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(de) FDA-IFA, Gai Dào #86 - Eingemauerte Anarchie - wie 35.000 Menschen ohne Staat lebten Von: Paul Pappkarton

Date Tue, 6 Mar 2018 08:58:06 +0200


Einer der brutalsten und zugleich freiheitlichsten Orte des späten 20. Jahrhunderts entsprang einem ungenauen Satz in einem Vertrag. 1899 wollten die Briten auch die Kowloon-Halbinsel, nördlich der bereits kolonisierten Hong Kong-Insel, unter ihre Kolonial-Herrschaft stellen. Für den Kaiser Chinas war dies inakzeptabel: Sollte unter seiner Herrschaft eine Stadt vollständig verloren gehen, kam dies einer ernstzunehmenden spirituellen Schande gleich. ---- Nachdem britische Soldaten die Kowloon Walled City, ein chinesisches Fort auf der Halbinsel, angegriffen hatten, wurde notgedrungen ein überhasteter Vertrag geschlossen. Dieser enthielt die ungenaue Formulierung, dass das Fort zwar unter chinesischer Herrschaft bleiben solle, aber Staatsbedienstete sich dort nur aufhalten dürften, solange sie die Verteidigung des britischen Hong Kongs nicht
beeinträchtigten. Die britische Verwaltung drängte weiterhin auf
mehr Kontrolle über die Walled City. Kowloon galt als verruchter Ort,
der im Gegensatz zum modernen Selbstverständnis der Briten stand.
Es eskalierte schließlich und alle
chinesischen Behörden mussten aus
dem Fort abziehen. Möglicherweise
aus Trotz wurden dennoch alle
Versuche der Briten, Kontrolle über
den Schandfleck ihrer gewünschten
Modernität zu erlangen, von der
chinesischen Regierung abgeblockt,
denn rechtlich war es noch chine-
sisches Gebiet. Mit dem Schild der
potenziellen diplomatischen Eska-
lation und dem Schwert einiger
Krawalle konnten die Besetzer*in-
nen und Bewohner*innen der Wal-
led City ohne staatliche Kontrolle
beginnen ihr Leben dort aufzubau-
en.

Das kühne Auge im Regierungs-
sturm erregte die unterschiedlichs-
ten Reaktionen. Alle, für die der
Mensch nur des Menschen Wolf
sein kann und der Staat sie in Zaum
halten muss, hatten ärgste Befürchtungen vor Gewalt, Gefahr für Be-
wohner und Umgebung und egoistischer Kämpfe. Anarchie könne in
ihren Augen nur Chaos sein. Sie sollten Recht behalten.

Die andere Seite, welche die Staatslosigkeit als Voraussetzung für ein
freies Leben sieht, freute sich der sich darbietenden Möglichkeiten.
Anarchie sei die befreite Gesellschaft. Auch sie sollten Recht behal-
ten.

Unstrittig ist das Wachstum dieses staatsfreien Slums. Die Häuser in
den 50er Jahren überstiegen selten zwei Stockwerke, hingegen er-
reichten in den 80er die meisten Häuser zehn bis zwölf, aufgehalten
nur von den tief fliegenden Flugzeugen, die den nahen Kai Tak Air-
port ansteuerten. Der Bau der Häuser war nicht von einem Architek-
turbüro oder andere planerische Professionalität, sondern nur von
Erfahrung geleitet. Gegenseite Hilfe verhinderte den Einsturz: Die
Gebäude lehnten aneinander und stabilisierten sich so. Die Ein-
wohnerzahl stieg von 10.000 auf 35.000. Auf den 130 auf 200 Metern,
also knapp vier Fußballfeldern, entspricht das einer Bevölkerungs-
dichte von etwa 1,3 Millionen Menschen pro Quadratkilometer, was
bis heute als unrühmlicher Weltrekord gehandelt wird. In Deutsch-
land wohnen nirgendwo mehr als 20.000 Menschen pro Quadratkilo-
meter.

Straßen gab es in der Walled City nicht. Die Fortbewegung war nur
durch enge Gassen möglich, die nur selten Sonnenlicht von oben er-
reichte, und ständig feucht waren, weil Wasser aus den undichten
Rohren tropfte. Neben den Gassen gab es auf verschiedenen Höhen
noch Übergänge zwischen den Gebäuden. Kinder liefen gern auf den
Dächern von einer Seite der Walled City zur anderen. Nur wenige
wagemutige Sprünge und etwas Geschick dem ganzen Müll auszu-
weichen, der wegen mangelnder Müllabfuhr auf den Dächern abgela-
den wurde. waren dazu notwendig. Die Postboten mussten über drei
Monate eingelernt werden, um sich im selbst gebauten Wirrwarr zu-
rechtzufinden.

