A - I n f o s

ein mehrsprachiger Informationsdienst von, fr und ber Anarchisten **
Nachrichten in allen Sprachen
Die letzten 40 Artikel (Homepage) Artikel der letzten 2 Wochen Unsere Archive der alten Artikel

Die letzten 100 Artikel, entsprechend der Sprache
Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

Die ersten paar Zeilen der letzten 100 Artikel auf:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
Die ersten paar Zeilen aller Artikel der letzten 24 Stunden

Links zu den Listen der ersten paar Zeilen aller Artikel der letzen 30 Tage | von 2002 | von 2003
| von 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014 | of 2015 | of 2016 | of 2017

(de) FdA/IFA: Gai Dao, N°79 ­- Rezension zu "Anarchismus zur Einführung" (Loick) Von: Jens Störfried

Date Tue, 11 Jul 2017 06:14:24 +0300


Im Hamburger Junius Verlag erschien im April ein neues Buch über Anarchismus in der sozialwissenschaftlichen Reihe "zur Einführung". Auf 200 Seiten zeichnet der kritische Theoretiker Daniel Loick sachlich und gut nachvollziehbar wesentliche Elemente anarchistischen Denkens, der Bewegung und Geschichte nach. Sicherlich ist es immer eine Geschmackssache, aber ich für meinen Teil bevorzuge diesen neuen Einführungsband eindeutig vor beispielsweise jenem von Hans Jürgen Degen und Jochen Knoblauch von der theorie.org-Reihe des Schmetterlingsverlages von 2006. Auch andere Einführungsschriften sind (insofern es sich nicht wiederum um kurze Broschüren handelt) entweder restlos veraltet oder ziemliche Schwarten wie Horst Stowassers "Freiheit pur" von 1995 beziehungsweise "ANARCHIE!" von 2007.

Die wesentliche Frage in Bezug auf eine
Buchbesprechung: "Würdest du dieses Buch als
Einführung in den Anarchismus weiterempfehlen?"
kann ich deswegen eindeutig bejahen -
vorausgesetzt, die Lesenden lassen sich auf eine
akademische Sprache ein (doch diese kontroverse
Diskussion will ich an dieser Stelle nicht aufmachen).
Möglicherweise kennt ihr ebenfalls diese völlig typische
Situation: Eure Mutter/euer Enkel/eure Nachbarin/eure
Arbeitskollegen fragen euch, was eigentlich Anarchismus
ist. Weil ihr ein Grundinteresse annehmt, geht ihr
selbstverständlich gleich ins Gespräch. Doch sobald ihr länger sprecht,
missversteht ihr euch grundlegend, redet aneinander vorbei und streitet
euch völlig sinnlos. Abhilfe schafft die Empfehlung eines Buches (oder
einer Broschüre), auf deren Grundlage ihr euch streiten könnt.
Wahrscheinlich lassen sich damit weder alle Probleme lösen, noch alle
Unstimmigkeiten aus der Welt schaffen - fortan geht es jedoch
immerhin um den Gegenstand Anarchismus und nicht um
irgendwelche Vorurteile.

In diesem Zusammenhang halte ich den kleinen Band für sehr geeignet.
Loicks Ausgangspunkt ist dabei die Feststellung der Paradoxie der
weltweiten Verbreitung anarchistischer Symbolik einerseits, die sich
andererseits "jedoch nicht mehr einer real existierenden
Massenbewegung" verdanke, sondern vielmehr "für die Abwesenheit
einer solchen Bewegung[steht]. Das eingekreiste A ist ein Platzhalter,
um in Zeiten der Katastrophe eine einfach Idee aufrechtzuerhalten -
dass ein Leben in Freiheit und ohne Gewalt für Menschen möglich ist"
(S. 9). Dieser Annahme stimme ich insofern zu, dass wir wirkmächtige
anarchistische politische und soziale Bewegungen erst aufbauen und sie
deswegen als Entwurf denken müssen. Das bedeutet also, uns
Gedanken zu machen, wo wir eigentlich hin wollen mit unserem
Handeln im Hier&Jetzt. Dennoch zeigt sich
hierbei, dass Loick zwar viel gelesen und sich
unterhalten hat, aber konkretere Bezüge zu
anarchistischen Aktivist*innen
augenscheinlich fehlen. Somit treten
Philosophie und Theorie in den
Vordergrund vor Anarchismus als
politischer Bewegung (S. 15) und als
Lebensform (S. 36). Von dieser
Dreiteilung auszugehen halte ich für
äußerst sinnvoll, denn im
anarchistischen Denken geht es nicht
um Entweder-Oder, sondern um das
Denken von Ineinander und
Gleichzeitigkeiten. Übrigens
unterscheidet auch David Graeber
in ähnlicher Weise Anarchismus
als Vision, Haltung und Praktiken
(Direkte Aktion 2013, S. 32f.).

Im zweiten Teil folgt ein Überblick über die wichtigsten
Hauptvertreter*innen des "klassischen" Anarchismus von William
Godwin angefangen bis hin zu Emma Goldman, schließlich auch die
Erweiterung und Erneuerung des klassischen Anarchismus nach 1968
durch feministische, ökologische, antikoloniale und
poststrukturalistische Einflüsse und soziale Bewegungen. Ebenfalls
plausibel ist hier die Unterscheidung zwischen dem
individualistischen/liberalen/libertären und dem
mutualistischen/kollektivistischen/kommunistischen Flügel in der
anarchistischen Bewegung, deren Grundannahmen sich meiner Ansicht
nach tatsächlich in allen anarchistischen Debatten wiederfinden lassen.
Herausragende Leistung des Buchs ist die Zusammenschau
anarchistischen Denkens bis zu CrimethInc., Tiqqun, Giorgo Agamben
und Simon Critchley, was ihm große Aktualität verleiht, die es auch die
nächsten Jahre noch behalten wird. Menschen, die sich mit politischen
Theorien beschäftigen, werden begeistert sein - ob es sie zum Handeln
für die Anarchie bewegt, steht aber auf einem Blatt.

