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(de) FDA-IFA, Gai Dao N°89 ­ Mai 2018 - „We don‘t feel shame to be anarchist“ - Anarchistische Bewegungen in Kuba. Teil II Von: Andreas Gautsch

Date Mon, 11 Jun 2018 08:00:42 +0300


Der folgende Artikel beruht auf einem Gespräch mit Aktivisten der Gruppe Taller Libertario Alfredo López (libertärer Arbeitskreis Alfredo López) im Jänner 2017 und einer Literarturrecherche. ---- Observatorio Critico und der libertäre Frühling ---- Dass es heute wieder eine anarchistische Gruppe in Kuba gibt, ist gewissermaßen dem kubanischen Kulturministerium zu verdanken. Dieses initiierte in den Jahren 2003 und 2004 ein Social-Science-Event, an dem verschiedenste Forscher*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen der Insel teilnahmen, um über die aktuelle Situation in dem Land und zu Themen wie Bildung, Umweltschutz und Gender zu diskutieren. Die Auseinandersetzungen wurden Jahr für Jahr kritischer und es entwickelte sich ein Netzwerk, das die gegenseitige Wahrnehmung und Unterstützung bestärkte.

Die Teilnehmer*innen hatten nicht nur Ideen, sondern
arbeiteten bereits an ihren spezifischen Projekten. In ei-
nem ging es beispielsweise darum, Spiele für Kinder zu entwickeln,
die nicht auf Konkurrenz und Wettkampf beruhen und
gemeinsam von Alt und Jung gespielt werden können,
sodass in einem Viertel schließlich eine Generation von
Kindern mit diesen Spielen aufwuchs.
Die gegenseitige Hilfe ist deshalb auch notwendig und
wichtig, da diese Projekte keine finanziellen Unterstüt-
zungen erhielten und allein durch die Kraft und Energie
der Leute verwirklicht wurden.

Die Plattform Observatorio Critico war eine ambivalente
Einrichtung. Sie wurde von staatlichen Stellen gestützt,
gefördert, aber auch kontrolliert, sie funktionierte
nichtsdestotrotz auf eine antiautoritäre Weise und gab
die Handlungsmacht in die Hände der Akteur*innen. Sie
war ein Laboratorium und für einige der Anstoß, weiter
in Richtung Anarchismus zu gehen.
Im Jahre 2010 erklärte das Kulturministerium die Platt-
form für „alt genug“, um auf eigenen Beinen zu stehen
und wünschte ihr alles Gute auf der weiteren Reise. Am
1. Mai in diesem Jahr traten Aktivist*innen von Obersav-
torio Critico auch auf der staatlichen 1. Mai Demonstra-
tion in Erscheinung. Auf einem Transparent prangte ein
großes “@” um auf die Notwendigkeit der freien digita-
len Vernetzung und der Kommunikationsmöglichkeiten
mit Menschen auf der ganzen Welt anzuspielen (Internet
und Kuba war und ist immer noch ein sehr spezielles
und schwieriges Thema), auf einem weiteren Transpa-
rent stand der Slogan: „Sozialismus ist Demokratie, Pfeif
auf die Bürokratie!“ (Dimitri Prieto-Samsonov, 2010)
Dieser kleine Auftritt wurde von der kommunistischen
Partei nicht gut aufgenommen und hatte für einige Akti-
vist*innen einen näheren Kontakt mit der Staatspolizei
und Hausarrest bei den kommenden 1. Mai Manifestatio-
nen zur Folge.

Zur selben Zeit setzte sich ein weiterer Prozess
in Gang, den einer der Gruppe im Gespräch folgendermaßen erklärte:
„We don‘t feel shame to be anarchist.“ Sie begannen, ihre Vorstellungen und
Ideen in anarchistische Kon texte zu setzen und be gannen, in den
Geschichtsbüchern und Archiven zu wühlen. Denn der Anarchismus hatte auf Kuba
eine lange Tradition und Geschichte, die durch die auto-
ritäre Machtübernahme von Fidel Castro und der
kommunistischen Partei nach der Revolution 1959 ab-
rupt abgeschnitten wurde.

