A - I n f o s

ein mehrsprachiger Informationsdienst von, fr und ber Anarchisten **
Nachrichten in allen Sprachen
Die letzten 40 Artikel (Homepage) Artikel der letzten 2 Wochen Unsere Archive der alten Artikel

Die letzten 100 Artikel, entsprechend der Sprache
Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

Die ersten paar Zeilen der letzten 100 Artikel auf:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
Die ersten paar Zeilen aller Artikel der letzten 24 Stunden

Links zu den Listen der ersten paar Zeilen aller Artikel der letzen 30 Tage | von 2002 | von 2003
| von 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014 | of 2015 | of 2016 | of 2017

(de) FDA-IFA Gai Dào N°82 - Wider die Vermurxung und Verwässerung des Anarchismus -Polemisches Plädoyer für einen "reinen" Anarchismus- Von: Maurice Schuhmann

Date Fri, 27 Oct 2017 09:24:06 +0300


Der Anarchismus - sofern man in einem Singular von jenen politischsozialen Strömungen sprechen kann - entstand als ein Produkt der europäischen Aufklärung und hat seine Wurzeln sowohl im Frühsozialismus, d. h. vormarxistischen Sozialismus, als auch im originären Liberalismus. Die Überlegungen von William Godwin und Pierre-Joseph Proudhon bildeten strömungsübergreifend für den klassischen, d. h. den Anarchismus vor 1945, eine Basis, auf deren Grundlagen es zu einer Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung kam. Zu jenen Strömungen zähle ich mit dem Mainstream der Forschung einhergehend grob: ---- - Individualanarchismus / philosophischer Anarchismus ---- - Kollektivistischer Anarchismus ---- - Kommunistischer Anarchismus ---- - Anarcho-Syndikalismus ---- Die unterschiedlichen Strömungen - sowohl die individual- als auch die sozialanarchistische - verband / verbindet - trotz aller sonstigen Differenzen:

- die konsequente Ablehnung von Herrschaft des Menschen über den
Menschen
- die Betonung menschlicher Freiheit und Autonomie
- die Ablehnung des Staates und jeglicher politischer Machtstrukturen
- freie Assoziation als Grundlage der gesellschaftlichen Organisation
- ein gemeinsamer Theoriekanon

Nach 1945 kam es zu vielen Ausdifferenzierungen und vermeintlichen
Symbiosen des Anarchismus mit anderen Strömungen und Richtungen,
sodass der Begriff inflationär benutzt wurde / wird und seinen inhaltli-
chen Gehalt häufig verloren hat. (Der Anarchismus ohne Attribute, wie
er z. B. von Sébastien Faure vertreten wurde.) Einerseits näherten sich
«libertäre» Marxist*innen wie z. B. Karl Korsch - enttäuscht und ge-
schockt vom vermeintlichen «Betriebsunfall» Stalinismus anarchisti-
schen Positionen zu und die verkorkste Theoriebildung in Folge von
1968 beförderte die Vermurxung des Anarchismus noch weiter. Wie
auch der klassische Marxismus wurde der Anarchismus vermeintlich
durch eine Anreicherung mit anderen Theorien "modernisiert".
Dementsprechend verwundert der Bruch zwischen klassischen und
Neoanarchismus nicht sonderlich. Inhaltliche Differenzen wie z. B. zwi-

schen Anarchismus und Marxismus, die sich u. a. aus den folgenden, für die jeweiligen Strömungen wichtigen Grundlagen ergeben, wurden werden heruntergespielt oder ganz ignoriert:

- Eroberung politischer Macht vs. Zerschlagung politischer Macht
- Determinierte Revolutionstheorie vs. Voluntarismus
- Zentralismus vs. Föderalismus

Diese hier lediglich schlagwortartig benannten Differenzen traten be-
reits in der ersten Internationale (IAA) auf und führten letztendlich
zum Bruch. Sie haben auch nicht in der heutigen Zeit an Bedeutung
eingebüßt - auch wenn viele «Linke» diese Widersprüche ignorieren
oder für unbedeutend halten.

