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(de) FdA/IFA: Gai Dao, N°79 ­- Beziehungsanarchie ­[herrschafts]frei l(i)eben. Von: Ronja

Date Sat, 22 Jul 2017 07:53:08 +0300


Triggerwarnung: Dieser Diskurs kann unverarbeitete Emotionen und Gefühle im Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen reaktivieren. ---- Um zu erklären, was Beziehungsanarchie alles ist und was sie alles nicht ist, erscheint es mir sinnvoll, zunächst eine Auswahl gängiger Beziehungsformen vorzustellen. Bei aller Theorie gibt es Vermischungen, Ausnahmen und völlig anderes. Soll heißen, ich erhebe keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und werte keine dieser Entscheidungen. ---- Ich möchte kein Rezept vorstellen, wie ein "gutes" Miteinander funktioniert, sondern vielmehr den Horizont des Möglichen erweitern. ---- Uns alle anstacheln, Grenzen in unseren Köpfen zu überwinden, die uns einengen (vielleicht ohne, dass wir es merken). Ich möchte uns allen Mut machen, abstruse Sicherheitsgedanken (Stück für Stück) loszuwerden, beigebrachte Konventionen zu erkennen und zu hinterfragen. Das L(i)eben bunter und freier zu gestalten. Wenn ihr mögt, seht das Ganze als Prozess, als Experiment. Es gibt kein falsch und richtig. Alles (auf Augenhöhe) ist erlaubt. Zum Thema unehrliche (Inter-)Aktionen: "Fremd"gehen und/oder Menschen zu belügen, wichtige Dinge zu verschweigen oder anderweitig zu manipulieren ist kein Teil irgendeiner gleichgestellten Beziehungsform und haben daher hier keinen Platz gefunden.

Sexueller zwischenmenschlicher Kontext wird hier und da am Rand als
eine Möglichkeit erwähnt, hat aber keinen Schwerpunkt. Das habe ich
ganz bewusst so gewählt, da Menschen, die nicht-heteronormative
Beziehungsformen leben häufiger damit konfrontiert werden, dass all
diese Konzepte 'vorgeschobener Quatsch seien' und es 'eh nur um Sex'
ginge. Somit dürfte der Artikel z.B. auch für asexuelle Personen oder
Menschen, die aus anderen Gründen keine oder wenig Sexualität leben,
interessant sein. Der Text ist sehr persönlich gefärbt. Gerade
bezugnehmend auf die Auslegung von Formen, Beziehungen zu leben,
gibt es in unterschiedlicher Literatur diverse Thesen, Antithesen,
Auslegungen usw. Dieser Text spiegelt meine ganz persönliche
Sichtweise wider.

1. Kontext

Menschen stehen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Durch
staatliche, religiöse und gesellschaftliche Zwänge wurden Hierarchien
zwischen diesen Beziehungen gebildet und eine Zweierbeziehung aus
"Mann und Frau" durch die Ehe zur vertraglichen Norm, die überhöht
über anderen Beziehungsformen steht. Dadurch ist
zwischenmenschlicher Bezug politisiert und es werden ökonomische
Bindungen mit (etwaigen vorhandenen) emotionalen Bindungen
verknüpft: Im vor-industriellen System war die Ehe kein emotionaler
Entschluss, sondern vielmehr eine strategische Frage, die das Überleben
der (zumeist) Großfamilie sicherte. Alle Familienmitglieder waren Teil
der zumeist landwirtschaftlichen Arbeit.

Die Industrialisierung mit einhergehender Lohnarbeit und steigendem
Wohlstand sind Faktoren, die unter anderem auch die Beziehungsform
der Menschen geprägt und verändert haben. Geschlechtsspezifische
Rollen setzen sich mehr und mehr durch. Männer* gehen arbeiten und
Frauen* leisten unentgeltliche Liebesdienste wie Care-Arbeit; erziehen
die Kinder, schmeißen den Haushalt, pflegen die Eltern und die Gärten.
Es manifestieren sich verschiedene Beziehungsformen heraus, bei
denen partner*innenschaftliche Beziehungen die zentrale Rolle
einnehmen um vermeintliche Kontinuität oder Stabilität zu schaffen.

