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(de) FdA/IFA: Gai Dao, N°79 ­- Unter Neurechten ­ ein bedrückendes Essay Von: Simone

Date Sun, 23 Jul 2017 07:47:30 +0300


In der literarischen Verarbeitungen der eigenen Vergangenheit stellt der Autor seine Erfahrungen mit einem Kreis der faschistischen "Neuen Rechten" in Chemnitz dar. Diese bildeten 2002 eine Schülerburschenschaft, gründeten die neurechte Zeitung "Blaue Narzisse" und gewannen später großen Einfluss als faschistische Intellektuelle, unter anderem auf den völkischen Flügel der AfD unter Björn Höcke sowie die Identitäre Bewegung. Um die Erneuerung des Faschismus zu verstehen, sind Orte und Zeiten zu begreifen, in denen er sich unter einem anti-emanzipatorischen Willen organisiert. Wenn wir uns als ihre grundlegenden Feinde positionieren wollen, gilt es auch die Faschos zu ernst zu nehmen... ---- Lebensphasenabschnittsumbruchsbedingt komme ich derzeit nicht umhin, über meine eigene Entwicklung und Vergangenes nachzudenken. Reflektierte Menschen sind geschichtliche Wesen, verstehen sich also in ihrem Gewordensein und in den
Herausforderungen, die sich für sie im Leben und in ihrer Zeit stellen.
Weil sich Zeiten, Räume und Verhältnisse im Wandel befinden, gilt es
dauerhaft zu rekapitulieren, was Vergangenes war und wie es zu deuten
sei, um vernünftiges Handeln im Hier und Jetzt anzustoßen. Was sich
geändert hat sind die politischen Landschaften in den Krisen der
neoliberalen globalisierten Herrschaftsordnung in den letzten Jahren.
Die autoritäre, antiliberale und antidemokratische Alternative mit ihren
neofaschistischen Elementen zeichnet sich klar am Horizont ab und
ficht die alte Hegemonie an.

Im selben Zuge gelingt es den emanzipatorischen Kräften nicht, sich zu
organisieren und eine nennenswerte politische Schlagfertigkeit zu
entwickeln. Die Erzählungen einer möglichen anderen, einer besseren
und menschlicheren Welt freier, gleicher und solidarischer Menschen,
die nicht statt, sondern wegen ihrer Unterschiedlichkeit friedlich
koexistieren können, versiegen, verkommen zu hohlen Phrasen und
schließlich zu ironisch gemeinten rhetorischen Versatzstücken. Weil ja
inzwischen alles ironisch und so halb gemeint ist... Wo ist der Glaube
und die Hoffnung auf die Möglichkeit des qualitativen Sprungs in die
nächste Zeit? Wo sind die vereinigenden Momente, die das soziale
Wachstum der Menschheit zusammenbringen? Wo ist das, was Gustav
Landauer "Geist" genannt hat, der Verbundenheit ohne staatliche
Herrschaft und hierarchische Ordnungen stiftet (Landauer 1977: 40-54);
wo sich Einzelne als Teil eines Ganzen begreifen und eben deswegen
Besondere sein können, ohne deswegen "Volk" zu werden?

Von dieser skeptischen und mystischen Warte aus, die Michael Löwy als
"romantischen Antikapitalismus" (Löwy 1997: 40) bezeichnet hat, werfe
ich einen Blick auf den Faschismus meiner Zeit, auf die Begegnungen,
welche für mich selbst von Bedeutung waren. Schließlich sind es die
persönlichen Bezüge, die Beziehungen zu meinen Feinden welche - ob
gewollt oder nicht - meine Feindschaft zu ihnen begründen. Und die es
darum zu erfassen und ergründen gilt, um den Kampf nicht als
abwehrenden, von Angst getriebenen Reflex, sondern in
selbstbewusster Aktion aufnehmen zu können.

Damit befinde ich mich gewissermaßen schon auf dem Weg zu den,
sich als "konservativ" und "nonkonform" verstehenden Gründern der
faschistischen Schülerzeitung "Blaue Narzisse". Ohne hier auf die
genaueren Umstände einzugehen, bin ich Felix Menzel, Benjamin Jahn
Zschocke und Johannes Schüller begegnet, welche sich mit anderen am
09. November 2002 in Chemnitz zur "Schülerburschenschaft Theodor
Körner" zusammengerottet hatten. Das Datum der Pogromnacht wirkt
programmatisch und als fiktionale Umkehrung des Eindrucks der
Anschläge auf das World Trade Center im Jahr zuvor. Selbstverständlich
hatte dieses Ereignis auch bei mir einen bleibenden Eindruck
hinterlassen und markierte weltpolitisch durchaus einen erschütternden
Wendepunkt. Meine eigenen Schlüsse daraus waren jedoch deutlich
andere, als jene Verstörungen und Verschwörungen, welche bei den
Neurechten im Zuge der Destabilisierung des westlichen, vermeintlich
liberalen und demokratischen Herrschaftsarrangements, auftraten.

