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(de) Gai Dao #84 - 100 Jahre rote Mythologie - Einige Gedankensplitter zum Jahresabschluss Von: Jens Störfried

Date Fri, 22 Dec 2017 07:44:11 +0200


Die Oktoberrevolution in Russland war ein großes Ereignis und viel größer noch ihre Folgen für alle internationalen sozialistischen Strömungen. Auch Anarchist*innen standen den revolutionären Entwicklungen zunächst ambivalent gegenüber, da unklar war, welche Folgen die Übernahme der Staatsmacht durch die Bolschewiki haben würde. In der heutigen linken Geschichtsschreibung gibt es einige positive Veränderungen, auch wenn die Auseinandersetzungen um Deutungen weiter geführt werden. Grund genug also, sich dahingehend einen anarchistischen Input zu verschaffen! ---- Wie wahrscheinlich viele Personen, denen die Bewusstseinsbildung einer - im weiten Sinne - sozialistischen politischen Weltanschauung ein Anliegen ist, weil sich diese immer wieder neu vollziehen, erneuert und vorangebracht werden muss, wollte ich das Jahresdatum der Russischen Revolutionen zum Anlass nehmen, mich mit diesem
Ereignis noch einmal selbst auseinanderzusetzen. Die eine oder
andere Kenntnis besaß ich bereits, aus der genüsslichen Lektüre des
dritten Bandes von Emma Goldmans Gelebtes Leben 1 und auch Victor
Serges Erinnerungen eines Revolutionärs 2 .
-------------------------------------------------------
[1]Emma Goldman, Gelebtes Leben, 2. Auflage, Berlin 1990.
[2]Victor Serge, Erinnerungen eines Revolutionärs 1901-1941, 3. Auflage, Hamburg 1977.
-------------------------------------------------------
Beide waren als Anarchist*innen im revolutionären Russland aktiv, welches sie aus
den USA bzw. Frankreich erreichten - die eine nach dem "Anarchist
Exclusion Act" deportiert, der andere aus einem Internierungslager
durch einen Gefangenenaustausch abgeschoben. Beide rechneten auf
ihre Weise mit dem autoritären Kommunismus in Gestalt der
bolschewistischen Partei-Diktatur ab, nachdem sie diese zuvor aus
Überlegungen zur Notwendigkeit revolutionärer Gewalt usw. im Zuge
der Bedrohung der Revolution durch die kapitalistischen Staaten und
die zaristischen Konterrevolutionäre verteidigt hatten. Ebenfalls
aufschlussreich berichtet Alexander Berkman, welcher in seinem
Tagebuch aus der Russischen Revolution 1920-1922 zu Beginn mit
quasi-religiösem Pathos davon schrieb, seine Ankunft in Russland
wäre der schönste Tag in seinem Leben gewesen. Und anschließend
folgen die Worte der Enttäuschung und Verzweiflung über die
tatsächlichen Entwicklungen. 3 Aber dies geschah eben erst später,
nach den eigenen schmerzlichen Erfahrungen in der sozialen
Revolution, für die die drei eintraten. Victor Serge "beichtet",
nachdem er das Angebot von Maxim Gorki (einem ebenfalls
Bolschewismus-kritischen, aber dennoch für diesen parteiischen,
sozialrevoluionären Intellektuellen) an der Herausgabe von
"Weltliteratur" mitzuarbeiten, angenommen hatte:

"Mein Entschluss war gefasst, ich wollte weder gegen die Bolschewiken
stehen noch neutral sein. Ich wollte auf ihrer Seite sein, aber frei und
ohne auf ständiges Denken und Kritik zu verzichten. Zu den großen
revolutionären Karrieren hätte ich leicht Zugang gehabt, ich beschloss
sie zu meiden und sogar, soweit es möglich sein würde, jene Funktionen
zu meiden, mit denen die Ausübung von Autorität verknüpft ist: andere
gefielen sich so sehr, dass ich meine Haltung für erlaubt hielt; sie war
natürlich falsch. Ich wollte auf Seite der Bolschewiken stehen, weil sie
zäh, ohne den Mut sinken zu lassen, mit großartiger Begeisterung, mit
überlegter Leidenschaft, das Notwendige taten; weil sie die einzigen
waren, die es tun konnten, da sie alle Verantwortung und alle Initiative
übernommen hatten und eine erstaunliche Seelenstärke bewiesen. Sie
täuschten sich gewiss in mehreren wesentlichen Punkten: in ihrer
Intoleranz, in ihrem Glauben an die Verstaatlichung, in ihrer Neigung
zur Zentralisierung und zu Verwaltungsmaßnahmen. Aber wenn sie mit
geistiger Freiheit bekämpft werden sollten, dann musste es mit ihnen
geschehen, in ihren Reihen. Schließlich konnte es sein, dass alle diese
Übel vom Bürgerkrieg, von der Blockade, von der Hungersnot
herrührten und dass die Heilung von selbst kommen würde, wenn es uns
gelang, zu überleben." 4

Darin hatte sich Serge grundsätzlich getäuscht. Dennoch ist die
Konstruktion eines "reinen Anarchismus", der schon von Anbeginn
an mit den Bolschewisten verfeindet gewesen wäre, als historisch
falsch anzusehen - zumindest, was die ersten Jahre der Revolution
angeht. Als einer der Wendepunkte kann der Gründungskongress der
"Roten Gewerkschafts-Internationale" im Juli 1921 gelten, bei
welchem durch die bolschewistische Parteiführung versucht wurde,
unter anderem syndikalistische Gewerkschaften für ihren autoritären
Staatskommunismus zu instrumentalisieren, während zur gleichen
Zeit - neben verschiedenen anderen politischen Kontrahenten,
Oppositionellen und Unpassenden - zahlreiche Anarchist*innen und
Syndikalist*innen inhaftiert oder bereits durch die sowjetische
Terrororganisation "Tscheka" ermordet worden waren.

Wie Philippe Kellermann ausgiebig und anhand verschiedener
Originaltexte darstellt, war das Verhältnis von Anarchist*innen
gegenüber der bolschewistischen Partei äußerst ambivalent und -
obwohl sie stets kritisch waren - keinesfalls nur von Abneigung
geprägt 5 . Dafür stehen sie wahrscheinlich beispielhaft für all jene
tausende Aktivist*innen der anarchistischen Bewegung in Russland
oder weltweit, die sich zu den ersehnten aber verworrenen
revolutionären Entwicklungen am Ende der Katastrophe des ersten
Weltkrieges positionieren mussten. Dem widerspricht jedoch
keineswegs, im Nachgang eindeutigere Positionen zu den politischen
Ereignissen in der Vergangenheit zu beziehen, eben um für heutige
politische Praktiken Entscheidendes zu lernen. In diesem Sinne
schreibt Hendrik Wallat über Staat oder Revolution. Aspekte und
Probleme linker Bolschewismuskritik:

"Wir sind Erben einer untergegangenen Epoche. Die Erinnerung an
kommunistische und anarchistische Dissidenz dient daher weder der
Etablierung einer Gegentradition, die über das Elend der Gegenwart
abstrakt und unhistorisch hinweg hilft, noch zu einer Flucht in eine
rosige Vergangenheit, die von ihrem realen Schrecken befreit. Die
Erinnerung verdrängter Alternativen ist kein Schlüssel für die Zukunft
und dient auch nicht der Verherrlichung einer vergangenen Epoche.[...]
Der Weg zu dieser alternativen Vergangenheit und einer ihre
entsprechenden Zukunft kann aber nur bestritten werden, wenn zuvor
die Vergangenheit, die unsere Gegenwart geworden ist, schonungslos
angenommen wird, was auch Bedingung für die Wiedergewinnung
einer anderen als der gegenwärtigen Zukunft ist: Wer am
Kommunismus als Inbegriff radikaler Freiheit festhalten will, ihn zu
aktualisieren versucht, wird der radikalen Unfreiheit des historischen
Kommunismus nicht mehr entfliehen können und ein erdrückendes
Erbe annehmen müssen, aus dem keine wie auch immer sich
begründende (in)direkte Apologie, kein Taktieren und keine nominelle
Umetikettierung zu entkommen helfen[...]." 6

Trotz der verworrenen Situation der verschiedenen politischen
Gruppierungen, dem schrecklichen sozialen Elend, permanenter
äußerer Bedrohung und innerer Widersprüche war die Russischen
Revolution dennoch ein Hoffnungsmoment und Sehnsuchtsobjekt für
fast alle Sozialist*innen weltweit. Ob ihr im Versuch zur Etablierung
einer realen Gesellschaft der Freiheit, Gleichheit und Solidarität,
möglicherweise wirklich die Chance auf eine langanhaltende
gesamtgesellschaftliche Emanzipation gelegen hat, darüber hat Bini
Adamczak einige kluge Worte in ihrem neuen Büchlein zu verlieren:
"Drei zentrale Forderungen wurden im Jahr 1917 in Russland laut -
und immer lauter. Sie waren keine Erfindungen der Kommunistischen
Partei Russlands[...], sie kamen von den Straßen und den Äckern, aus
den Schützengräben, Warteschlangen und Fertigungshallen. Doch die
Bolschewiki griffen sie auf, fassten sie in Parolen und druckten sie auf
Flugblätter. Nicht zuletzt deshalb wurde die Kommunistische Partei in
kürzester Zeit zur stärksten Fraktion der Revolution. Die Forderungen,
deren Erfüllung von der Revolution erwartet wurde lauten 'Land!',
'Frieden!' und 'Alle Macht den Räten!'[...]Entlang der drei Forderungen
lässt sich fragen, welche Auswege die Revolution hatte, um jene
Sackgassen zu umgehen, die entweder in der Niederlage oder im
Scheitern enden." 7
------------------------------------------------------
[3] Bini Adamczak, Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom womöglichen Gelingen der russischen Revolution, Münster 2017, S. 7-16. Das neu erschienene Buch ist überaus lesenswert und inspirierend. Am Titel zeigt sich, dass auch erneuerte Kommunist*innen - als die sich Adamczak versteht - sich nicht mehr rein in Abgrenzung, sondern sogar positiv auf Anarchismus beziehen. Dies könnte selbstverständlich auch eine Strategie sein, um unorganisierte Anarchist*innen in ein kommunistisches Projekt hinein zu locken. Solche politische Konkurrenz finde ich legitim, insofern es an Anarchist*innen wäre, bessere Argumente und attraktivere funktionierende Organisationensformen zu finden als andere.
[4] Serge, Erinnerungen, S. 90.
[5] Philippe Kellermann (Hrsg.), Anarchismus und Russische Revolution, Berlin 2017. und: Philippe Kellermann, Zur Wahrnehmung der Oktoberrevolution und des Bolschewismus im
internationalen Anarchismus 1917 bis 1923; auf: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Materialien/Materialien22_Roter_Oktober.pdf
[6] Hendrik Wallat, Staat oder Revolution. Aspekte und Probleme linker Bolschewismuskritik, Münster 2012, S. 9.
[7] Adamczak, Der schönste Tag, S. 55f.
--------------------------------------------------------------

Ich schreibe diesen Beitrag jedoch nicht, weil ich selbst eine
Ergänzung zur Betrachtung und Bewertung linker Geschichte
hinzufügen will, wozu schon vieles gesagt wurde. Vielmehr glaube ich
und erlebe es leider auch, dass selbst manche Anarchist*innen,
zumeist aber Leute, die meinen einen freiheitlichen Kommunismus
oder Sozialismus zu vertreten, immer wieder Zuflucht zu einem
verzerrten Idealbild der Oktoberrevolution nehmen, die "leider"
gescheitert sei. Eine historisch genaue Untersuchung revolutionärer
Entwicklungen ist zweifellos wichtig, um nicht einfach seinem
politischen Bauchgefühl zu folgen - welches eben gerade der Grund
ist, warum offenbar viele Anarchist*innen die Bolschewiken zu
Beginn teilweise unterstützten. Zunächst halte ich es aber von
Bedeutung zu klären, unter welchem Blickwinkel und warum ich mir
etwas anschaue.

Um mir dahingehend einen vernünftigen Input zu holen, las ich also
eine Textsammlung von Rudolf Rocker, nämlich Der Bankrott des
russischen Staatskommunismus 8 . Und dabei gebe ich zu, dass es mir
ein Bedürfnis war, mich selbst "auf Linie" zu bringen. Ich wollte mich
vom elendigem Hin- und Hergerissen-Sein zwischen eigenen
politischen Idealen aber dem gleichzeitigen Wissen um die
Widersprüchlichkeit sozialrevolutionärer Politik und ihren
Anforderungen loslösen - ohne mich jedoch auf die Seite der "Wir-
hatten-ja-schon-immer-Recht"-Fraktion zu stellen. Weil sie dies
behauptet, muss sie meiner Ansicht nach immer schon falsch liegen.
Ich suche also nach Inspiration, dass heißt, für mich liegt die
Wahrheit von Rockers Worten nicht in diesen selbst, sondern in
seiner Gesamtaussage. Diese kann wiederum selbst überprüft werden,
was aber nicht das Anliegen dieses Textes ist...