2. Partnerinnen*schaftsformen (ein Auszug)

Ganz egal, wie wir unsere Beziehungen leben - das jeweilige Konzept
für sich genommen ist keinesfalls ein Garant für Stabilität, Glück,
Vertrauen oder gar Liebe. Viele Probleme in monogamen wie in nicht-
monogamen Beziehungen sind oftmals gleich oder zumindest ähnlich.
Was variiert, sind die Lösungsansätze. Hier werden nun die beiden
gängigsten Partner*innenschaftsmodelle vorgestellt:

1. monogame Beziehungen und 2. nicht-monogame Beziehungen

2.1. Monogame Beziehungen
Starten wir mit unserer gesellschaftlichen Norm, der sogenannten
"seriellen Monogamie". Diese Beziehungsform setzt Exklusivität in
sexuellen und z.T. emotionalen Dingen voraus. Das heißt, intime
körperliche aber auch Nähe auf der Gefühlsebene wird ausschließlich
mit dieser einen Person (aus-)gelebt. Monogamie wird in den meisten
Fällen nicht bewusst von den Beteiligten gewählt oder festgelegt,
sondern resultiert aus (in vielen Fällen unreflektierter)
Selbstverständlichkeit. Gehen zwei Menschen eine Liebesbeziehung
miteinander ein, ist diese also "automatisch" monogam, ohne, dass dies
explizit vereinbart wird, wenn eben nicht explizit etwas anderes
vereinbart wird. Sie wird für gewöhnlich assoziiert mit: Beständigkeit,
Verbindlichkeit, "feste Beziehung", Sicherheit
etc. und erleichtert oft das
"Alltagsmanagement". Denn Zeit und vielleicht
auch Platz sind Ressourcen, die uns nur
begrenzt zur Verfügung stehen.

Die Zielsetzung ist (meist), die Beziehung
möglichst "für immer" oder zumindest
"möglichst lange" aufrechtzuerhalten und geht
damit einher mit der gängigen Vorstellung der
Ehe. In behördlichen Formularen gibt es die
Möglichkeit, genau eine andere Person als
"Partner*in" anzugeben. Hierfür muss ich als
Antragstellerin klar definieren, ob ich dieser
Person auch genau diesen Status zuschreibe. Romantische Vorstellungen
von zwei (!) Personen, die für einander bestimmt sind und durch alle
"Dicks & Dünns" gehen sind extrem stark geprägt von Medien und
diversen Religionen, Wissenschaft oder Kulturen.

Ein Gedankengang aus "I. Hoffmann/D. Zimmermann: Die andere
Beziehung" beschreibt Menschen in diesem Konzept als
wahrgenommene Kugelhälften, die auf der Suche nach ihrem perfekten
Gegenstück sind. Single sein bedeutet demnach, sich in einem
defizitären Zustand zu befinden und sich bis zur Behebung
unvollständig zu fühlen. Die Monogamie gilt gemeinhin als "die beste"
Beziehungs form , weil die meisten Menschen sie leben. Sie erscheint als
"natürlich" und "notwendig". Von außen gibt es aufgrund der
Beziehungsform keinen Druck zu erwarten. Monogame
Zweierbeziehungen können sehr eng, exklusiv und somit einzigartig
sein. Das kann wundervolle Gefühle hervorrufen, geprägt von z. B.
Sicherheit und Kontinuität.

Dies bedingt jedoch im Gegenzug ein hohes Anspruchsdenken und
-erfüllen beider Personen, alle oder möglichst viele Wünsche und
Bedürfnisse des Gegenübers zu befriedigen bzw. Interessen mitzutragen,
um eben diese - ich nenne es mal - "schöne Seite der Exklusivität"
aufrechtzuerhalten ( "Traumpartner*in" ).

Hiermit meine ich nicht, dass jemand gerne Minigolf spielt und die
andere Person lieber Scharade, sondern vielmehr die Gesamtheit inniger
und essentieller Wünsche an das Gegenüber wie z.B. Nähe, Distanz,
Kommunikation, aber tatsächlich auch starke, den Alltag bestimmende
Interessen, wie z.B. Musik. Es gibt unterschiedliche Menschen mit
denen wir Dinge, Gedanken, Gefühle, Aktivitäten oder was auch immer
(zu unterschiedlichen Themen) lieber teilen als mit anderen - und das
erst einmal unabhängig vom "Status zu dieser Person".

