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(de) FdA/IFA: Gai Dao #83 - Anarchismus hat es nicht nötig verteidigt, sondern gelebt zu werden Von: Jens Störfried

Date Tue, 7 Nov 2017 08:28:39 +0200


Plädoyer für eine selbstkritisch-solidarische und respektvolle Diskussionskultur sowie eine Entgegnung ---- Mit Freunde las ich die Kritik von Hyman Roth an meiner Rezension, auf welche ich deswegen auch gerne antworte. Meiner Wahrnehmung nach gibt es nämlich zu wenig Auseinandersetzungen über anarchistisches Denken, das heißt auch seine theoretischen Ausformungen. Sich gegenseitig von anarchistischen Gedanken zu erzählen und sich darin wechselseitig in den eigenen politischen und lebensweltlichen Ansichten zu bestätigen ist legitim und wichtig. ---- Zweifellos handelt es sich aber um etwas anderes, als die Auseinandersetzung und die selbstkritische Betrachtung der eigenen Argumente und Perspektiven. Werden diese mit Nicht-Anarchist*innen geführt - seien es Menschen, welche vollends in bürgerlichen Denkund Lebenswelten beheimatet sind oder konkurrierende sozialistische Strömungen (denn mit wirklichen politischen Gegner*innen scheint es ja fast nie Debatten zu geben) - tendieren selbst sich als Anarch@s verstehende Menschen dazu, ihre Weltanschauung zu verteidigen. Dass sollten sie auch tun, immerhin gibt es unglaublich viel Aufklärungsarbeit dabei zu leisten.

Für eine selbstkritische, solidarische und respektvolle Diskussionskultur - auch über die theoretischen Grundlagen

Kontroverse Debatten über theoretische, aber auch politisch-
strategische Fragen werden jedoch innerhalb anarchistischer Szenen
und Grüppchen meiner Erfahrung nach zu selten geführt. All die
Individualist*innen bemühen sich - wenn sie sich denn freiwillig
assoziieren wollen - oftmals die Differenzen hinten anzustellen, um
überhaupt etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen. Dabei sind
Bemühungen um Konsens, Verständnis, Achtsamkeit, Respekt und
gewaltfreie Kommunikation sowohl anspruchsvolle Zielvorstellungen
als auch sinnvolle Methoden. Jene, die sie propagieren setzen sie
oftmals selten genug konsequent selbst um. Zwischen anarchistischen
Idealen und ihrer Verwirklichung liegt ein langer, nie abgeschlossener
Weg - den es sich auf jeden Fall lohnt zu gehen!

Neben diesen Idealen und Methoden emanzipierender
Kommunikationsformen, beziehungsweise im Grunde genommen als
ein entscheidender Teil von ihr, benötigen wir jedoch auch eine Kultur
des produktiven Streits, der respektvollen Auseinandersetzungen mit
unseren durchaus unterschiedlichen Positionen und Vorstellungen.
Diese findet meiner Erfahrung nach im politischen Alltagsgeschehen
öfters statt, viel zu selten aber bei einer längerfristigen politisch-
strategischen Ausrichtung. Fast nie gibt es sie bei Fragen der eigenen -
umstrittenen und zu umstreitenden - "theoretischen" Grundlagen. Dies
führt tendenziell dazu, die falsche und problematische Trennung
zwischen vermeintlicher Praxis und vermeintlicher Theorie zu erneuern
und die notwendigen Auseinandersetzungen um die jeweils eigenen
Grundlagen, Ausgangspunkte und Positionen nicht zu führen.

Eine wachsende politische Bewegung ist jedoch gerade auf solche
Auseinandersetzungen angewiesen. Dafür braucht es einen
respektvollen und geordneten Rahmen, in welchem sie nicht auf
persönlicher Ebene, nicht zur Durchsetzung der eigenen Ansichten (und
das bedeutet letztendlich: der realen oder gefühlten Machtposition in
einer Gruppe) gegen andere, sondern sachlich und um der
gemeinsamen Wahrheitsfindung Willen geführt werden. Und wenn wir
unseren eigenen Ansprüchen gerecht werden wollen, müssen derartige
Debatten auf Augenhöhe möglich sein - trotz der verschiedenen
Hintergründe, Erfahrungen und Sprachen, die wir jeweils haben. Meine
Überzeugung ist, dass, wenn es um Wahrheitsfindung im
anarchistischen Sinne geht, die subjektive Erfahrung der Menschen, die
zu etwas Position beziehen immer mitgedacht, nachgefragt und
transparent gemacht werden sollte um ein gegenseitiges Verständnis in
einem tieferen Sinne zu ermöglichen. Um ein sehr allgemeines Beispiel
zu formulieren:

"Ich gehe davon aus, dass alle Menschen frei und gleich sind. Sie sind es
nicht einem angeblichen Naturzustand nach. Den brauche ich auch
nicht, um das zu begründen. Freiheit und Gleichheit sind vielmehr
Werte für mich, die verwirklicht werden, indem wir die Gesellschaft
radikal verändern. Auf diesem Weg entfalten wir uns immer weiter,
indem wir die vorgegebenen Rahmen aufbrechen. Andererseits bedeutet
das für mich auch, sie trotz Widersprüche selbst leben zu wollen. Und
ich denke wiederum, dass ich diese Werte in den freiheitlich-gleichen
Begegnungen und Beziehungen zu Menschen selbst vermittelt bekomme
und angenommen habe. Und dort, wo ich ihr Gegenteil, die Hierarchie,
den Zwang, die Autorität und Gewalt erlebt habe, hat sich bei mir die
Kontrastfolie herausgebildet, wie es nicht und wie es anders sein soll..."

Aufgrund derartiger Aussagen, die transparent machen, was unsere
Haltungen und Überzeugungen sind, wie diese aus konkreten
Erfahrungen entstanden sind und sich verändert haben, können nun
wirklich bewusstseinsbildende Gespräche geführt werden. Und damit
wird auch eine Diskussion über theoretische und weltanschauliche
Grundlagen und Werte möglich. Dies ist meiner Ansicht nach zu
stärken, anstatt sich nur abstrakt über Theorien zu verständigen...

Entgegnung zur Kritik an der Rezension zu "Anarchismus zur Einführung" zur Klärung von Missverständnissen

Nach den langen und für sich stehenden Vorüberlegungen will ich nun
auf Hyman Roths Kritik an meiner Rezension eingehen. Übrigens
wurde kürzlich im FSK-Radio in Hamburg ein
Beitrag zur Diskussion des Einführungs-Bandes
ausgestrahlt... (1)

Ich stimme Hyman darin zu, dass Loick eine
Darstellung und Kritik an Teilen anarchistischen
Denkens vornehmen "darf" und sogar sollte,
auch wenn er nicht, beziehungsweise kaum, in
der anarchistischen Bewegung involviert zu sein
scheint. Dass macht seine Punkte keineswegs
automatisch schlechter, sondern kann im
Gegenteil zur Weiterentwicklung eigenen
Denkens unglaublich viel beitragen. Was Loick
meiner Lesart nach verpasst - und das habe ich
versucht etwas polemisch deutlich zu machen -
ist, seinem eigenen Anspruch gerecht zu
werden. Einerseits weist er darauf hin, dass
anarchistisches Denken eben nicht verstanden
werden kann, wenn dessen Lebenswelten und
politische Praktiken nicht mitgedacht werden.
Andererseits bezieht er diese eben viel zu wenig
in seine eigene Wahrnehmung über
Anarchismus ein. Da es sich um ein Buch der
politischen Theorie handelt, ist es völlig in
Ordnung, den Schwerpunkt darauf zu legen,
wenn Loick sich dafür entscheidet
beziehungsweise etwas Qualifiziertes dazu
schreiben kann. Ich habe aber den Eindruck,
dass seine Kritikpunkte teilweise nicht
stichhaltig sind, teilweise am Kern der Probleme
vorbeigehen, die Loick ansprechen will - eben weil er verschiedene
Diskussionen dahinter nicht kennt. Und dann gibt er eben doch der
Form akademischer Wissensproduktion den Vorrang vor anderen
Erkenntnis- und Wahrheitsfindungsprozessen. Übrigens wäre dabei
auch reichlich Kritik an anarchistischen Lebenswelten und politischen
Praktiken angesagt, die Loick gar nicht erfassen kann.

Dies auf dem Schirm zu haben und die Dreiteilung zwischen
anarchistischer Theorie/Philosophie, politischer Bewegung und
Lebenswelt und zumindest den Anspruch aufzumachen ist wie erwähnt
eine Stärke von Loicks Buch, auch wenn er ihm keineswegs gerecht
wird. Hierbei missversteht Hyman mich grundlegend. Beim Denken
von "Ineinander und Gleichzeitigen" (man könnte auch sagen: von
"Paradoxien und Spannungsfeldern") handelt es sich meiner Ansicht
und Erfahrung nach selbst um einen Bestandteil, der anarchistisches
Denken kennzeichnet. Und wenn ich dies
behaupte liefere ich damit keine rein
"objektive" Beschreibung, sondern einerseits
eine spezifische Interpretation, andererseits
eine politisch-strategische und normativ
begründete und motivierte Position dazu, was
ich glaube, worin anarchistisches Denken
bestehen sollte. Ich finde das legitim. Vor allem
dann, wenn ich es transparent mache und mich
somit bewusst auch möglicher Kritik aussetze.

