A - I n f o s

ein mehrsprachiger Informationsdienst von, fr und ber Anarchisten **
Nachrichten in allen Sprachen
Die letzten 40 Artikel (Homepage) Artikel der letzten 2 Wochen Unsere Archive der alten Artikel

Die letzten 100 Artikel, entsprechend der Sprache
Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

Die ersten paar Zeilen der letzten 100 Artikel auf:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
Die ersten paar Zeilen aller Artikel der letzten 24 Stunden

Links zu den Listen der ersten paar Zeilen aller Artikel der letzen 30 Tage | von 2002 | von 2003
| von 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014 | of 2015 | of 2016 | of 2017

(de) FdA/IFA - gai dao #81 - Interview und Bildergalerie: Gord Hill, indigener Künstler und Anarchist Von: CrimethInc. Ex-Workers Collective 1 / Übersetzung: madalton und jt

Date Wed, 27 Sep 2017 08:23:20 +0300


Gord Hill ist ein anarchistischer Künstler und Angehöriger der Kwakwaka'awakw-Nation, der seit Jahrzehnten in antikolonialen und antikapitalistischen Kämpfen aktiv ist. Im Laufe der Jahre wurde seine Kunst und Kritik für uns zur Quelle, aus der wir Inspiration geschöpft haben, uns jedoch auch half, uns in Frage zu stellen. ---- Gord ist Autor zweier Comicbücher, The 500 Years of Resistance Comic Book2 und The Anti-Capitalist Resistance Comic Book3, sowie des Werks 500 Years of Indigenous Resistance4. Außerdem betreibt er die Homepage Warrior Publications5. Darüber hinaus zeichnet und schreibt er unter dem Pseudonym Zig Zag. ---- CrimethInc: Es liegt auf der Hand, dass es schon immer Überschneidungen zwischen Kunst und Widerstand gegeben hat, wir würden jedoch gerne von dir hören, wie du diese Überschneidungen bei dir selbst siehst und wo sie in der heutigen Gesellschaft anzutreffen sind.

Gord Hill: Ich denke Kunst ist insofern ein wichtiger Teil von Wider-
stand, als dass sie zur Herausbildung einer allgemeinen Widerstands-
kultur beiträgt. Kunst inspiriert, bildet, motiviert und hilft dabei
zugleich, eine Geschichte des Widerstands aufrecht zu erhalten.

Dank der modernen Kommunikationsmedien – mit neuen Ausdrucks-
formen wie etwa Memes und GIFs – spielt Kunst heute womöglich eine
noch größere Rolle in sozialen Bewegungen, obgleich ich sagen muss,
dass diese neuen Formen flüchtiger erscheinen als klassische Kunstfor-
men wie Plakate, Transparente, T-Shirts usw.

Mein Hauptaugenmerk gilt der bildenden Kunst, aber ich denke, dass es
wichtig ist, die Stärke anderer Medien – wie etwa Literatur und Musik
– ebenfalls anzuerkennen, die allesamt ihren Anteil am Aufbau und Er-
halt einer Kultur des Widerstands haben.

Sind die ästhetischen Entscheidungen, die du in deinen Werken
triffst, politisch per se?

In manchen Fällen ja, weil ich bewusst Bilder verwende, die – wie ich
hoffe – empowernd oder inspirierend wirken. Ich arbeite auch häufig
mit ikonischen Bildern konkreter Aktionen oder Ereignisse. Bilder also,
mit denen Menschen bereits vertraut sein dürften und die, helfen mei-
nen Kunstwerken Originalität einzuhauchen.

Ein anderes Beispiel sind Sprüche auf Transparenten, die eine Botschaft
vermitteln, besonders bei Comics, bei denen ich sehr begrenzt Platz für
Text habe. Ich verwende ebenfalls sehr bewusst Bilder, um militante
Aktionen zu „normalisieren“, beispielsweise wenn ich vermummte Per-
sonen6 zeichne, die Teil einer Kundgebung oder Protestaktion sind.

Gibt es andere Künstler*innen oder Traditionen, von denen du dich
politisch oder ästhetisch hast inspirieren lassen?