Es wurde schwer gearbeitet in den unzähligen Fabriken und Manu-
fakturen. Ein Großteil der "fish balls", einem Lieblingsgericht der
Hong Konger*innen, wurde in der Walled City produziert. Viele Ge-
flüchtete durften nur dort arbeiten, Ärzte und Quacksalber, die sich
dafür hielten, brauchten keine Lizenzen. Es gab ja niemanden, der sie
kontrollieren würde.

Die Biographien der dort lebenden Menschen ähneln sich: Von Armut
und Flucht betroffene Menschen fanden ihren Weg in die Walled City
auf der Suche nach Möglichkeiten und einen Platz zum Leben. Keine
Steuern, ein niedriges Lohnniveau, fehlende Hygienestandards er-
möglichten ein billiges Produzieren und führten rasch zu einem auto-
nomen Wirtschaftswesen, das eine unübersichtliche Vielzahl an
Produkten ausspie (darunter auch ein beachtlicher Anteil der Golfbäl-
le weltweit).

Die ganze Organisation kam ohne eine zentrale Autorität aus. Solida-
rität wurde im Rahmen direkter Beziehungen gelebt. Voraussetzung
dafür war ein Gemeinschaftsgefühl. Die Verachtung, die den Bewoh-
ner*innen der Walled City von Hong Kong entgegenschlug, schweißte
zusammen und sie litten gemeinsam an ihrer Armut ohne dabei un-
glücklich zu sein. Aber Solidarität war kein politisches Projekt, wie es
Anarchist*innen oft fordern.

Die Wirtschaft in der Walled City erinnert eher an einen Markt. Dort
kamen Geschäftsbeziehungen und Eigentum gut ohne Rechtsstaat,
Katasteramt, Polizei und staatliche Lesbarkeit der Menschen und ih-
ren Beziehungen aus. Vertrauen reichte, man war ja Teil einer Com-
munity. Eigentum war eine soziale Praxis und kein Recht. Mit dem
Wachstum änderte sich dies zunehmend. Als die britische Regierung
in den 60er Jahren wieder einmal die Räumung der Walled City auf
den Tagesplan schrieb, sammelten sich einige eher links eingestellte
Bewohner und gründeten die "Kai Fong Association". Ziel war es, ge-
schlossen den Briten Einhalt zu gebieten. Natürlich war in der Hin-
terhand immer die Möglichkeit der diplomatischen Eskalation mit
China.

Die Kai Fong wirkte darüber hinaus auch nach innen: Die Wasser-
versorgung wurde verbessert, Beleuchtung wurde installiert und der
Verkauf und Kauf von Wohnungen wurde bezeugt. Pragmatisch wur-
de die Verbesserung der Infrastruktur mit den Urban Public Services
(der städtischen Verwaltung
und ihre Versorgungsdienste)
der Regierung zusammen un-
ternommen - aber die Kai Fong
und die Anwohner hatten das
letzte Wort. Der Bewohner
Chain Pui Yin fasste seine Er-
fahrung mit der Walled City zu
dieser Zeit als "harmonious state
of anarchy" (harmonische An-
archie) zu-sammen.

Zunehmend ging auch das Ge-
sundheitsamt in die Betriebe
und klärte über Hygiene auf.
Der einzige Service, den die
Hong Konger Verwaltung er-
zwungen durchführte, war die
Müllabfuhr. Dies geschah nicht
aus gutem Willen, sondern aus
Angst vor Seuchen und mögli-
chen Bränden, welche die umliegenden
Viertel betreffen könnte, zu
verhindern.