Schon 1921 hatte sich Rocker als führende Persönlichkeit des
deutschsprachigen und auch internationalen Anarcho-Syndikalismus
von der "bolschewistischen Staatspolitik" losgelöst. Und zwar nicht,
weil er eben Anarchist war, sondern, weil ihn äußerst beunruhigende
Berichte aus dem sowjetischen Russland und seiner Einflusssphäre
erreicht hatten (Die Sowjetunion selbst wurde erst durch die
bolschewistische Staatsführung Ende 1922 deklariert) 9 . In diesem
Sinne schreibt er:

"Es waren keineswegs die furchtbaren wirtschaftlichen Verhältnisse in
Russland, die alle diese Männer und Frauen[= anarchistische
Revolutionäre, die aus Russland zurückgekommen waren und davon
berichteten]zu einer Änderung ihrer früheren Ansichten bewegt hatten,
sondern in erster Linie die erstickende Atmosphäre eines unerträglichen
Despotismus, der heute wie eine dicke Wolke über Russland lagert, und
dem es vorbehalten blieb, die schlimmsten Auswüchse des alten
Zarismus auf die Spitze zu treiben. Die rücksichtslose Unterdrückung
jedes freien Gedankens, die Abwesenheit aller Garantien, welche die
persönliche Freiheit wenigstens innerhalb gewisser Grenzen
gewährleisten, wie dies sogar in kapitalistischen Staaten der Fall ist, die
Beraubung der Arbeiter von allen Rechten, die ihnen allein die
Möglichkeit geben, ihre eigenen Ansichten und Meinungen
kundzugeben, wie die Versammlungsfreiheit, das Streikrecht usw., die
scheußliche Entwicklung eines Polizei- und Spionagesystems, das wohl
alles übertrifft, was aufdiesem so dunklen Gebiet je geleistet wurde, die
Lotterwirtschaft der Kommissare und die blinde Routine einer geistlosen
Beamtenhierarchie, die jede selbständige und lebendige Regung in den
Massen längst erstickt hat, - dies und vieles andere, was sich heute nicht
mehr so kunstvoll verhüllen lässt wie früher, sind die Erscheinungen,
die vielen die Augen geöffnet haben, die früher hoffnungslos der
allgemeinen Hypnose unterlegen waren." (Rocker, S. 19)

Bestärkend ist die Klarheit mit der Rocker seine Analyse vorbringt
und seine unbestechliche Haltung den "Moskauer Diktatoren"
gegenüber, während sich die allermeisten Personen der
Arbeiter*innenbewegung mit den Bolschewiki entweder
bedingungslos oder kritisch solidarisierten. Dies taten sie nicht
zuletzt, weil die bolschewistische Propaganda es sehr gut verstand,
Tatsachen zu verbergen und zu verdrehen und ihr Machtapparat und
die persönlichen Abhängigkeiten in ideologischer Hinsicht der
katholischen Inquisition oder bürgerlichen Staatsterroristen in der
Französischen Revolution, den Jakobinern, nichts nachstanden.
Außerdem fehlte es schlichtweg an Informationen über die
tatsächlichen Vorgänge in Russland und das Anarchist*innen in
Sowjet-Russland eingekerkert und ermordet wurden, konnte selbst
der engagierte Erich Mühsam nicht glauben, wie Helge Döhring
Interview in der letzten Gaidao darstellte 10 . Rocker stellt unterdessen
in seinen Aufsätzen unmissverständlich klar, dass die
Machtergreifung der Bolschewiki, der sozialen Revolution der
Arbeiter*innen und Bäuer*innen grundsätzlich entgegensteht und
deswegen nur mit massiver Repression durchgesetzt werden konnte.
Ihre wahnhafte Eigenlogik musste zum sich um jeden Preis selbst
erhaltenden Totalitarismus führen. Aufgrund der Ausrottung und
Abwendung der meisten Unterstützer*innen der vormaligen sozialen
Revolution, die eine sozialistische Organisation der industriellen und
landwirtschaftlichen Betriebe und des Rätesystems hätten praktisch
umsetzen können, führten die Bolschewiki schließlich aus
wirtschaftlicher Notwendigkeit den Staatskapitalismus ein.
Dementsprechend folgert Rocker:

"Was wir in Russland heute vor sich gehen sehen, ist der
Zusammenbruch eines Systems. Es ist die Bankrotterklärung des
Staatssozialismus in seiner schlimmsten und abschreckendsten Gestalt.
Dabei spielt der persönliche Charakter oder die von vielen behauptete
Charakterlosigkeit der handelnden Personen in diesem Drama eine
Rolle von untergeordneter Bedeutung.[...]Der große Opportunist Lenin
fühlt das sehr gut, obwohl er es nicht offen auszusprechen wagt. Er
weiß, dass das bolschewistische Experiment unwiderruflich Schiffbruch
gelitten hat und dass keine Macht der Welt imstande ist, das
Geschehene ungeschehen zu machen. Aus diesem Grund ruft er den
internationalen Kapitalismus zu Hilfe, da ihm jeder andere Weg
verschlossen ist." (Rocker, S. 21)
----------------------------------------------------------
[8]RudolfRocker, der Bankrott des russischen Staatskommunismus, Wien 2012; auch bei black mosquito: https://black-mosquito.org/rudolf-rocker-der-bankrott-des-russischen-
staatskommunismus.html.html
[9]Eine kurze Zusammenfassung der Schriften von Rocker gibt: Hendrik Wallat, 90 Jahre Bankrott des Staatskommunismus. Eine Erinnerung an verdrängte Einsichten und vergessene
Schriften, in: Phase 2, Zeitschrift gegen die Realität, Nr. 40; auf: http://phase-zwei.org/hefte/artikel/90-jahre-bankrott-des-staatskommunismus-110/
[10]Graswurzelrevolution bezeichnte sich aufihrer Internetseite als "gewaltfrei, radikal-demokratisch, antiautoritär, sozialistisch"und besteht seit 45 Jahren. Für mehr Information: http://www.graswurzel.net/20
------------------------------------------------

Was wir von Rockers Analyse und den Kämpfen sozialer
Revolutionäre heute lernen können ist nicht nur das Denken in
großen geschichtspolitischen Zusammenhängen, sondern spielt sich
vielmehr in den kleinteiligen politischen Auseinandersetzungen ab,
die wir auch heute in unseren Kämpfen insgesamt, aber auch der
linken politischen Szene führen. Links sein ist eben kein Kriterium
dafür, an sich auf der richtigen Seite zu stehen und deswegen für die
immerhin moralisch gerechtfertigte Sache einzutreten. Aus diesem
Grund ist eine unermüdliche Kritik linker Denkweisen,
Eigendynamiken und Organisationen für die Verwirklichung der
sozialen Revolution von anarchistischer Seite heute genauso wichtig
wie vor hundert Jahren. Um dem nachzugehen setze ich sieben
Kerngedanken, die sich für mich aus der Lektüre von Rockers
Schriften ergeben:

I Verklärungen entschleiern - linke Mythenbildung dekonstruieren
Auch wenn es 100 Jahre her ist und sich tatsächlich einiges in der
linken Geschichtsbetrachtung getan hat, suchen Linke immer wieder
nach Ursprungsmythen an denen sie sich erbauen und krampfhaft
festhalten wollen. Selbst Antiautoritäre sind dieser Tendenz nicht
abgeneigt, weil sie wie alle ein verständliches und berechtigtes
Bedürfnis nach Rebellion und Fluchtpunkten einer heileren Welt
haben. Dazu ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Am 14.
Oktober kam es zu einem antifaschistischen Gedenkkonzert in der
Berliner Zionskirche. Anlass dazu war der Nazi-Überfall am
17.10.1987 auf ein Punkkonzert der Bands "Element of Crime" und
"Die Firma" in eben dieser Kirche im damaligen Ost-Berlin. Nach
diesem brutalen Ereignis war die DDR-Staatsführung gezwungen
zuzugeben, dass es im angeblich "antifaschistischen" sozialistischen
Staat eine stabile Neonazi-Szene gab, welche regelmäßig Angriffe auf
Migrant*innen, Alternative und Punks durchführte. Wie auch immer,
es handelte sich beim Gedenkkonzert - auch im Zusammenhang mit
der DDR-Oppositionsbewegung "Kirche von unten" und der
Punkszene - um ein bedeutendes antifaschistisches Ereignis.

