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(de) fau berlin: Make Syndicalism Great Again! Zehn Jahre Neustart der FAU Berlin - eine Bilanz,Veröffentlicht am 20.03.2018

Date Thu, 22 Mar 2018 09:11:04 +0200


Heute vor zehn Jahren, am 20. März 2008, löste sich das Kultursyndikat der FAU Berlin auf. Es folgte damit dem Bildungssyndikat, das zuvor schon diesen Schritt vollzogen hatte, um im Allgemeinen Syndikat aufzugehen. Die FAU Berlin war damit als Lokalföderation - ein föderaler Zusammenschluss autonomer Syndikate - erst einmal Geschichte. Notwendig war die Bündelung in einem einzelnen Syndikat, weil sich die FAU Berlin regelrecht zerlegt hatte. Damit war aber auch eine Neuausrichtung eingeleitet, die zu einem bemerkenswerten Aufstieg des Berliner Syndikalismus führen sollte. An eine FAU Berlin, wie man sie heute kennt, als florierende Basisgewerkschaft, war damals jedenfalls nicht zu denken. Den Weg, den sie im vergangenen Jahrzehnt gegangen ist, lässt dieser Artikel eines langjährigen Mitglieds noch einmal Revue passieren.

Heute ist die FAU Berlin eine stattliche Kraft. Mit ihren knapp 500 regulären Mitgliedern knüpft sie nicht nur an den Stand der Berliner FAUD von 1933 an, sondern stellt auch in der Hauptstadt die größte Aktivenorganisation der außerparlamentarischen Linken. Vielen gilt sie heute als innovative Basisgewerkschaft, die vor allem in prekären und migrantischen Betroffenheitslagen Akzente setzt. Syndikalismus ist durch sie wieder zu einem geläufigen Begriff im Blätterwald geworden. Selbstverständlich war diese Entwicklung freilich nicht. Einst verschrien als kleine Truppe von "Kneipenanarchisten", war sie lange Zeit eher dafür belächelt worden, dass sie sich Gewerkschaft nannte. Auch Staat und Kapital lachten sich wohl - sofern sie überhaupt Notiz nahmen - eher schlapp. Denn wie auch andere Gruppen der radikalen Linken war sie vor allem mit sich selbst beschäftigt.

Zum Wendepunkt in dieser Geschichte kam es erst vor zehn Jahren, nachdem die FAU Berlin fast zusammengebrochen war. Denn das Jahr 2007 hindurch hatten interne Konflikte die Organisation lahmgelegt und zu Zerwürfnissen geführt. Auch bedingt durch die schwachen Strukturen, war ein Kollaps nicht mehr abzuwenden. Übrig blieben etwa zwei dutzend Mitglieder, welche die damals zahlungsunfähige Organisation neu ausrichteten. Im März 2008 wurden dann alle Kräfte in einem neuen Syndikat gebündelt, das sich handlungsfähigere Strukturen und eine formalisierte Funktionsweise gab. Vor allem aber setzte sich damit endgültig die Vorstellung durch, dass die FAU Berlin ein Projekt sein soll, das sein syndikalistisches Erbe auch wirklich ernst nimmt. Die erfolgreiche Entwicklung, die der Berliner Syndikalismus von da an nahm, soll im Folgenden bilanziert werden.

Zusammenbruch und Neuanfang: Das Ende einer dauernden Klemme
Es ist hier nicht der Ort, auf die verschiedenen Konflikte im Detail einzugehen, die vor zehn Jahren zum Crash der FAU Berlin zusammenliefen. Daher nur so viel: Im Grunde waren sie Ausdruck des prinzipiellen Dissens, ob man eine Affinitätsgruppe sein will, in der Gleichgesinnte zusammenfinden, die auch persönlich miteinander harmonieren, oder eine Interessenorganisation (wenn auch mit politischem Profil), in der Lohnabhängige mit unterschiedlichem Hintergrund sich in ihren Kämpfen unterstützen, unabhängig von ihren persönlichen Differenzen. Erstere Tendenz ist zweifellos typisch für die radikale Linke, die seit 1968 ein besonderes Gewicht auf die persönliche Ebene legte und diese regelrecht politisierte, oftmals einhergehend mit einer Abneigung, organisatorische Abläufe zu formalisieren. Auch in der FAU Berlin hatte sich diese Tradition eingekerbt.