Dies markierte den Beginn der Gruppe „Taller Libertario
Alfredo López“. Sie begannen sich regelmäßig zu treffen,
stellten Informationsmaterialien zusammen, diskutierten
viel und setzten ihre Recherchen fort. Neben den histori-
schen Entdeckungen und Aufarbeitungen waren es die
Auseinandersetzungen mit den Entwicklungen in ande-
ren Ländern wie China, Venezuela und vor allem Grie-
chenland und den anarchistischen Bewegungen dort.
Wichtig war ihnen, in einen Dialog mit anderen Anar-
chist*innen zu treten und inhaltliche Diskussionen zu
führen, aber auch aktivistische Aktionen auf der Straße
zu organisieren.

Eine der ersten Aktionen bezog sich auf Alfredo López,
nach dem sie sich benannten. Er war ein bedeutender
Anarchist der 1920er Jahre und Gründer der ersten natio-
nalen Arbeiter*innenföderation in Kuba. Er wird von der
kommunistischen Partei zwar in die Annalen der frühen
Gewerkschaftsbewegung eingereiht, jedoch ohne den
Verweis darauf, dass er Anarchist war. Im zweiten Teil
des Artikels werde ich etwas genauer auf die Geschichte
des Anarchismus in Kuba eingehen.
Am Todestag von Alfredo López befestigten die Akti-
vist*innen ein Bild von ihm auf der Mauer des Hauses,
wo er einst lebte und in dem sich mittlerweile ein Le-
bensmittelladen befand. Sie redeten mit den Leuten, auch
mit dem Ladenbetreiber, der irritiert war von ihrer Akti-
on, schließlich war er der lokale Repräsentant der
kommunistischen Partei.

Nach den ersten Versuchen im Jahr 2010 begannen sie im
Jahr 2013, in Anlehnung an die Zeitung Tierra! der 20er
Jahre, die Zeitung Tierra Nueva herauszubringen. Auf-
grund des Mangels an Materialien und Geld erscheint sie
seitdem zwar regelmäßig, aber in niedriger Auflage und
wird im kleinen Kreis verteilt und weitergegeben. Im
Folgejahr fand die Aktionsreihe „Primavera Libertaria“
(Libertärer Frühling) statt. Dutzende Aktivist*innen (aus
Chile, USA, Deutschland und natürlich auch aus Kuba)
nahmen an den breit gefächerten Workshops und Dis-
kussionveranstaltungen teil, sie befassten sich dabei mit
Themen wie „Anarchismus in Kuba”, „Nahrung aus Per-
makultur”, „Was hat Anarchismus für die Kunst getan
und was die Kunst für den Anarchismus?“, „Erinnerung
an eine andere kubanische Gewerkschaft”. Zum Ab-
schluss gab es auch eine Radtour „Durch das anarchis-
tische Havanna“. In dem regimekritischen Blog „Havana
Times“, in dem immer wieder Artikel von Anarchist*in-
nen veröffentlicht werden, wird folgende Aussage von
Mario Castillo, einem der Organisatoren, zitiert:

„We want to recover a view of life which has been lost in
Cuba, a way of relating to others, of organizing oursel-
ves, which had a fair degree of significance in the first
decades of the 20th century, within the workers’ move-
ment and in other social sectors.” (...)
“In addition, and this may be the most important thing,
we are trying to offer a practical existential alternative to
the cultural desert we are faced with today, and in re-
sponse to the State’s constant process of expansion wi-
thin the sphere of culture and human relations.” (Isbel
Diaz Torres, 2014)
„Primavera Libertaria“ fand auch in den darauffolgenden
Jahren 2015 und 2016 statt und soll nach einer einjähri-
gen Pause wieder im Frühling 2018 veranstaltet werden.
Im Jahr 2015 kam es zu einer überregionalen Vernetzung,
so wurde die anarchistische Föderation Zentralamerikas
und der Karibik gegründet. Der Gründungskonvent wur-
de in Santiago de los Caballeros (Dominikanischen Re-
publik) abgehalten, als Gastgeber trat die Gruppe
Kiskeya Libertaria hervor. Daran teil nahmen neben der
kubanischen Alfredo López Gruppe Aktivist*innen aus
den USA (u.a. der Black Rose Federation), von der klei-
nen und zu den Niederlanden gehörenden Karibikinsel
Bonaire und aus den beiden mittelamerikanischen Staa-
ten El Salvador und Puerto Rico. Ein zukünftiges Treffen
in Havanna steht in Aussicht, denn hier hatte sich zu Be-
ginn dieses Jahres etwas verändert.