Überhaupt war das Setting "Punkkonzert in Kirche" für sich
genommen schon eine inspirierende Angelegenheit. Denn gerade aus
einer Religions- und Kirchen-kritischen Einstellung heraus, hat es
einen ganz eigenen Charme, vor einem Altar Punk zu spielen und die
Akustik in einem solchen Gebäude wirken zu lassen. Insofern hatte
das Ereignis für mich eine angemessene feierliche Atmosphäre. Die
Stimmung baute sich während die drei Bands spielten so nach und
nach auf und steigerte sich mit Anzahl der von vielen
hineingeschmuggelten Biere. Alles war insofern wunderbar bis die
letzte Band "Max.Antikrist" ganz am Ende ihres Konzertes bei rotem
Lichtschein eine Aufnahme der "Internationalen" abspielte. Sicherlich
taten sie dies zur Provokation, um das Setting Kirche/Punk vollends
auszureizen - wobei sie offensichtlich wenig Ahnung davon hatten,
dass beide Pole in der DDR-Opposition eben nicht konträr gegenüber
standen, sondern in einem autoritären Staat mit einem streng
konformistischem Lebensgefühl durchaus aufeinander angewiesen
waren. Deswegen verfehlte die Provokation einen in diesem Kontext
irgendwie sinnvollen Zweck vollständig. Denn kein politischer Punk
hätte 1987 die DDR als den besseren Staat abgefeiert, geschweige
denn die autoritäre Ideologie des sowjetischen Staatskapitalismus
unter der sie ausgegrenzt und bisweilen auch hart verfolgt und
eingeknastet wurden. Ein kritisches Verständnis dafür
habe ich bei den meisten Teilnehmenden keineswegs
gesehen, sondern lediglich ein Schulterzucken und
Hinnehmen, teilweise einen positiven Bezug auf diesen
absoluten Fail linken Gedenkens, wie es sich in Berlin
alljährlich am 8. Mai im Treptower Park wiederholt.

Was war also geschehen, dass ein historisch wichtigstes
und schön inszeniertes Punkkonzert in der Zionskirche
seine eigentliche Intention am Schluss dermaßen
untergraben hat? Meiner Ansicht nach handelt es sich
ganz eindeutig um die nach wie vor stattfindende
unsägliche Verklärung der DDR als dem vermeintlich
besseren Deutschland, einer grundsätzlich
problematischen linken Mythenbildung, die sich
keineswegs weniger wiederholt, je länger die
Annektierung durch die BRD her ist. Dieser Einhalt zu
gebieten und sie zu entschleiern, gelingt nur, wenn
mensch einerseits die linken Sehnsüchte versteht und
einen emanzipatorischen Umgang mit ihnen finden
kann, andererseits aufhört, sich bewusst oder unbewusst über das
Wesen des Staatssozialismus hinwegzutäuschen. Auch wenn dies auf
vermeintlich ironische Weise geschieht, um die Verantwortung für
die Verwendung derartiger Symboliken abzustreiten. Und dies auch,
beziehungsweise gerade, wenn die Enttäuschung von Ostdeutschen
gegenüber ihrer Unterwerfung unter die kapitalistische BRD und
auch ihre mediale Degradierung durchaus ihre Berechtigung hat und
gehört werden muss. Dazu Rocker:

"Das Proletariat muss sich frei machen von den bürgerlichen
Ideengängen politischer Revolutionen, die stets mit einer Neubesetzung
des politischen Machtapparates ihren Abschluss finden. Wer die Macht
hat, missbraucht sie. Deshalb gilt es die Machtergreifung durch Parteien
oder einzelne Personen zu verhindern, die immer wieder zu einer neuen
Versklavung des Volkes führen muss. Ob dies unter dem Zeichen von
Krone und Zepter geschieht oder unter dem Zeichen von Hammer und
Sichel vor sich geht, ob man dabei das 'Bosche Zarja Njrani'[= russische
Nationalhymne im Zarenreich]oder die 'Internationale' aufspielt, ist im
Grunde genommen kein großer Unterschied. Eine wahre Befreiung ist
nur möglich, wenn der Machtapparat verschwindet, denn das Monopol
der Macht ist nicht minder gefährlich wie das Monopol des Besitzes."
(Rocker, S. 112)

Was für das Abspielen der "Internationale" gilt, sehe ich übrigens
auch für andere Stücke linken Lied- und Kulturgutes als
problematisch an. Beispielsweise wird das "Einheitsfrontlied" von
Bertolt Brecht und Hanns Eisler nicht dadurch besser, dass die
Zersplitterung der Linken ein strategisches Problem darstellt und in
ihm die Zeile "Es kann die Befreiung der Arbeiter nur das Werk der
Arbeiter sein" vorkommt. Denn dieser Satz kann inbrünstig gesungen
werden, während gleichzeitig in der Praxis eben keine
Selbstermächtigung zugelassen, sondern die Unterdrückung der
Arbeiter*innenbewegung durch den Sowjet-Staat vorgenommen
wird...

II Diktaturen und Autoritarismus als solche benennen und
bekämpfen

Sehr klar macht Rocker, was von der sogenannten "Diktatur des
Proletariats" zu halten ist, welche aus angeblicher historischer
Notwendigkeit in Russland errichtet wurde: "Unter der 'Diktatur des
Proletariats' verwandelte sich Russland in einen Riesenkerker, in dem
jede Spur von Freiheit systematisch ausgetilgt wurde, ohne dass man
dadurch dem ursprünglichen Ziele der Revolution nähergekommen
wäre. Im Gegenteil, man entfernte sich immer mehr davon und zwar
in dem Grade, als die neue Autokratie an Stärke zunahm und die
revolutionäre Initiative des Volkes erstickte." (Rocker, S. 69) Ich habe
selbst schon das merkwürdige Argument gehört, die Vorstellung einer
Diktatur des Proletariats solle nicht wörtlich genommen werden,
insofern das Proletariat eben "ganz anders" herrschen würde.
Außerdem solle nur auf den Punkt hingewiesen werden, dass
Revolutionen kein Zuckerschlecken sind. Sie kämen eben nicht ohne
revolutionäre Gewalt aus - was die frühen Anarchist*innen übrigens
auch nie bestritten, sondern im Gegenteil thematisiert haben. Die
"sophistische Deutung der Diktatur" verschleiert lediglich ihren
eigentlichen Charakter und ist vergleichbar mit den Grausamkeiten in
der bürgerlichen Rechtsprechung und Gesetzgebung, die ja auch alle
"Im Namen des Volkes" ausgeübt werden. Übrigens hält Rocker auch
die Diffamierungen der Anarchist*innen als "kleinbürgerlich" für
lächerlich, insofern die Theoretisierung der Diktatur seiner Ansicht
nach eben genau der bürgerlichen Vorstellung politischer Revolution
entspringt:

"Der Gedanke der Diktatur ist nicht der sozialistischen Ideenwelt
entsprungen. Er ist kein Ergebnis der Arbeiterbewegung, sondern eine
verhängnisvolle Erbschaft der Bourgeoisie, mit der man das Proletariat
beglückt hat. Er ist eng verbunden mit dem Streben nach der politischen
Macht, das gleichfalls parteibürgerlichen Ursprungs ist. Die Diktatur ist
eine gewisse Form der Staatsgewalt, es ist der Staat unter der Herrschaft
des Belagerungszustandes. Wie alle anderen Anhänger der Staatsidee,
gehen auch die Befürworter der Diktatur von der Voraussetzung aus,
dass man das angeblich Gute und zeitlich Notwendige dem Volk von
oben her diktieren und aufzwingen könnte. Diese Voraussetzung allein
macht die Diktatur zum ausgesprochenen Hindernis der sozialen
Revolution, deren eigentliches Lebenselement die direkte Initiative und
die konstruktive Betätigung der Massen ist[...]." (Rocker, S. 65)

Marx und Engels übernahmen die Vorstellung von bürgerlichen
Radikalen wie Francois Babeuf und Auguste Blanqui, die zwar
Verschwörungen und Aufstände propagierten, jedoch eindeutig
staatssozialistische Ziele verfolgten.

Demgegenüber stellt Rocker das Rätesystem, was absurderweise von
den Bolschewiki zunächst im selben Zuge wie die Diktatur propagiert
wurde - jedoch lediglich, weil der Rätegedanke in der Bevölkerung
weit verbreitet, tief verankert und in der Februar-Revolution bereits
praktisch umgesetzt worden war. Das heißt, hunderttausende von
Menschen organisierten sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Räten:
"Wenn man heute gezwungen ist, dem Rätegedanken der
freiheitlichen Sozialisten und Syndikalisten Reverenz zu erweisen, so
ist das ein bedeutendes Zeichen der Zeit und ein neuer
Ausgangspunkt der internationalen Arbeiterbewegung. Die 'Utopie'
hat sich als stärker erwiesen als die 'Wissenschaft'." (Rocker, Bankrott,
S. 62) Aus dem Kontext des Zitats geht dabei eindeutig hervor, dass
Rocker die Wörter 'Utopie' und 'Wissenschaft' ironisch meint und
darauf hinweisen will, dass das von Partei-Kommunist*innen als
'utopisch' verschriene Rätesystem im revolutionären Russland
schlichtweg Tatsache geworden war, während beispielsweise Marx
'wissenschaftliche' Analyse dessen, dass die internationale Revolution
zuerst in den hochindustrialisierten Staaten wie England oder
Deutschland ausbrechen würde, sich offensichtlich als Trugschluss
erwiesen hat.

III An die Wurzeln des Übels gehen - Lenin und Trotzki waren
nicht cool

Im Nachdenken über den Zusammenhang von revolutionärer
Geschichte und ihrer nachträglichen Bearbeitung, beziehungsweise
der merkwürdigen Erfahrung, dass Revolutionen "Öffnungen der
Geschichte" darstellen, die potenziell eine "Vielzahl historischer
Möglichkeiten, von denen sich nur einige durchsetzen können"
beinhalten, wendet sich Adamczak gegen den Stalinismus:

"Um die Gegenwart zu beherrschen, wurde die Vergangenheit geändert,
um die Vergangenheit zu ändern, wurden die Toten ein zweites Mal
getötet. Wer nachkommend über die Geschichte schreibt, muss dem
Rechnung tragen. Der Antikommunismus, der den Kommunismus mit
der stalinistischen Gewalt identifiziert, macht sich zu deren Komplizen.
Er bestätigt den Anspruch des Stalinismus, der Kommunismus zu sein,
und wiederholt zugleich dessen Auslöschung aller kommunistischen
Alternativen. Dieses Buch ist gegen beide gerichtet: Stalinismus wie
Antikommunismus." (Adamczak, S. 17)

Was sich zunächst sehr schön anhört, tiefen Gehalt und seine
Berechtigung hat, stellt selbst wieder eine spezifische
Geschichtskonstruktion dar. Wie könnte es auch anders sein? Ich
vermute Adamczak versucht sich an einer Rettung linker Hoffnungen,
genauer, - weil eben nicht ausgesprochen - an einer Relativierung
Lenins. Der Stalinismus ist jedoch nicht einfach die Degeneration
eines vermeintlich guten Leninismus 11 , sondern dieser schon die
Wurzel des autoritären Übels.

Dabei ist Adamczak sich durchaus bewusst, dass sich im Leninismus
"der Instrumentalismus des Etwas-um-einer-anderen-Sache-willen-
tun mit dem Paternalismus des Etwas-für-jemanden-und-an-dessen-
Stelle-tun" (Adamczak, S. 68) verknüpft. Ein Problem ihrer
Argumentation besteht in der Adressierung von Anarchist*innen und
Sozialrevolutionären an die sich ihre "nachträglichen Ratschläge"
richten und welche sich hätten anders verhalten sollen "um ihrer
Verhaftung zu entgehen, um ihrer autoritären Unterwerfung zuvor zu
kommen" (Adamczak, S. 121). Einerseits hätten sich diese ihrer
Ansicht nach also gegen den Leninismus positionieren sollen,
andererseits fordert sie ein, dass sie gemeinsam mit den leninistischen
Bolschewiki hätten Politik machen sollen (Adamczak, S. 128) - eine
durchaus widersprüchliche Aussage. Deutlicher kritisiert sie die
Argumentation Trotzkis, wenn sie schreibt: "Eine emanzipatorische
Politik soll nicht durch ihre radikale Verschiedenheit, sondern
ausgerechnet durch ihre Gleichheit zur reaktionären Politik
gerechtfertigt werden.[...]Die historischen Gesetze, die den Terror
der bürgerlichen Herrschaft rechtfertigen sollen, werden nicht
bestritten, sondern zur Legitimation des bolschewistischen Terrors
herangezogen." (Adamczak, S. 47) Dies nachträglich festzuhalten, ist
sicherlich wichtig, allein Rocker nannte die Ursache des Problems
beim Namen, indem er die politische Strategie Lenins scharf
kritisierte, der seine Gegner und Konkurrenten falsch darstellte,
denunzierte, sie ausgrenzte, die Abkommen mit ihnen brach, sie
wegsperrte und die Tscheka auf sie hetzte. All dies sind keine
Notwendigkeiten, welche sich aus den Anforderungen der Revolution
ergeben noch die persönliche Verfehlung eines Wahnsinnigen,
sondern der Eigendynamik geschuldet, welche autoritäre Programme
und Methoden annehmen müssen. Deswegen behauptet Rocker
"dass die grausamsten Verfolgungen, denen die Anhänger der
verschiedensten sozialistischen Richtungen in Russland heute ausgesetzt
sind (insbesondere alle linksgerichteten Elemente), und die brutale und
systematische Unterdrückung jeder Meinung, die nicht auf blinde
Rechtfertigung des gegenwärtigen Systems eingestellt ist, keineswegs
dem Bedürfnis entspringt, die Errungenschaften der Revolution und die
Existenz der Sowjetrepublik gegen feindliche Machenschaften schützen
zu müssen, sondern lediglich dem blinden Machtdünkel einer kleinen
Gruppe, die ihre Herrschergelüste hinter dem prunkvollen Namen
'Diktatur des Proletariats' zu verbergen sucht." (Rocker, S. 28)