Klar... es gibt einige Künstler*innen, die mich inspiriert haben, darunter
Louis Karoniaktajeh Hall7 (der Mohawk-Künstler, der die Fahne der
Krieger*innen entworfen und „The Warrior's Handbook“ geschrieben
hat), Art Wilson (ein Gitxsan-Künstler, der in seinem Buch publizierter
Drucke mit dem Titel Heartbeat of the Earth: A First Nations Artist Re-
cords Injustice and Resistance8 für die Darstellung aktueller Kämpfe
auf traditionelle Kunstsformen der Nordwestküste zurückgreift), Joe
Sacco (der die Palästina-Comics zeichnete), und auch traditionellere in-
digene Künstler*innen, darunter Tony Hunt (Kwakwaka’wakw) und
Mark Henderson (Kwakwaka’wakw).

-------------------------------------------------------------
[1] https://itsgoingdown.org/author/crimethinc-ex-workers-collective/
[2] http://www.arsenalpulp.com/bookinfo.php?index=317
[3] http://www.arsenalpulp.com/bookinfo.php?index=362 [4] https://secure.pmpress.org/index.php?l=product_detail&p=135
[5] https://warriorpublications.wordpress.com/ [6] https://crimethinc.com/2014/08/14/staying-safe-in-the-streets/
[7] http://www.louishall.com/
[8] https://www.biblio.com/book/heartbeat-earth-first-nations-artist-records/d/897450214
------------------------------------------------------

Comic-Künstler*innen der alten Schule, die mich inspiriert haben, sind
Jack Kirby, Alex Toth, Berni Wrightson, Alex Nino und Frank Frazetta.

Kannst du als Künstler und Historiker etwas über die Unterschiede
zwischen geschriebener Geschichte und mündlicher Überlieferung
sagen und wie die Verwendung von Bildsprache mit diesen Verfah-
ren interagieren könnte?

Geschriebene Geschichte ist für Historiker*innen nützlich, weil sie Da-
ten, Namen und Orte bereitstellt, welche beim Verständnis chronologi-
scher Geschichtsabläufe hilfreich sind. Aus diesen Chronologien können
wir beispielsweise den Ablauf von Kolonialisierung oder die Auswei-
tung eines Imperiums nachvollziehen.

Die europäischen Staaten erschienen nicht aus dem Nichts, sondern
waren das Ergebnis einer langen Geschichte der Kolonialisierung durch
die Römer*innen und Jahrhunderte des Kriegs zwischen feudalen Kö-
nigreichen, die nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs auf-
kamen. Diese Geschichte - viel davon wurde von Zeitzeug*innen
festgehalten – ist für uns hilfreich, um zu verstehen wie die Welt, in der
wir heute leben, geschaffen wurde. Die mündlich überlieferte Geschich-
te von indigenen Menschen wurde als Sagenwelt oder in Fantasiebil-
dern geschildert. Aber heute wissen wir, dass Ereignisse, die in
mündlich überlieferter Geschichte erzählt wurden, tatsächlich reale Ge-
gebenheiten sind, welche sich ereignet haben.

Beispielsweise gibt es weit verbreitete mündlich überlieferte Geschich-
ten von einem Erdbeben und Tsunami aus dem 18. Jahrhundert entlang
der Nordwestküste, über welche Wissenschaftler*innen jetzt als tatsäch-
lich stattgefundene Ereignisse Bescheid wissen und die erhebliche Zer-
störungen in vielen Dörfern zur Folge hatten. Die mündlich überlieferte
Geschichte dieses Ereignisses schildert es als Ergebnis von Handlungen
spiritueller Kräfte. Bis Wissenschaftler*innen die Geschichten mit aktu-
ellen Ereignissen verknüpften, wurden sie im Allgemeinen als Sagen
abgetan.

Im Kontext mündlich überlie-
ferter Geschichte lässt sich sa-
gen, dass Indigene viele
Formen hatten, diese Ge-
schichten zu schildern: mit-
hilfe von Abbildungen wie
beispielsweise Piktogrammen,
mit Malereien, Perl- und
Schnitzarbeit. Lieder und
Tänze stellten eine weitere
Form dar, mündlich überlie-
ferte Geschichte weiterzuge-
ben.

Heute gibt es Beispiele münd-
lich überlieferter Geschich-
te,welche immer noch
verwendet werden, ein-
schließlich Dichtung und Hip
Hop. Selbst Videos mit Inter-
views und Erfahrungsberich-
ten lassen sich als mündlich
überlieferte Geschichte be-
greifen.