2004: Erste größere Mobilisierung der FAU während der Proteste gegen die Agenda 2010
Die Folge davon war das, was die Feministin Jo Freeman einst als "Tyrannei der unstrukturierten Gruppen" bezeichnete: eine schwache "Organisation", in der persönliche Dynamiken ungefiltert aufeinandertreffen, in der die Probleme zwischen Mitgliedern viel Raum einnehmen, ja politisch aufgeladen werden, in der Klärungsprozesse besonders zeitintensiv sind, kurz: ein Ort, an dem man viel damit beschäftigt war, sich gegenseitig zu maßregeln. Entsprechend laborierte die FAU Berlin an demselben Problem wie viele linke Gruppen. Sie war unfähig, mehr als zwei Dutzend Menschen zusammenzubringen, ohne den Laden zum Bersten zu bringen. Zugleich wurden damit gute gewerkschaftliche Ansätze - in dieser Zeit durchaus schon vorhanden - konterkariert. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis die szenige Richtung mit den gewerkschaftlichen Bemühungen in Konflikt geriet.

Wichtige Gewerkschaftsimpulse kamen aus dem Kultursyndikat, das auch diesen beliebten Musiksampler herausgab

Tatsächlich führte dieser Konflikt letztlich dazu, dass man ab Ende 2007 getrennte Wege ging und sich die gewerkschaftlichen Ansätze entfalten konnten. Die Verbliebenen teilten die Ansicht, dass es formalisierter Strukturen bedarf, auf denen ein komplexer sozialer Organismus - und das wäre eine mitgliederstarke Basisorganisation ja - aufbauen kann. Diese sollten zum einen Handlungsfähigkeit ermöglichen und zum anderen interne Dynamiken in einen produktiven kollektiven Prozess lenken. Auf diese Weise sollte die Struktur auch inklusiver für Menschen werden, die nicht die szenetypischen Verhaltensmuster verinnerlicht haben, die in Affinitätsgruppen häufig zur Voraussetzung gemacht werden. Kurzum: In der FAU Berlin sollte man entlang der gemeinsamen Interessen kämpfen und nicht mehr gegeneinander; sollte die kollektive Entscheidung über den persönlichen Differenzen stehen.

Der Versuch ab 1998/99, eine Föderation von Bildungssyndikaten aufzubauen, blieb in den Ansätzen stecken

Dafür musste zunächst einmal aufgeräumt werden. So lösten sich das Kultursyndikat und das Bildungssyndikat (zuvor autonome Strukturen) auf und gingen im März 2008 in einem neuen Allgemeinen Syndikat (ASy) zusammen. Dieses übernahm den Schuldenberg, den das alte ASy gegenüber der Bundes-FAU zurückgelassen hatte, und gab sich endlich - es klingt fast schon peinlich - eine Satzung, in der grundsätzliche Regeln festgelegt wurden. Anstelle der autonomen Syndikate trat ein Modell von Sektionen und Arbeitsgruppen, in denen bereichsspezifische Arbeit stattfindet und gleichzeitig gewährleistet wird, dass sich die Organisation nicht auseinanderdividiert. Syndikatsausgründungen sollten nur noch auf einer vitalen Basis möglich sein. Außerdem wurde Stück für Stück das Sekretariat ausgebaut, mit einem klaren Handlungsprofil und differenzierter Funktionsweise.
Vor allem aber wurde eine Kultur des Vertrauens geschaffen, in der man sich trotz persönlicher Differenzen als GenossInnen respektieren kann. Differenzen wurden darin nicht mehr als etwas Problematisches betrachtet, sondern als Grundlage für Weiterentwicklung, steckt im leidenschaftlichen Austausch der Argumente und im Versuch, sie überzeugend auszuführen, doch das eigentlich innovative Potential. Es galt, kontrovers miteinander zu streiten und nach dem kollektiven Entschluss umso solidarischer zusammenzustehen. Betont wurde das, was verbindet, und nicht das, was trennt, stets voraussetzend, dass alle das Gleiche wollen und nur unterschiedliche Auffassungen über die Realisierung haben. Die Arbeit in der Organisation sollte motivierend sein, statt Energien aufzusaugen; Persönlichkeiten sollten sich entfalten können statt sich veräußern zu müssen.

