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(de) FdA/IFA: Gai Dao #85 - "Es geht um schlicht alles oder nichts. Deshalb müssen wir uns organisieren" Von: madalton

Date Sun, 14 Jan 2018 10:23:25 +0200


Ein Interview mit der Anarchist Liberation Army (A.L.A.) über Kritik an der anarchistischen Szene, Vorschläge einer anderen Organisierungsweise, sowie den Kampf auf allen Ebenen. ---- Anmerkung der Redaktion: Dieses Interview wurde von uns an die in der Gaidao übliche Schreibweise mit "*innen" ("Gender Gap") angepasst. ---- Im August 2017 ging die Anarchist Liberation Army (A.L.A.) an die Öffentlichkeit. Was ist die A.L.A.? Welche Ziele hat sie? ---- Die A.L.A. war anfangs ein Experiment, das zeigen sollte wie bestimmte Themen innerhalb der anarchistischen Szene in Deutschland aufgenommen werden. Der Blog soll aber nicht online bleiben, sondern im besten Fall Menschen dazu inspirieren praktisch miteinander zu arbeiten. Im besten Fall flächendeckend und außerhalb der homogenen Kleinst-Szenen der deutschen Linken.

Es gibt viele einsame Anarchist*innen da draußen, die sich schon
länger von dem, was wir hier in Deutschland "linke Szene" nennen,
abgewandt haben - oft aus Frustration und Enttäuschung darüber, wie
hierzulande in dieser politisch tatsächlich recht unbedeutenden
Kleinst-Szene miteinander umgegangen wird und wie sich auch vom
Rest der Gesellschaft mit orthodoxen Totalforderungen abgegrenzt
wird - nur um des Abgrenzens Willen. Es ist auch ein Versuch
denjenigen, die die Szene verlassen haben, eine Stimme zu geben und
zu zeigen: Ihr seid nicht allein! Das große Problem der
Anarchist*innen seit jeher ist, dass die Wenigsten voneinander
wissen.

Im Selbstverständnis der A.L.A. heißt es: "Wir legen den Finger in
die Wunden des verflachten Diskurses der deutschen
Anarchismus-Orthodoxie und fordern nichts anderes als die
Wiederaufnahme des Kampfes auf allen Ebenen." Wie stellt ihr
euch diesen praktischen Kampf konkret vor? Wo seht ihr
erfolgversprechende Interventionsmöglichkeiten und welche
Mittel haltet ihr für geeignet?

Im Grunde geht es um die Wiederaufnahme von Zielen, die einmal
für die kämpfende Linke selbstverständlich waren. Um Klassenkampf,
selbstorganisierte Gewerkschaften, Genossenschaften und Betriebe,
um einen Antifaschismus, der nicht nur reagiert, sondern im
klassenkämpferischen Kontext stattfindet. Wer Faschismus sagt, muss
auch Kapitalismus sagen. Gerade der Antifaschismus in der deutschen
Linken ist extrem inhaltsleer geworden. Da geht es nur noch darum
die Landbevölkerung zu dizzen, um die sie eigentlich kämpfen sollten.
Am Ende wird auch vor billigsten Sozialchauvinismus und Klassismus
nicht halt gemacht. Der Nazi, das ist der dumme, fette Unterschicht-
Minijobber aus dem Osten, der aufstocken geht und sich dann noch
von Mittelschicht-Studis anhören darf, dass er doch bitte krepieren
soll, am besten natürlich im Dresdner Feuersturm alliierter
Bomberverbände. Das zeigt, wie billig der Diskurs ist und dass in der
antifaschistischen Diskussion schon längst nicht mehr danach
geschaut wird, woher die Probleme, gerade im Osten der Republik,
eigentlich kommen. Es liegt eben nicht daran, dass hier im Osten alle
dumme, fette Hartz4-Nazis sind, die keine Bildung haben. Bis vor 10
Jahren war im übrigen auch mal Standard gegen Kürzungen des
Existenzminimums zu sein. Stattdessen erleben wir auf Demos und
im Cyberspace eine Verrohung und Empathielosigkeit, die
ihresgleichen sucht. Und nein, es geht nicht darum Nazis gut zu
finden, sondern über die echten Probleme zu reden und sie nicht auf
soziale Herkunft und Beruf oder der Herkunft aus bestimmten
Bundesländern zu schieben. Nach dem Motto: "Der musste ja ein Nazi
werden. Der fette, Dresdner Hartz4-Schmarotzer!" Es sind
zunehmend neoliberale, menschenverachtende Töne, die man früher
eher von der Fraktion rund um Thilo Sarrazin gehört hat. Auch die
linke Bewegung hat diesen Klassenhass aufgezogen. Entsprechend ist
das Klassenbewusstsein kaum noch vorhanden. Das muss jedoch
zurückerlangt werden. Man kann keine Kämpfe erfolgreich führen,
wenn einem das grundsätzliche Rüstzeug schon fehlt. Es geht dabei
nicht um die Theorie, sondern das ganz Praktische, was passiert und
was wir sehen können, wenn wir zum Beispiel auf linke Demos
gehen.