Ich bin der Meinung, dass Comics einen guten „Mittelweg“ darstellen.
Sie kombinieren geschriebene Geschichte mit grafischen Darstellungen.

Wo siehst du Überschneidungen zwischen indigenen und anarchis-
tischen Kämpfen?

Ich würde sagen sie treffen sich im Widerstand gegen Staat und Kapital,
welcher von indigenen Menschen als antikolonialer bzw. antikapitalis-
tischer Widerstand verstanden wird. Und es mag sein, das dass antika-
pitalistische Konzept dabei weniger stark ausgeprägt ist als das
antikoloniale... Ich denke, dies ist vielleicht die größte Überschneidung,
aber es gibt auch Konzepte wie beispielsweise antiautoritäre oder egali-
täre Organisationsformen. Und obgleich sich das graduell je nach indi-
gener Nation unterscheidet, ist es insgesamt (mit wenigen Ausnahmen)
ein bedeutender Teil unserer traditionellen Kultur.

Was können nicht-indigene Anarchist*innen von indigenen Kämp-
fen lernen und wie können sie diese unterstützen?

Indem sie die Geschichte des europäischen Kolonialismus kennen und
dies bei ihren Analysen und Aktionen berücksichtigen.

Von welchen Bewegungen aus der Vergangenheit hast du am meis-
ten gelernt?

Ich würde sagen eindeutig von der 68er-Generation: Die American In-
dian und Red Power Movements, die Black Panthers ebenso wie die
schwarzen Bürgerrechtskämpfe der 1950er bis 1960er, die Zapatistas. Ich
wurde ebenfalls von den autonomen Bewegungen in Europa inspiriert
und lernte besonders viel von jenen in Italien und Westdeutschland.

Warst du schon einmal hin und her gerissen zwischen deiner Rolle
als Künstler und deiner Verantwortung für andere Formen politi-
schen Widerstands? Falls ja, wie hast du dieses Dilemma aufgelöst?

Nein, ich war noch nie zwischen Künstlersein und anderen Formen des
politischen Widerstands hin und her gerissen... Alles ist Teil einer Viel-
falt an Strategien, und ich glaube, dass Propaganda ein zentraler Be-
standteil von Widerstandsbewegungen und des Aufbaus widerständiger
Kulturen darstellt. Allerdings bin ich auch der Überzeugung, dass Men-
schen, die künstlerisch, schriftstellerisch oder in anderer Form propa-
gandistisch tätig sind, Teil einer konkreten Bewegung sein müssen,
wenn sie nicht den Kontakt zum Geschehen sowie zu aktuellen Ent-
wicklungen verlieren möchten.

Das Thema politischer Strategien hat dich im Laufe der Jahre im-
mer wieder beschäftigt. Hast du den Eindruck, dass die Debatten in
indigenen Zusammenhängen und in nicht-indigenen Kreisen Ähn-
lichkeiten aufweisen? Hast du im Laufe der Jahre Veränderungen
bei diesen Diskussionen beobachtet?

In mancherlei Hinsicht ähneln sich die Strategiediskussionen durchaus.

Beispielsweise gibt es in manchen Teilen der indigenen Bewegungen
Diskussionen über das Tragen von Vermummung und die Durchfüh-
rung von illegalen direkten Aktionen. Es gibt Diskussionen um Mili-
tanz, die Versorgung von Blockaden und Besetzungen, über Fragen der
Sicherheit und Gegenüberwachung. Ich denke nicht, dass sich diese
Diskussionen im Laufe der Jahre verändert haben, seit – sagen wir mal
- der Oka-Krise von 1990. Stattdessen tauchen sie je nach Konjunktur
der Bewegung irgendwann auf und verschwinden dann wieder. Verän-
derungen hat es vor allem in Bezug auf das Thema Internetsicherheit
und die Verwendung von sozialen Medien wie Facebook gegeben. Ge-
rade letzteres Medium wird sehr viel benutzt, aber eben auch von den
Cops zu Ermittlungszwecken und zur Anklageerhebung.

Der Kampf gegen die Dakota Access Pipeline (NoDAPL)bei Stan-
ding Rock ist wohl der bekannteste Kampf nach indigener Souve-
ränität, den wir in der letzten Zeit gesehen haben. Glaubst du, es
gibt wichtige theoretische oder strategische Lehren aus der Art, wie
sich dieser Kampf abgespielt hat?

