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(de) Gai Dao #84 - Das herrschaftslose Prinzip - Ethik des Anarchismus (Teil 2) Von: Benjamin

Date Tue, 19 Dec 2017 08:28:24 +0200


Nachdem ich in der letzten Ausgabe (Gai Dáo N o 83) versucht habe die inhärente Ethik der anarchistischen Philosophie herauszuarbeiten, soll es nun darum gehen diese Ethik des
Anarchismus als ein Prinzip, nämlich als das herrschaftslose Prinzip zusammenzufassen. ---- "Jeder, der unter Unrecht und Ungerechtigkeit[...]leidet, sympathisiert instinktiv mit der Anarchie.[...]Alle, die Freiheit und Gerechtigkeit lieben, sollten zu ihrer Verwirklichung beitragen." 1 (Alexander Berkman)---- II. Das herrschaftslose Prinzip ---- Im Sinne dieser gewagten, fast prophetisch anmutenden aber schönen Worte Alexander Berkmans, möchte ich nun den zweiten Teil des Artikels beginnen. Es soll hier darum gehen, die Ethik des Anarchismus auf einen Grundwert herunterzubrechen und ein Prinzip zu begründen, welches im Grunde jeder Mensch in jeder Lebenssituation anwenden könnte.

Herrschaftslosigkeit als essenzieller Wert

Wie sich durch die bisherige Auseinandersetzung mit der
anarchistischen Philosophie herausgestellt hat, findet sich in der
Ablehnung der Herrschaft von Menschen über den Menschen der
essenzielle Wert der anarchistischen Ethik. Herrschaftslosigkeit als
idealer Wert scheint die Richtlinie aller anarchistischen Praxis
darzustellen. Es handelt sich hierbei zwar um einen negativen
Freiheitsbegriff: Freiheit von Herrschaft, Gesellschaftsordnung ohne
Regierung, Wirtschaft ohne Ausbeutung, Beziehungen frei von Gewalt
usw., im Gegensatz zur historisch-materialistischen Anschauung ist
jedoch in der anarchistischen Philosophie die Gestaltung zugunsten
der Freiheitlichkeit , also Leben in positiver Freiheit auch schon
innerhalb des Ganzen möglich: Frei sein zum selbständigen Denken,
frei sein um in gerechter Gesellschaftsordnung zu leben, für einander
solidarisch sein.

Diesem Grundwert, diesem Wesen des Lebens, der Freiheitlichkeit
stehen die negativen Werte Herrschaft, Ausbeutung und Gewalt
entgegengesetzt. Für diese Anschauung sozialer Verhältnisse bedarf es
einem Mittel, durch dessen Hilfe es möglich ist, das jeweilige
Verhältnis der beiden entgegengesetzten Pole oder Kräfte zu messen.
Ähnlich einem Thermometer, welches angibt wie heiß bzw. kalt es
z.B. in einem Raum ist, oder einem Messgerät, welches das jeweilige
Verhältnis verschiedener Elemente in einem Teich anzeigt, könnte ein
ethisches Prüfmittel jedem Menschen dabei helfen den Grad an
Freiheitlichkeit bzw. Herrschaft in einer jeden Sphäre und Institution
zu bemessen, diese dementsprechend zu be- und verurteilen und die
Verhältnisse zugunsten der Freiheitlichkeit zu verbessern.
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[1]Berkman, Alexander: ABC des Anarchismus. Moers: Syndikat A , o.J., S.18, Z.8-14
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Das herrschaftslose Prinzip als Prüfmittel

Hierzu eignet sich das herrschaftslose Prinzip , welches Herrschaft
prinzipiell ablehnt und Freiheitlichkeit prinzipiell befürwortet. Um
jedoch wirklich alle sozialen Verhältnisse überprüfen zu können,
handelt es sich hierbei um ein universales Prinzip, das jeder Mensch
anwenden kann, um eine radikale Kritik an jedem repressiven
Verhältnis innerhalb jeder sozialen, politischen oder wirtschaftlichen
Institution vornehmen zu können. Die Repression im jeweiligen
Herrschaftsverhältnis kann so verurteilt und die Situation zugunsten
der Freiheitlichkeit verbessert werden. Um dieses Prinzip jedoch auch
schlüssig beweisen zu können, hier das Argument. Gehen wir
einerseits davon aus, dass jeder Mensch das Recht hat in einer
gerechten Gesellschaftsordnung ein freies und gleichwertiges Leben
zu führen und andererseits davon, dass Herrschaft dieses Recht
bedroht, indem es verhindert, dass Menschen ein freies und
gleichwertiges Leben führen können, müssen wir daraus zunächst
schließen, dass Herrschaft mit einer gerechten Gesellschaftsordnung
unvereinbar ist. Um eine solche gerechte Gesellschaftsordnung also zu
gewährleisten, sollte Herrschaft in all ihren Erscheinungsformen
verurteilt und bekämpft werden. Um aber bestehende ungerechte
Verhältnisse verurteilen und bekämpfen zu können, bedarf es einem
Prinzip, das Herrschaft radikal ablehnt. Da das herrschaftslose Prinzip
ein solches Prinzip darstellt, eignet es sich hervorragend, um eine
gerechte Gesellschaftsordnung zugunsten der Freiheitlichkeit aller zu
gestalten.