Ein anarchistisches soziales Zentrum in Ha-
vanna

Dass Aktivismus in Kuba anders aussieht als in den USA
oder Europa hat mit den Rahmenbedingungen zu tun.
Politische Demonstrationen, die sich gegen den Staat
und Partei richten, sind nicht erlaubt und vor allem ge-
fährlich. Ein publizistischer öffentlicher Auftritt, soweit
erlaubt, ist aufgrund der geringen materiellen und fi-
nanziellen Möglichkeiten schwierig. Selbst eine stabile
Gruppe aufrecht zu erhalten ist eine Herausforderung,
da einige der Aktivist*innen sich entweder nur temporär
in Kuba aufgehalten oder das Land inzwischen ganz ver-
lassen haben. Denn das Leben bzw. Überleben ist
schwierig, die Aussichten sind nicht rosig, auch wenn
man kein*e Anarchist*in ist. Durch schrittweise Öffnung
der Insel für die private Wirtschaft und die Forcierung
privater Unternehmen geht auch hier die soziale Schere
immer weiter auseinander. Die Löhne in den staatlichen
Betrieben, wie auch in der Verwaltung, den Bildungs-
und Erziehungseinrichtungen sind gering und reichen
nicht fürs Überleben. Die Preise in den Läden und auf
den verschiedenen Märkten steigen rasant.

Sich deshalb als Teil einer größeren antikapitalistischen
Bewegung zu sehen und Brücken zu anderen, auch neo-
marxistischen Gruppen zu schlagen, ist für die Gruppe
Alfredo López wichtig. Weitere Aktivitäten und Verbin-
dungen gibt es in und zu der LGBT-Bewegung. Einer der
Gruppe, der auch in einer antikapitalistischen LGBT-
Gruppe aktiv ist, erzählte in dem Gespräch: „Die Leute
fragten uns, warum antikapitalistisch? Du bist doch nur
schwul!“ Wir sagten: „Nein, nein, wir verstehen die Dis-
kriminierung aufgrund von Geschlecht und sexueller
Orientierung nicht isoliert von den anderen Kämpfen.
Die gehören dazu, denn es ist nicht dasselbe, ein weißer
schwuler Mann oder eine schwarze lesbische Frau zu
sein. Die haben unterschiedliche Positionen und soziale
Stellungen.“ Obwohl Homosexualität in Kuba mittlerwei-
le akzeptiert wird, und sich Mariela Castro, die Tochter
des amtierenden Staatschefs Raul, für die Rechte von
LGBT-Personen engagiert, kommt es immer noch zu
gewalttätigen Polizeiübergriffen. Einer der Aktivist*in-
nen bekam 2015 bei einer Gay Parade, bei der er ein
Transparent „Gegen Polizeigewalt“ mit sich führte, ge-
nau diese zu spüren.

Trotz der ökonomischen und personellen Schwierigkei-
ten entschloss sich der Arbeitskreis ein soziales
Zentrum aufzubauen, um einen politischen
Raum für Austausch und Treffen zu
schaffen, sich zu verorten und dadurch ak-
tiv auf eine bestimmte Umgebung ein-
wirken zu können. Die Erfahrungen aus
anderen Ländern (z.B in Spanien
und Deutschland) bestärkten
die Aktivist*innen in dieser
Idee. Die Crowdfunding-
Kampagne, die für den Kauf eines Hauses lanciert wurde,
war binnen Wochen erfolgreich. Das Haus wurde ge-
kauft, renoviert und beherbergt nun unter anderem ein
Büro, eine anarchistische Bibliothek und eine Terrasse,
die sich auch für Treffen eignet. Eröffnet wurde das erste
soziale und vor allem anarchistische Zentrum in Havan-
na Ende Februar 2018.

Ziel ist es, mit Bewohner*innen des Viertels Lawton in
Kontakt zu treten und zu zeigen, dass es in ihrer Hand
liegt, die Wirklichkeit zu ändern und zu transformieren.
„Wir wollen soziales Vertrauen aufbauen, das es für eine
Gemeinschaft braucht, und die Idee von Autonomie ver-
breiten.“
Denn im Staatssozialismus wurden Eigeninitiativen und
kleine Kooperationen zum Erliegen gebracht. Die Dinge
selbst in die Hand nehmen und verändern, das möchte
die Gruppe vorleben und Strukturen der gegenseitigen
Hilfe im Viertel initiieren.