In Abschnitten über die angeblich 'konterrevolutionären' Tätigkeiten
der Anarchist*innen, die Ausnutzung der Machno-Bewegung und
dem Verrat an ihr, sowie der Niederschlagung des stark anarchistisch
inspirierten sozial-revolutionären Aufstandes in Kronstadt durch die
Roten Armee unter Trotzki (Rocker, S. 29-56) stellt Rocker
ausführlicher die miesen Methoden der Bolschewiki dar. Dennoch
treten bis heute immer wieder "Anarchismus-Kritiker*innen" wie
Ewgeniy Kasakow auf, die meinen nun wissenschaftlich belegen zu
können, dass beispielsweise die Räte eben nicht "revolutionär genug"
gewesen wären und die Politik der Bolschewisten deswegen
irgendwie erklärlich und also gewissermaßen gerechtfertigt wäre. 12
Doch damit retten sie nicht, was eben nicht zu retten ist: Eine im
Ansatz menschenverachtende Politik einer totalitären Partei, die mit
der sozialen Revolution wie sie Anarchist*innen verstehen nichts
mehr zu tun hat. Sicherlich war es beachtlich, dass es Lenin mit
meisterlicher Propaganda und Agitation gelang, viele revolutionären
Gruppen auf seine Linie einzuschwören und in sein autoritäres
Staatsprojekt einzustricken. In seinem Werk Staat und Revolution,
welches bis heute ein Klassiker für Linksradikale ist, deutet er die
marxistische Theorie für seine Zwecke um und behauptet, vom Ziel
her würden "richtige" Marxist*innen und Anarchist*innen im Grunde
genommen das Gleiche wollen und der Staat durch die
Verwirklichung des Kommunismus absterben. Dazu sei es dann
allerdings notwendig Millionen Menschen in grausamste
Zwangsarbeit zu pressen, ihre Böden zu enteignen, Presse- und
Versammlungsfreiheit abzuschaffen, Dissidenten zu ermorden, ein
Terrorsystem zu errichten und den Kapitalismus wieder einzuführen,
solange er unter staatlicher Kontrolle funktioniert. Für den Übergang,
alles nur vorübergehend versteht sich. Dass es genau anders
gekommen ist und der Staat auch eine neue privilegierte Klasse
schaffte anstatt die klassenlose Gesellschaft, war nicht irgendwie
Pech, sondern lag in den falschen Annahmen Lenins begründet. Diese
waren allerdings nicht "analytisch" falsch, weil er dumm gewesen
wäre, sondern, weil er seine Analysen nicht nach der
gesellschaftlichen Wirklichkeit, sondern seinen autoritären
politischen Zielvorstellungen und - mehr noch - seinen
propagandistischen Methoden richtete. Doch der "Staat kann nur
sein, was er ist, der Verteidiger des Privilegiums und der
Massenausbeutung, der Schöpfer neuer Klassen und neuer Monopole.
Wer diese Rolle des Staates verkennt, begreift das Wesen der heutigen
Gesellschaftsordnung überhaupt nicht und ist unfähig, der
Menschheit neue Horizonte ihrer Entwicklung zu zeigen." (Rocker, S.
75)
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[11]In seiner berühmten und umstrittenen Schrift "Was tun?", die Lenin schrieb, als er 1902 im Exil in München lebte, formuliert er aus, dass das Proletariat nicht genug Klassenbewusstsein aus sich selbst heraus entwickeln könnte. Gewissermaßen hätte sich die Vorstellung der "Spontanität der Massen" wie sie Anarchist*innen propagierten als falsch erwiesen. Deswegen bräuchte es eine strafforganisierte Kaderpartei von verschworenen Berufsrevolutionären, welche nach außen hin einheitlich und zielstrebig auftreten und im Untergrund agieren sollten. Dabei ist die enorm repressive Atmosphäre im Zaristischen Russland mitzubedenken. Dieser Avantgarde-Gedanke geht soweit, die angeblich "wahre" Betrachtung und Analyse in der Partei selbst zu verorten und also umgekehrt allen anderen Sichtweisen ihre Berechtigung abzusprechen. Aus dieser Ansicht und der autoritären Verschwörung in der von Lenin gegründeten Parteiorganisation der Bolschewiki, wird erst der Hang zu Intrigen, Verleumdungen und Tatsachenverdrehung ersichtlich. Um dies zu begründen und Anhänger*innen zu finden zitiert Lenin immer sehr viel Marx und zerrt ihn in ein sehr spezielles Licht. Andererseits ist sein Geheimbund-Denken - wie es sich auch bei Bakunin findet - stark von revolutionären Bewegungen, zum Beispiel von den "Narodniki"geprägt, von denen sich einige terroristischer Methoden bedienten.
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IV Revolutionäre Prozesse differenziert betrachten

In diesem Text geht es mir darum, Legitimität für die anarchistische
Bewegung in der Russischen Revolution und somit auch allgemein zu
erzeugen. Umgekehrt bringt es aber meiner Ansicht nach äußerst
wenig, zu sagen, Anarchist*innen haben nun mal recht. Und das war's
dann. Erstens ist das eine äußerst billige und nicht begründbare
Behauptung; zweitens speist sie sich aus einer politischen Identität,
anstatt umgekehrt letztere in politischen Auseinandersetzung
herausbilden zu lassen und deswegen auch für Veränderungen offen
zu bleiben; drittens haben selbst Anarchist*innen nun mal nicht
immer recht. Deswegen braucht es eine differenzierte Betrachtung
aller revolutionären Prozesse, um Kritik an ihnen üben, aber zugleich
auch an ihnen teilnehmen zu können und sie in eine
emanzipatorische Richtung zu weisen.

