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(de) Charles Fourier: Ein vergessener Vorkämpfer sexueller Emanzipation - Eine Würdigung seiner "Freien Liebeswelt" Von: Maurice Schuhmann

Date Tue, 9 Jan 2018 07:01:06 +0200


Dort, wo Paris' sündige Meile - der Boulevard de Clichy - auf den Place de Clichy trifft, steht von den meisten Passant*innen unbeachtet ein Denkmal für den französischen Sozialisten Charles Fourier (*1772-1837†). Es wirkt absurd oder wie ein schlechter Witz - der erste Vertreter des Konzepts "freier Liebe" und ein Vordenker der sexuellen Befreiung steht am Beginn eines für die käufliche Liebe stehenden Boulevards. Er selber hatte die Prostitution als eine Form der "niedren Liebe" bezeichnet. Der Surrealist André Breton, der unweit des Denkmals wohnte, würdigte ihn dann auch in einer Ode mit den Worten: "Fourier man hat sich lustig gemacht doch ob man will oder nicht man wird eines Tages von deiner Arznei probieren müssen." ---- In seinem voluminösen Werk "Le nouveau monde amoureux" ("Die neue Liebeswelt"), das Fourier 1816/17 verfasste, entwirft er die
Utopie einer harmonischen Gesellschaft, d. h. einer Gesellschaft, in
der alle menschlichen Triebe in einen harmonischen Einklang
gebracht werden. Dabei ist für ihn die Liebe etwas Göttliches. "Was
sind die anderen Leidenschaften verglichen mit der Liebe? Gibt es
irgendeine, die ihr gleichkommt? Ohne die Liebe ist das Leben eine
Wüste."

Fourier entwarf eine Utopie einer libidinös befreiten Gesellschaft, die
wie der Poststrukturalist Roland Barthes bemerkte, auf einem
radikalen Eudämonismus beruht (dabei handelt es sich um einen
Begriff aus der griechischen antiken Philosophie, der in etwa einen
ausgeglichenen Gemütszustand auf Grundlage der Befolgung
ethischer Grundsätze beschreibt). In seiner freien Liebeswelt finden
auch die unterschiedlichen, später durch die Sexualwissenschaft
pathologisierten Formen der Sexualität ihren Platz - Voyeurismus,
Fetischismus, Sadomasochismus und selbst Inzest. Er spricht dabei
von "Spielarten der Liebe". Allen voran aber plädiert er für ein
Konzept der freien Liebe, wie es heute unter dem Namen
"Polyamorie" bekannt ist. Dies passiert vor dem Hintergrund einer
Kritik der "zivilisierten Welt", die - seiner Auffassung nach die "Liebe
ächtet". Dabei thematisiert er bereits das Thema Eifersucht, dem er
ein Unterkapitel widmet. Ein wichtiger Begriff stellt für ihn der der
Orgie dar. Er sieht die Orgie als ein natürliches Bedürfnis des
Menschen an.

Seine Utopie ist dabei von zwei anderen französischen Erotomanen
inspiriert, zu denen sich partiell intertextuelle Bezüge finden lassen -
auf der einen Seite D. A. F. Marquis de Sade (*1740-1814†), auf der
anderen Seite dessen Kontrahenten Rétif de la Bretonne (*1734-
1806†). Von letzterem ließ er sich augenscheinlich in Bezug auf seine
Sicht des Inzests inspirieren. Das Inzest-Tabu erkannte er bereits als
kulturell gegeben an, was ihn zu einem Vorläufer von Siegmund
Freud macht, und verwarf es.

Die Gedanken Fouriers waren so provokant, dass seine eigenen
Schüler*innen sich gezwungen sahen, dieses Werk zu zensieren. Die
erste Auflage - im Jahr 1829 - erschien um drei Absätze gekürzt,
verbunden mit einer Distanzierung seiner Herausgeber von einzelnen
Gedanken. Und auch seine Kontrahenten - inklusive des Anarchisten
Pierre-Joseph Proudhon - erhoben den Vorwurf, dass das Denken
Fouriers obszön (gewesen) sei. Das Werk verschwand für gut 150
Jahre in der Versenkung, bevor es erstmalig im Rahmen einer
Gesamtausgabe des Fourierschen Werkes 1967 unzensiert erschien
und in der sexhungrigen und experimentierfreudigen
Studierendenrevolte fanden sich schnell Fans für sein Werk. Ein
wichtiger Adept von ihm wurde der Autor und Anarchist Daniel
Guérin, der eine Auswahl von Passagen 1972 herausbrachte, die dann
auch 1977 in deutscher Sprache unter dem Titel "Aus der freien
Liebenswelt" beim Klaus Wagenbach Verlag erschienen. Weitere
Auszüge aus jenem Werk finden sich in dem Sammelband "Über das
weltweite soziale Chaos". Eine komplette, deutsche Übersetzung fehlt
bislang.

Auch fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung seines Werkes in
Frankreich besitzt dieses Werk noch kontroversen Inhalt, der eine
erneute Lektüre und Diskussion dessen lohnenswert macht.
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