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(de) Radikaler Veganismus - Eine libertäre Sicht auf die Gründe des Veganismus. Warum radikaler Veganismus?*

Date Mon, 8 Jan 2018 09:06:28 +0200


Mainstream Vegan-Material wurde von einer eher sozialdemokratischen als einer klassenbasierten Perspektive geschrieben. Es baut seine Argumente auf Wohlfahrt anstatt auf Solidarität auf und bietet individualistische und konsumkritische an Stelle von kollektiven Lösungen an. Dieses Material beschuldigt häufig die individuelle Entscheidung für die industrielle Ausbeutung der Tiere, anstatt die dahinter liegenden wirtschaftlichen und hierarchischen Strukturen zu verstehen und die Leute zu bemächtigen sich gegen diese zu organisieren. Es ist deswegen notwendig die Ursachen von Ausbeutung aufzuzeigen und eine umfassende Strategie zu entwerfen, anhand welcher die Ursachen nachhaltig bekämpft werden können. ---- Teile von diesem Beitrag wurden von einem Text mit dem Titel "Warum anarchistisch vegan?" übernommen, verändert und ergänzt. Die Ergänzungen und Änderungen wurden von einigen Leuten aus dem Kollektiv.26 - Autonome Gruppe Ulm vorgenommen, um den Text unseren Positionen anzupassen.

K apitalismus und Tiere

Im letzten Jahrhundert hat die Nahrungsherstellung einen massiven
Wandel zu kapitalintensiveren Methoden durchgemacht. Das betrifft
zwar die gesamte Bandbreite der Nahrungsmittelproduktion, aber
diese Broschüre will untersuchen, inwiefern es die Nutzung von
Tieren in der Landwirtschaft betrifft.

Lass uns als Beispiel ein Blick auf die durchschnittliche Lebensdauer
eines Hähnchens werfen. Hähnchen ist ein Nutz- und Zuchtvogel,
welcher einer stark selektiven Zucht ausgesetzt war, um
Eigenschaften der Produktionsmaximierung und Kostenminimierung
hervorzubringen. Die selektive Zucht spezialisierte sich zum Beispiel
auf eine große Brustmuskulatur und ein beschleunigtes Wachstum
auf Kosten des Wohlergehens des Tieres.

Das Leben beginnt in der Brutanlage, wo riesige Brutmaschinen
tausende von fruchtbaren Eiern bei optimaler Temperatur halten.
Sobald ein Küken schlüpft, wird sein Geschlecht festgestellt und da
männliche Küken schneller wachsen, werden weibliche nach ihrer
Geburt in ein Hochgeschwindigkeitsmahlwerk geworfen.
Ironischerweise wird bei der Eierproduktion genau das Gegenteil
gemacht und männliche Küken in das Mahlwerk geworfen, da sie bei
der Eierproduktion keinen Nutzen haben. Diese beiden Hühnerrassen
sind verschieden und wurden nach verschiedenen Zuchtwegen
selektiert. Brathähnchen ist eigentlich keine Zuchtrasse sondern ein
Hybrid mit dem Namen Ross 208 (patentiert).

Männliche Küken werden dann in Kisten zur Hähncheneinheit
gebracht, wo die Küken die nächsten 35 Tage verbringen bis sie ihre
volle Größe erreichen. Die Hähncheneinheiten sind fensterlose Hallen
welche zehntausende Vögel auf einmal bei durchschnittlich 21 Vögel
pro Quadratmeter unterbringen, kaum weniger als ein A4-Blatt pro
Hähnchen. Die Temperatur wird automatisch kontrolliert und das
fahle Licht wird in kurzen Abständen heller und dunkler gemacht um
die natürlichen Effekte des Essens während Sonnenaufgang und
Sonnenuntergang auszunutzen. Die Wachstumsgeschwindigkeit hat
sich innerhalb der letzten Jahrzehnte verdoppelt, was verschiedene
Probleme z.B. mit der Knochenstruktur verursacht hat. Die Vögel
werden dann kopfüber an einem Haken aufgehängt, der an einem
Förderband befestigt ist. Der erste Halt ist ein Becken mit Wasser, das
die Vögel mit dem Kopf berühren und die elektrische Spannung auf
dem Wasser die Vögel betäuben soll. Natürlich funktioniert das nicht
immer, da die Vögel zappeln und versuchen sich von dem Haken zu
befreien. Der nächste Halt ist eine waagrechte Säge, welche die Kehle
aufschneidet. Das Hähnchen wird dann zu den automatisierten
Maschinen weitergeführt, welche die Tiere rupfen und waschen,
bevor sie die Verpackungsanlage erreichen.