Die Kritik sollte allerdings erfassen, worauf ich
mich beziehe. Beim Denken von "Ineinander
und Gleichzeitigkeiten" beziehe ich mich
eindeutig auf den erwähnten Zusammenhang
von Lebenswelt, politischer Bewegung und
Theorie.

Auf die provozierende Frage von Hyman, ob
"der Staat gleichzeitig abgeschafft und nicht
abgeschafft sein kann, dass Anarchokommunismus
und Anarchokapitalismus ineinander gedacht
werden können usw.?" habe ich dennoch eine
Entgegnung: Ja, ich halte es für eine
problematische Vorstellung von einer
"Abschaffung" des Staates auszugehen, wenn
sich im selben Zuge nicht andere Formen
gesellschaftlicher Institutionen entwickeln,
welche ihn ersetzen. Dass ist aber überhaupt
keine neue Ansicht, sondern findet sich schon bei Rolf Cantzen 1988
ausformuliert (2). Die Vorstellung der Abschaffung des Staates (usw.) ist
für mich ein utopischer Fluchtpunkt, der sinnvoll ist, und dennoch
begründet werden muss. Mehr als mein politisches Programm drücken
sich darin jedoch meine Hoffnungen und meine Sehnsüchte aus, die
sich gleichzeitig in meinem politischen Denken und Handeln
wiederfinden.

Anarchokommunismus und Anarchokapitalismus denke ich nicht
zusammen, weil ich den Anarchismus ideengeschichtlich und auch
politik-theoretisch fast ausschließlich als Teil der sozialistischen
Bewegung begreife. Dass auf ihn verschiedene Einflüsse (wie das
liberale Denken) gewirkt und mitgeprägt haben, macht ihn besonders
und wertvoll. Zusammendenken und auch Zusammenbringen will ich
deswegen immer Kommunismus und Individualismus - sowohl als
theoretische Ausgangspunkte, als auch in dem, wie ich lebe...

Um irgendwelchen Unklarheiten vorzubeugen: Selbstverständlich stehe
ich weiterhin zu meiner Kritik am Call zum Zeitschriftenprojekt
"Tsyfel", welchen ich mit Gründen als idealistisch, verkürzt und
bewegungsfeindlich beschrieben habe. In ihm kommt die Tendenz zum
Ausdruck, sich aus dem widersprüchlichen Feld radikalen politischen
Denkens auf einen Standpunkt vermeintlich reiner Kritik
zurückzuziehen. - Ein sowohl idealistisches, als auch im schlechten
Sinne utopisches Unterfangen, das etwas anderes darstellt, als eine
selbstkritische, selbstreflexive und selbstverständlich konkreter
Bewegung verbundene Haltung, wie ich sie zu propagieren versuche.
Das macht die Beiträge darin bestimmt nicht schlechter. Doch
Widersprüche gilt es auszuhalten, zu thematisieren, ja, gerade auch
aufzumachen, um in den Spannungsfeldern, welche sie hervorrufen,
radikale und emanzipatorische Einstellungen und Praktiken zu
entwickeln.

Zur letzten Frage von Hyman Roth: Warum empfehle ich Loick, Geld an
die anarchistische oder andere egalitäre Bewegungen zu spenden?
Deswegen weil er von ihr zum Teil lebt. Sowohl von ihren Schriften, die
er untersucht, als auch von ihren Lebenswelten, die Menschen dazu
bringen, sein Buch zu kaufen. Das Interesse an anarchistischem Denken
wächst erfreulicherweise in kleinen Stücken, aber kontinuierlich. Auf
das reine Interesse anderer können Menschen aber scheißen, die sich
tagtäglich unmittelbar mit der Gewalt der Verhältnisse
auseinandersetzen müssen oder/und diesen Kampf bewusst annehmen
wollen, weil sie politische Überzeugungen haben. Und im
anarchistischen Sinne lässt sich deswegen Loicks soziale Positionen
kritisieren. Würde er über sie stärker reflektieren - und zwar auf einer
emotionalen Ebene - käme er zu anderen Betrachtungen.

Dennoch macht dies sein Buch in keiner Weise schlechter. Wie erwähnt:
Ich empfehle allen, die Bock auf progressive politische Theorie haben,
es zu lesen. Und ebenso den Menschen die sich selbst klar als
Anarchist*innen verstehen, um über ihre Standpunkte und Ansichten
zu reflektieren und ins Gespräch zu kommen.

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(1) Widerständige Subjektivierung und (Selbst-)Organisation II - D. Loicks Anarchismus zur Einführung; auf: http://www.freie-radios.net/8525214
(2) RolfCantzen, Weniger Staat - mehr Gesellschaft. Freiheit - Ökologie - Anarchismus, Grafenau 1997, 3. Aufl., S. 90.
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