt
verbundenes "Image", das man mit dem Kauf eines Produk-
tes erwirbt, - eine Art Selbstaufwertung , die nach außen
projiziert wird und signalisieren soll, dass wir etwas ‚Be-
sonderes' seien, also zu den ‚ Gewinner*innen' gehören.
Solche Bedürfnisse seien durch Reklame erzeugt, um den
Kreislauf der Wirtschaft zu erhalten, sie haben nichts mit
einem glücklichen Leben zu tun, und ihre Verfallszeit ist
kurz, damit ein neuer Kaufwunsch entsteht, der die Wirt-
schaft wiederum ankurbelt.

Marcuse konstatiert, wir seien schon vor dem Eintritt in
die Sphäre der Konsumindustrie auf Empfang präpariert
(wir seien "präparierte Empfänger"). Weil wir von klein auf
lernen, dass unsere Bedürfnisse von außen organisiert und
bestimmt werden, z.B. sollen wir im Kindergarten zu einer
vorgegebenen Zeit essen, in der Schule zu einer vorgegebe-
nen Zeit Pause machen usw.. Wir lernen dabei, dass die
Gesellschaft uns prägt und nicht wir die Gesellschaft. Und
so wie wir gelernt haben, dass ein Pausenzeichen bedeutet,
jetzt Bedürfnisse zu befriedigen, so wirkt Reklame als Pau-
senzeichen des Arbeitslebens: Jetzt dürfen wir konsumie-
ren, jetzt ist Zeit, Freizeit, Zeit für Glück. Das alles führe
den Menschen laut Marcuse jedoch nicht zu einer selbst-
ständigen Persönlichkeit, sondern zur Anpassung, selbst
dann, wenn wir uns noch so oft "Individuum" nennen.

Wie sind angesichts dessen, gewerkschaftliche Forderun-
gen nach mehr Lohn einzuschätzen? Sicherlich (unter den
gegenwärtigen Bedingungen) auch nach Marcuse als be-
deutsame Forderung, um die Versorgung der Menschen zu
gewährleisten, dabei ginge es um die aus seiner Sicht " ech-
ten" Bedürfnisse. Mehr Lohn bildet einen Ausgleich zu In-
flation und laufenden Kosten. Aber es kann nicht darum
gehen, kapitalistischen Konsum zu steigern, denn - so
Marcuse - der ist eben nur Euphorie im Unglück. Wir kön-
nen daher als gewerkschaftlich orientierte und als politi-
sche Menschen keineswegs bei einer Forderung nach mehr
Lohn stehen bleiben. Denn es geht ums Ganze.

Es geht um das Ziel eines selbstbestimmten Lebens, um
die Zurückweisung einer ökonomiezentrischen und oft
hierarchischen Lebenswelt. Deshalb spricht sich Marcuse
aus für ein direktdemokratisches Modell von Gesellschaft,
in welchem der Mensch die Sphäre der Wirtschaft be-
stimmt und nicht umgekehrt die Wirtschaft die Sphäre des
Menschlichen.

Richtig sei es, wenn nicht die Gesellschaft uns prägt, son-
dern die Menschen die Gesellschaft. Dieses Umkehrungs-
konzept könnte im Übrigen für alle Lebensbereiche gelten,
also in den Bereichen der Bildung, des Städte- und Woh-
nungsbaus, der Institutionsorganisation usf., und eigent-
lich ergäbe sich hierdurch eine Umwälzung in eine
womöglich herrschaftsfreie Gesellschaft. Die gegenwärtige
Ökonomie hingegen forciert Unglück und Futterneid, weil
sie davon lebt. Aber wie hält man dagegen? Indem wir das
kritische Bewusstsein stärken und uns zusammentun, um
gemeinschaftlich die Richtung zu ändern. Stehen wir zu-
sammen, ändern wir die Welt. Gründen wir Genossen-
schaften, Arbeiter*innen-Selbstverwaltung und
selbstbestimmte Institutionen. Kapitalismus abschaffen.
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