Dieses Beispiel von industrialisierter Viehwirtschaft zeigt hoffentlich
auf, wie der Wechsel zu kapitalintensiver Landwirtschaft die
Ausbeutung empfindsamer Wesen verstärkt hat. Dennoch sind die
Kapitalist*innen keine Speziesist*innen; sie werden versuchen alles
und jede*n die*den sie bekommen können auszubeuten, wenn sie die
Möglichkeit dazu sehen. Es geht ihnen um dasselbe, wie allen
Besitzer*innen von Produktionsmitteln und Investor*innen in eben
diese: Profit zu erzielen und das investierte Geld zu vermehren, um
den eigenen Lebensunterhalt zu finanzieren.

Dass es nur um den Profit geht, zeigt auch der Umgang mit
Angestellten in den Mast-, Schlacht- und Fleischerbetrieben: Die
einfachen Arbeiten werden von Leuten mit sehr niedrigen Löhnen
verrichtet, oft von Migrant*innen, da diese besonders niedrige Löhne
akzeptieren. Die Versuche Gewerkschaften zu gründen werden oft
durch Entlassungen oder andere Druckmittel verhindert und teilweise
werden auch illegal Eingewanderte angestellt, da diese keine
Möglichkeiten haben sich an öffentliche Stellen zu wenden und sich
gegen die Ausbeuter zu organisieren.

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[*] Originaltext: https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/sonstige-anarchistische-texte/6356-warum-anarchistisch-vegan (von "class struggle anarchist vegans")Gai Dào
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Viehhaltung schadet Menschen

Die Nutzung von Tieren in der Landwirtschaft nimmt stark zu;
durchschnittlich werden drei Tiere von Menschen in der
Landwirtschaft verwendet; die Nutzung hat sich seit den 1950ern
verfünffacht. Bereits 50-60% des Getreides der Erde wird an Tieren
verfüttert, Tendenz steigend.

Warum ist das ein Thema? Tiere in der Landwirtschaft können als
"rückwärts laufende Proteinfabrik" bezeichnet werden, was bedeutet,
dass sie mehr Eiweiß und Energie verbrauchen als dann in den
Produkten enthalten ist, die aus ihnen gemacht werden. Die Tiere
brauchen Energie, um sich zu bewegen (in dem wenigen Platz der
ihnen in den Tierfabriken gelassen wird), um Wärme zu erzeugen und
um sich Dinge wachsen zu lassen, für die die Kapitalisten noch kaum
Verwertung gefunden haben wie Gelenke, Haare, Federn und so
weiter. Mit anderen Worten: Es wird ungefähr die zehnfache
Landfläche gebraucht, um die Nahrung für eine Kuh anzubauen, wie
gebraucht werden würde, um die entsprechende Menge an
pflanzlichen Eiweißen zu produzieren.

Die Fleischproduktion hat viele andere ernsten Auswirkungen für die
Umwelt, wie Methanausstoß, Überdüngung, Waldabholzung,
Bodenerosion, hoher Verbrauch von fossilen Brennstoffen im
Vergleich zu einer pflanzlichen Nahrungsmittelproduktion und ein
Verbrauch bis zu 100.000 Liter Wasser pro Kilogramm Rindfleisch im
Gegensatz zu Kartoffeln (500 Liter), Reis (1000 Liter) und Soja (2000
Liter), während die Wasservorkommen der Welt langsam
austrocknen.