Gegen Arbeit ohne Lohn und Babylohn: Neuaufbau im Schatten der Krise
Während die radikale Linke zu jener Zeit damit beschäftigt war, das revolutionäre Morgenrot in Gestalt der kapitalistischen Krise zu verkünden, versuchte die FAU Berlin zunächst einmal, ihre Hausaufgaben zu machen. Denn um Gesellschaft verändern zu können, musste erst ein Ansatz entwickelt werden, mit dem man Zugriff auf die Verhältnisse bekommt. Eine Organisation, die nur mit sich selbst beschäftigt ist, bewirkt letztlich weniger als jede Reformistin. In diesem Sinne verständigte man sich auf eine Vision des strategischen Organisationsaufbaus. Und das hieß zunächst einmal, kleine Brötchen zu backen statt revolutionäre Phrasen zu spucken. Das gewerkschaftliche Profil musste in einer Weise gestärkt werden, die auch der Bescheidenheit der Organisationsrealität entspricht. Den großen Wurf konnte man nicht anbieten, aber die volle Solidarität im Rahmen der Kräfte.

Der leider mittlerweile verstorbene Genosse Markus Klawitter beim MCS-Arbeitskampf
Zwar hatte es in der FAU Berlin früher schon Kämpfe gegeben (wie den Konflikt im Callcenter MCS oder die federführende Beteiligung an den Hartz-IV-Protesten), doch waren diese nicht eingebettet in eine strategische Perspektive, die Kontinuität versprach. Erfahrungen und Organisationserfolge wurden schnell egalisiert durch die toxischen internen Prozesse. Außerdem verzettelte man sich öfters in Szenekampagnen, wo als Gewerkschaft nichts zu gewinnen war. Mit der Kampagne "Keine Arbeit ohne Lohn!" setzte die FAU Berlin im Sommer 2008 nun auf Grundlagenarbeit. Mit dem Problem unbezahlter Arbeit (z.B. in Praktika und Probeschichten) belegte sie ein gewerkschaftlich vernachlässigtes Feld und wurde so zu einer Ansprechpartnerin für Betroffene und interessierte Medien. Zugleich zwang man sich damit, die eigene Expertise in spezifischen Problemfeldern zu entwickeln.

Banner der KAoL-Kampagne

Mit dem Fall eines Mitglieds, das beim ABM-Träger ZIM willkürlich rausgeschmissen und somit von Sanktionen durch das Jobcenter betroffen war, trat die neue FAU Berlin dann im November erstmals in einen Arbeitskampf. Er sollte prototypisch für die Organisation werden. Denn obwohl aufgrund mangelnder Ansatzpunkte ziemlich aussichtslos (weder gab es eine kollektive Basis im Betrieb, noch eine Kundenabhängigkeit des Trägers), mobilisierte das Syndikat über Monate all seine Kräfte, setzte den Träger mit einer neuartigen Kommunikationsblockade unter Druck und machte die Situation in der Beschäftigungsindustrie ("Träger-Mafia") zum Politikum. Auf diese Weise wurde die FAU Berlin zu einem Versprechen: Wenn sie auch nicht gewinnt, spaßig wird es für die Bosse, die sich mit auch nur einem ihrer Mitglieder anlegen, gewiss nicht.