Verwirklichung von Herrschaftslosigkeit

Was diese Umgestaltung konkret bedeuten kann, möchte ich nun
erläutern. Ich will zeigen, inwiefern Herrschaftslosigkeit
( Freiheitlichkeit ) in den einzelnen Sphären tatsächlich verwirklicht
werden kann. Um diesem Ideal zu
entsprechen, also frei von Herrschaft
bzw. Ausbeutung zu sein, müsste
bspw. jede Wirtschaft
(Weltwirtschaft, Betriebswirtschaft,
Landwirtschaft, etc...)
notwendigerweise egalitär und
distributiv organisiert sein.
Außerdem müsste ein
Wirtschaftssystem die Rechte aller
Akteure und Arbeiter*innen nicht
nur schützen, sondern in jedem Falle
diese auch in die
Entscheidungsprozesse
miteinbeziehen. Ist dies nicht
gewährleistet, dürfen sich die
Arbeiter*innen legitim selbst
organisieren. Hierfür gibt es
besonders in der anarchistischen
Geschichte etliche erfolgreiche
Beispiele, wie bspw. die
Kollektivbetriebe der spanischen
Kommunen in den 30ern. Zudem
könnte im Sinne eines
Kommunitarismus bzw. Föderalismus
das Risiko wirtschaftlicher
Ausbeutung verringert bzw.
verhindert werden. Hierzu sind v.a.
die Schriften Proudhons, Kropotkins,
Bookchins und die der zapatistischen und kurdischen Bewegungen zu
empfehlen. In der politischen Sphäre müsste es darum gehen,
Ausbeutung und Herrschaftsstrukturen zunächst einmal offen zu
legen, um sie dann zu verurteilen und so weit es geht zu bekämpfen.

Auch der Institution Kirche und einem fatalen Fehlglaube an religiöse
Autoritäten könnte so mit radikaler Nicht-Anerkennung begegnet
werden, um vielleicht die wichtigen ethischen Impulse von Religionen
retten zu können, diese dann aber diskursiv mit Allen neu zu
vereinbaren und von unnötigen hierarchischen Strukturen zu
befreien. Ein krasser und bezeichnender Gegensatz zwischen einer
katholischen Messe bspw. und einem Plenum besteht offensichtlich
schon in der hierarchischen Struktur der Institution Kirche, in der es
nur einen Gott gibt, nur ein Wort Gottes und nur wenige
Priester*innen, die im "Auftrag" Gottes den Leuten etwas zu sagen
haben. Jene haben schon institutionell nicht die Möglichkeit in einen
Dialog zu treten, geschweige denn eine Religionskritik zu äußern. So
bleibt handlungstheoretisch den Meisten am Ende nur die Beichte,
das Ja und das Amen übrig. Ähnlich diesem Beispiel könnten alle
politischen Institutionen kritisiert werden und die soziale Struktur in
ihnen verbessert werden oder falls es sich um eine 100% repressive
Institution wie z.B. dem Militär handelt, sogar gänzlich verworfen
werden. Dies könnte zwar auch im Sinne einer deliberativen
Demokratietheorie oder Reformbewegung geschehen. Andererseits
verschwinden bestimmte repressive
Verhältnisse nicht ohne
langwierigen, konsequenten Einsatz
und politische Kämpfe wie es die
feministischen, queeren-,
antirassistischen, antikolonialen und
antifaschistischen Bewegungen
bewiesen haben.

Das Wesen der sozialen Sphäre mit
ihren Institutionen Familie,
Freundschaft und Intimbeziehung
scheint eine besondere Aufgabe an
die Einzelnen zu stellen, die dort
durch ihr Handeln gemeinsam
versuchen müssten, Beziehungen zu
begründen bzw. auszuhandeln, die so
freiheitlich wie möglich wären. Auch
wenn in diesem Bereich eine gewisse
psychologische Struktur mit
hineinspielt, hilft auch hier das
herrschaftslose Prinzip um
Ausbeutung, Herrschaft und Gewalt
eine klare Absage zu erteilen. Denn
diese gilt es auf allen Ebenen, in
allen Sphären und Institutionen zu
verhindern. Das Private bleibt
politisch. Wie im Einzelnen die
Umgestaltung jeweils funktionieren
soll, müssen wir zwar letztendlich selbst entscheiden und aushandeln,
das herrschaftslose Prinzip jedoch kann, wenn wir es annehmen, ein
radikales und universales emanzipatorisches Mittel sein, um ein
freies, gleiches und gerechtes Leben für uns alle in jeder Situation zu
ermöglichen.

Schlusswort

In der anarchistischen Philosophie, insbesondere der anarchistischen
Ethik, findet sich also ein essenzielles Prinzip, das einen unschätzbar
hohen und emanzipatorischen Wert besitzt. Es lohnt sich daher für
jede*n sowohl die (Wieder-)Entdeckung des Anarchismus als auch
das gemeinsame Fortschreiten in Richtung Freiheitlichkeit auf allen
Ebenen zu fördern. Das grundlegende Bedürfnis aller Menschen nach
einem glücklichen Leben in Wohlstand, Frieden, Freiheit, Gleichheit
und Gerechtigkeit gilt es weiterhin überall und immer wieder zu
unterstützen und zu verteidigen. Möge uns das herrschaftslose Prinzip
dabei eine Hilfe sein.
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