Ihr bezieht euch auf die Schwarzen Scharen der 1920er/1930er
Jahre in Deutschland. Was können Anarchist*innen und
Antifaschist*innen heute von den Schwarzen Scharen lernen?

Zuerst: Die Schwarzen Scharen sind nur ein Beispiel. In der
Sächsischen Schweiz etwa gab es kommunistische und anarchistische
Bergsteiger*innengruppen, die Juden*Jüdinnen, Kommunist*innen
und andere Verfolgte über die Berge aus dem 3. Reich geschmuggelt
haben oder die rote Fahnen auf Fabrikschornsteine bugsierten und
auf dem Weg nach unten die Steigeisen abgesägt haben. (SA und
Gestapo sollten ja auch ihren Spaß haben). Die FAU Dresden versucht
das ja mit den Schwarz-Roten Bergsteiger*innen wieder etwas
aufleben zu lassen. Die Schwarzen Scharen sind für uns insofern
interessant, weil es eben bewaffnete Arbeiter*innenmilizen waren, die
sich ohne Aufforderung von außen selbst organisiert haben und
damit bis zur Machtergreifung durch die Nazis auch recht erfolgreich
waren. Ähnlich wie die FAUD, die teilweise - trotz Verbot - noch bis
1942 agiert hat und zum Beispiel Sabotageakte ausübte.

Wir sind an einem Punkt angelangt, der wesentlich drastischer ist als
während der Auseinandersetzungen in den 1990er Jahren. Mit der
AfD ist nun auch eine echte Nazi-Partei in den Bundestag eingezogen.
Gerade hier im Osten sind Angriffe auf Andersdenkende,
Migrant*innen oder sonstwie von der Norm abweichende Menschen
an der Tagesordnung. Oft durch militante, organisierte Nazis, die sich
in Bürgerwehren, der Identitären Bewegung oder schlicht als
terroristische Gruppen und Milizen organisieren. Die Nazis sind
mittlerweile hochmilitarisiert wie auch diverse Razzien bei
Reichsbürger*innen in den letzten Monaten gezeigt haben. Es geht
mittlerweile um viel mehr als nur schlichten Selbstschutz oder den
Schutz von einzelnen Projekten. Es geht um schlicht alles oder nichts.
Deshalb müssen wir uns organisieren. Gerade auch militant oder
"militärisch". Natürlich können wir darüber diskutieren, ob das alles
gut und nett ist, aber wird unser guter Wille und Skrupel die Nazis
aufhalten, die mit ihren Waffen und Todeslisten dann irgendwann
auch ernst machen und nicht vorher der Polizei ins Netz gehen? Wir
wollen nicht darauf warten, bis wir Besuch von Faschist*innen mit
Gewehren bekommen. In diesem Punkt sei vielleicht auf die Redneck
Revolt in den USA hingewiesen. Das sind linke "Rednecks" - also
überwiegend Leute aus dem Arbeiter*innenmilieu und vom Lande -,
die sich unter anderem bewaffnet organisieren. Sicher, die USA sind
nicht Deutschland, aber die Gefährdungslage wird sich mit dem
Wahlsieg der AfD in Deutschland noch mal drastisch verschlechtern
und man wird sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen müssen, ob
ziviler Ungehorsam der Situation noch angemessen ist.

