A - I n f o s

ein mehrsprachiger Informationsdienst von, fr und ber Anarchisten **
Nachrichten in allen Sprachen
Die letzten 40 Artikel (Homepage) Artikel der letzten 2 Wochen Unsere Archive der alten Artikel

Die letzten 100 Artikel, entsprechend der Sprache
Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

Die ersten paar Zeilen der letzten 100 Artikel auf:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
Die ersten paar Zeilen aller Artikel der letzten 24 Stunden

Links zu den Listen der ersten paar Zeilen aller Artikel der letzen 30 Tage | von 2002 | von 2003
| von 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014 | of 2015 | of 2016 | of 2017

(de) FdA/IFA - gai dao #81 - Bericht vom war­-starts­-here­-Camp Von: Mona Alona

Date Sat, 16 Sep 2017 09:02:30 +0300


Vom 31. Juli bis zum 06. August fand in der Altmark, zwischen Magdeburg, Salzwedel und Stendal, zum sechsten Mal in Folge das war-starts-here-Camp statt. 1 Organisiert wurde es von einer Vorbereitungsgruppe aus Personen der ortsansässigen Bürgerinitiative „Offene Heide“, einigen Friedensaktivist*innen von weiter weg und verschiedenen Autonomen. Im Folgenden möchte ich einige Eindrücke schildern, um das Thema Antimilitarismus und insbesondere auch das Camp für Anarchist*innen wieder stärker ins Bewusstsein zu bringen beziehungsweise auf eine künftigen Beteiligung am Camp von mehr Menschen hinzuwirken... ---- Warum antimilitaristisch in der Altmark campen? ---- Nicht zufällig fand das Camp am besagten Platz statt, sondern befand sich in 12 Kilometern Entfernung zu Europas größtem Truppenübungsplatz, dem sogenannten „Gefechtsübungszentrum“, kurz „GÜZ“. Eigentümerin weiter Teile des 232 Quadratkilometer großen Geländes ist der
zweitgrößte Rüstungsproduzent der BRD, Rheinmetall Defence, der sich
damit einen lukrativen Dauerauftrag gesichert hat. Das Unternehmen
vermietet das Gelände, inklusive Logistikaufgaben und der Technikwar-
tung, an die Bundeswehr, ihre NATO-Partner oder militarisierte Poli-
zeieinheiten. Die seit dem Jahr 2000 bestehende „Private Public
Partnership“ zwischen Armee und Rüstungskonzern soll der Senkung
von Kosten wie auch der Auslagerung von logistischen und technischen
Aufgaben dienen und verringert nebenbei die Kritik am GÜZ, welches
sich damit demzufolge nicht mehr in öffentlicher Hand befindet. Kfor-
und Bundeswehr-Einheiten trainieren in der Regel zwei Wochen vor ih-
ren Auslandseinsätzen auf dem GÜZ mittels modernster Lasertechnik,
bevor sie in den Kosovo, nach Afghanistan oder Mali und künftig noch
in ganz andere Regionen der Welt geschickt werden.

Nun durchzieht der Militarismus die gesamte Gesellschaft. Die Bundes-
wehr an sich, ihre Werbung und ihre Rekrutierungskampagnen, die
Rüstungsproduktion mit der die BRD weltweit an dritter Stelle steht, die
Militarisierung der Polizei, Drohneneinsätze, imperialistische Dominanz
in der globalen Politik und Auslandseinsätze sind kritikwürdig und mit
einer Sehnsucht nach Herrschaftsfreiheit zu bekämpfen. Dies kann und
sollte an ganz verschiedenen Ort und auf verschiedenen Ebenen ge-
schehen, eben weil wir es auch hierzulande mit einem umfassenden
„militärisch-industriellen Komplex“ zu tun haben. Wie auch bei anderen
Themenfeldern stellt sich jedoch die Frage, wo sich eine Auseinander-
setzung mit dem Militarismus im weiteren Sinne konkretisieren lässt. In
diesem Zusammenhang spielt das GÜZ eine besondere Rolle, insofern
es symbolisch für das Ausmaß und die Verknüpfung der verschiedenen
Aspekte von Militarisierung steht. Dazu passt auch, dass auf dem Ge-
lände „Schnöggersburg“ eine komplette Übungsstadt mit 520 Häusern,
einer Moschee/Kirche, einem Gefängnis, drei U-Bahn-Stationen, einer
Altstadt, einem Elendsviertel, einem Marktplatz, einer Schule und ei-
nem Flugplatz gebaut wird. Das mindestens 140 Millionen teure Bau-
projekt, auf welchem dann urbane Aufstandsbekämpfung und
„asymmetrische Kriege“ geprobt werden, wird nächstes Jahr in Betrieb
genommen. Dies sollte Anlass genug sein, den antimilitaristischen Pro-
test dort aus anarchistischen und autonomen Kreisen zu stärken.