Zur Geschichte des Anarchismus in Kuba

Es gibt dazu einige umfangreiche Arbeiten wie das Buch
„Leuchtfeuer in der Karibik“ von Sam Dolgoff, oder das
Buch des Exilkubaners Frank Fernández „Anarchismus in
Kuba“. Einen guten Überblick liefert auch der Wikipe-
diaeintrag zu „Anarchismus in Kuba“.
Im Folgenden soll kurz auf die 1920er Jahre und die Re-
volution 1959 eingegangen werden.

Die Diktaturen und die anarchistische Bewegung ab
den 1920er Jahren

Die anarchistische Bewegung existierte bereits vor den
20er Jahren und sie war wie in den meisten lateinameri-
kanischen Ländern stark vom Anarchosyndikalismus ge-
prägt. 1924 wurde in einem groß angelegten Kongress
die „Federación de Grupos Anarquistas de Cuba“ ge-
gründet. Die verschiedenen kleinen, lokalen anarchis-
tischen Zeitungen schlossen sich zu der bereits
existierenden Zeitung Tierra! zusammen. Die populäre
Zeitung sollte bis in die späten 30er Jahre erscheinen und
war das Vorbild für die aktuelle Nueva Tierra.

Im selben Jahr wurde im Rahmen eines weiteren Kon-
gresses die „Confederación Nacional Obrera de Cuba“
(CNOC), eine nationale Föderation gegründet, in der alle
Vereinigungen, Bruderschaften, Innungen und Arbei-
ter*innenvereinigungen umfasst wurden und die 128 Or-
ganisationen mit insgesamt 200.000 Arbeiter*innen
vereinigte. Die CNOC existierte bis 1939, sie war die
Gewerkschaftsvereinigung des Landes und zu Beginn
stark vom Anarchosyndikalismus geprägt, jedoch waren
auch sozialistische und kommunistische Gruppen darin
aktiv. „In den Gesetzen des Kongresses, der den CNOC
schuf, waren die wichtigsten Übereinstimmungen die
kollektive Verweigerung des Parlamentarismus, die For-
derung nach dem Acht-Stunden Tag und keine Bürokra-
tie sollte die gerade geschaffene Organisation
zerschlagen“ (Frank Fernández, 2005)