Zum Ende dieses Kapitels ein paar Gedanken:

-> Was passiert, wenn eine Person sich in
noch (eine) andere ( "zusätzliche" ) Person(en)
verliebt, das Beziehungsmodell aber nicht
hinterfragt wird? Und: Was passiert nicht?

-> Was passiert, wenn wir zusammen keine
sexuelle (oder andere) Befriedigung erfahren
und es keinerlei Alternativen gibt, die das tun?
Was passiert, wenn sie oder er oder * darüber
hinaus Lust und/oder Liebe für andere
empfindet?

-> (Weitere) Beziehungen unterschiedlicher Art werden oft nicht aus
persönlichen zwischenmenschlichen Gründen heraus nicht
eingegangen, sondern weil die jeweilige Person schon "besetzt" ist.
Monogamie fördert somit absolutes Konkurrenzverhalten und zeigt auf,
wie austauschbar Menschen wahrgenommen und behandelt werden
können.

-> Wie kann ich implizierte Vorstellungen hinterfragen, wenn sie mir
gar nicht bewusst sind?

2.2. Nicht-monogame Beziehungen

Genau wie es unterschiedlichste Auslegungsformen von monogamen
Beziehungen gibt, gibt es auch diverse Möglichkeiten, Beziehungen
nicht monogam zu gestalten. Je nach (momentanem) Status können sich
Vereinbarungen verändern. Ausprägungen variieren, Konsense neu
geschlossen werden oder der Status völlig entfallen. Anders als in einer
monogam gelebten Beziehung wird die Exklusivität einer Person (in
Gänze oder auch nur in Teilen oder spezieller Aktionen) nicht oder nur
zum Teil vorausgesetzt. Eine nicht monogam gelebte Beziehung wird
gesellschaftlich oft assoziiert mit: Unbeständigkeit, Unverbindlichkeit,
Beliebig- und/oder Triebhaftigkeit.

Gehen Menschen offen damit um, dass sie eine (teil-)offene
Beziehungsform leben, droht Druck von außen: Familie (auch Kinder),
Freundeskreis, Arbeitsplatz, Gesellschaft, aber auch finanzielle
Abhängigkeiten können eine Rolle spielen. Zudem können Ängste
und/oder gelebte Konsequenzen aus nie in Frage gestellten
Selbstverständlichkeiten entstehen, das Leben ordentlich
durcheinanderwirbeln und/oder einen selbst ganz schön überrollen. In
Familienstrukturen können nicht normative "Elternrollen" große
Anstrengungen nach sich ziehen, wie z.B. die Kinder im Krankenhaus
besuchen oder aus dem Kindergarten abholen oder auch nur, an einem
Elternabend in der Schule teilzunehmen.

Hierzu schreiben Hofmann/Zimmermann:

"Der Preis der Selbstbestimmung

Neue, alternative und offenere Modelle zu leben ist nicht unbedingt
leicht oder schmerzlos. Dies zu tun kann auch sehr aufwändig sein,
solange diese neuen Modelle noch nicht ihre eigene Normalität
entwickelt haben. Sie machen ein ständiges Explizitmachen von
Erwartungen und Verhandeln von Vereinbarungen und Grenzziehungen
nötig. Sie erfordern im Umgang mit den Anderen ein hohes Maß an
Offenheit, Achtsamkeit und Großzügigkeit sowie die Bereitschaft, Fehler
zu machen und daraus zu lernen. Denn auf neue Ideen und zur
Kenntnis er eigenen Erwartungen und Bedürfnisse kommt man häufig
erst dadurch, dass man einfach einmal etwas ausprobiert und mitunter
schmerzhafte Erfahrungen sammelt. Alternative Lebensweisen führen
zudem regelmäßig zu Reibungen mit jenen gesellschaftlichen Instanzen,
die die bestehenden Verhältnisse beibehalten wollen und Veränderungen
als Bedrohung wahrnehmen. In einem Umfeld, wo die Toleranz für
Differenzen gering ist, kann ein alternativer Lebensweg auch dazu
führen, dass man ins gesellschaftliche Abseits und in die Isolation gerät,
zumindest solange man nicht Gleichgesinnte findet, mit denen man
solche Gegenentwürfe gemeinsam realisieren kann." (1)