Präsenz von FAU-Mitgliedern vor dem Kino Babylon Mitte

Den Durchbruch erzielte die FAU Berlin dann mit dem Kampf im Kino Babylon Mitte, wo sie zum ersten Mal offensiv eine Belegschaft organisierte und mit dieser ab Sommer 2009 für einen Haustarifvertrag kämpfte. Die spektakuläre Arbeitskampfmethode des Boykotts, den sie aufgrund der speziellen Situation wählte (das Kino wurde vor allem vom Senat finanziert und war weniger von Einnahmen abhängig), erregte über Monate bundesweite Aufmerksamkeit in der Medienlandschaft. Die täglichen picket lines vor dem Kino und wiederkehrende Aktionen, etwa zur "Linken Kinonacht", zeigten, zu welchem Kraftaufwand die kleine Gewerkschaft in der Lage ist, während ihre bundesweiten und internationalen Bündnispartner das Kino und seine Kooperationspartner mit Protestschreiben überfluteten. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis der Betreiber nachgeben muss.

Broschüre von Hansi Oostinga zum Arbeitskampf im Babylon Mitte

Dazu kam es jedoch nicht. Unter Vermittlung der mitregierenden Linkspartei schaltete sich ver.di in den Konflikt ein, die eigentlich über keine Basis im Betrieb verfügte. Zugleich zweifelte der Betreiber gerichtlich die Tariffähigkeit der FAU Berlin an, ein Konstrukt, das eigentlich geschaffen wurde, um genuine Gewerkschaften vor Scheingewerkschaft zu schützen. In einem Verfahren um eine Einstweilige Verfügung folgte der Richter der Argumentation des Betreibers, womit erstmals in der bundesdeutschen Geschichte einer im Arbeitskampf befindlichen Gewerkschaft die Fortführung jenes Kampfes untersagt wurde, der bisher ja dazu diente, die Tariffähigkeit durch soziale Mächtigkeit unter Beweis zu stellen. Aus verschiedenen Gründen verzichtete die FAU Berlin auf ein Hauptverfahren, während ver.di im Dezember 2009 einen Dumping-Tariffvertrag im Kino abschloss.
Keinen Konflikt verloren geben: Ein Nimbus entsteht

Solidaritätsgruß einer TextilarbeiterInnen-Gewerkschaft aus Bangladesch

Der Ausgang der Babylon-Geschichte war ein Nackenschlag für die kleine Gewerkschaft mit dem neuen Selbstbewusstsein. Andererseits hatte sie enorm an Prestige gewonnen, weil sie zeigte, zu was sie imstande ist. Aufmerksamen BeobachterInnen war nicht entgangen, dass sie im Babylon Mitte nur durch eine fragwürdige Dehnung des Rechts und durch politische Manöver gestoppt werden konnte. Zugleich ließ sie sich von rechtlichen Rückschlägen - darunter auch das zwischenzeitliche Verbot des Gewerkschaftsbegriffs - nicht entmutigen und wendete sie in kämpferische Kampagnen, etwa zur Verteidigung der Gewerkschaftsfreiheit. Sie politisierte das Thema in der Öffentlichkeit, organisierte erste eigenständige Demonstrationen und mobilisierte (internationale) Unterstützernetzwerke. Am Ernst des Projekts gab es nun kaum mehr Zweifel.