Rocker zeigt anhand der Betrachtung der Französischen Revolution,
dass sie fast ausschließlich durch die bürgerliche
Geschichtsschreibung dargestellt und somit verfälscht wurde. Dass
Bauern und "Stadtproletarier" rebellierten und die eigentliche
Drecksarbeit für die bürgerlichen Parteien in der Revolution leisteten,
dachten selbst die meisten Sozialist*innen nicht mit. Wie auch, denn
bis heute lesen wir in den Geschichtsbüchern fast ausschließlich von
den bürgerlichen Parteien und Gruppen, kaum aber etwas vom sich
ermächtigenden sogenannten "vierten Stand". Dementsprechend
bezogen sich sozialistische Revolutionäre auf die vermeintlichen
"Erfolge" des Bürgertums. Dem hält Rocker entgegen:

"In allen entscheidenden Momenten der französischen Revolution ging
die eigentliche Initiative des Handelns direkt vom Volke aus. In dieser
schöpferischen Betätigung der Massen liegt das ganze Geheimnis der
Revolution verborgen. Gerade dadurch, dass sich die revolutionären
Kräfte frei entfalten und jede Richtung im Volke den geeigneten Platz
für ihre Wirksamkeit finden konnten, war die Revolution imstande, alle
feindlichen Strömungen siegreich niederzuwerfen und das schmachvolle
System des Feudalismus von der Erde zu vertilgen." (Rocker, S. 27)

Wenn revolutionäre Prozesse differenziert zu betrachten sind, kann es
im Grunde genommen keine "bedingungslose Solidarität" mit
kämpfenden Gruppierungen geben. Die Wortkombination ist ohnehin
irreführend, denn entweder mensch handelt solidarisch oder eben
nicht. Solidarität bedeutet nicht, dafür etwas als Gegenleistung zu
erwarten, sondern aus der Erwägung und dem Gefühl heraus zu
handeln, mit den Schwächeren verbunden zu sein, weil mensch selbst
an ihrer Stelle sein könnte. Aus diesem Grund schließen sich
Solidarität und Kritik auch nicht aus. Die kritische Begleitung
kämpfender und sich ermächtigender Gruppen ist vielmehr die
Grundlage dafür, dass sie dem Anspruch einer allgemein-
menschlichen Emanzipation genügen, den sie sich auf die Fahnen
zumeist schreiben wenn sie um Solidarität werben.

Auch wenn wir beispielsweise aus naheliegenden Gründen mit allen
revolutionären Kurd*innen solidarisch sein sollten, bedeutet dies
gleichwohl nicht, sie in nichts kritisieren oder über Zielvorstellungen
streiten und in bestimmten Punkten anderer Ansicht sein zu dürfen.
Oder, um ein anderes Beispiel wiederzubeleben: Über die Rote Hilfe
flossen Gelder an Borotba, einen pro-russischen, nationalistischen,
homophoben und linken Kampfbund. Während des Ukraine-
Konfliktes 2014 bekämpften sie auch emanzipatorische Gruppen und
deswegen gilt es sich restlich von ihnen zu distanzieren, auch wenn
sie sich als "antifaschistisch" und "revolutionär" deklarieren. 13 Es gibt
immer verschiedene Konfliktlinien in allen Auseinandersetzungen. In
diesem Sinne ist auch die "Befreiung des Volkes im allgemeinen", wie
sie Anarchist*innen in der Vergangenheit propagierten und für die
auch Rocker eintritt, äußerst kritisch zu betrachten.

V Strukturelles linkes Denunziantentum, Geklüngel & Intrigen
konsequent aufdecken und verhindern

Ohne nun wieder Rocker im O-Ton dafür heranziehen zu müssen,
folgt aus dem bisher Dargestellten darüber nachzudenken, wie wir
selbst in unserer praktischen politischen Arbeit und der Lebenswelt
linker Szenen (wo es sie denn noch gibt) miteinander umgehen. Wo
straff organisierte linke Gruppen oder charismatische
Führungspersonen auftreten, fällt es bisweilen nicht leicht, sich der
Wirkung von Geklüngel, Gerede und Intrigenspinnerei zu entziehen.
Immerhin will mensch die eigenen Inhalte stark machen, andere
überzeugen und bestimmte Projekte verwirklichen. Mein Punkt hier
ist, dass intrigante Machtpolitik sich in linken Kreisen nicht weniger
findet, als an anderen Orten - nur, dass sie oftmals durch die vor sich
her getragene Behauptung sowie so schon "hierarchiefrei" zu sein
eher noch verschleiert wird. Dies ist der Grund, warum
Anarchist*innen sich für ihre jeweiligen Vorhaben auch nach
Verbündeten außerhalb linker Szenen umschauen sollten, auch wenn
es immer wieder schwer fällt, sich zusammen zu tun, wenn
bestimmte Grundverständnisse nicht einfach geteilt werden.

VI Selbstkritisch gegenüber eigener Mythenbildung,
Geschichtskonstruktion und Organisation und Weltanschauung
bleiben

So wie sich kommunistische Gruppen zur Feier der hundertjährigen
roten Revolution treffen, bilden auch Anarchist*innen ihre Identität
am politischen Kontrahenten heraus, indem sie - wie ich -
fortwährend auf den Verrat der Bolschewiki und ihre
Gewaltherrschaft hinweisen und sich darüber erhaben wissen. Es ist
in Ordnung, die eigenen Geschichten weiter zu schreiben, was immer
auch in Abgrenzung zu den Anderen geschieht. Daran führt auch gar
kein Weg vorbei, will mensch ein eigenes politisches Projekt
formieren, was immer bedeutet den Anspruch zu erheben, es besser
als andere zu machen. Doch die Wahrheit über historische Ereignisse
gibt es nicht an sich, wenngleich es wichtig ist, Tatsachen zu kennen,
anstatt lediglich Behauptungen aufzustellen. Die Positionen von
denen aus dies geschieht sind jedoch sehr unterschiedliche. Wenn
Rocker und andere beispielsweise über die Machno-Bewegung
geschrieben haben, dann einerseits selbstverständlich, weil diese
stark anarchistisch inspiriert war, das heißt, weil es sich um die
eigenen Leute handelte. Andererseits ging es aber schlichtweg darum,
den systematischen Falschdarstellungen und Diffamierungen dieser
Bewegung durch die Bolschewiki etwas entgegen zu setzen, was der
Wahrheit entspricht: Nämlich, das eine sozialrevolutionäre
Bauernbewegung zurecht ihre Autonomie und Selbstbestimmung
einforderte und es sich bei ihr keineswegs um eine
'konterrevolutionäre' Banditen-Miliz handelte. 14 Anarchist*innen tun
gut daran die eigenen Geschichten zu kennen und sich immer dessen
bewusst zu sein, dass alle Menschen falsche Entscheidungen treffen
und Scheiße bauen können. Dies wird auch weiterhin so sein.
Deswegen ist die Kritik an der "roten Mythologie", welche die
Oktoberrevolution glorifiziert immer auch auf die eigene
Mythenbildung anzuwenden. Darüber hinaus sind anarchistische
Organisationsformen und Weltanschauungen ebenfalls fortwährend
selbstkritisch zu überprüfen - gerade um sich zu organisieren und zu
positionieren. Im Vergleich mit anderen sozialistischen Strömungen
sehe ich in den anarchistischen jedoch deutlich mehr Chancen darauf,
dass dies gelingt.
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[12]Ewgeniy Kasakow, Bewegung versus Avantgarde? Mythologie der linken Debatten über die Russische Revolution 1917, in: Prokla. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Nr. 187, 2017, S. 325 - 336, auf: http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/2017/kasakow.pdf
[13]http://avtonomia.net/2014/03/03/statement-left-anarchist-organizations-borotba-organization/ [14]Siehe den Klassiker Peter Arschinoff, Die Geschichte der Machno-Bewegung, Münster 2009. und: Roman Danyluk, Freiheit und Gerechtigkeit - Die Geschichte der Ukraine aus libertärer Sicht, Lich 2010.
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VII Ein Hoch auf Dezentralität, Föderalismus, Autonomie und
Selbstermächtigung! - anarchistische Prinzipien ausbauen und
praktisch verwirklichen