Gedanken:

-> Warum ist es "okay" , unterschiedliche Menschen meine
Freund*innen zu nennen (die ich zum Teil sehr liebe) und warum ist es
"okay" , dass alle diese unterschiedlichen Freund*innen unterschiedliche
Bereiche meines Selbst ansprechen, aber warum ist es so verwerflich
oder zumindest kompliziert, wenn ich "mehr als Freund*innenschaft"
(was auch immer das konkret im Einzelfall meint) empfinde? Bedingt,
eine Person von "ganzem Herzen" zu lieben nicht, dass dort kein Platz
mehr für alle(s) Andere(n) ist?

-> Und was ist mit dem emanzipatorischen Ansatz?

Menschen brechen aus ihren komplementären Rollen und Eigenschaften
aus. Patriarchat, sexuelle Kontrolle der Frauen* durch Männer* und
finanzielle Abhängigkeiten können durchbrochen werden, ggf. als Teil
sexueller Befreiung. Die Idee der Autonomie des Individuums bedingt
immer Aufklärung und Reflektion!

Die wohl populärste (teil-)offene Beziehungsform ist die polyamore. Sie
bedeutet, dass zeitgleich mehrere Liebesbeziehungen Bestand haben, die
konkret als solche benannt sind. Auch hier sind unterschiedlichste
Formen denkbar. Natürlich gilt auch hier das Grundprinzip: Alle direkt
oder indirekt beteiligten Personen werden über alle Beziehungen
informiert. Eine Abschwächung der gegenseitigen
Informationsweitergabe ist der sogenannte "Don't ask, don't tell"-
Konsens. Polyamore Beziehungen zu führen, hat nichts mit einer
sexuellen Veranlagung zu tun. Menschen treffen die freie Entscheidung,
diese Art der Beziehungen zu führen - oder eben auch nicht.

Anders als in der monogamen Beziehung erheben alle Beteiligten
keinen absoluten Exklusivitätsanspruch. Oft kategorisieren die
Liebenden in "Haupt-" und Nebenbeziehung(en). Je nach
Vereinbarung(en) ist hier genau festgelegt, welche Beziehung
"wichtiger" ist bzw. in welcher Beziehung was genau (mit wem)
"erlaubt" ist. Eine weitere Unterscheidung kann getroffen werden
zwischen Liebesbeziehungen, ggf. sexuellen Beziehungen und/oder
freundschaftlichen Beziehungen (oder einer Mixtur aus diesen
Kategorien). Polyamor heißt zunächst einmal nicht "offen" im
eigentlichen Sinne. Ich kann eine Beziehung mit z. B. 3 Personen führen
in der wir uns aber nicht erlauben (z.B. sexuelle) Beziehungen mit
weiteren Personen einzugehen. Somit ist die Beziehungsform nicht
monogam, aber auch nicht nach außen hin geöffnet. Nur der
Vollständigkeit halber: Polygam bedeutet, mit mehreren Menschen
verheiratet zu sein.

Ich selbst bin keine große Freundin von dieser Beziehungsform (auf
Dauer), da sie lediglich den Exklusivitätsanspruch an mehrere
Person(en) erweitert, aber nicht abschafft. Eine große Kränkung
(und/oder ein "Fremdgehen") kann weiterhin existieren oder entstehen,
wenn sich eine Person in eine andere Person (oder mehrere) verliebt
und/oder der "Wunsch nach Dritten" (körperlich, aber ggf. auch ganz
anders) aufkommt. Ich möchte z.B. nicht über oder unter einer anderen
Beziehung einsortiert werden, weil jemand anderes "unsere Beziehung
in Gänze" gerade als wichtiger oder unwichtiger wertet, als eine andere.
Schubladen bedeuten Hierarchie.

Zur Konsensfindung, zum Experimentieren mit eigenen Grenzen bzw.
den Grenzen der anderen beteiligten Person(en), für das stückweise
Ablegen von Konventionen, Ängsten oder anderen (anfangs) negativen
Gefühlen kann ein klares Vergeben von Status natürlich hilfreich sein.
Auf Dauer kann es aber passieren, dass die gleichen Grenzen erreicht
werden, die auch schon in monogam geführten Beziehungen Schmerz
hervorrufen. In einer offenen Beziehung haben Personen mehrere
soziale/zwischenmenschliche Beziehungen als Liebesbeziehungen
definiert. Entstehen dann neue Lieben...entstehen sie. That's it.

