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(de) fda-ifa: Gai Dao #92 - Interview mit einem Mitglied der anarchistischen Union Afghanistan und Iran -- Interview von: alasbarricadas.org (Spanien)

Date Tue, 21 Aug 2018 06:21:47 +0300


Wo lebt ihr? Lebt ihr alle im Ausland oder leben auch einige von euch in Afghanistan oder dem Iran? ---- Circa zwei Drittel unserer Mitglieder leben im Iran & in Afghanistan und circa ein Drittel lebt im Ausland. Mehr als die Hälfte aller Mitglieder haben wir im Iran. Unsere Mitglieder im Ausland leben überwiegend in Europa, Kanada und den Vereinigten Staaten, einige wurden in diesen Ländern geboren und sind auch dort aufgewachsen. In Fällen der Aufnahme neuer Mitglieder sollte angemerkt werden, dass die übergroße Mehrheit aus Afghanistan und dem Iran kommt und ihre Anzahl wächst schnell. ---- Was sind die schlimmsten Aspekte der politischen Situation in euren Ländern? ----Das schlimmste politische Problem in Afghanistan ist, dass die Regierung ein Instrument der Weltmächte ist. Unser Kampf richtet sich nicht nur gegen die afghanische Regierung und ihre
Politik, ein fundamentales Problem sind die
großen Mächte wie die USA: Die afghanische Regierung
ist momentan ein Werkzeug der Vereinigten Staaten. Inter-
nationale Institutionen hier haben administrative Abtei-
lungen, deren Funktion es ist, sich mit kolonialen
Angelegenheiten zu befassen. Diese Aktivitäten führen zu
nichts außer einer radikaleren Ausbeutung Afghanistans.
Beispielsweise tut die Kommission für Menschenrechte
nichts Weiteres, als Statistiken über gewalttätige Vorfälle
zu führen, aber fordert niemals eine Veränderung der
staatlichen Politik betreffend den Schutz der Menschen-
rechte von Frauen und Kindern ein.

Im Iran ist der schlimmste Aspekt der politischen Situation
die gewaltsame Unterdrückung jedweder Opposition -
auch bürgerrechtlicher, ökonomischer oder gewerkschaft-
licher Art - so dass jeder Weg hin zu Reformen blockiert
ist. Das Regime akzeptiert nicht, dass es falsch liegt, sogar
in Umweltfragen, wo die Politik der Regierung Dürren
und den Tod zahlreicher Wildtiere verursacht hat. Die
Antwort auf den kleinsten Protest auf der Straße sind Ver-
letzungen, Hinrichtungen oder langjährige Gefängnisstra-
fen, so exzessiv angewendet, dass der Iran den ersten Platz
der Liste der Länder mit den meisten politischen Gefangen
belegt. Die Repression gegenüber Journalist*innen, Künst-
ler*innen, Wissenschaftler*innen, Student*innen,
Lehrer*innen, Akademiker*innen, Frauen- & Kin-
derrechts-Aktivist*innen, Arbeiter-, Umwelt-,
Menschenrechts-Aktivist*innen, religiösen und
ethnischen Minderheiten, Atheist*innen, LGBTQ+
und Anderen ist im Iran schrecklich hoch und
steigt stetig an. Das brutale Agieren des Regimes
hat eine Revolution unvermeidlich gemacht.

Das Bild, welches wir in Europa vom Leben in
euren Ländern haben ist durch die Medien
vermittelt, im besten Fall durch Filme oder
Comics wie Persepolis. Welche falschen An-
nahmen haben Leute aus dem Westen über
das Leben und die Politik in euren Ländern?
Das Bild, welches im Westen über unser Leben in Afgha-
nistan existiert, ist durch einen kolonialen Blick bestimmt.
Zum Beispiel sehen sie uns als Dritte-Welt-Land und stel-
len sich vor, dass wir auf ihr Mitleid angewiesen sind. Die-
ser Eindruck hat es ihnen möglich gemacht ihr schlechtes
Gewissen durch die finanzielle Unterstützung, welche sie
uns zukommen lassen, zu beruhigen und sie müssen nicht
weiter über die politische Situation nachdenken. Faktisch
sind diese karitativen Akte nur ein Weg, um ihr eigenes
Selbstwertgefühl zu steigern.