Es wird also auf Kosten von Menschen, Tieren und der Umwelt Profit
erwirtschaftet, wie es bei jeder kapitalistischen Produktion notwendig
ist. Es wird schließlich kein*e Kapitalist*in sein*ihr persönliches
Eigentum in eine Unternehmung investieren, von der er*sie nicht
überzeugt ist, dass sie einen Mehrwert produziert. Und dieser
Mehrwert ist immer proportional zur Ausbeutung.

Die Unmöglichkeit einer befreiten Gesellschaft innerhalb des
Kapitalismus

Weder die Befreiung der Menschen, noch die der Tiere ist innerhalb
dieses Systems möglich. Zum einen werden die Menschen durch den
Staat regiert und unterdrückt, von welchem gleichzeitig das
Wirtschaftssystem aufrecht erhalten wird, indem er das Eigentum an
Produktionsmitteln gesetzlich festschreibt und mit seinem
Gewaltmonopol durchsetzt. Außerdem sind die Menschen in einem
Ausbeutungsverhältnis gefangen und unterliegen - mal mehr mal
weniger - noch weiteren Unterdrückungsmechanismen, abhängig
davon, welchem Geschlecht, welcher Nationalität und Ethnie sie
angehören und welche sexuelle Orientierung sie haben. Mit einer
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umgestaltung zu einem
Rätesystem, in dem die Produktionsmittel von der "Basis" verwaltet
werden, kann es trotzdem noch z.B. Sexismus geben, weswegen
dieser gleichzeitig mit anderen Herrschaftssystemen aufgedeckt und
bekämpft werden muss.

Auf der anderen Seite werden Tiere ausgebeutet, getötet und durch
den Menschen beherrscht. Neben der Verwertungslogik existiert der
Speziesismus. Also die Unterdrückung auf Grund der Spezies, und der
Zuschreibung gewisser Fähigkeiten, beziehungsweise eben der
Abwesenheit bestimmter Fähigkeiten. Beispielsweise werden die
meisten Tierarten als wesentlich weniger intelligent betrachtet, als sie
tatsächlich sind oder ihnen wird die Fähigkeit zum Leiden oder
Fühlen in geringerem Maß zugeschrieben als Menschen. Vor allem
aber wird ihnen eine geringere Wertigkeit zugesprochen, da sie nicht
zur Art des Homo sapiens gehören. Diese Ideologie muss ebenfalls
zusammen mit dem Kapitalismus bekämpft werden, da sie auch
unabhängig von diesem existieren kann.

Es kommt erschwerend hinzu, dass weltweit die meisten Menschen
nicht in denselben Verhältnissen leben, wie wir in Europa. Viele
Menschen müssen sich von eigenem Ackerbau ernähren und haben
nur durch Viehhaltung (und -schlachtung) die Möglichkeit über die
Runden zu kommen, da die Tiere auch in Steppen gehalten werden
können, in denen nur begrenzt Gemüseanbau möglich ist. Außerdem
haben die Menschen in vielen Teilen der Welt weder die Zeit, noch
die finanziellen Möglichkeiten, um über Alternativen zu Fleisch
nachzudenken. Sie müssen das essen, was sie sich leisten können und
oft ist Fleisch günstiger als Gemüse. Es wird den meisten Menschen
also nicht möglich sein vegan zu leben, solange das jetzige
Wirtschaftssystem besteht.

Gesundheit und Klasse

Die alten stereotypen antikapitalistischen Cartoons stellen die Chefs
der Oberklasse immer als dicke, alte Männer mit komischen Hüten
und Zigarre dar. Die moderne Realität aber ändert sich sehr schnell.
Tatsächlich ist es die Arbeiterklasse, die anfälliger auf Übergewicht
und Krankheit ist, während Wohlhabende Zugang zu gesünderer
Nahrung, besseren Informationen und allen privatisierten
Gesundheitsdienstleistungen, zum Training und der
Gesundheitsversorgung haben. Die moderne Oberklasse sieht gesund
aus, isst gut und lebt lange.