Themen und Konflikte in der antimilitaristischen Bewegung

Wenn die Militarisierung der Gesellschaft wie dargestellt verschiedene
Aspekte hat, so ist sie auch mit ganz verschiedenen Thematiken ver-
knüpft. Antimilitarismus ist mit Antikapitalismus, Anti-Autoritarismus,
Migration, Klimawandel, Ernährungssouveränität und internationaler
Politik zusammen zu denken. Darauf zielte auch das Motto des Camps
„Krieg.Macht.Flucht. - Ohn.Macht durchbrechen!“ ab, mit welchem klar
der Bezug einerseits zu Fluchtursachen, andererseits zur Militarisierung
der Gesellschaft, die uns unterwirft und ohnmächtig macht, hergestellt
wurde. Antimilitarismus bedeutet in diesem Zusammenhang also weit
mehr als der klassische Internationalismus früherer Antiimperialist*in-
nen: Die Thematisierung von Fluchtursachen und die Forderung nach
Bewegungsfreiheit; den Angriff auf demokratische Grenzregime wie
auch autokratische Diktaturen; die kritische Solidarität beispielsweise
mit der kurdischen Befreiungsbewegung und ihre Unterstützung bei
gleichzeitiger grundsätzlicher Kritik an Rüstungslieferungen und
Kriegseinsätzen jeglicher Art. Letzteres zeigte sich in den Debatten auf
dem Camp unter anderem dadurch, dass Menschen aus linken Bewe-
gungen in Mali die Präsenz der Bundeswehr als ein Schutz gegen isla-
mistische Gruppierungen begrüßten, während es aus
antimilitaristischer Perspektive dennoch von Bedeutung ist, Auslandse-
insätze generell abzulehnen. Die Umgangsweise der mit dem Netzwerk
„Afrique-Europe-Interact“ verbundenen Bewegung in Mali einen Brief
zu schreiben um sich mit ihnen zu solidarisieren, aber gleichzeitig die
eigenen Positionen darzustellen, fand ich sehr gelungen. Eine weitere
transnationale Verbindung wurde nach Sizilien aufgemacht, wo es seit
2009 starke Proteste gegen das militärische US-Radarsystem „MUOS“
gibt. Ein Aktivist berichtete und tauschte sich mit Menschen auf dem
Camp aus.

Äußerst schwierig gestaltete sich die Thematik „Friedensbewegung und
Rechtsoffenheit“ beziehungsweise die Umgangsweise mit Agitiationss-
trategien von Verschwörungstheoretiker*innen und Faschist*innen in
der Friedensbewegung. Seit dem bewaffneten Konflikt in der Ostukrai-
ne ab 2014 hatte sich unter anderem unter dem Stichwort „Friedens-
winter“ auf Montagsmahnwachen in vielen Städten eine neue
Friedensbewegung formiert, deren Teilnehmende vorrangig zunächst
tatsächlich politisch sehr unerfahren und indifferent oder bei altlinken
Dogmen hängengeblieben waren. Schließlich wollen ja alle irgendwie
Frieden, was auch immer genau darunter verstanden wird und wer
auch immer sich dafür engagiert. 2 Leider ging die Querfront-Strategie
von Nazis, Antisemit*innen und Verschwörungstheoretiker*innen ziem-
lich gut auf, so dass sich ein wirres Konglomerat an Meinungen und
Ansichten in den Köpfen der Beteiligten breit machte. Der offensichtli-
che Widerspruch, Krieg abzulehnen und sich gleichzeitig der autoritär-
en militärischen Großmacht Russland anzubiedern, wird wie auch
vieles andere in den ver-
worrenen Fragmenten po-
litischen Denkens dieser
Friedens-Freund*innen
verschleiert. Vernünftige
Linksradikale distanzierten
sich daraufhin zunehmend
von dieser Art Friedensbe-
wegung, gaben damit je-
doch das Thema
Antimilitarismus selbst
noch stärker auf, als es
schon in den Jahren zuvor
der Fall gewesen war. Auch
vor der Orga-Crew des
Camps machte dieser Kon-
flikt nicht Halt und es kam
im Vorfeld zu Auseinan-
dersetzungen, die auf dem
Camp selbst eher zähneknirschend bei Seite geschoben wurden – um
des lieben Friedens Willen. Obwohl trotzdem mit einem gelungenen
Statement dahingehend Stellung bezogen und eine Abgrenzung gegen
rechtspopulistische Positionen vorgenommen wurde 3 , schadete dieser
grundlegende Konflikt dem war-starts-here-Camp insofern, als dass es
kaum gelang, neue Menschen für eine antimilitaristische und emanzi-
patorische Politik zu begeistern. Daher auch dieser Bericht und damit
verbunden die Aufforderung an anarchistische Kreise, sich stärker oder
überhaupt auch dem Feld Antimilitarismus zu widmen.

