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(de) FdA/IFA: Gai Dao #83 - So wie es ist, darf es nicht bleiben! Für eine Erneuerung anarchistischer Theorie Von: Jonathan Eibisch

Date Fri, 17 Nov 2017 07:25:22 +0200


Eine persönlich gehaltene Antwort auf Maurice Schuhmann ---- "Es wäre irreführend, eine saubere Definition des Anarchismus anzubieten, da er seiner Natur nach anti-dogmatisch ist. Er bietet keinen festen Lehrkörper, der auf einer bestimmten Weltanschauung basiert. Es ist eine komplexe und subtile Philosophie, die viele verschiedene Strömungen des Denkens und der Strategie ---- In der Tat ist Anarchismus wie ein Fluss mit vielen Strömungen und Strudeln, die sich ständig verändern und durch neue Wellen erfrischt werden, aber immer mit dem weiten Ozean Offreedom bewegen ... "---- - Peter Marshall, das Unmögliche fordernd. Eine Geschichte des Anarchismus, Seite 3 ---- Lieber Maurice Schuhmann, ---- was schreibst du denn da für Sachen in deinem Artikel "Wider die Vermurxung und Verwässerung des Anarchismus" in der letzten Gai Dào? Darf ich mich vorstellen, ich bin dein devils advocate, dein Antagonist für diese Debatte.

Wenn du selbst davon schreibst, dass dein Plädoyer polemisch gemeint
ist, kann ich dein Eintreten für einen "reinen Anarchismus" kaum
richtig ernst nehmen, gerade weil ich davon ausgehe, dass du es
durchaus ernst gemeint hast. Ich vermute sehr bewusst hast du dabei
das Adjektiv "rein" in Anführungsstrichen gesetzt, weil dir die
Zweifelhaftigkeit deines Argument durchaus klar ist. Das finde ich
völlig in Ordnung, wenn es dir darum geht, in einer wichtigen Debatte
um der Diskussion Willen eine Position zu beziehen. Aus diesem Grund
habe ich Lust die Konträre dazu einzunehmen und deine
Argumentation, vielmehr noch die Intention deines Plädoyers zu
kritisieren und in Frage zu stellen. Dies beinhaltet, dass ich an dieser
Stelle nicht mit vermeintlich stichhaltigen Belegen daher komme, um
meine Position zu legitimieren, sondern die Frage aufwerfen möchte,
welche Perspektive du eigentlich beziehst, wenn du beispielsweise auf
eine klare Bestimmbarkeit "des" Anarchismus als historische politische
Bewegung und auch als Theoriekanon bestehst.

Dabei wird der*die skeptische Leser*in zunächst "ganz klar" zur Ansicht
gelangen müssen, dass dich Trauer um Vergangenes und Verlustängste
um Bestehendes im Anarchismus plagen. Denn deine Darstellung eines
vermeintlich "reinen" Anarchismus ist eine inhärent konservative
Konstruktion der Vergangenheit, die sich meiner Ansicht nach in keiner
Weise aufrechterhalten lässt. Vorrangig konstruierst du die Trennung
von Anarchist*innen und anderen Sozialist*innen im Feld theoretischer
Debatten, welche ja darin bestehen, von verschiedenen Standpunkten
aus geführt zu werden und es sich darum leisten können, entgegen der
"schmutzigen" materialistischen Praxis eine vorgeblich "klare" Position
zu beziehen. Und selbstverständlich gab es die Trennungen, Spaltungen
und Feindschaften auch in den verschiedenen sozialistischen
Bewegungen, die bis zur wechselseitigen Verleumdung, Verfolgung,
Einkerkerung und Ermordung reichten. Zumeist hatten die
Anarchist*innen dabei das bittere Nachsehen. Dennoch ist es eine
Frage, wo mensch hinsieht, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu
suchen; um zu betrachten, wo es Unvereinbarkeiten gibt oder sehr
direkte Zusammenarbeit zwischen Anarchist*innen und anderen
Sozialist*innen besteht.