3. Beziehungsanarchie

Die Beziehungsanarchie bewegt sich (in ihrer Vollendung) völlig
außerhalb von Partner*innenschaftsformen und stellt alle
zwischenmenschlichen Beziehungen (nicht nur die "romantischen")
nebeneinander. Sie ist der Versuch eines absolut herrschaftsfreien
Zusammenlebens, in dem es keinerlei Rangordnung gibt und in
welchem kein Status vergeben oder ein Definieren überhaupt nötig
wird. Es gibt kein "Zusammenkommen" und auch kein "Schluss
machen". Es gibt keine Konkurrenz. Zu jeder Person steht mensch in
individueller Beziehung ohne diese zu klassifizieren. Alles existiert auf
Augenhöhe und spielt sich auf einer Ebene ab. Horizontalisierung - die
Zielsetzung des Anarchismus, remember? Gleichzeitig ist
Beziehungsanarchie nicht wahllos oder oberflächlich.

Zwischenmenschliche Beziehungen dürfen tief und liebevoll und von
Dauer sein - aber eben ohne den Exklusivitätsgedanken:

"Es ist eine Lebenseinstellung, keine Beziehungsform. Es geht nicht
darum, welche Beziehung wir wie eingehen, sondern es geht darum, mit
jeder Person frei agieren zu können. Es geht um Befreiung. Befreiung
des Herzens. Das Herz darfjede Person aufseine Weise lieben/mögen. Es
geht darum, dass andere in diesem Beziehungsgewebe unserem Herzen
diese Freiheit zugestehen. Und das Herz will die eine Person küssen,
einfach, weil es sich richtig anfühlt. Und eine andere umarmen. Und
sich mit anderen körperlich verbinden. Und bei wieder anderen will es
einfach nur deinen Kopf auf den Bauch einer anderen legen, dem Puls
lauschen und einschlafen. Meine Gegenüber müssen verstehen, dass
mein Herz all dies darfund wächst, weil es nicht selektieren muss." (2)

AnarchiX streben ein Leben in Herrschaftslosigkeit an. Sie möchten
sich frei machen von Besitzansprüchen. In Konsens leben, ohne Verbote.
AnarchiX positionieren sich klar und deutlich gegen Heteronormativität
und Patriarchat und möchten emanzipatorisch und selbstbestimmt
leben. Anarchy starts at home. Dennoch ist eine gelebte
Beziehungsanarchie nicht automatisch gleichzusetzen mit der
Ablehnung des z.B. Staates oder des Kapitalismus. Trotzdem halte ich
sie für ein starkes politisches Instrument, welches sich in Kombination
mit anderen Aktionsformen der Befreiung entgegen bewegt.

"Warum sollten wir von der Freundschaft weniger erwarten als von der
erotischen Liebe? Warum erwarten wir von beidem so wenig? Die
Rebellion entzündet das Feuer in den Herzen derer, die aufstehen, und
dieses Feuer schreit nach Beziehungen, die brennen: Lieben,
Freundschaften und, ja, selbst nach dem Hass, in dem die Intensität der
Rebellion sich spiegelt. Die größte Kränkung, die wir einem anderen
Lebewesen zukommen lassen können ist die, es einfach zu tolerieren,
deshalb lasst uns Freundschaften mit der gleichen Intensität nachgehen
wie Liebesbeziehungen, die Grenzen zwischen beiden verwischen und
uns unsere eigenen kämpferischen und schönen Wege schaffen, uns
aufeinander zu beziehen, frei von der Logik der Unterwerfung unter die
von Staat und Kapital verhängte Mittelmäßigkeit." (3)

(Finanzielle und/oder emotionale) Abhängigkeit, Ungleichheit, Schmerz
und z.T. Gewalt sind z.B. einige Faktoren, die die "ewige Liebe", die
Exklusivität, die kirchliche und/oder staatliche Ehe, die Monogamie, die
Romantik mit sich bringen kann. Die kontinuierliche Reproduktion des
Konstrukts der "romantischen Liebe" erzeugt täglich neue
Desillusionierte, Opfer, Geschädigte, Überlebende, Verzweifelte,
Apathische, Resignierende, Depressive, V*rg*w*lt*gt*e.