Höhepunkte dieser Verwirrungen waren dann die Herausbildung von
Positionen und Richtungen wie dem Anarcho-Stalinismus (FAU / AP),
dem Nationalanarchismus (Peter Töpfer) oder dem Anarchokapitalis-
mus (Eigentümlich frei) bzw. die Gründung einer Anarchistischen
Plattform innerhalb der SED-Nachfolgepartei PDS.

Viele dieser Richtungen und Strömungen stellten keine Weiterentwick-
lung oder Revision des "klassischen" Anarchismus dar, sondern waren
der Versuch, zwei Strömungen mit z. T. sehr unterschiedlichen Wurzeln
und auch Grundannahmen (zwanghaft) kompatibel zu machen und
auch interne Widersprüche weg zu bügeln. Einzelne Facetten unter-
schiedlicher Strömungen, die jeweils auf theoretischen Grundannahmen
beruhten, wurden in völliger Ignoranz dieser mit Aspekten anderer
Strömungen vermischt. Aus theoretischen Annahmen und Modellen
wurde häufig wahllos geplündert und diese Annahmen wurden auf
Schlagworte reduziert.

Manch einer jener neuen Lifestyle-Anarchismen - sei es Anarchopunk,
Queer Anarchism oder Vegananarchismus - mögen zwar hip wirken
und dem Bedürfnis nachkommen, mehrere Teilidentitäten in einem
Schlagwort zum Ausdruck zu bringen, aber in der Regel wird dabei der
Anarchismus
auf ein paar
oberflächli-
che Schlag-
worte und
das symbol-
trächtige A
im Kreis re-
duziert.

In Teilen
trifft dieser
Vorwurf si-
cherlich auch
auf den An-
archafemi-
nismus zu,
der begriffsgeschichtlich als eine Symbiose aus Radikalfeminismus und
Anarchokommunismus in den USA entstand. Hierbei wurde die radi-
kalfeministische Patriarchatkritik mit einer positiven Gesellschaftsuto-
pie - basierend auf den Überlegungen von Peter Kropotkin zum
kommunistischen Anarchismus - untermauert. Unterschiede in der
Herrschaftskritik wurden / werden unter den Tisch gekehrt, indem
Herrschaftskritik auf ein paar Schlagworte reduziert wird.

Es mag verwundern, dass ich die damals bereits in der anarchistischen
Bewegung skeptisch beäugte Symbiose von Anarchismus und Syndika-
lismus, die sich im Anarcho-Syndikalismus vollzieht, anders bewerte
als die vermeintliche Symbiose im Anarchafeminismus. Die Unter-
scheidung mache ich daran fest, dass es bei jener Strömung zu einer
Übernahme einer Taktik /Kampfform bzw. Organisationsmodell (Syn-
dikalismus) zur Erreichung der anarchistischen Gesellschaft kommt -
nicht zu einer Vermischung zweier unterschiedlicher Theorien.

Das heißt natürlich auch nicht, dass ich eine kritische Lektüre oder Re-
zeption nicht-anarchistischer Texte und Theorie per se ablehne. Mir
geht es "nur" darum, dass eine wüste Vermischung und Kombination
unterschiedlicher Strömungen "den" Anarchismus lediglich weiter ver-
wässert und völlig unkenntlich macht. Stattdessen sollte "der" Anar-
chismus sich wieder auf sich selbst besinnen und aus sich heraus -
basierend auf den ihm eigenen Grundlagen. Politische Praxis ohne ent-
sprechende Theorie ist nicht zielführend und ein aufgeweichter Anar-
chismus, der alles und nichts ist, führt uns nicht weiter.

In diesem Sinne plädiere ich für einen "reinen Anarchismus", d. h. einen
in sich konsistenten Anarchismus, der nicht unter Aufgaben seiner we-
sentlichen Grundlagen Symbiosen eingeht oder als Bastelkasten für In-
dividualideologien missbraucht wird. Jede*r Mensch und Aktivist*in
muss auch Widersprüche in sich aushalten und kann / sollte sie nicht
für die eigene Person durch eine wilde Symbiose oder Patchwork ver-
decken.
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de