Einen Lösungsweg, die Schwäche der anarchistischen Bewegung
zu überwinden, seht ihr im Plattformismus. Welche Merkmale des
Plattformismus seht ihr als große Stärke an?

Das mag für einige jetzt die Provokation per se sein, aber wir
brauchen mehr Struktur, mehr Verantwortung, mehr Disziplin. Wir
haben dem ja bereits einen eigenen Text gewidmet: "Disziplin ist kein
Gehorsam!"

Das größte Problem gerade auch vieler alternativ-autonomer
Strukturen ist ihre Strukturlosigkeit und Unorganisiertheit. Auch
dazu haben wir in unserer Ausgabe "Neue Militante Form" viel
geschrieben. Beides kann man sich auf unserer Webseite in Ruhe zu
Gemüte führen. Im Kern geht es aber darum die Cliquen-Struktur
vieler linker Gruppen zu überwinden. Die informellen Gruppen sind
oft eine Belastung. Sie bestehen meist zum Beispiel kaum aus
Außenstehenden, sondern nur aus Leuten eines Hausprojektes oder
einer winzigen informierten Menschengruppe. Gerade im
Gesichtspunkt auf Antifa-Aktivitäten ist das hochproblematisch.
Zumal diese Gruppen für Außenstehende so gut wie unbetretbar sind.
Wir brauchen halboffene Strukturen, die nicht funktionieren wie die
Cliquen früher auf dem Pausenhof, wo dann die Person am weitesten
kommt, die am lautesten schreit und am meisten rummackert.

Der Plattformismus hat im deutschsprachigen Raum historisch
gesehen, zu keinem Zeitpunkt nennenswerte Relevanz innerhalb
der anarchistischen Bewegung erlangt (im Gegensatz zu
beispielsweise Südamerika mit der dortigen Ausprägung
"especifismo"). Wie kann der Plattformismus innerhalb der
deutschsprachigen anarchistischen Bewegung eurer Meinung
nach größere Verbreitung und Verankerung finden?

Die "Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen
Union" von 1926 als Grundlagentext des Plattformismus wurde
damals innerhalb der internationalen anarchistischen Bewegung
kontrovers diskutiert. Doch statt dem Ziel des Plattformismus,
die Anarchist*innen in einer Organisation zu vereinigen, war
das Gegenteil die Folge: Uneinigkeit und Abgrenzungen. Wie
kann diese historische Entwicklung heute vermieden werden?

Ich fasse beide Fragen zusammen, denn beides fußt auf dem gleichen
Problem: Der anarchistischen Orthodoxie, die gerade dieser Tage
wieder besonders heftig um sich greift. Als "Orthodoxie" empfinden
wir das teilweise völlig widersinnige Verharren beim Totalen. Meist
geäußert in der Form: "Wer wählen geht ist kein richtiger Anarchist!
Wer sich in ner Kleinstpartei engagiert ist kein richtiger Anarchist!
Wer dieses oder jenes tut ist kein richtiger Anarchist!" Es wird
geradezu religiös von manchen Leuten betrieben. Bei dieser stetigen
Vereinzelung und Abgrenzung geht es am Ende aber oft nur um die
Vormachtstellung in der eigenen Polit-Clique, um sich selbst größer
zu machen. Man könnte es auch einfach egofixierten Narzissmus
nennen. In der Anarcho-Szene geht das oft nach dem Motto "Wer am
meisten dagegen ist hat gewonnen!"

