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(de) FdA/IFA: Gai Dao #85 - Wie geht Revolution? Analyse und Perspektive der Gegenwart! Von: Laure Kemming

Date Mon, 22 Jan 2018 08:32:28 +0200


In Zeiten des Rechtsrucks und eines immer erbarmungsloseren Neoliberalismuses scheint die
Revolution nur zu weit entfernt. Die schöne Utopie ist nicht mehr als ein Traum von Frieden und Freiheit. Ein Traum, der längst zu zerplatzen schien. Die Zeit seiner größten Bedeutung hat der Anarchismus in Deutschland schon lange hinter sich gelassen. In seiner Blütezeit zwischen 1918 bis 1922 erreichte die FAUD bis zu 150.000 Mitglieder. 1 Sie war als Alternative zu den anderen Gewerkschaften sichtbar und bemühte sich, ihren Mitgliedern eine Perspektive zu bieten. Dies zeugt davon, wie weit wir von vergangenen Erfolgen derzeit entfernt sind. Um wieder zu einer erfolgreichen Bewegung zu werden, müssen wir verstehen, wie Revolution funktioniert und was sie überhaupt ist.

1907 veröffentlichte Landauer sein Essay "Die Revolution" in der
Schriftreihe "die Gesellschaft. Sammlung Sozialpsychologischer
Monographien". Herausgeber war sein Freund Martin Buber. Dieser
hatte Landauer überzeugen können, ein Essay zum Thema Revolution
zu schreiben. Landauers Prämisse, dass es eigentlich gar nicht
möglich sei, "Revolution" wissenschaftlich zu erfassen, soll uns nicht
abschrecken, da sein Werk einige wichtige Elemente enthält, von
welchen wir über Funktion und Wirken von Revolution viel lernen
können.

Zunächst folgt eine knappe Darstellung seiner Idee. Dabei werde ich
nur die nötigsten Grundzüge herausarbeiten, welche nötig sind, eine
Perspektive in der Gegenwart auszumachen. Eine etwas verkürzte
Darstellung sei mir daher verziehen. Der Zustand, in welchem sich
eine Gesellschaft in einem stabilen Zustand befindet, ist laut Landauer
die Topie . 2 Sie ist das System, welches das Zusammenleben prägt und
zuletzt bis auf die individuelle Ebene wirkt. Dem gegenüber steht die
Utopie . Die Utopie entsteht im Individuum und bildet die Ideen und
den Willen der Einzelnen ab. 3 Sie ist der Wunsch nach einer
gerechten, nach einer perfekten Welt. Im Laufe der Zeit reift der
Wunsch nach der Utopie in immer mehr Individuen. Sie fängt an, sich
auf das Zusammenleben auszuwirken, bis es schließlich zur
Revolution kommt. Revolution ist ein andauernder Prozess, welcher
eine Topie in eine andere Topie überleitet. Aus der Revolution wird
also eine neue Topie geboren. 4 Die Utopie wird also nie zur
vollendeten Verwirklichung kommen. Stattdessen setzt sich die neue
Topie aus Elementen der Utopie , der vergangenen Topie , sowie den
Mitteln der Revolution zusammen. 5 Hier befindet sich ein wichtiger
Punkt, auf den ich später genauer eingehen werde. Anschließend sei
noch gesagt, dass die Revolution nicht einfach nur eine Übergasphase
zwischen zwei Topien ist. Landauer bezeichnet sie "nicht[als]eine
Zeitspanne oder Grenze, sondern ein Prinzip, das über weiter
Zeiträume hinweg (die Topien) immer weiter schreitet." 6 Mit Hilfe
dieses Zitates lässt sich bereits erahnen, dass hinter der Revolution bei
Landauer ein tiefgreifendes und komplexes Verständnis steckt.
Revolution ist also nicht die Revolte der Unzufriedenen, sondern ein
andauernder Prozess, geleitet von der Vorstellung der Utopie . Was
bedeutet das für uns?
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[1]Döhring, Helge: Schwarze Scharen. Anarcho-syndikalistische Arbeiterwehr (1929-1933), Lich: 2011, S. 13.
[2]Vgl. Landauer, Gustav: Die Revolution, hrsg. von Wolf, Siegbert. Lich: 2017, S. 56.
[3]Vgl. Ebd. S. 57.
[4]Vgl. Ebd.
[5]Vgl. Ebd. S. 59.
[6]Ebd. S. 60.Gai Dào
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Der Rechtsruck in Europa ist niemanden entgangen. Betrachten wir
die aktuelle Lage genauer, fallen dabei am wachsenden rechten Rand
trotz aller Heterogenität verschiedene Gemeinsamkeiten auf, die weit
in die Gesellschaft, selbst bis weit in die Linke hinein erkennbar sind 7 .
Dazu gehört ein mangelndes Vertrauen in die Politik, als auch in den
Arbeitsmarkt, was häufig zu einer verkürzten, aber
stammtischtauglichen Kapitalismuskritik führt. Darüber hinaus
finden sich Ressentiments gegen Minderheiten. Ich stelle immer
wieder fest, dass erschreckend viele Menschen meinen Eindruck
teilen. Hier bildet sich offensichtlich eine neue Utopie im negativen
Sinne (Dystopie). Eine Utopie einer reinen nationalen Kultur. Es ist zu
befürchten, dass das revolutionäre Potential dieser Utopie weiter
wachsen wird. Ein revolutionäres Potential von Rechts. Für die
Probleme der nahen Zukunft, namentlich Klimawandel und Industrie
4.0 bieten die Rechten keine Lösungen, wie ein Blick in Grundsatz-
und Parteiprogramme verrät. Gleichzeitig zeigt sich, dass das
wachsende Misstrauen in Staat und Wirtschaft nachhaltige
Antworten erfordert.