Generalsekretär der CNOC wurde der Schriftsetzer und
Anarchist Alfredo López. Ein paar Tage später wurde auf
der Universität in Havanna von einer kleinen Gruppe
von 10 Personen die kommunistische Partei gegründet.
Im Mai 1925 wurde General Machado Präsident von Ku-
ba und setzte auf Repression gegen die erstarkende Ar-
beiter*innenbewegung. Denn nach den Jahren der
„fetten Kühe“, als die Zuckerindustrie in der Zeit des Er-
sten Weltkriegs fette Gewinne einstreichen konnte, kam
es in den 20er Jahren zur Periode der „mageren Kühe“.
Wegen der wirtschaftlichen Not und der hohen Arbeits-
losigkeit kam es immer wieder zu Streiks und Protesten,
aber auch zu einer verstärkten Repression vor allem ge-
gen Anarchist*innen und Syndikalist*innen. Korruption
und die koloniale Abhängigkeit gegenüber der USA ver-
stärkten das soziale Elend. Es kam zu einer Serie von
Bombenanschlägen, die Frank Fernández zufolge von ei-
nem Agent Provokateur der Machado-Regierung verübt
wurde, aber sie wurden zum Anlass genommen Alfredo
López zu verhaften. Ein Jahr später wurde er wieder frei
gelassen, es wurde ihm sogar ein Regierungsposten an-
geboten, doch López lehnte ab. Da er seine anarchis-
tischen Tätigkeiten fortsetzte, wurde er immer wieder
polizeilich vorgeladen und mit dem Tode bedroht. Im
Herbst 1926 wurde er entführt und verschwand über Jah-
re. Sam Dolgoff zufolge wurde er ins Meer geworfen wo
ihn Haie zerrissen (S.75), seine Überreste wurden erst
nach dem Sturz Machados 1933 gefunden. Der Sturz er-
folgte nach einem Generalstreik, der vor allem von anar-
chosyndikalistischer Seite getragen wurde, und nach
permanenten Protesten und Aufständen von Seiten der
Bevölkerung. Selbst ein Zugeständnis Machados an die
kommunistische Partei, das diese angenommen hatte,
konnte ihn nicht halten. Die Kubaner*innen stürzten ihn
und selbst die USA ließ ihn fallen. Kurz darauf jedoch
kam der nächste Diktator an die Macht, Sergeant Fulge-
nico Batista. Dieser Mann, ein Armeeangehöriger aus der
zweiten Reihe, übernahm zunächst das Kommando im
Militär und wurde so der mächtige Mann im Hinter-
grund. In den Folgejahren wechselte er die Präsidenten
(9 Stück) nach Belieben aus, bis er sich selbst 1940 mit
Hilfe der Kommunistischen Partei an die Macht wählen
ließ. Er setzte in diktatorischer Manier einige Sozialrefor-
men um, wie den 8 Stunden (Arbeits-)Tag, das Frauen-
stimmrecht und soziale Sicherheiten, und ließ eine
relativ fortschrittliche Verfassung, die wirtschaftliche
und politische Freiheiten und Sicherheiten garantierte,
ausarbeiten. Jedoch verkörperte diese eher einen Traum
als die Realität. (Aviva Chomsky, 2016, S. 48) In
dieser Zeit verstärkte er auch die Beziehun-
gen zur Sowjetunion und schloss sich
der Koalition gegen Nazi-Deutsch-
land an. Nachdem er 1944 abgewählt
wurde, kam er 1952 mit Hilfe eines
Staatsstreiches neuerlich an die
Macht. Dieses Mal baute er auf die
Hilfe der USA und des organisier-
ten Verbrechens und rückte von
der Kommunistischen Partei ab, er
ließ sie sogar verbieten. In dieser
Zeit trat eine liberaler Sozialreformer
und Mitglied der Partido del Pueblo Cu-
bano (Partei des kubanischen Volkes) in
Erscheinung. Er kämpfte gegen Korruption,
Batista und trat für soziale Reformen ein. Es
war der Jus-Student Fidel Castro. Dieser wurde nun sein
wortgewaltiger und aktivster Gegenspieler.

Fidel Castro und die Revolution 1959

Zugegebenermaßen eignet sich Vieles, was sich in den
späten 50er Jahren in Kuba ereignete, zur Legendenbil-
dung: Der gescheiterte Angriff auf die Moncada-Kaserne
am 26. Juli 1953, der den Volksaufstand gegen die Dikta-
tur Batistas auslösen soll und auf den sich die später ge-
gründete M-26 (Bewegung 26. Juli) bezog; Fidels
Verhaftung und seine Verteidigungsrede, in der er den
Satz „Die Geschichte wird mich freisprechen“ formulier-
te; sein Exil in Mexiko und das Zusammentreffen mit
Che; die gewagte Überfahrt mit der Yacht namens
„Granma“; die katastrophale Landung, bei der viele Gue-
riller@s von der Armee getötet wurden; ihre Flucht in
die Wälder der „Sierra Maestra“ und der Beginn ihres
Guerillakampfes bis zu ihrem triumphalen Einzug in Ha-
vanna 1959. Dies alles ist mehr oder weniger bekannt
und begründet den Mythos der kubanischen Revolution,
die heute noch vielen Linken glänzende Augen beschert.
Was gerne übersehen wird, ist, dass die Revolution in
Kuba nicht von einer Massenbewegung von Landarbei-
ter*innen oder Proletarier*innen durchgeführt wurde,
sondern von einer politisch breiten Bewegung, der Be-
wegung 26. Juli (M-26-7), die Fidel Castro zwar ins Leben
gerufen hatte, die aber von den verschiedensten auto-
nom agierenden Fraktionen unterstützt wurde. Darunter
fanden sich katholische Organisationen, liberal-demo-
kratische, sozialrevolutionäre und auch anarchistische.
Vor allem in den Städten gab es aktive Gruppen, die u.a
auch Anschläge und Sabotageaktionen durchführten.
Geeint wurden sie in der Ablehnung der Batista Diktatur.
Castros politisches Programm versprach neben der
Landreform eine Sozialreform und eine liberale Verfas-
sung. Wenige Wochen nach dem Sturz des Re-
gimes sprach er davon, dass er kein
Kommunist sei. „Der Kapitalismus mag
den Menschen durch Hunger töten –
aber der Kommunismus tötet den
Menschen, indem er ihm seine Frei-
heit raubt.“ (Sam Dolgoff, 1976
S.146)

