A - I n f o s

ein mehrsprachiger Informationsdienst von, fr und ber Anarchisten **
Nachrichten in allen Sprachen
Die letzten 40 Artikel (Homepage) Artikel der letzten 2 Wochen Unsere Archive der alten Artikel

Die letzten 100 Artikel, entsprechend der Sprache
Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

Die ersten paar Zeilen der letzten 100 Artikel auf:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
Die ersten paar Zeilen aller Artikel der letzten 24 Stunden

Links zu den Listen der ersten paar Zeilen aller Artikel der letzen 30 Tage | von 2002 | von 2003
| von 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014 | of 2015 | of 2016 | of 2017

(de) Gai Dao #84 - Anarchistische Perspektiven auf Wissenschaft zum Dritten Von: Mona Alona

Date Wed, 13 Dec 2017 08:08:48 +0200


Ein Kurzbericht zum Kongress 10.-12. November in Hamburg ---- Mitte November fand das dritte Jahr in Folge der Kongress "Anarchistische Perspektiven auf Wissenschaften" statt. Die Frage vom Verhältnis von Wissenschaften und Anarchismus, weniger noch nach anarchistischen Einflüssen auf Wissenschaften wird in letzter Zeit lauter gestellt - allerdings wenig von Anarchist*innen selbst. Auch wenn der Kongress nicht zum Ziel hatte, sie zu diskutieren, fand durch ihn dennoch wieder eine Darstellung dessen dar, was Anarchist*innen forschen und wozu. Wenn es um anarchistische Perspektiven geht, ist es wichtig zu verstehen, dass diese nicht einfach "an sich" vorhanden sind, sondern sich in kontroverser, aber gemeinsamer Diskussion um verschiedene Erfahrungen und Wahrnehmungen herausbilden. Das bedeutet, anarchistische Perspektiven sind selbst immer wieder neu zu entwerfen und weiterzuentwickeln, wenn sie nicht auf stumpfsinnigen Dogmen
beruhen sollen, mit denen jedoch meiner Ansicht nach keine radikale
Politik gemacht werden kann. Und: anarchistischer Perspektiven sind
wichtig - angesichts des grauenhaften Zustandes der Gesellschaft, in
welcher wir leben, stellt die Aufgabe eine "Bewegung der
Bewegungen" zu organisieren, welche sozialrevolutionär wirksam
wird, eine enorme Herausforderung dar. Die anarchistische
Bewegung kann sie jedoch nur annehmen, wenn sie sich ermächtigt
auch indem sie eigene Theoriebildung betreibt und diese nicht
anderen überlässt...

Freitagabend fanden sich schon die meisten der - über die Zeit
hinweg vielleicht 120 Teilnehmenden - ein. Los ging es mit einem
Vortrag von Gisela Notz zur "Kritik des Familismus" und weiter mit
der "Anwendbarkeit Immanuel Kants auf anarchistische Ethik" von
Alexandra Busch. Samstag sprach Vera Bianchi über den
"Syndikalistischen Frauenbund" und Attila Dézsi stellte seine
Forschungen zu einer "kritischen Archäologie der Zeitgeschichte" dar.
Nachmittags fanden vier Workshops parallel statt, die alle gut besucht
waren: "Feminismus und Anarchismus", "(Anti-)Politik als
anarchistisches Politikverständnis", eine Einführung zu Gustav
Landauer und ein Gesprächskreis zur "Überwindung des
wissenschaftlichen Mainstreams" waren die Themen. Siegbert Wolf
sprach zur "Wissenschaftskritik Paul Feyerabends" und René Gabriels
zum "Verhältnis von Marxismus und Anarchismus", bezogen auf
konkrete Probleme unserer Zeit. Abends gab es noch dreimal Zecken-
Rap auf die Ohren. Am Sonntag stellte Heiko Larsen seine
Überlegungen zu "anarchistischer Erziehungskritik" dar und Antje
Schrupp wagte sich an "anarchistische Perspektiven auf heutige
Feminismen". Den Abschluss bildete eine Podiumsdiskussion mit vier
ausgewählten Sprecher*innen, die sich jedoch ziemlich bald in eine
allgemeine Diskussion im Hörsaal ausweitete...