In der Freiheit ist beides angelegt: Gegenseitige Hilfe und das eigene
Wohlergehen auf Kosten anderer. Die Freunde der Staatlichkeit hat-
ten auch Recht. In den 50er Jahren bestimmten Triaden, Zwangs-pro-
stitution, Menschenhandel und Opiumhöhlen das Bild in den engen
Gassen. Es wurden und werden die wildesten Gerüchte erzählt. An-
geblich soll sich ein Tourist in der Walled City verirrt haben, der ver-
schwunden und dessen Verbleib bis heute ungeklärt ist. Fakt ist, dass
es ein brutaler Ort war. Morgens wurden die an einer Heroin-Über-
dosis Verstorbenen aus den dunklen Opiumhöhlen auf die engen
Gassen geworfen, damit die Müllabfuhr sie entfernen konnte. Der
Mangel an Trinkwasser ließ Geschäftstreibende Brunnen bohren und
das Wasser teuer verkaufen. Oft waren das Spieler aus den Casinos
Macaus, die den Haupthahn zudrehten, wenn sie sich verzockt hatten,
und dann Geld für eine kaputte Pumpe von ihren Wasserabneh-
mer*innen verlangten, um ihre Spielschulden zu bezahlen. Als die
Walled City 1992 abgerissen wurde, musste mit Bedacht vorgegangen
werden, man hatte Angst, dass die dort unzähligen Ratten fliehen und
in den benachbarten Stadtteilen niederlassen würden, so schlecht
waren die hygienischen Verhältnisse dort. Manche Einwohner*innen
sprechen davon, dass sie von der Kriminalität und Gewalt nichts mit-
bekommen hätten, dass es vor allem die Besucher*innen von außen
getroffen hätte. Andere hingegen ließen ihre Kinder nicht mehr allei-
ne vor die Tür. Es war nicht die Kai Fong, die die Gewalt beendete.
Stattdessen war es vor allem die wirtschaftliche Entwicklung: Mit der
materiellen Besserstellung war zum einem der eigene Lebensunterhalt
nicht auf die Arbeit für die Triaden angewiesen und zum anderen
schwand die Sehnsucht nach Rausch und Betäubung. Die Hong Kon-
ger Polizei brüstet sich natürlich mit dem Austreiben der Kriminellen.
Zum Teil stimmt es. Ab den 60er Jahren stürmte die Polizei einige
Drogenhöhlen, aber in der Walled City gäbe es eigentlich genügend
Verstecke um weiterzumachen. Außerdem wurde gemunkelt, dass die
Triaden und Polizei zusammengearbeitet hätten und die "aufgedeck-
ten" Etablissements ganz bewusst aufgegeben worden, damit der
Druck auf die Polizei, für Recht und Ordnung zu sorgen, abnahm.

Heute schwanken die Erzählungen zwischen der "harmonischen An-
archie" und dem Ratten-verpesteten Ort der Gewalt, der es nicht ein-
mal schaffte, ganz grundlegende Infrastruktur für sich zu schaffen
und stattdessen Strom und Wasser von umliegenden Vierteln stehlen
musste. Staatslosigkeit und Anarchie sind nicht dasselbe. Die Befrei-
ung vom Staat macht eine Praxis der Freiheit möglich, aber nicht not-
wendig. Gerade Medien sehen nur die chaotische Staatslosigkeit.
Anarchist*Innen treffen diese Unterscheidung auch nicht immer, aber
in gegenteilige Richtung: Sie sehen nur die Anarchie und selten die
Ambivalenz und das Nebelhafte einer plötzlichen Zerstörung. Chantal
Mouffe und Ernesto Laclau, zwei Postmarxisten, beschreiben in ihrem
Buch Hegemonie und radikale Demokratie diese Taktik als Logik der
Äquivalenz: Verschiedenes, was nicht gemeinsam handelt, spricht
oder gedacht wird, wird gegen einen gemeinsamen Feind, in Stellung
gebracht, umso politischen Druck zu erzeugen. Ähnliches macht der
Anarchismus, der sich zu sehr auf seine Feindschaft gegenüber der
Staatsherrschaft fixiert und das Soziale in Communities überhöht.

Statt sich auf den Aufstand und die Abschaffung zu verlassen und an
das Gute zu glauben, ist es vermutlich gesünder, zehnmal am Tag das
erste Gebot des Postanarchismus aufzusagen: Du sollst dich nicht mit
der Abschaffung des Staates zufriedengeben, Staatlichkeit ist mehr als
der Staat. Denn ich, die Anarchie, bin eine schüchterne Angelegen-
heit. Ich komme nicht von alleine, nicht durch die Befreiung, nur
durch das richtige Tun.

Trotz des postanarchistischen Gebots lässt die Walled City auch
Hoffnung zu. Ein Haufen Nicht-Anarchisten (vielleicht auch gerade
deswegen) haben auf engsten Raum zusammengefunden und über
mehrere Jahrzehnte einen selbstverwalteten Ort aufgebaut und er-
halten. Schlussendlich hat der Staat und nicht eigene Fehler die größ-
te Besetzung der Welt beendet. Es gibt diese plötzliche Akte der
Kooperation, die bis zu einem Zusammenleben von 35.000 Menschen
gehen können und den Keim für die Anarchie bilden. Um sie zu se-
hen, muss über Schwarz (Gut!) und Weiß (Schlecht!) hinweggegangen
werden, und das Grau die Theorie leiten, sonst besteht die Gefahr,
dass Fakten verdreht werden um die Theorie mit Sinn zu füllen.

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Weiterführende Literatur:
!
Jackie Pullinger hat in ihrem Buch Crack in the Wall ihre Arbeit
als Seelsorgerin in der Walled City beschrieben. Ian Lambot und
Greg Girard haben eine Fotoreportage mit vielen Interviews unter
dem Titel City of Darkness . Revisited veröffentlicht. Der
österreichische Rundfunk hat eine sehr negativ gehaltene
Dokumentation mit dem Titel Hong Kongs geheime Stadt - Ein
Labyrinth für 50.000 Menschen gedreht.
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