Den Fuchsberg am Steinbruch im Zeisigwald, wo sie sich an den
Wochenende zum Saufen getroffen hatten, lernte ich später selbst ganz
gut kennen. Schon eine lauschige Ecke im Mischwald, in der man
besoffen seinen romantischen Gedanken nachhängen kann. Dieses
Waldeck steht damit tatsächlich im starken Kontrast zur oft grauen
Tristesse und den rauen Umgangsformen, die Chemnitz sonst
auszeichnen... Die jungen konservativ-revolutionären Saufbrüder
verstiegen sich ihrerzeit ins Gedichtelesen, schreiben, diskutieren. Und
dann provozierten sie. Der rechte Anwalt Martin Kohlmann, der zu
dieser Zeit auch erst 25 Jahre alt, aber schon zweidrei Jahre im Stadtrat
war, muss einen beträchtlichen Eindruck auf die Jungs gemacht haben.
Dass er Republikaner und ab 2009 die Leitfigur von des rassistischen
"Pro Chemnitz" war, war das eine. Seine Funktion als rechter
Netzwerker ist dabei wesentlich unsichtbarer aber in diesem Kontext
wohl umso bedeutender.

2004 wurde dann erstmalig die Blaue Narzisse herausgebracht. An die
genauen Umstände kann ich mich nicht mehr erinnern. Das ist ja auch
einer der Gründe, dass ich nun überhaupt darüber schreibe, um ein
wenig vom Erlebten festzuhalten. Jedenfalls landeten die Jungfaschos
damit einen riesigen Treffer und auch an meinem Gymnasium entfachte
sich eine größere Debatte darum. In der zehnten Klasse sammelte ich
Flyer der Burschis ein und brachte sie - brav und demokratisch wie ich
damals eingestellt war - zum Direktor, der versprach diese Umtriebe
auf dem Schirm zu behalten. Sicherlich ist es etwas geschmacklos,
dieses Wortspiel zu bringen, aber man könnte sagen, in ebenjenen
Jahren wo das sogenannte "NSU-Trio" in Chemnitz im Untergrund lebte
und dort Sparkassen ausraubte, schlug die Blaue Narzisse auf einer
anderen Ebene ein wie eine Bombe. Zumindest bei jenen Schülern, die
sich selbst als rechts ansahen und einen gewissen Leidensdruck spürten,
den sie durch romantischen Schleim und klare Ansagen bedienen lassen
wollten.

Die neurechten Faschisten waren aus anderem Holz als
Blood&Honorar-Skins geschnitzt. Ihre Waffen waren wirklich Worte,
aber solche, hinter denen nicht weniger Gewalt und
Menschenverachtung stand als bei den ganzen Schlägernazis. Was Felix
Menzel und die anderen wollten, war präzise Angriffe auszuführen und
sich in den Kampf gegen die liberale Demokratie zu begeben. Ihre
literarischen Erzeugnisse und politischen Kommentare waren damals
wie heute weder von besonders guter noch von besonders schlechter
Qualität. Ich persönlich empfinde die meisten ihrer Texte als enorm
verkürzt. Sie arbeiten mit Falschaussagen und verstehen ihre
Gegenstände oftmals nicht tiefergehend, was auch gar nicht ihr
Anspruch ist. Insgesamt sind ihre Artikel nicht besonders klug. Darum
ging es aber gar nicht. Denn dies hielt sie nicht davon ab, mit
rechthaberischem und nahezu fanatischem Stil ein vermeintlich klares
Weltbild zu konstruieren. Was sie, ihre Autoren und deren Ideologie
auszeichnete war und ist, dass sie sich ernsthaft als deutsche Elite
verstanden, die aus ihrer kollektiven Kränkung herauskommen wollte um
eine Art hierarchische und neofeudale Ständegesellschaft zu
errichten.