Es mag zwar stimmen, dass Castro
zu diesem Zeitpunkt noch kein über-
zeugter Parteikommunist war, bei Che
und seinem Bruder Raul lag es definitiv
anders. Sie waren schon lange glühende
Verfechter eines Kommunismus sowje-
tischer Prägung. Erst nach der Macht-
übernahme nahm der Einfluss der
kommunistischen Partei deutlich zu, was
bei vielen auch hochrangigen Gueriller@s auf Ableh-
nung stieß. Viele verbüßten diese mit ihrem Leben, lang-
jährigen Gefängnisstrafen oder sie mussten fliehen.

Entgegen Castros Ankündigung im April 1959, „Wenn
auch nur eine Zeitung verboten wird, wird sich bald kei-
ne Zeitung mehr sicher fühlen – und wenn auch nur ein
einziger Mensch wegen seiner politischen Ideen verfolgt
wird, wird sich niemand mehr sicher fühlen“ (Sam
Dolgoff, 1976 S.187) war die Zeit für Widersprüche und
Kritik bald vorbei. Die Kommunistische Partei, die im
Kampf gegen Batista keine herausragende Rolle gespielt
hatte, hatte Ende 1960 das Heft fest in der Hand.

Inwieweit Castros Umschwung, der bald nach der
Machtübernahme begann, hin zu einer politisch-wirt-
schaftlichen Orientierung an die Sowjetunion bereits
länger angelegt war und auch seinem Antiamerikanis-
mus geschuldet war (nicht zu verwechseln mit Antiim-
perialismus) oder ob die politische Reaktion der USA
Castro in die Arme der Sowjetunion trieb, wird verschie-
dentlich bewertet. Der Anarchist und Exil-Kubaner Abe-
lardo Iglesias sieht ersteres als gegeben, die
US-Historikerin Aviva Chomsky argumentiert in Rich-
tung der zweiten Annahme.

Fakt ist, dass das US-Außenministerium anfangs ver-
zweifelt versuchte Castro für sich zu gewinnen. Erst als
klar wurde, dass er sich nicht für die Interessen der US-
Außen- und Wirtschaftspolititk gewinnen ließ und nicht
daran dachte, seine Landreform und die damit einher-
gehende Enteignung der US-Firmen zurückzunehmen,
setzten die USA alles daran, das neue Regime so schnell
wie möglich zu stürzen. Die von den USA unterstützte
und gescheiterte Invasion in der Schweinebucht 1961
war eines der bekanntesten Manöver, legendär sind auch
die unzähligen Attentatsversuche auf Fidel Castro.

In Kuba entwickelte sich im Lauf der Jahre ein autoritär-
er Staatssozialismus nach sowjetischem Vorbild – mit al-
lem was dazugehört: Einheitsgewerkschaft unter
kommunistischer Kontrolle, Verstaatlichung von Grund
und Boden sowie auch der Produktionsstätten, eine
Geheimpolizei mit ausgeweitetem Spitzelwesen, das vor
allem über die „Komitees zur Verteidigung der Revoluti-
on“, die bis in die Gegenwart existieren, aufrechterhalten
wurde. Über dieses feingliedrige Netz - in jedem Dorf in
jedem Stadtteil, befindet sich so ein Komitee - wurde die
Nachbarschaft ausspioniert, wurden Personen denun-
ziert, aber auch aktiviert. So waren die Komitees eine
wichtige Einrichtung in der Kampagne zur Bekämpfung
des Analphabetismus. Nicht zu vergessen sind auch die
Straflager, die den 60er Jahren errichtet worden sind und
in denen politische Gegner*innen und LGBT-Menschen
interniert wurden.