Eine der ersten eigenständigen Demos der FAU Berlin: Gegen die Angriffe auf ihren Gewerkschaftsstatus

Das Jahr 2010 diente dann vor allem der Konsolidierung der Organisation, die auf knapp 100 Mitglieder angewachsen war. Aus den gemachten Erfahrungen wurden Konsequenzen für die Organisationsstruktur gezogen, deren Funktionen weiter differenziert werden mussten. Das Sekretariat wurde erweitert, die rechtliche Expertise ausgebaut, die Zusammenarbeit mit Anwältinnen und Anwälten verbessert. Auch eine neue Homepage wurde auf den Weg gebracht, um die Perspektiven der FAU Berlin besser vermitteln zu können. Ende des Jahres stand dann der Umzug von der Straßburger Straße (Prenlz-Berg) in die Lottumstraße (auch Prenzl-Berg) an. Damit erweiterte sich die FAU Berlin auch räumlich, da ihre wachsenden Strukturen mehr Platz erforderten. Gleichzeitig führte sie ein regelmäßiges Veranstaltungsprogramm ein, um das neue Lokal mit mehr Leben zu füllen.

FAU-Mitglieder bei den Protesten gegen die Heinrich-Böll-Stiftung

Von der Lottumstraße aus wurden zahlreiche kleine Arbeitskämpfe geführt, in denen sich die FAU Berlin den Nimbus erarbeitete, keinen Fall verloren zu geben, so unbedeutend er auch erscheinen mag - und in der Regel auch zu gewinnen. Dazu zählen Auseinandersetzungen mit der Merkur-Spielothek, einem Spätkauf in Friedrichshain, dem Spieleautomatenhersteller Bally Wulff, dem Landwirtschaftsbetrieb Teltower Rübchen, einem Messeshop oder der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, die von illegaler Leiharbeit Gebrauch machte. Hinzu kommen viele Konflikte, die aus taktischen Gründen gar nicht erst den Weg an die Öffentlichkeit fanden und durch einfache Druckmittel der Gewerkschaft gelöst werden konnten, wie auch einige Fälle, in denen die FAU Berlin den rechtlichen Weg wählte, um den Mitgliedern ressourcensparend zu ihrem Recht zu verhelfen.

Erfolgreiche Lohneintreibung bei einem Gastronomiebetrieb

Ab 2012 trug die FAU Berlin dem zunehmenden internationalen Charakter der Hauptstadt - also dem starken Zuzug junger Lohnabhängiger aus dem Ausland - Rechnung, indem sie ihre "Foreigners Section" ins Leben rief. Diese sollte die bestehenden Branchensektionen (etwa Bau & Technik, Medien, Kultur, Bildung, Soziales) insofern erweitern, als das fremdsprachige KollegInnen mit spezifischen Problemen zu kämpfen haben und auch innerhalb der Gewerkschaft andere Hilfestellungen benötigen. Die Sektion wurde schnell von vielen ausländischen KollegInnen wahrgenommen und unterstützte viele von ihnen in kleineren Konflikten, so etwa in Fällen, wo sie um ihren Lohn geprellt wurden, insbesondere im gastronomischen Bereich. Mehrfach konnte die Sektion ihnen schnell und unkompliziert zu ihrem Recht verhelfen und den Lohn eintreiben.

Proteste während des Arbeitskampfs an der Schwedischen Schule

Komplizierter stellte sich wiederum der Fall in der kirchlich verfassten Schwedischen Schule dar, der bereits 2014 seinen Anfang nahm. Hier wurde die gesamte Belegschaft zuerst entlassen und anschließend je nach Treueverhältnis zur Geschäftsführung zu unterschiedlichen Konditionen wiederangestellt bzw. - im Fall zweier FAU-Gewerkschafter - gar nicht wiedereingestellt. Letztlich konnten die lang anhaltenden Proteste der FAU Berlin ebenso wenig bewirken wie die Solidarität unserer schwedischen Schwestergewerkschaft SAC. 2015 scheiterte die FAU Berlin schließlich vor Gericht mit einer Kündigungsschutzklage, da dieser in Kleinbetrieben nicht greift. Die Betroffenen stellten dennoch heraus, dass auch eine punktuelle Niederlage den gewerkschaftlichen Kampfgeist in einer solidarischen Gewerkschaftsbewegung nicht brechen kann.
Die dickeren Bretter bohren: Von der "Mall of Shame" zur DeliverUnion

Einführung ins deutsche Arbeitsrecht (in 16 Sprachen!)