Ich denke im Iran ist das größte Problem, welches wir mit
Aktivist*innen aus dem Westen haben, ihr Fanatismus, mit
dem sie den Islam verteidigen (der Begriff der "Islamopho-
bie", der durch die Islamische Republik in Umlauf gebracht
wurde, hat sich für sie ausgezahlt). In meinem Land wirft
der Islam-Faschismus, wie der Nazi-Faschismus zu seiner
Zeit in Deutschland, seinen Schatten auf Alles und führt
zu rassistischer und sexistischer Diskriminierung. Die
Antwort des Regimes auf jeden Protest oder Widerspruch

ist, dass diese protestierenden Menschen ihr Lebensrecht
verwirkt haben, weil sie in Opposition zum Islam stehen.
Natürlich basiert die Verteidigung des Islams durch westli-
che Aktivist*innen nicht auf einem positiven Bezug zum
Islam, sondern auf einer Verteidigung der Meinungsfrei-
heit. Gegenwärtig ist der Islam in unserem Land aber ver-
gleichbar mit dem Christentum des europäischen
Mittelalters und es gibt ein drängendes Bedürfnis, den Is-
lam vom Zentrum der Macht zu entfernen, um ein radikal
humanistisches & säkular-politisches System zu etablieren.

Wie wurdet ihr zu Anarchist*innen? Welchen Zugang
gibt es in Afghanistan und dem Iran zu anarchisti-
schen Ideen?

Im Iran ist die traditionelle Linke - Kommunisten und So-
zialisten - schon seit vielen Jahren bekannt und aktiv. Ak-
tuell sind die Theokraten an der Macht, davor - also vor
der islamischen Revolution - waren die Nationalisten und
Monarchisten an der Macht. Dementsprechend sind wir
vertraut mit den Methoden und dem Verhalten all dieser
politischen Richtungen und wir haben schnell realisiert,
dass all diese Richtungen allein nach der Macht streben
und gegen die Interessen der Bevölkerung handeln. Durch
das Studium der westlichen Geschichte & der westlichen
Philosophie, stießen wir auf den Anarchismus und erkann-
ten, dass im Iran eine anarchistische Gesellschaft die einzi-
ge menschliche Alternative ist. Weil es in ihr keine
Konzentration der Macht gibt, gibt es keine Möglichkeit
zur Korruption und keine Möglichkeit zur Ausbeutung der
Bevölkerung. Und selbstverständlich wurden wir Anar-
chist*innen aufgrund unserer Hoffnung in die Zukunft der
Menschheit.

Wie kommunizieren und arbeiten die Gruppen in eu-ren Ländern?

Aus Sicherheitsgründen können wir nicht über die Kom-
munikation zwischen unseren Militanten sprechen, aber
ich kann sagen, dass unsere Mitglieder - Männer wie Frau-
en - in fast jedem Teil des Irans leben und diese Militanten
aktiv in allen populären Kämpfen gegen das Islamische Re-
gime beteiligt sind. Ich kann nur noch auf Soheil Arabi,
einen sehr bekannten anarchistischen Gefangenen, hinwei-
sen.

Wie ist eure Analyse der Ereignisse des arabischen Frühlings?

Meiner Meinung nach war der arabische Frühling eine po-
puläre Revolution gegen die islamischen Regime, welche
nicht in der Lage waren die Bedürfnisse der Menschen zu
erfüllen. Und die Revolutionen hätten die ganze Region in
Brand gesetzt, wenn nicht westliche und regionale impe-
rialistische Mächte interveniert hätten. Die Revolution in
Syrien ist zu einem Krieg geworden, in dem islamische Fa-

schisten - wie die Islamische Republik, die Türkei und
Saudi Arabien - genau so wie Imperialisten - wie die Ver-
einigten Staaten und Russland - eine Hölle aus dem Land
gemacht haben. So dass sich die Menschen im Rest der Re-
gion jetzt mit Marionettenregierungen und autoritären
Staaten zufrieden geben. Das einzige Land, wo die populä-
re Revolution fast ohne ausländische Einmischung etwas
erreicht hat, ist Tunesien, in den anderen Ländern waren
es die ausländischen Interventionen welche die Revolutio-
nen beendeten. Nun haben allerorten andere Marionetten-
regierungen die Plätze ihrer Vorgängers eingenommen
oder - der schlimmste Fall - es gibt einen schrecklichen
Bürgerkrieg wie in Syrien.