Kasakow schreibt im oben angegebenen Text:

"Die Räte sind bis heute ein fester Orientierungspunkt im linken
Diskurs. Die Vorstellung, ein anderes Demokratiemodell bringe per se
auch inhaltlich andere Beschlüsse, scheiterte während der Russischen
Revolution radikal. Die AnhängerInnen dieser Vorstellung gingen und
gehen bis heute davon aus, dass in ihrem Sinne richtige Positionen sich
in einem irgendwie richtig justierten Demokratiemodell durchsetzen
würden. Als die Bolschewiki feststellten, dass diese Erwartung
keineswegs aufging, verwarfen sie die Form zugunsten des Inhalts.
Diejenigen KritikerInnen, die heute deren Politik im Namen einer
'wahren' Rätemacht kritisieren, wiederholen lediglich deren
Ausgangsirrtum." (Kasakow, s. 334f.)

Ich halte diese Aussage und ihre Intention für anti-anarchistische
Propaganda in wissenschaftlichem Gewand - was ja weniger eine
Ausnahme, sondern eher die historische Regel wäre. Denn ich denke
nicht, dass die Anhänger*innen des Rätesystems der Überzeugung
waren, dass Menschen, wenn sie sich darüber organisierten, von
selbst zu sozialrevolutionären Einsichten gelangen würden. Ebenso
wenig gingen Anarchist*innen bei den Platzbesetzungsbewegungen
gegen neoliberale Spar-Diktate davon aus, alle Anwesenden würden
nun sofort ihre radikale politische Einstellung annehmen - vielmehr
vertrauten sie auf deren schrittweise Veränderungen während
längerfristiger Organisierungsprozesse. Richtig ist, dass das Vertrauen
von Anarchist*innen in die sogenannte "Spontanität der Massen"
teilweise sehr naiv war und sich dies sicherlich auch heute
regelmäßig wiederholt, was zu Enttäuschungen und der Abwendung
von anarchistischen Ansätzen führt. Umgekehrt kann Kasakow solche
Worte aber nur schreiben, wenn er davon ausgeht, eine Partei (im
wahrsten Sinne des Wortes) hätte an sich die Wahrheit gepachtet und
wäre deswegen berechtigt, sie anderen aufzuzwingen.

Anarchist*innen erzwingen ihre politischen Ziele nicht, sondern
erreichen sie in der Auseinandersetzung mit allen anderen, die bereit
sind, sich in gemeinsame Verhandlungsprozesse zu begeben - was
eben überhaupt nicht bedeutet, mit allen reden zu müssen und damit
einem problematischen liberalen Toleranzdenken zu folgen. Dies ist
der Grund, warum sie beispielsweise im Fall des Rätesystems darauf
setzen, dass verschiedene Positionen ausgehandelt werden müssen
und nicht autoritär zu unterdrücken sind. Form und Inhalt von
Organisationen gehören unmittelbar zusammen, wie auch Ziele und
Mittel zu ihrer Erreichung in Einklang zu bringen sind. Die
Organisationensprinzipien und -modelle, welche Anarchist*innen
verwirklicht haben und immer wieder vorschlagen, sind richtig und
sinnvoll, weil in ihnen Überlegungen zum Ausdruck kommen, wie
Menschen sich tendenziell möglichst hierarchiearm organisieren und
gleichberechtigt begegnen können. Dies ist ein Wert für sich. Dabei
haben wir es dann logischerweise immer mit den Menschen zu tun,
wie sie nun einmal durch die Gesellschaft geworden sind - teilweise
verroht, stumpfsinnig, dumm gemacht, gekränkt, egoistisch, etc. Erst
in anderen Formen, in anderen Räumen, Beziehungen und
Institutionen, besteht überhaupt eine Chance, die aus ethischen
Gründen wünschenswerten Aspekte ihres Verhaltens
hervorzubringen und zu entfalten. Diese Formen sind jedoch auch
mit Inhalt zu füllen und haben nicht aus sich heraus
emanzipatorischen Gehalt. Deswegen ergibt es eben keinen Sinn per
se für "Volksentscheide" einzutreten, "Reichsbürgern" ein Recht auf
Autonomie zuzusprechen und ohne weitere Begründung die
Abspaltung eines katalanischen Nationalstaates zu unterstützen. Im
Umkehrschluss führt das aber wiederum nicht dazu, dass
anarchistische Prinzipien widerlegt wären und nicht funktionieren
würden: Wer die Macht übernehmen will, muss sich nach Prinzipien
der Macht organisieren, so wie es heute im parlamentarischen
Rahmen eine politische Partei zu gründen gilt, um legitimerweise
zumindest an wichtigen Entscheidungen zu partizipieren (wobei
bedeutende Entscheidungen auch den demokratischen Prozeduren
entzogen werden). Wollten die Bolschewiki den totalen
Kommunismus als Staatsform einführen, führte dies zur gewaltsamen
Totalität der Sowjetunion und zur Verhinderung und Zerschlagung
der sozialen Revolution. In diesem Sinne möchte ich diesen viel zu
langen Artikel zum Jahresende 2017 noch einmal mit einem langen
Zitat Rudolf Rockers schließen, der schreibt:

"Zentralismus war nie die Vereinheitlichung der Kräfte, sondern die
Paralysierung der Kraft. Zentralismus ist die künstliche Einheit von
oben nach unten die ihren Zweck durch die Uniformierung des Willens,
durch die Ausschaltung jeder selbständigen Initiative zu erreichen
sucht; es ist die Einheit der Aktion in einem Marionettentheater, wo jede
Figur tanzt und springt nach dem Willen der Drahtzieher hinter den
Kulissen. Aber wenn die Drähte zerreißen, liegt die Marionette am
Boden.[...]

Für den Staat ist die Uniformierung des Denkens und Handelns eine
wesentliche Vorbedingung für seine eigene Existenz. Er hasst und
bekämpft die persönliche Initiative, den freiwilligen Zusammenschluss
der Kräfte, welcher der inneren Solidarität entspringt. Für den Staat ist
der einzelne Bürger nur ein totes Rad in einem großen Mechanismus,
dessen Platz in der Maschine genau bestimmt ist. Mit einem Worte, für
ihn ist die Ertötung der persönlichen Selbständigkeit eine Lebensfrage,
die er durch die Zentralisierung der Kräfte zu erreichen trachtet. Seine
vornehmste Aufgabe ist es, loyale Untertanen heranzubilden und die
geistige Mittelmäßigkeit zum Prinzip zu erheben.[...]

Für die revolutionäre Arbeiterbewegung sind ganz andere
Voraussetzungen notwendig, wenn sie ihr Ziel erreichen will.
Selbständiges Denken, kritisches Erfassen der Dinge, persönlicher
Freiheitsdrang und schöpferisches Handeln sind die wichtigsten
Voraussetzungen ihres endliches Sieges." (Rocker, S. 108f.)
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