Inzwischen hatten die FAU Berlin ihren eigenen Gewerkschaftskosmos geschaffen. Sie verfügte über Betriebsgruppen in diversen Unternehmen und Einrichtungen und hatte ihre ganz eigenen Arbeitskampftaktiken entwickelt, die auf unterschiedlichen Wegen - mal öffentlich, mal jenseits der Öffentlichkeit - zum Erfolg führten. Außerdem gab sie zunehmend Infomaterialien heraus, etwa eine Einführung in das deutsche Arbeitsrecht für fremdsprachige KollegInnen, Tipps für geprellte LohnarbeiterInnen, Informationen zu Sexismus am Arbeitsplatz, Hilfestellungen in Honorarfragen für Übersetzer und Dolmetscherinnen usw. usf. Zugleich erweiterte sie ihr Beratungsangebot, etwa zu Mietrechtsfragen, Genderthemen oder Kollektivbetrieben, ebenso wie sie die interne Bildung ausbaute, insbesondere in Form von Arbeitsrechts- und Organizer-Trainings.

Mall of Shame: Demo zur Unterstützung der rumänischen Genossen

Eine neue Liga sollte sie dann mit einem Arbeitskampf erreichen, der unter dem Slogan "Mall of Shame" bekannt wurde. In diesem Fall organisierten sich Ende 2014 mehrere rumänische Bauarbeiter in der FAU Berlin, die beim Bau der "Mall of Berlin" um ihren Lohn geprellt wurden. Hier hatte es die Gewerkschaft mit einem undurchsichtigen Netzwerk von Sub- und Sub-Sub-Unternehmen zu tun, vor dem anderen Gewerkschaften normalerweise sofort kapitulieren. Die FAU Berlin nahm den Kampf dennoch auf, organisierte Proteste und Demonstrationen, brachte den Fall in die bundesweiten Medien. Und sie klagte sich erfolgreich durch das Firmengeflecht, ganz hoch bis zur Inverstorfirma, die sie in der Verantwortung sieht - ein Marathon, der bis heute anhält -, damit beweisend, dass sie auch für verfahrene und aufwendige Prozesse den Atem hat.

Union Coop - Föderation gewerkschaftlicher Kollektivbetriebe

Zugleich schloss die FAU Berlin ihren ersten Tarifvertrag in einem Versandhandel ab, wo sie die komplette Belegschaft organisierte. Und daneben immer wieder Konflikte: Nachbesserungen in einem Assistenzbetrieb, geschasste Promovierende an der TU Berlin, gegen Prekarisierung in der DGB-Bildungsarbeit, Honorarauseinandersetzung bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung oder die Unterstützung einer Betriebsgruppe im Szeneclub SO36. Diese Liste macht deutlich, dass die FAU Berlin auch vor linken Strukturen nicht Halt macht. Das hat mit dem Anspruch zu tun, den sie an linkes Wirtschaften stellt. Da ist es nur konsequent, dass sie mittlerweile auch eine eigene Wirtschaftsföderation für Kollektivbetriebe ins Leben gerufen hat, die sich auf entsprechende Standards verpflichtet. Mit der "Union-Coop" bietet die FAU Berlin als erste Gewerkschaft einen Ansatz für diesen Teil der Arbeitswelt.

Organisierter Haufen: Protesaktion mit verschlissenen Fahrradteilen bei Foodora und Deliveroo

Indessen war ein weiterer Umzug fällig. Angewachsen auf 250 Mitglieder, erweiterte sich die FAU Berlin Anfang 2016 erneut räumlich und bezog in der Grüntaler Straße (Wedding) Quartier. Von hier aus nahm die DeliverUnion-Kampagne ihren Anfang, über die sich FahrerInnen von Foodora und Deliveroo organisierten und seitdem für mediale Furore sorgen, galt dieser Bereich doch als unorganisierbar. Dass Organisation und druckvoller Protest nicht alles sind, zeigt wiederum der Konflikt beim BLSB. Dort war die Belegschaft bestens organisiert. Doch statt auf ihre Forderungen nach Tarif und Entfristung einzugehen, entschied sich der Vorstand, den Großteil dieser kalt zu kündigen und auf jahrelange Expertise zu verzichten. Die ideologische Überzeugung, bloß nicht der Gewerkschaft nachzugeben, überwog hier das Interesse an funktionierenden sozialen Projekten.