Einige lose strategische Gedanken zum Antimilitarismus

Positiv zu benennen ist der hohe Aufwand einiger Menschen, die Infra-
struktur auf dem Camp zu stemmen, weswegen sich jedoch umso mehr
die Frage stellt, von wem sie in dieser Woche genutzt wird. Es gab eini-
ge direkte Aktionen von Kleingruppen an den Grenzen des GÜZ und
zudem wurde dies – wie auch schon in den Jahren zuvor – in einer of-
fen angekündigten Aktion zivilen Ungehorsams betreten. Die Demo am
Samstag von Letzlingen an die Grenze des GÜZ war insofern frustrie-
rend, als dass sie unter prasselndem Regen stattfand, was Menschen
nicht motivierte, die Absperrungen der Bullen zu überwinden, um
deutlich zu machen, dass wir durchaus auf dieses Gelände wollen, um
die militärische Infrastruktur anzugreifen.

Angriffspunkte zur Sabotage gibt es genug. Auch die Durchführung ei-
ner großangelegten Aktion massenhaften Ungehorsams könnte gut
funktionieren, um erneut mediale Aufmerksamkeit herstellen sowie
auch die Militärübungen für diesen Zeitraum zur Einstellung bringen.
Voraussetzung dafür wäre aber wiederum, dass sich mehr Personen und
Gruppen dafür entscheiden, sich an den antimilitaristischen Protesten
zu beteiligen, welche prinzipiell das ganze Jahr über stattfinden könn-
ten, realistischerweise aber eben doch meistens dann geschehen, wenn
zu einer Aktion oder einem Camp aufgerufen wird. Keineswegs sollten
verschiedene Themenfelder
und Proteste gegeneinander
ausgespielt werden. Den-
noch wäre es wünschens-
wert, den Antimilitarismus
zu stärken und beispiels-
weise vom Klimacamp im
Rheinland zu lernen – ohne
deswegen zum Schluss
kommen zu müssen, dass
ein starker Protest nur
durch die Beteiligung von
großen Bündnissen wie der
Interventionistischen Lin-
ken möglich wird. Umge-
kehrt verlangt dies eine
kontinuierliche politische
Arbeit und Verbreitung an-
timilitaristischer Themen
und Perspektiven in lokalen Zusammenhängen, für deren Vernetzung
das war-starts-here-Camp jedoch eine weit bedeutendere Rolle spielen
könnte, als es bisher der Fall war. Beziehungsweise war das Camp frü-
her, das heißt zum Beispiel im Jahr 2013 4 , wesentlich bedeutender und
ist unter anderem durch Veränderungen in der Orga-Gruppe mittler-
weile etwas eingeschlafen, weil die Weiterentwicklung der Proteste un-
zureichend war. Da nutzte der fette Mobi-Track 5 von Daisy Chain,
Refpolk und anderen leider auch nicht viel. Dennoch sind die Gründe
vielschichtig, warum bestimmte Themen dran sind und Proteste als re-
lativ erfolgreich erscheinen. Wichtig ist es, das Feld Antimilitarismus
nicht aufzugeben u. im schlimmsten Fall tatsächlich den Rechten zu
überlassen. Anarchist*innen geht dies entschieden an und nicht nur au-
toritäre Antiimperialist*innen. Wenn die Übungsstadt Schnöggersburg
nächstes Jahr eröffnet und der Krieg dort trainiert wird, ist das eine
markante Gelegenheit, sich in die Altmark zu begeben, um eine eman-
zipatorische Auseinandersetzung mit kontroversen Diskussionen und
direkten Aktionen zu suchen. Sollte sich eine neue Orga-Gruppe for-
mieren, könnt ihr euch in selbige offen mit Ratschlägen einbringen.

[1] http://www.war-starts-here.camp
[2] Ein Text, der Antimilitarismus aus aufständischer anarchistischer Perspektive
thematisiert und 2015 erschien, findet sich hier: http://anarchistischebibliothek.org/library/gegen-den-krieg-
gegen-den-frieden
[3] http://www.war-starts-here.camp/ratschlag/gegen-rechtspopulistische-positionen-in-der-neuen-friedensbewegung/
[4] https://www.youtube.com/watch?v=RwNC6UHfyQI
[5] https://www.youtube.com/watch?v=SM7Jxb_n4xMGai Dào
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de