Ein Blick in die letzten Jahrzehnte offenbart, dass die dominierenden 8
Strategien der radikalen Linken 9 keinen Erfolg gebracht haben.
Gemeint ist hier sowohl das friedliche Vorgehen der
Bewegungslinken, wie erst recht militante Aktionsformen 10 . Das
Problem, das auch gewaltfreie Aktionen häufig haben, ist, dass sie
zwar Ideen transportieren, allerdings keine vollständige Utopie
vermitteln können. Sie zeigen Probleme auf, bieten aber keine
Lösungen. Friedliche Aktionen sind wichtig und richtig, taugen
allerdings nicht als Hauptstrategie politischer Aktivität. Zumindest
dann nicht, wenn grundlegende Veränderungen angestrebt werden
sollen, also die Veränderung der kompletten Gesellschaft.

Problematisch sind aber vor allem militante Aktionen. Auch hier
werden zwar Ideen transportiert, aber letztendlich taugen sie nur zur
Einschüchterung politischer Gegner sowie zur Machtdemonstration.
Die öffentliche Wahrnehmung verzerrt die gewünschte Utopie und
führt zur Ablehnung dieser, letztendlich sogar zur Verachtung. Weiter
gilt es sich klar zu machen, dass die Mittel immer auch Teil des
Ergebnisses sind. Mittel und Ziel müssen soweit wie möglich
übereinstimmen. Der Anarchismus achtet den Menschen als freies
und selbstbestimmtes Individuum und will ihm deshalb von
Unterdrückung und Bevormundung befreien. Diese Achtung muss
deshalb grundlegend für politisches Handeln sein. 11 Gewalt ist
autoritär. Gewaltlosigkeit ist antiautoritär.

Es gilt also den verstaubten autonomen Habitus abzulegen. Damit
genug einzelne Menschen unsere Utopie für die richtige halten und so
eine kritische Masse hervorbringen, gilt es zu vermitteln, warum die
anarchistische Utopie die beste Grundlage für jede*n Einzelne*n ist. Es
gilt zu vermitteln, warum unsere Zukunftszugewandtheit der
reaktionären vergangenheitszugewandten Neurechten überlegen ist.
Unsere Mittel müssen dem Ziel entsprechen. Wir müssen offener
werden, interessanter für Außenstehende und vor allem leichter
zugänglich. Zu diesen Zweck müssen wir solidarische Strukturen
aufbauen, Kollektivbetriebe, Wohnprojekte. Unsere Strukturen
müssen den Menschen, die Teil von ihr sind, Sicherheit geben. Sie
müssen außerhalb des linken Szenesumpfs Anklang finden, um
wahrhaft gesellschaftsfähig im Sinne der Utopie zu werden. Der
Anarchismus ist die Utopie, wir sind die Revolution!
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[7]Prominente Beispiele sind Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine.
[8]Wichtig sind vor allem jene die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.
[9]Anarchismus mit inbegriffen.
[10]Gemeint sind vor allem Aktionsformen die aufGewalt basieren. Weitestgehend trifft die Kritik prinzipiell aber auch ein friedliches militantes Auftreten. Letzteres kann aber durchaus zum Schutz der Persönlichkeit gegenüber dem Staat oder rechten Strukturen gerechtfertigt sein. Eine genaue Definition von Gewalt möchte ich an dieser Stelle nicht vornehmen.
[11]Vgl. Beyer, Wolfram: Freiheit ohne Gewalt. Für eine gewaltfreie herrschaftslose Gesellschaft, in: Anarchismus 2.0. Bestandsaufnahmen. Perspektiven, hrsg. von Degen, Jürgen Hans/Knoblauch, Jochen, Stuttgart: 2009, S. 64.
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