Warnstreik beim Bildungs- und Sozialwerk des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg (BLSB)

Trotz mancher Misserfolge: Die FAU Berlin versteht sich als "kämpferische Gewerkschaft" - und macht diesem Selbstverständnis weiter Ehre. Allein jetzt befindet sie sich mit sieben Betrieben im Konflikt und ist in zahlreichen weiteren Betrieben organisiert. Und sie versteht sich als solidarische Gewerkschaft, was sie immer wieder mit Aktionen für kämpfende KollegInnen ihrer ausländischen Schwestergewerkschaften unter Beweis stellt. Eine Liste solcher Aktionen würde hier den Rahmen sprengen. Auch Organisationsgrenzen bedeuten ihr nichts, wenn es ihr um die Sache geht. So schloss sie sich etwa gerade erst den Warnstreiks von GEW und ver.di für einen studentischen Tarifvertrag in Berlin an - ein Anschlussstreik sozusagen. Mit dem "Streikgeldersatz" für streikende FAU-Mitglieder hat sie dabei gleich mal die nächste gewerkschaftliche Neuerung ins Spiel gebracht.
Potentiale und Probleme: Ein kritischer Ausblick

Einfach ausfüllen und abschicken: Hier geht's zum Mitgliedsantrag

Nach wie vor hält das Wachstum der FAU Berlin an. Mit ihren mittlerweile knapp 500 regulären Mitgliedern hat sie gar den ungefähren Stand der Berliner FAUD von 1933, vor ihrem Gang in den Untergrund, erreicht. Zwar befand sich diese damals auf dem absteigenden Ast, dennoch hat diese Marke symbolische Bedeutung. Denn lange galt der Syndikalismus hierzulande als etwas, das im früheren Kapitalismus vielleicht gezogen haben mag, sich aber nicht wiederholen lasse. Die FAU Berlin zeigt aber, dass ein Syndikalismus auf Höhe der Zeit möglich ist - und dass dieser durchaus an die Potentiale früherer Bewegungen anknüpfen könnte. Betrachtet man ferner, dass der gewerkschaftliche Organisierungsgrad heute generell geringer ist und viele Bereiche in Zeiten von Solo-Selbstständigkeit und Hybridisierung viel schwerer zu organisieren sind, ist diese Marke kaum zu unterschätzen.
Zumal die FAU Berlin damit auch über die Realität der heutigen Linken hinausprescht. Wenn wir von der eher als Rechtsschutz fungierenden "Rote Hilfe" absehen, dann stellt die FAU Berlin in der Hauptstadt mittlerweile die mit Abstand mitgliederstärkste Organisation dessen dar, was gemeinhin als "radikale" oder "revolutionäre" Linke bezeichnet wird. Und auch innerhalb des Gewerkschaftsspektrums muss sich die FAU Berlin, die einen sehr hohen Anteil an Aktiven hat, schon lange nicht mehr verstecken. Auch die DGB-Einzelgewerkschaften haben in der Region jeweils nur wenige hundert aktive Mitglieder. Ihre relative Stärke ziehen sie vor allem aus der tradierten institutionellen Macht, die ganz schnell zusammenbröckelt, sobald sie die "Arbeitgeber" nicht mehr anerkennen. Schon heute ist die FAU Berlin in manchen Bereichen handlungsfähiger als die DGB-Gewerkschaften.