Was denkt ihr über den demokratischen Konfödera-
lismus der kurdischen Bewegung?

Aus unserer Perspektive ist dieses System - welches ge-
genwärtig noch am Anfang steht - ein praktikabler Weg
eine anarchistische Gesellschaft zu erreichen. Ob schlus-
sendlich dieses Ziel erreicht wird oder nicht, hängt von ei-
ner Vielzahl an Dingen ab, beispielsweise vom Agieren der
angrenzenden faschistischen und islamischen Regime.
Aber als ein Versuch des Übergangs in eine anarchistische
Gesellschaft ist es ein pragmatisches und akzeptables Sys-
tem für uns.

Ihr ruft zum Sturz des iranischen Regimes auf. Habt
ihr keine Angst, dass eine Destabilisierung der Regi-
on den USA einen Vorwand liefert einen Militärein-
satz gegen den Iran zu rechtfertigen, so wie in
Afghanistan, Lybien und Syrien?

Die Amerikaner brauchen keinen Vorwand. Dieser impe-
rialistische Staat agiert mit seinen Streitkräften schon seit
vielen Jahren in anderen Ländern. Ich muss hierzu sagen,
dass die Menschen, welche in der Hölle der Islamischen
Republik gefangen sind - der Hölle der Armut, der Prosti-
tution, der Kriegslust, der Zerstörung der Umwelt - nichts
zu verlieren haben und die Angst vor Amerika bedeutet uns nichts.

Was können wir aus dem Westen machen, um die Menschen in euren Ländern zu unterstützen?

Wir brauchen euch Aktivist*innen aus dem Westen, um
echte Militante zu unterstützen und um den Menschen in
euren Ländern klar zu machen, dass sie nicht andauernd
den Islam verteidigen sollen. Aktuell müssen wir an zwei
Fronten kämpfen: Auf der einen Seite gegen die Islamische
Republik und auf der anderen Seite gegen Vorstellungen
im Westen, dass der Islam etwas Gutes sei bis hin zur Ver-
teidigung islamistischer Kämpfer. Unglücklicherweise ver-
teidigen sogar Leute wie Noam Chomsky die Politik der
Islamischen Republik und zwar aus dem Grund, dass der
Iran nicht Amerikas Vasall werden soll. Faktisch bedeutet
dies, dass diese westlichen Aktivist*innen aufgrund ihrer
Opposition zur imperialistischen Politik Amerikas gewillt
sind, das Leiden heutiger anarchistischer Militanter im Iran zu ignorieren.

Gibt es etwas anderes was ihr gerne noch ergänzen würdet?

Schlussendlich sollte ergänzt werden, dass der Anarchis-
mus im Iran großes Potential hat und als eine starke, junge
und kraftvolle Macht betrachtet werden sollte. Gerade
jetzt, da die Lebensbedingungen der Menschen im Iran
sehr schwierig sind, wirkt eine starke Unterstützung des
Kampfes dieser Menschen und der iranischen Anar-
chist*innen durch Anarchist*innen aus anderen Ländern
als sehr gute Ermutigung und hebt die Moral der Militan-
ten gegen die islamische Republik Iran. Das Gefühl, dass
wir im Iran nicht alleine sind und unsere Brüder und
Schwestern in anderen Teilen der Welt uns unterstützen,
hebt unsere Moral und wird einen positiven Einfluss auf
die Qualität unserer Kämpfe haben. Der internationale
Anarchismus kann, so wie er auch Rojava beeinflusst hat,
dasselbe auch im Iran tun. Anarchist*innen erkennen
Grenzen nicht an und wo auch immer es Unterdrückung
gibt, werden sie kämpfen. Als ein kleiner Teil der anar-
chistischen Bewegung im Iran laden wir unsere Schwes-
tern und Brüder dazu ein, an unserer Seite für die
Befreiung und gegen einen der korruptesten und blutigs-
ten Staaten weltweit zu kämpfen.

Es lebe die Union, es lebe die Freiheit, es lebe die Anarchie!

Anarchistische Union Afghanistan und Iran, 1. Juni 2018
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