Dies ist der Wahn, der die
Mitglieder der Theodor-
Körner-Burschenschaft
vereinte, den sie über die
Blaue Narzisse und den
Autoren, die sie dafür
gewinnen konnten, verbreiteten. Damit kreierten sie einen neuen alten
Stil und belebten die Denkformen der konservativen Revolution wieder.
Ihre Minderwertigkeitsgefühle fanden somit Kompensation im falschen
Bewusstsein, verkannte Elite und gleichzeitig Ausgestoßene zu sein, bis
ihre Zeit kommen würde. Die durch die liberale Gesellschaft
Vereinzelten; vom kapitalistischen Versprechen Enttäuschten; von der
Gleichmacherei des real existierenden Sozialismus Abgestoßenen,
fanden sich zusammen und entwickelten einen gemeinsamen
Kampfeswillen. Gepaart mit Vorstellungen einer streng hierarchischen
Ordnung und der ekelhaften Überhöhung der Fiktion Nation konnten
sie sich als autoritäre Rebellen formieren und damit Vorreiter des
heutigen Rechtsrucks werden, indem sie beispielsweise die "Identitäre
Bewegung" aufbauten. Dieses ideologische Konglomerat ist im
eigentlichen Sinne als "faschistisch" zu bezeichnen.

Ihren Raum hatten die Jungburschis in einem riesigen Block zwischen
Zwickauer Straße und passenderweise der Reichsstraße zwischen
Bandproberäumen und Ateliers angemietet. Auf irgendeiner höheren
Etage war dann die Eingangstür zu den Räumen. Als sie sich öffnete,
direkt gegenüber, am Ende einer längeren Tafel, befand sich ein riesiger
Kotzfleck. Dieser hätte an markanter Stelle gut als Platzhalter für ein
faschistisches Symbol dienen oder das eigene Logo der Burschenschaft
bilden können. Mir blieb das sehr eindrücklich in Erinnerung. Aber ich
will den Eindruck nicht überstrapazieren. Zur gleichen Zeit trafen sich
die Punks auf der anderen Seite des Kassbergs abends im Schlosspark,
kotzten in die Hecken und warfen ihre Bierflaschen in den Teich.

Es war nur ein einziges Mal, dass ich dort war. Ich war sehr jung,
offensichtlich naiv und ähnlich wie die Burschis von romantischen
Vorstellungen erfüllt, die ich in dieser Zeit ebenfalls in der Produktion
von literarischem Schleim kanalisierte. Wahrscheinlich auf dem
Rückweg nach dem Treffen mit jemandem der Blauen Narzisse war es
wohl Menzel, mit dem ich ein Gespräch über ökologische Themen
hatte. Geprägt von seinen
Erfahrungen im völkischen
"Bund heimattreuer Jugend"
erläuterte er mir, dass die
verhassten Grünen doch nur
ökologische Gedanken
predigen würden, während
echte Naturverbundenheit
nur durch gemeinsames
Wandern und Zelten in der
Natur erfahrbar werden
würde. Er lud mich ein,
mitzufahren, was ich
glücklicherweise nicht tat,
wie ich ihm auch sonst nie wieder persönlich begegnet bin. Zu schnell
hatte sich herum gesprochen und wurde mir auch selbst klar, dass die
Blaue Narzisse ein faschistisches Blatt war. Weil ich seine Schwester
kannte, die sich gegen "Rechtsextremismus" und für "Demokratie"
engagierte, erfuhr ich später allerdings immer wieder mal was von
Johannes Schüller. Ihn habe ich als verkorksten Eigenbrötler in
Erinnerung behalten, der jedoch wie seine Kameraden seine rechte
Laufbahn weiter verfolgt hat. Mehr noch als die anderen hatte er sich in
eine literarische Traumwelt und -zeit geflüchtet, die seinem
Weltschmerz Ausdruck verlieht.