Schicke Streikwesten

Freilich kennt die Erfolgsgeschichte der FAU Berlin auch Sorgen. Als basisdemokratische Organisation sind Reformprozesse häufig zäh, was insbesondere dann zum Problem werden kann, wenn strukturelle Schwachstellen Kapazitäten rauben, die in Konflikten dringend benötigt werden. Probleme in der Organisation lassen sich nicht so schnell abstellen, und oftmals brauch es eine lange Zeit, bis neue Mitglieder in einer Organisation angekommen sind, die von allen Beteiligten viel Durchblick abverlangt. Mitunter können solchen Wissensasymmetrien denn auch Konfliktpotentiale bieten. Zugleich werden Funktionen in der Organisation insofern immer wichtiger, als dass es bei den zunehmenden Kämpfen um immer mehr, manchmal sogar die Existenz, geht, Fehler also irreparabel sind. Das stellt die FunktionsträgerInnen vor einen großen Verantwortungsdruck, und das obwohl sie rein ehrenamtlich arbeiten.
Zugleich ist es der FAU Berlin immer noch nicht vollständig gelungen, sich von szenepolitischen Gewohnheiten zu trennen. Das macht sie an vielen Stellen immer noch unzugänglich für breitere Kreise. Gerade die an manchen Stellen immer noch informelle Arbeitsweise und die Skepsis davor, Arbeiten stärker zu delegieren oder Arbeitsteilungen vorzunehmen, führt dazu, dass viele Prozesse zeitintensiv sind oder sich gar oftmals im Kreis drehen. Gerade für prekäre Lohnabhängige, insbesondere Frauen mit familiärer Doppelbelastung, ist Zeit aber ein Luxus - und damit auch die Möglichkeit, in einer Basisorganisation aktiv zu sein. Problematisch erweist sich in diesem Zusammenhang auch, dass nach wie vor viele Diskussionen in der Organisation Raum greifen, die für die wenigsten relevant sind, aber dennoch ihre Zeit in Anspruch nehmen.

In Gedenken: Unser 2017 verstorbener Anwalt Sebastian Kunz

Es wird eine Herausforderung sein, den Widerspruch zwischen Basisdemokratie und Effektivität aufzulösen. Denn bei einer Zielgruppe, in der Zeit eine kostbare Ressource ist, werden zeitintensive Organisationsformen eben zum Ausschlussmechanismus. Wenn die FAU Berlin inklusiver sein und weiterwachsen möchte, muss sie daher Strukturen schaffen, in der Arbeiten effektiver delegiert werden können, ohne dass die Basis die Kontrolle verliert. Zugleich muss sie das Problem lösen, dass einige Aufgaben immer verantwortungsvoller für die Organisation werden, die "Professionalisierung" dieser aber kritisch gesehen wird. Welche effektiven Modelle jenseits von bezahlten Funktionen bestehen oder ob sich diese doch verträglich nutzen lassen, ist gewiss eine unangenehme Frage. Die Antwort darauf ist aber entscheidend dafür, ob die FAU Berlin eine kleine, feine Gewerkschaft bleibt - oder ob sie sich als transformatorische Größe etabliert.
Ferdi Konun (unter Zuarbeit weiterer Mitglieder)

Anlässlich des zehnjährigen Relaunchs der FAU Berlin findet am 13. April ein Tresen-Talk im Berliner FAU-Lokal statt: "Was hat sie bloß so ruiniert? Warum die Linke (vielen) zu ungeil ist". Mit: Emily Laquer (IL), Hannah Wettig (Autorin, u.a. für Jungle World, analyse & kritik) und Peter Ullrich (Institut für Protest- und Bewegungsforschung). Bier, Schaum und Cocktails gibt es ebenso wie begleitende Hausmusik (Geigerzähler). Weitere Infos gibt es hier. https://www.facebook.com/events/226969521184020/

https://berlin.fau.org/news/make-syndicalism-great-again-zehn-jahre-neustart-der-fau-berlin-eine-bilanz
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