Beziehungsanarchie ist ein Versuch, hier auszubrechen. Nicht vor
unserer eigenen Haustüre halt zu machen. Unsere eigenen Ideale
hereinzubitten und sie zum Tee einzuladen. Vielleicht machen sie direkt
auf der Türschwelle halt, doch vielleicht kommen sie herein und
bleiben ein Stündchen oder sie packen ihre Sachen zusammen, um bei
euch einzuziehen - habt ihr noch ein Zimmer frei? <3

"Der Versuch ist das politisch Spannende, denn die Reibung, die durch
Versuch, Erfolg, Scheitern und Weiterentwicklung entsteht, bietet
Ansatzpunkte für[öffentlichen]Streit. Er demaskiert Herrschaft und
kann Gelegenheiten schaffen, eigene Strategien weiterzuentwickeln[...].
Insofern wird es eine der wichtigsten Aktivitäten sein, den
herrschaftsdurchzogenen Prinzipien der bestehenden Gesellschaft
quadratmeterweise den Einfluss zu entziehen und herrschaftsfreie
Räume zu schaffen.[...]Hier gleiche Möglichkeiten für alle zu schaffen,
die Ressourcen aktiv für alle zugänglich zu machen, Normen, Gesetze
und kollektive Entscheidungen, ja kollektive Identität überhaupt zu
überwinden, ist wichtig. Der Versuch wird auch immer wieder auf den
Widerstand derer treffen, die sich beteiligen und - bewusst oder
unbewusst - im Versuch des Anderen das Übliche durchsetzen wollen.
Die Realität in politischen Gruppen, alternativen Projekten usw. zeigt
das. Die Idee "offener Räume" ist daher immer ein offensiver Prozess.
[...]Offene Räume müssen aktiv hergestellt und immer aktiv auch
aufrechterhalten werden." (4)

4. Das große Aber - Eifersucht und andere Ängste

Wir hinterfragen Dinge und Situationen und ziehen im Idealfall unsere
Konsequenzen daraus. Wir lernen z.B. warum es Unrecht ist, Lebewesen
auszubeuten und nach und nach fühlen wir das auch. Irgendwann
gelangen wir vielleicht an den Punkt, keine oder weniger
Ausbeutungsprodukte mehr zu konsumieren, da es uns einfach nicht
mehr entspricht. Natürlich können wir auch mit Scheuklappen auf dem
Kopf und zusammengebissenen Zähnen das fortführen, was "schon
immer so war", aber dann gelangen wir schnell zu dem Thema
Authentizität.

Inhaltlich hat das gerade genannte Thema nichts mit diesem hier zu tun
- emotional lässt sich aber schnell eine Brücke schlagen. Warum
reflektieren wir also nicht die Eifersucht und schauen, was passiert?
Wertvorstellungen sind die Summe unserer intellektuellen
Überzeugungen und emotionalen Emotionsmuster. Sie sind nicht
annähernd in Stein gemeißelt, sondern sie verändern sich im Leben
wieder und wieder (und wieder).

Steht die Eifersucht in Widerspruch zu anderen Werten, die ich vertrete?
Hindert sie mich daran, das Leben zu führen, was ich führen möchte?
Lähmt sie mich? Verstehe ich sie nicht? Erfüllt sie irgendeinen
konstruktiven Sinn oder Zweck? Wovor habe ich eigentlich Angst?
Bedeutet ein "Loslassen" einen Kontrollverlust? Und welche Kontrolle
hatte ich eigentlich, bevor diese Situation und/oder dieses Gefühl
aufkam? Hat Eifersucht tatsächlich etwas mit dem Beziehungsmodell
zu tun, welches ich führe oder ist diese Sicherheit nur eine Illusion?
Wenn ich Eifersucht in einer offenen Beziehung empfinde, habe ich
dann nicht ganz andere Möglichkeiten, sie zu reflektieren? Ist es sogar
möglich, Eifersucht vollständig und absolut ehrlich zu überwinden?
Und falls nicht - kann und will ich sie vielleicht versuchen, einmal
auszuhalten? Warum verursacht es Eifersucht, wenn ich Menschen
alleine treffe, (die ich evtl. auch sexuell) liebe, aber nicht, wenn ich Zeit
mit Menschen verbringe, mit denen ich Minigolf spiele? Was
unterscheidet Zeit, die ich sexuell mit wem auch immer verbringe von
Zeit, die ich nicht sexuell mit wem auch immer verbringe? Und wo ist
hier die Grenze? Eine innige Umarmung kann hochgradig sexuell sein,
während ein Kuss auf den Mund vielleicht gerade nichts in diese
Richtung bedeutet.