Ja, ich würde behaupten die NoDAPL-Kampagne war sehr wichtig aus
einer Vielzahl von Gründen. Während es eine Anzahl an Anti-Pipeline-
Kampagnen in Kanada gab – und in British Columbia im Besonderen –
war dies der erste Kampf gegen eine geplante Pipeline, der zum Zeit-
punkt des Baubeginns stattfand. In Kanada wurde die geplante En-
bridge Northern Gateway Pipeline letztendlich nach einigen Jahren
indigenen Widerstands bereits im Planungsstadium aufgeben. Und die
Naturgas-Pipeline, die durch Unis'tot'en-Land geplant war, sollte
schließlich doch nicht dort gebaut werden. Deshalb war die NoDAPL-
Kampagne die erste, die aktiv den Bau einer Pipeline verhinderte.

Ich glaube, dass die NoDAPL-Kampagne besonders für Natives in den
USA sehr wichtig war, und ich bin sicher Tausende indigener Jugendli-
cher wurden bis zu einem gewissen Grad während ihrer Teilnahme ra-
dikalisiert.

Letztlich missglückte die NoDAPL-Kampagne jedoch. Ich würde ver-
muten, dies passierte aus mehreren Gründen. Der Hauptgrund war, dass
der Widerstand – trotz einiger militanter Aktionen – hauptsächlich aus
den „gewaltfreiem Widerstand“ und pazifistischen Aktionsformen setz-
te.

Neben den Mangel an Erfahrung von Seiten der Angehörigen des Stan-
ding-Rock-Reservats waren es hauptsächlich NGO-Hauptamtliche, die
die Strategiediskussionen beherrschten und jeglichen Versuch unterban-
den, einen Aktionskonsens zu finden, der auf einer Vielzahl von Takti-
ken beruhte.

Als Gegenbeispiel möchte ich auf den Widerstand verweisen, der 2013
von den Mi'kmaq in New Brunswick gegen Vorarbeiten für Fracking-
Verfahren organisiert wurde. Sie hatten keine Tausende Leute, die sich
zusammenfanden. Sie hatten keine Berühmtheiten, die daran teilnah-
men. Und sie hatten keine Zehntausende von Dollar zur Verfügung. Sie
mobilisierten ihre Gemeinschaft und nach einem kurzen Versuch des
gewaltfreien, zivilen Ungehorsams organisierten sie militantere Sachen,
darunter Sabotage-Aktionen und Straßenblockaden.

Ihre Hauptblockade wurde von der Polizei im Oktober 2013 geräumt,
was sechs abgefackelte Polizeifahrzeuge zur Folge hatte. Daraufhin ver-
wendeten sie vermehrt mobile Blockaden aus brennende Reifen, um die
Vorarbeiten zu stören. Schließlich zog sich das Unternehmen SWN Re-
sources zurück, bevor es die Arbeit fertig gestellt hatte. Und im darauf
folgenden Jahr wurde eine Regionalwahl abgehalten, bei die Pro-
Fracking-Fraktion abgewählt wurde – im Rahmen einer Wahl, die all-
gemein als Referendum über das Fracking angesehen wurde.

Die neue Regierung erließ ein Moratorium auf das Fracking. Und ob-
gleich sie viel weniger eute waren und weit weniger Ressourcen zur
Verfügung hatten als in Standing Rock, trugen die Mi'kmaq dennoch
den Sieg davon.

Aus dem Vergleich dieser beiden Kampagnen lassen sich viele Erkennt-
nisse ziehen und ich würde sogar davor warnen, das Beispiel von Stan-
ding Rock wiederholen zu wollen, weil es letztlich bezwungen worden
ist.

------------------------------
Quelle und weitere Infos
https://thefreeonline.wordpress.com/2017/08/04/gord-hill-
anarchist-indigenous-artist/ (englischer Originaltext)
* Warrior Publications 9
* Die Berichterstattung von CrimethInc zur Räumung von
Standing Rock 10
---------------------------

[9] https://warriorpublications.wordpress.com/
[10] https://crimethinc.com/2017/02/28/interview-the-standing-rock-evictions-audio-and-transcript
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de