Verstehe mich nicht falsch: Ich kenne den "Theoriekanon" auf welchen
du dich beziehst, betrachte und thematisiere diesen. Nur ist mir wichtig,
vom Gegenwärtigen und - trotz autoritärer Zeiten - vom unentdeckten
Land zukünftiger emanzipatorischer Möglichkeiten aus, zu verstehen,
zu betrachten und zu beschreiben, was Anarchismus ist. Dies ist für
mich deswegen weniger eine Frage des Rechthabens in Bezug auf die
spezifischen politisch-weltanschaulichen Strömungen des Anarchismus,
sondern eine politisch-strategische Überlegung, wie Anarchismus heute
- im Sinne der Bewegung hin zu einer herrschaftsfreien, solidarischen,
egalitären und freiheitlichen Gesellschaft - überhaupt definiert werden
kann. Schaue ich auf mein politisches Umfeld und beziehe ein, was ich
von anarchistischen, libertären, linksradikalen, linken Kreisen erfahren
habe und weiterdenken kann, begegnet mir dabei in vielerlei Hinsicht
ein Wirrwarr und eine "Verschmutztheit" politischen Denkens und
Handelns. Dies findet sich keineswegs nur bei sich selbst als
Anarchist*innen bezeichnenden Menschen - tendenziell sogar eher
weniger bei diesen.

Denken und Handeln radikaler und emanzipatorischer Bewegungen
sind in der Tat ein einziges Patchwork von Erfahrungen, Wissen und
theoretischen Axiomen aus verschiedenen Phasen, Zeiten und Räumen
unterschiedlicher Gruppierungen und auch Einzelpersonen. Und in
diesem Durcheinander finden sich überraschenderweise ganz viele
Fragmente, welche aus anarchistischen Ansätzen entspringen - auch
wenn diese oftmals nicht so begriffen und benannt werden. Ich finde
dieses Kuddelmuddel nicht schlimm. Einerseits stelle ich lediglich fest,
dass es existiert, was ich auch für seine Weiterentwicklung anerkennen
muss, da ich verstehen möchte, was ich vorfinde. Andererseits sehe ich
die Vielfältigkeiten, Paradoxien und Spannungen selbst für einen
wesentlichen Bestandteil "des" Anarchismus an, wie ich ihn verstehe.
Im Übrigen halte ich die Sehnsucht nach einer imaginierten "Reinheit"
politischer Theorien oder Praktiken selbst für ein Produkt dessen, was
von postmodernen/poststrukturalistischen Theorien ursprünglich als
"Postmoderne" beschrieben wurde.

Jetzt provoziere ich doch: Es handelt sich bei dieser Sehnsucht meiner
Ansicht nach um eine identitäre Gefühls- und Denkbewegung, die in all
dem Durcheinander einer vorgeblich "ideologiefreien" Zeit, in welcher
sich die meisten Linken als irgendwie "undogmatisch" verstehen, die
Hoffnung aufrechterhalten möchte, dass eine ganz andere (d.h. in
diesem Zusammenhang konkreter: anarcho-kommunistische) Welt
möglich ist. Und weißt du was: Ich teile diese Sehnsucht. Aber ich
behaupte, weil ich sie als Sehnsucht begreife, mit ihr reflektiert
umzugehen und mich deswegen selbstkritisch fragen zu können, was
Anarchismus heute denn überhaupt sein soll. Und die Antwort darauf
scheint mir zu sein: Er ist eine ganze Menge und kann noch mehr
werden.