Jahrhunderte lang bildeten sich Ernährungskulturen, die eine
ausgeglichene Ernährungsweise hervorbrachten, die an die
Umgebung in der mensch lebte angepasst war. Mensch werfe einfach
mal einen Blick auf die verschiedenen Ernährungskulturen auf der
Welt und deren Wege, die sie gefunden haben sich ausgeglichen und
größtenteils gesund zu ernähren, ohne jedes wissenschaftliche
Wissen über Ernährung. Diese Kette mündlich überlieferter
Ernährungskultur wurde zerbrochen und durch große multinationale
Konzerne und ihre Marketingbudgets ersetzt.

Eine Folge daraus ist, dass das Essverhalten der arbeitenden Klasse
sich schnell verschlechtert. Das Kapital versucht möglichst viel Profit
herauszuholen, indem es Kürzungen vornimmt. Es benützt die
billigsten Zutaten, häufig gentechnisch veränderte Organismen und
verschmutzende Produktionsmethoden. Unsere neue
Ernährungskultur, die vom Kapitalismus diktiert wird, besteht zum
Großteil aus Fertignahrung, hormon- und antibiotikaverseuchten
Fleischprodukten, Produkten aus Tierfabriken, Fast Food,
gentechnisch veränderten Lebensmitteln, und so weiter.

Wir können darauf reagieren, indem wir eine gesündere
Ernährungskultur in unserer Klasse verbreiten und an einem
bezahlbaren Zugang zu besserem Essen arbeiten. Vegan-Kampagnen
können eine wichtige Rolle dabei spielen, indem für Ernährung als
ein Bereich, indem wir Kontrolle über unser eigenes Leben gewinnen
können, eingetreten wird und die Ernährungsweise zu einer bewusst
überdachten Entscheidung wird, anstatt sie in den Händen von
Marketingstrategien multinationaler Konzerne zu belassen. Das ist
jedoch nicht durch ausschließlich individuelles Umgestalten der
Essgewohnheiten zum Veganismus hin möglich. Es ist ein kollektiver
Kampf notwendig, der eine revolutionäre Perspektive hat.

Libertärer Veganismus

Indem wir vegan werden, bitten wir keine Politiker*innen,
Anführer*innen oder professionelle Wohltäter*innen darum, soziale
Probleme zu lösen, die uns wichtig sind. Es wird dadurch keine
Verantwortung oder Macht dadurch übertragen, sondern eine
bemächtigende Lösung gesucht, die unabhängig von Stellvertreter*innen ist.

Veganismus verbreitet sich nicht über große, berühmte
Männer*Frauen oder großartige Theorien, auch wenn manche
versuchen die Bewegung so darzustellen. Kommentator*innen und
sogar manche*r Vegan-Aktivist*in mit hierarchischen und
kapitalistischen Denkweisen versuchen die gesamte vegane
Bewegung mithilfe von berühmten Philosophen und Gründerväter zu
beschreiben. Doch dies ist ein Irrtum und verfehlt die wahre Natur
der Bewegung. Veganismus verbreitet sich von einem*r Freund*in
zum*r nächsten, über Familienmitglieder und Arbeitskolleg*innen in
echter Graswurzelmanier beruhend auf gegenseitiger Hilfe und
Unterstützung.

Veganismus alleine kann den Kapitalismus nicht herausfordern und
kann kein Ersatz für kollektive Massenaktionen und Klassenkampf
sein. Bei politischem, libertärem Veganismus geht es nicht um
persönliche Reinheit oder ethisches Händewaschen, sondern um
einen Versuch eine neue Ernährungskultur zu erschaffen.

Da es einfach unmöglich ist die Weltbevölkerung auf einer
Ernährungsweise mit vielen Tierprodukten sinnvoll und
umweltschonend zu ernähren, sei es eine kapitalistische oder eine
kommunistische Gesellschaft, ist der kulturelle Wandel zu einer
pflanzenbasierten Ernährungsweise notwendig. Die vegane
Ernährungsweise repräsentiert ebenso einen Wandel in unserer
Beziehung zu Tieren, indem wir auf kultureller Ebene
speziesübergreifendes Mitgefühl zeigen und unser Leben so leben,
dass kein Tier uns als Essen, Bekleidung, sowie Werkzeug der
Unterhaltung oder Produktentwicklung dienen muss. Es wird Zeit
eine neue Welt zu erschaffen.
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