Die Anarchist*innen erkannten sehr früh die Ge-
fahren und mussten sie leidvoll am eigenen Leib
erfahren. Viele wurden vom neuen Regime inhaf-
tiert, gefoltert und ermordet. Wer konnte, ging
ins Exil. Frank Fernández schrieb dazu: „Die
Mehrheit der Kubaner unterstützte am Anfang
Castro mit grenzenlosem Jubel. Es kam ihnen so
vor, als ständen sie am Tor zum Paradies, in
Wirklichkeit war es das Vorzimmer zur Hölle.“
(Frank Fernández, 2005)

Vom langjährigen Kampf der anarchistischen
Exilkubaner*innen, vor allem von jenen, die nach
Florida geflohen waren, erzählt Frank Fernández
eindrucksvoll, um den Linken und auch den An-
archist*innen in den USA und Europa die Situati-
on begreiflich zu machen und ihre Kritik an der
Revolution von Fidel Castro, Che Guevara & Co zu
schärfen. Es war ein Kampf gegen Windmühlen, denn
die karibische Revolution erfreute sich unter den westli-
chen Linken einer ungebrochenen Beliebtheit. Erst mit
dem Buch von Sam Dolgoff „Leuchtfeuer der Karibik“
änderte sich die Situation und die kritiklose Begeisterung
für den kubanischen Sozialismus geriet ins Schwanken.
Zum Abschluss noch Auszüge aus dem Erfahrungsbe-
richt von Augustin Souchy, der Monate nach der Revolu-
tion in Kuba verweilte um sich die Ergebnisse der
sozialen Umwälzung vor Ort anzuschauen und sie mit
jener von Spanien 1936 zu vergleichen. Sein Bericht
wurde in Kuba nie veröffentlicht.

„In Spanien waren es die Bauern selbst, die ihren eigenen
Sozialismus einführten, indem sie den Ackerboden ge-
meinsam bebauten und die Früchte ihrer Arbeit gerecht
unter allen aufteilten. Und auch die Arbeiter in den Städ-
ten verwandelten die Privatunternehmen in Kollektivbe-
triebe, die sie selbst verwalteten. Bei euch in Kuba kam
die soziale Umwälzung von oben. Die Agrarreform wur-
de vom Staate dekretiert und von Regierungsbeamten
durchgeführt. Auch die Nationalisierung von Privat-
unternehmen in den Städten geht bei euch vom Staate
aus. In Spanien wurde die freie Kollektivwirtschaft, in
Kuba die zentrale Staatswirtschaft eingeführt. In Spanien
ging der Ansporn zu den revolutionären Veränderungen
von den Arbeitern und Bauern, in Kuba von Fidel Castro
und seinen revolutionären Guerilleros aus.“ (Sam
Dolgoff, 1976, S.118)

„Der Fortschritt der kubanischen Revolution hängt ab
von der Entfaltung der eigenen Initiative der Massen und
vom Eindringen des revolutionären Geistes in alle
Schichten des arbeitenden Volkes. Zentralistische Ten-
denzen und diktatorische Machtaneignung von Revoluti-
onsführern sind eine Gefahr für die neu erkämpften
Freiheiten und führen zum Verfall der revolutionären Er-
rungenschaften. Der sicherste Weg zur Verwirklichung
der Revolutionsziele ist das direkte Eingreifen des Volkes
selbst.“ (Sam Dolgoff, 1976, S.119)

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Literatur:

Aviva Chomsky, Eine Geschichte der kubanischen
Revolution. Von der Conquista ins 21. Jahrhundert, Unrast
Verlag Münster, 2016
Frank Fernández, Anarchismus in Kuba, 2005, online unter:
http://www.anarchismus.de/transnational/kubaanarchismus.
htm, 10.3.18
Sam Dolgoff, Leuchtfeuer in der Karibik, Eine libertäre
Betrachtung der kubanischen Revolution, Libertad Verlag
Berlin, 1976
!
Artikel:
Dimitri Prieto-Samsonov, Cuba in the Central American and
Caribbean Anarchist Federation, Havana Times, 2015,
https://www.havanatimes.org/?p=110789, 18.2.18
Dimitri Prieto-Samsonov, Is July 26 the Happiest Day in our
History?, Havana Times, 2016,
https://www.havanatimes.org/?p=120200, 18.2.18
Dimitri Prieto-Samsonov, Anti-Bureaucracy Slogans in
Havana parade, Havana Timees, 2010,
https://www.havanatimes.org/?p=23593, 18.2.18
Isbel Díaz Torres, Havana’s Libertarian Spring, Havana
Times, 2014
https://www.havanatimes.org/?p=103435, 18.2.18
Isbel Díaz Torres, Cuba Anarchist Event Offto Good Start,
Havanna Times, 2015
https://www.havanatimes.org/?p=111673, 18.2.18
Anarchismus in Kuba,
https://de.wikipedia.org/wiki/Anarchismus_in_Kuba
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