Begrüßenswert bei der Erstellung des Programms ist der Fokus auf
feministische Themen und vor allem Frauen* als Sprecher*innen.
Inwiefern es möglich wäre, für ein nächstes Mal noch einen Schritt
weiter zu gehen und explizit auch Nicht-Deutsche als Vortragende
einzuladen, kann ich nicht beurteilen. Herzlichen Dank jedenfalls an
die Crew vom Café Knallhart, die uns mit Essen, Kaffee und
Getränken versorgt hat, sowie die Organisator*innen des Kongresses,
welche wieder viel Zeit und Nerven in die Orga des Kongresses
gesteckt haben!

Wie erwähnt, finde ich die Diskussion um eigene anarchistische
Theoriebildung wichtig, wenn Anarchist*innen sie nicht einfach "den
Wissenschaften", oder in ihr, "den" Marxist*innen oder
Poststrukturalist*innen überlassen wollen. Dass es dabei noch
unheimlich viel Entwicklungsbedarf gibt, ist keine Kritik am
Kongress, sondern stellt seine Notwendigkeit für einen Anfang
dahingehend gerade heraus. Politisch-strategisch wäre es zur
Erforschung und Verbreitung aktueller anarchistischer Denk- und
Herangehensweisen erforderlich, ein anarchistisches Agitations- und
Bildungsnetzwerk zu gründen, wie es sie in den USA mit dem
"Institute for Anarchist Studies" 1 seit 1996 oder in Großbritannien
mit dem "Anarchist Studies Network" 2 gibt. Wenngleich es in der
BRD hierfür möglicherweise schwerere Bedingungen bestehen, als in
den englischsprachigen Ländern, Frankreich, Spanien oder Italien,
spricht dies nicht gegen den Versuch ein solches Netzwerk
aufzubauen. Immerhin zeigte der Kongress wie auch im letzten Jahr
sehr deutlich, dass es einige Menschen gibt, die sich mit
anarchistischen Themen beschäftigen und sich als Teil einer solchen
politischen Bewegung verstehen. Nicht alle, aber sicherlich einige von
ihnen, wären dabei durchaus in der Lage und motiviert ihre Themen
in der Öffentlichkeit anzubringen. Wenn dies gelingen sollte, wären
allerdings regelmäßige Treffen notwendig, die über den Rahmen des
Kongresses hinausgehen, insofern dort tatsächlich auch miteinander
gearbeitet werden müsste.

In jedem Fall schuf der Kongress als Ort der Begegnung einen
geeigneten Raum, der hoffentlich in einem Jahr wieder geöffnet
werden kann um weiteren Austausch zu ermöglichen. Auf der
Homepage sollen demnächst noch einige Beiträge zum Kongress
erscheinen: www.a-perspektiven.org.

[1]https://anarchiststudies.org/
[2]http://anarchist-studies-network.org.uk/

Anmerkungen zum Interview mit Helge Döhring zur FKAD - Gai Dào No 83 November 2017

1. Ich sagte aufSeite 25, die FKAD-Prinzipienerklärung hätte nach 1919 keine weitere Auflage mehr erfahren. Quellen deuten jedoch aufeine
Neuauflage aus dem Jahre 1924 hin mit 5.000 Exemplaren im Verlag "Der freie Arbeiter".
2. Meine durch andere Quellen gestützte Aussage auf Seite 29, wonach Erich Mühsam in Festungshaft von den repressiven Vorgängen in
Sowjetrußland gegenüber Anarchisten und Syndikalisten zu wenig in Kenntnis gesetzt war, sollte anhand der Tagebücher Erich Mühsams
einer Revision unterzogen werden. Wolfgang Haug weist in einer Besprechung von Mühsams Eintragungen ausdrücklich darauf hin, vgl.:
Syfo - Forschung & Bewegung, Nr. 7 (2017), S. 48-54.
Helge Döhring
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de