All dies spricht von meiner Position her überhaupt nicht dagegen, eine
spezifische politische Bewegung mit bestimmten und bestimmbaren
Inhalten als anarchistisch zu bezeichnen. Nur ist diese eben nicht
einfach vorhanden oder aus dem Vergangenen zu restaurieren. Vielmehr
sind anarchistische Bewegungen und ihre Theorien dauernd neu
aufzufinden und weiterzuentwickeln - Zumindest, wenn ich den
Anspruch aufmache, mit anarchistischer Anti-Politik handlungsfähiger
und einflussreicher zu werden. Dies bedeutet für mich, dass es in
politisch-strategischer Hinsicht eine Erneuerung anarchistischer
Theorien braucht. Wenn dies klug - das heißt unter Einbeziehung
anarchistischer Traditionen, Lebenswelten und der entschleierten
Betrachtung des gegebenen politischen Feldes und der Akteure auf ihm
- geschieht, können erneuerte anarchistische Theorien dann auch mit
Recht als solche bezeichnet werden. Zugespitzt formuliert behaupte ich
deswegen: Es braucht weniger Erklärungen, was Anarchismus
"eigentlich" ist, sondern Diskussionen darum, was mit anarchistischen
Ideen sympathisierende Menschen unter Anarchismus verstehen, wie
sie ihn konkret erfahren und wo sie mit ihm hin wollen.

Daraus folgt für mich, alle Menschen ernst zu nehmen, die sich selbst
das Label "Anarchismus" geben und insbesondere auch jene, die es
nicht explizit verwenden, jedoch in ihrem Handeln und Denken
grundlegend anarchistischen Werten und Zielvorstellungen verbunden
sind. Freilich kritisiere ich sie auch und diskutiere mit ihnen ihre
Vorstellungen von Anarchismus. Denn ein Label hat noch nie ein*n
Anarchist*in gemacht. Umgekehrt finde ich jedoch keineswegs alles gut,
was Menschen vertreten, die ich aufgrund ihrer politische Ansichten
zurecht am ehesten als Anarchist*innen bezeichnen würde.

Worum es mir geht, ist, Menschen zuzugestehen, sich selbst verorten,
entwickeln und ihre politische Identität beschreiben zu können. Wenn
wir ehrlich zu uns sind, tun wir das ja alle immer wieder - gerade wenn
wir darin eine Kontinuität herstellen. Sich selbst in Frage stellen und
entwickeln zu können ist für mich nicht die Ausgangsbasis eines
bürgerlichen Individualismus' im schlechten Sinne, sondern die
materialistische Praxis, innerhalb der begrenzenden Bedingungen freie,
autonome und verantwortliche Leben zu gestalten. Deswegen finde ich
auch deinen Seitenhieb auf das, was du als "Lifestyle-Anarchismen"
bezeichnest, richtig billig und traurig. Lieber Maurice Schuhmann, du
bist nicht polemisch, sondern einfach nur platt in deiner Aussage. Wofür
bitteschön brauchst du selbst diese armseligen Grenzziehungen und die
Hoheit darüber, wer eine*e richtige*r Anarchist*in ist und wer nicht?
Lebensstile, subversive Handlungen, subjektive Haltungen und
Eigenheiten sind Ausdrücke und Teile der Experimente für eine
kommende Gesellschaft, die - eschatologisch gesprochen - im
Hier&Jetzt anbricht. Ich denke, dass weißt du so gut wie ich.
Emanzipationsprozesse werden sichtbar an den Menschen, die sie
vollziehen. Und in der anarchistischen Tradition hat dies schon immer
eine Rolle gespielt; nicht nur in den Blasen der
Lebensreformkünstler*innen, sondern genauso auch in
Arbeiter*innenmilieus, eben weil sie Klassenbewusstsein entwickelten.