Die faschistischen Verbindungen waren bindend und prägend für die
jugendliche Sturm-und-Drang-Phase, in der sich die Neurechten
politisiert hatten. Entgegen der von ihnen wahrgenommenen
allgemeinen verbreiteten Beliebigkeit, Lauheit, Halbheit und
Verweichlichung hatte es sich in Chemnitz zum début de siècle eine
Gruppe Jugendlicher zur Aufgabe gemacht, eine autoritäre
Gesellschaftsvorstellung zu verwirklichen und alle in Jahrzehnten
erkämpften sozialen Rechte zu vernichten. Ach Chemnitz! -
ironischerweise heute wieder "Stadt der Moderne" genannt. (Von
einigen wurde die Selbstbezeichnung im Sinne von "Chemnitz, statt der
Moderne" ausgelegt.) In gewisser Weise verkörpert die Stadt und die
Zeit, in der ich dort lebte, jedoch tatsächlich jene Moderne zu Beginn
des letzten Jahrhunderts, wo faschistische Bewegungen als Reaktion auf
die demokratische Massengesellschaft und dementsprechend auch als
Teil von ihr, entstanden. Auf jeden Fall ließe sich diese Analogie auch
auf andere Städte beziehen. Ich kann und will aber nur von dem
berichten, wohin ich einen Bezug habe. Zeit und Ort waren eigenartig
in Chemnitz zu Beginn des Jahrtausends. Da war Altes und
Gescheitertes, doch das Jetzige schien nicht von Dauer und wirklich
nicht der Ernst der Herrschenden sein zu können. Und das Ganz-andere
hatte seine Nischen gesucht und sich darin zurückgezogen. Und ich? In
der sechsten Klasse trat ich in den Pausen den Putz von den Wänden
der vergammelten Ersatz-Schule und stromerte danach eine Weile in
den alten Fabriken umher. Das war Chemnitz: Eine richtige Stadt, in der
aber aus kindlicher Perspektive nur wenige richtige Menschen lebten,
da gefühlt die Hälfte der Menschen im Rentenalter zu sein schien.
Chemnitz war gebrochen, roh und verbittert. Die Moderne schien wo
sie ihre Anfänge hatte, ein Ende genommen und sich verlebt zu haben.
Dieses gefühlte Vakuum wollten die Neurechten füllen. Dieser
Erfahrungsraum war jedoch auch jener für mein Aufbegehren und
meine Sehnsucht nach der besseren Gesellschaft, die ich heute als
anarchokommunistisch bezeichnen würde. Hinzu kommt aber noch die
Ablehnung und der Versuch der Überwindung der Moderne. Diese
bildet den einzigen Schnittpunkt zwischen neurechter Ideologie und der
Gedankenwelt des romantischen Antikapitalismus. Man kann auch
viele andere und schöne Geschichten von Chemnitz erzählen. Hier
drängt sich aber auf, das negative und erschreckende in den
Vordergrund zu stellen.

Wie diese Geschichte der Neuen Rechten, die - ob ich möchte oder
nicht - mit der meinen zu Teilen verknüpft ist, weiter ging, wäre an
anderer Stelle von anderen Menschen auszuführen. Hier darstellen
wollte ich nur einen kleinen Auszug, der mit meinen begrenzten
Kenntnissen verknüpft ist. Menzel schreibt für die Sezession und
Schüller für ein rechtes österreichisches Blatt. Benjamin Jahn Zschocke
malt und fotografiert für die faschistische Kunstzeitung "Tumult". Sie
und die vielen anderen Neurechten, die ich nicht kenne, schufen sich
2013 in Dresden ein "Zentrum für Jugend, Identität und Kultur". Ein
Jahr später begannen Pegida und die Jahre xenophober, rassistischer
Gewaltexzesse, die ihresgleichen suchen und nun schon wieder aus
dem öffentlichen Bewusstsein gestrichen werden. Es sind die sich selbst
als "intellektuell" verstehenden neuen Rechten, welche den
faschistischen Tendenzen der krisenhaften bürgerlichen Gesellschaft
Ausdruck, Stimme und Fahrtrichtung verleihen. Sie mit Nazis zu
vergleichen greift in der Tat zu kurz. Verstanden werden muss das
Wesen des Faschismus und die Zeit in welcher er sich politisch
organisieren kann.

Bei der Niederlegung dieser Erinnerungen stellen sich mir unweigerlich
äußerst belastende Fragen: Zunächst jene nach den größeren
Zusammenhängen, der verworrenen Zeit, in der - und das
Herrschaftssystem, in dem ich lebe. Dann die, ob sich die faschistischen
Tendenzen weiter durchsetzen und unser und mein Leben zunehmend
einschränken und verunmöglichen werden. Um aber nicht darin
hängen zu bleiben, daran zu verhaften, was war, was ist, frage und
sehne ich mich nach den emanzipatorischen gesellschaftlichen
Alternativen, nach der Welt, in der viele Welten Platz haben. Und ich
sehne mich danach, dass meine Gefährt*innen und ich die Phase der
Ironie, des Zynismus und des vereinzelten und diskontinuierlichen
Durchhangelns überwinden, ihre Fuchsbaue verlassen, ihre Angst in
Wut wandeln und diese mit einer neuen Hoffnung verbinden können.
Dies sind meine Gedanken, um den Faschismus, aber endlich auch die
emanzipatorischen Bewegungen ernst zu nehmen und einen Anspruch
mit ihnen verbinde, dem ich gerecht werden möchte. Darum formuliere
ich auch eine Sehnsucht und ein Begehren nach der ganz anderen, der
besseren Welt, in der alles für alle ist und alle gleich sind, in ihrer
Unterschiedlichkeit und in ihrer Würde.