Wir haben Angst davor, austauschbar zu sein. Doch wenn die eine
Beziehung erst beendet werden muss, damit der Platz neu besetzt
werden kann und "darf" - wie austauschbar bin ich eigentlich dann?
Warum brauche ich Exklusivität als Garant für "echte Liebe",
Verbindlichkeit, Sicherheit wenn es de facto eine Einschränkung des
freien Willens und von der Unterdrückung von Gefühlen bedeuten
kann? Wir reden übrigens immer nur von der tiefen Verletzung, die die

Person erlebt, die ihre Eifersucht in einer offenen Konstellation
reflektieren "muss" und nehmen das häufig als
Entscheidungsgrundlage, die monogame Beziehung nicht zu öffnen.
Was aber ist mit dem Schmerz, den die andere Person erfährt (vielleicht
versteckt, vielleicht subtil, vielleicht bemerkt sie ihn erst Jahre später),
wenn sie alle Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte diesbezüglich unterdrückt,
um dem Gegenüber kein Leid zuzufügen. Wieso wiegt der eine Schmerz
so viel mehr als der andere? Und wieso wird explizit diesem Konflikt so
viel mehr beigemessen als allen anderen Konflikten, die in
zwischenmenschlichen Konstellationen entstehen?

"Zu den Menschen, die ich mag, fühle ich mich auch hingezogen, auf
unterschiedliche Weisen, die nicht vor den Körperpanzern enden, die
wir unter den gewaltförmigen, konkurrierenden Verhältnissen
aufbauen. Überall, wo ich zu Menschen einen persönlichen Umgang
entwickle, sind auch Wünsche nach Nähe, Hände berühren, Zärtlichkeit,
Umarmung, Kuscheln, Körper fühlen, schmecken, riechen, miteinander
Einschlafen, die ich nicht verdrängen kann, auch wenn ich das bis jetzt
noch häufiger versuche." (5)

"Seemütchen, Schnörkelchen

Zwei Seepferdchen treffen im Morgengrauen aufeinander,
begrüßen sich mit einem Kopfnicken
und schlingen ihre Schwanzspitzen ineinander.
So verbandelt schweben sie durch Seegraswiesen und Tangwälder." (6)

"...Und irgendwo zwischen den Trümmern all der Grenzen, Mauern und
Konstruktionen, die uns voneinander trennen...irgendwo da könnten
wir uns zum ersten Mal treffen." (7)

"Das Herz ist keine Box, die irgendwann voll ist. Es wird größer, je mehr
man liebt." (8)

Nachschlag:

-> Es ist mir sehr wichtig, explizit zu betonen, wie privilegiert es ist,
dass wir zu diesem Thema schreiben, lesen, referieren, zuhören,
reflektieren und eben freie Entscheidungen treffen (können). Das soll
diesen Diskurs nicht schmälern. Privilegien-Bewusstsein mag fies und
manches Mal sehr schmerzhaft sein, dennoch ist es absolut wichtig,
sich damit auseinanderzusetzen.

Ronja, Sommer 2o17,
Kontakt: grrrl_liberationaction@riseup.net

(1) Hofmann, Imre u. Zimmermann Dominique: Die andere Beziehung
(2) Lisa
(3) Landstreicher, Wolfi: Gegen die Logik der Unterwerfung, Leidenschaftliche Freundschaft
(4) Gruppe Gegenbilder, Autonomie und Kooperation (Aspekte der Herrschaft, Vom Hier & Jetzt zur Utopie: Horizontale Räume schaffen!)
(5) und (6) Espi*: beziehungsweise frei, Wie nur - Nähe?
(7) piratenutopie.de.vu
(8) aus dem Film "Her"
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