Es ist schon allein ein Riesenproblem, dass sich Anarchist*innen
hierzulande als "Szene" und nicht als "Bewegung" sehen. Gruppen
sind ideologiefixiert und nicht ergebnisorientiert. Beispiel: Die
Vegangruppe redet nicht mit den Anarchosyndikalist*innen, denn
einige von denen könnten ja beim Fleischer streiken. Die
Anarchokommunist*innen reden nicht mit den Individual-
anarchist*innen, weil die Kropotkin-Fans die Genossenschaft selbst-
verwalten will und die Individualist*innen dadurch ihre Indi-
vidualität gefährdet sehen. Das war jetzt natürlich etwas übertrieben,
aber so ähnlich läuft es in vielen Gruppen. Es wird sich so lange
vereinzelt, bis man im Extremfall nur noch alleine dasteht. Dass all
diese Gruppen trotz ihrer unterschiedlichen Standpunkte auch
gemeinsam etwas erreichen könnten, ist dann ein völliges Wunder.
Jede*r verharrt wie religiöse Fundamentalist*innen auf der eigenen
Totalposition - sicher, dass nur er*sie allein die ultimative Lösung hat.
Deshalb ist es so schlecht bestellt um den Anarchismus hierzulande.
Bevor wir daran denken zusammen zu kämpfen loten wir erstmal aus
wer denn alles nicht zu meiner Idealvorstellung passt und weshalb
wir deshalb gerade mal wieder nicht zusammenarbeiten können. Real
sind die Unterschiede dabei gar nicht so krass wie manche*r offenbar
denkt. Wir müssen zu einem Teil auch einfach wieder lernen die
Meinung anderer zu tolerieren ohne daraus gleich ein Drama zu
machen. Das ist auch etwas, was der Kapitalismus gut kann.
Interessen vereinzeln und den Leuten weiß machen, sie könnten
niemals überein kommen, weil das Gegenüber eine andere Limosorte
trinkt. Und genau deshalb müssen die Anarchist*innen weg von ihren
theoretisierten, ideologischen Debatten hin zu der ganz praktischen
Überlegung "Wer will alles mit mir gegen die Unterdrückung
kämpfen?" Und wenn da Veganer*innen, fleischfressende
Kommunist*innen und esoterische Hippie-Gurus dabei sind, dann ist
das auch okay. Gruppen leben von ihrer Diversität. Das ständige
Streben nach totaler Homogenität hat die Anarchist*innen so klein
und unbedeutend werden lassen wie sie es sind.

Im von euch verfassten Artikel "Plattformismus - Was ist das?"
werden die vier Grundprinzipien der Plattform vorgestellt:
ideologische Einheit, taktische Einheit, disziplinäre Einheit und
Kollektivität. Im Gegensatz zur "Organisationsplattform der
Allgemeinen Anarchistischen Union" von 1926 wird der
"Föderalismus" nicht genannt. Hat dies einen bestimmten
Grund?

Nein, wir haben es schlicht und einfach vergessen. Schließlich sind
wir alle nur Menschen.;) Allerdings könnten wir uns in Zukunft
nochmal damit beschäftigen.

Welche Reaktionen haben eure Beiträge bisher hervorgerufen?

Überraschenderweise überwiegend positive. Es hätte ja auch sein
können, dass es wie so oft ist und einfach gar nichts passiert. Gerade
von Leuten, die sich der "Szene" abgewandt haben, scheint regelrechte
Erleichterung auszugehen. Frei nach dem Motto "Na endlich sagts
mal eine*r!"

Wenn Menschen den von euch wieder zur Diskussion gestellten
Organisierungsansatz in die Praxis umsetzen wollen: Gibt es die
Möglichkeit der Zusammenarbeit oder Austausch mit der A.L.A.?
Kontaktiert uns einfach per E-Mail auf
anarchistliberationarmy@protonmail.com. Wenn wir genug
Menschen finden, die mit uns am Projekt arbeiten möchten, dann gibt
es uns irgendwann vielleicht auch nicht nur als Blog.;)

Vielen Dank für das Interview.
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Informationen und Kontakt:
https://anarchistliberationarmy.wordpress.com/
anarchistliberationarmy@protonmail.com
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