Aus diesem Grund kann ich aber auch die bohrendste, die intimste
Frage in diesem Zusammenhang angehen: Bestand die Möglichkeit,
dass ich im geteilten Raum, der geteilten Zeit in Chemnitz und meiner
eigenen Begegnung mich zu irgendeinem Zeitpunkt auf die
faschistische Seite geschlagen hätte? Wo war ich auf Tuchfühlung?
Wohin hätte mich meine eigene Sehnsucht danach, dass kein Stein auf
dem anderen und alles alles anders werden sollte, treiben können?
Warum kommen überhaupt welche Begegnungen zu Stande,
beziehungsweise wie zufällig sind sie? Darüber abschließend zu
urteilen, will ich mir im Gegensatz zu meiner Geschichtslehrerin der 9.

Klasse nicht anmaßen. In voller Lautstärke und dennoch krächzend
behauptete sie, sie, nein, niemals sie, hätte sich von den Nazis
kleinkriegen lassen. Damals, unter Hitler. Eher wäre sie ins KZ
gegangen. Die Widerlichkeit dieser Aussage wird nun aber erst daran
deutlich, was für eine autoritäre Arschkuh sie selbst war. Sie war eine
der Personen, die uns mit Sicherheit kein Leben in Freiheit gelehrt und
mir selbst die Lust am Lernen ordentlich versaut hat. Wahrscheinlich
lehrte sie noch nicht mal Demokratie. Ich kann mir gut vorstellen, dass
sie eine derjenigen gewesen wäre, die ihre Schulkinder auf den ersten
Weltkrieg vorbereiteten und ihnen empfahlen, sich gleich zu Beginn
freiwillig zu melden...

Um auf die Frage zurück zu kommen: Ausschließen kann ich nichts,
sondern nur feststellen, wie ich heute geworden bin. Und dies hatte
wohl mannigfaltige Gründe. Was ich aber ebenfalls zutiefst
verinnerlicht habe ist der Glaube an die unbedingte Gleichwertigkeit
allen menschlichen Lebens, die ich meine zu spüren und erfahren zu
haben. Dieser ist jedoch der Ausgangspunkt dafür, dass ich diese
Gesellschaft ablehne und den Faschismus als ihren grauenvollsten
Auswuchs begreife. Diesen grundlegenden ethischen Wert habe ich mir
nicht erarbeitet, sondern ich habe ihn aufgesogen und in ihm gelebt.
Was ich mir aber erarbeitet habe und regelmäßig erkämpfen muss, ist,
daran festzuhalten, nicht zynisch und ironisch zu werden, sondern mit
der Hoffnung ernst zu machen und sie - wie immer von mir selbst
ausgehend, aber im Zusammenhang mit den anderen seiend - zu
verwirklichen. In diesem Sinne ende ich diesen Gedankengang mit
einem Gedicht von Erich Mühsam:

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Mensch sein

Trotz allem Mensch sein. Mensch bei allem bleiben
und seinen Menschen nicht verkümmern lassen,
wenn selbst die Sterne schon im Dunst verblassen,
geängstigt von dem Spuk, den Menschen treiben.
Mensch sein heißt nicht in Duldsamkeit verweiben.
Mensch sein erlaubt, befiehlt, den Feind zu hassen.
Mensch sein heißt Unrecht bei der Gurgel fassen
und es mit jedem Keim zu Staub zerreiben.
Trotz allem Mensch sein, wär's auch mit dem Messer!
Doch dem, der Menschen tötet, sei verkündigt:
Vergossnes Blut fließt durch Gewissenssiebe.
War vor der Bluttat deine Seele besser,
so hast du dich am Menschentum versündigt.
Rein bleibt der Mensch, der Blut vergießt aus Liebe.
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