Lieber Maurice, denke doch einfach bitte noch mal über die Absicht
deines Artikels nach. Es würde mich freuen zu hören, was deine
Beweggründe sind um eine "Reinheit" des Anarchismus zu
konstruieren, die weder in der politischen Bewegung, noch in
theoretischer Hinsicht einer kritischen Überprüfung standhalten wird.
So wie kein klarer Beginn anarchistischer Theoriebildung und
Bewegung ausgemacht werden kann, ist auch die Behauptung ihrer
Abgeschlossenheit ein blinder Trugschluss. In politisch-strategischer
Hinsicht bedeutet eine solche Abschließung und klare Definierung
dessen, was als Anarchismus gelten soll, den unweigerlichen Untergang
anarchistischer Bewegung im wahrsten Sinne des Wortes. Doch
anarchistische Bewegungen braucht es, wollen wir weiterhin - nicht an
der Fiktion! - sondern an unserer Sehnsucht nach einer herrschaftsfreien
Gesellschaft festhalten und sie mit unseren stets begrenzten
Möglichkeiten dort wo wir stehen konkret verwirklichen.

Tatsächlich - und das weißt du doch, Maurice - widerspricht die
Kanonisierung und eindeutige Bestimmung, die du vornehmen willst,
vollkommen dem, was die klassischen Anarchist*innen selbst unter
Anarchismus verstanden: Nämlich eine radikale politische Bewegung,
die in andere linke, liberale, sozialistische, alternative Bewegungen und
Gruppierungen hineinwirkt, sie mitorganisiert und miteinander in den
Dialog bringt um eine grundsätzliche Gesellschaftsveränderung auf
verschiedenen Ebenen zu ermöglichen. Die Fragmente, Traktate,
Flugschriften und auch Bücher dienten nie der Erschaffung eines
einheitlichen Theoriegebäudes, sondern als historisch und geografisch
spezifisches Material des politischen Kampfes. Bakunin beispielsweise
hatte einfach keine Lust, seine Zeit damit zu verschwenden, ähnlich wie
Marx sonst wie ausgefeilte in sich stimmige anarchistische Theorien zu
entwickeln, auch wenn er das Zeug dazu gehabt hätte. Abgefuckt von
den politischen Systemen, die er erlebte, nutzte er seine Zeit lieber für
die Organisierung revolutionärer Gruppen und Netzwerke. Und
dennoch erwuchsen daraus ganz praxisrelevante Einsichten und
Erkenntnisse, die auch in Theorien gefasst werden können. Diese
verlieren jedoch jeglichen kritischen Gehalt, wenn sie abgekoppelt von
bestehenden politischen Bewegungen und Kämpfen gedacht werden,
was die Konsequenz aus dem ist, was du Maurice meiner Ansicht nach
forderst. Deswegen braucht es meiner Meinung nach auf jeden Fall eine
Erneuerung anarchistischer Theorien - eben um anarchistische Projekte
als solche fassen und formieren zu können. Mit einer konservativen
Einstellung, wie du sie vertrittst, wird diese jedoch nicht gelingen
können.

Wenn du etwas anderes zum Ausdruck bringen wolltest, dann antworte
gerne, damit ich deine Gedankengänge besser nachvollziehen kann.
Wenn du eben das sagen wolltest, dann begründe deine Position doch
bitte etwas besser und tue nicht so, als wenn du polemisch wärst, wenn
du eigentlich nur Vorurteile bedienst und schon endlos durchgekaute
Pseudo-Konflikte aufmachst a là Lifestyle vs. identitärer Anarchismus.

Viele Grüße,
Jonathan Eibisch

P.S.: Diese Theorie-Beschmutzung, welche ich als Reaktion auf dich,
Maurice, vornehmen musste, diente zur Grundlage meiner Forderung
nach einer Erneuerung anarchistischer Theorien. Da ich für diese selbst
eintrete und behaupte, sie auch zu betreiben, muss ich mich
selbstverständlich legitimieren. Weil ich dich bisher nie persönlich
getroffen habe oder kenne, denke ich auch, du wirst meinen Artikel
nicht persönlich nehmen, sondern seinen antagonistischen
Ausgangspunkt verstehen, welcher mich auch dazu führte diesen
persönlichen Stil zu wählen, anstatt einen argumentativen "Sachtext" zu
verfassen...
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