Bei den Motiven und Diskursen, die Loick im dritten großen Teil - dem
"Kernstück" - darstellt und diskutiert, gelingt es ihm ebenfalls große
und entscheidende Themen im Anarchismus auf den Punkt zu bringen
und zu erklären. Ziemlich neunmalklug wirken die Passagen, in denen
er den Lesenden erklärt, wo anarchistisches Denken zu kurz greift,
welches Potenzial es aber hätte. Beispielsweise schlägt er vor, das im
Anarchismus auch vorhandene "negative" Freiheitsverständnis hinter
sich zu lassen, dafür aber einen "ästhetischen" Freiheitsbegriff zu
entwickeln (S. 166f.). Wenngleich ich persönlich hierbei vollkommen
mitgehe, stört mich die anmaßende Perspektive eines
sozialwissenschaftlichen Erklärbären, der über, aber nicht mit
Anarchist*innen redet. Ähnliches wiederholt sich bei seiner Kritik am
anarchistischen Staatsverständnis, zu welchem er unbedingt wieder
einen Marxisten heranziehen muss (S. 130). Als wenn die Debatte
darüber, dass der Staat als "monolithischer Block" falsch analysiert
wäre, nicht längst geführt worden wäre - mit und ohne Marxist*innen.
Deswegen kann ich auch Loicks Schlussfolgerung nicht nachvollziehen,
dass der Staat historisch nicht immer den selben Interessen gedient,
"sondern durchaus auch die Rolle eines Emanzipationsvehikels
angenommen[hätte], etwa wenn es sozialen Bewegungen gelungen ist,
soziale oder politische Teilhaberechte zu erkämpfen" (S. 130). Erkämpft
wurden sie aber immer auch, weil sich Anarchist*innen bewusst
außerhalb und gegen den Staat stellten und dieser deswegen gezwungen
wurde, Zugeständnisse zu machen und Rechte einzuräumen!

Bei den Motiven und Diskursen könnten sicherlich auch noch andere
Themen aufgemacht werden. Für einen Einführungsband ist es aber
auch eine Stärke, die Darstellung präzise und auf den Punkt zu bringen
und ebenso Dinge wegzulassen, die aber weitergedacht werden können.
Sehr spannend finde ich, dass die sogenannte Gewaltfrage, das heißt die
Legitimität der Ausübung von Gewalt durch politische Aktivist*innen,
nur an einer Stelle erwähnt wird, nämlich in Form der Überlegungen
Emma Goldmans zur Propaganda der Tat (S. 94) und bei den
Aktionsformen (S. 186). An allen anderen Stellen wird Gewalt
richtigerweise als Grundbestandteil der derzeitigen Gesellschaft
verstanden oder direkt mit dem Staat verknüpft. Diese Betrachtung ist
gelungen, da sich Gegner*innen des Anarchismus in nie enden
wollenden Hasstiraden bürgerlichen Denkens über seine angebliche
Gewaltaffinität schwadronieren, während Anarchist*innen selbst
meiner Wahrnehmung nach wohl gerade deswegen oft dazu neigen,
sofort eine Rechtfertigungshaltung einzunehmen. Dies führt aber dazu,
dass sie sich auf jene verkehrte Debatte einlassen und angreifbar
machen, anstatt souverän die Gewalt der Verhältnisse offen zu legen
und daraufhin selbst - und mit offenem Ausgang - die ethische Frage
stellen, in welchen Situationen militantes Handeln legitim, sinnvoll
oder gar notwendig ist. Jedenfalls sammelt Loicks Buch auch in dieser
Hinsicht Punkte. Als äußerst hilfreich für die Arbeit mit dem Buch
erweist sich übrigens auch das Personen-, Stichwort- und
Literaturverzeichnis.

So gut die Einführung inhaltlich ist, wird auf den letzten Seiten noch
mal deutlich, dass der Autor trotz aller Sympathie eine Betrachtung von
außen vornimmt. Um noch mal was diskutieren und seine theoretische
Brillianz darzustellen zu können, konstruiert Loick am Ende eine
künstlichen Widerspruch zwischen einer Ordnung - die Anarchie laut
Proudhon wäre - und der Unordnung, die sie tatsächlich auch ist und
sogar sein sollte, damit alles immer in Bewegung bleibt (S. 218ff.).
Nochmals wird hier von außen oder gar von oben herab, erklärt, dass
anarchistisches Denken an einigen Stellen zu kurz greife, aber mit dem
Begriff der "Praxis" das Potenzial besitzen würde, Anarchie zu
verwirklichen. So muss der nicht-involvierte Sozialwissenschaftlicher
offensichtlich erst die Gegensätze aufmachen, die er dann clever
vermitteln kann.

"Anarchismus zur Einführung" von Junius ist empfehlenswert und trägt
meiner Ansicht nach zur Verbreitung, Legitimierung und
Unterfütterung anarchistischer Ideen und Vorstellungen bei, die
systematisch und gut zusammengefasst dargestellt und auch diskutiert
werden. Im Rahmen des sozialwissenschaftlich Möglichen hat Loick
eine ganze Menge heraus geholt. Er sollte sich aber nicht zum Guru
machen lassen oder nun als Anarchismus-Experte auftreten. Wird
Anarchismus expertenhaft erklärt anstatt gelebt zu werden, ist er
verloren. Angemessen wäre es, wenn der Autor etwas vom verdienten
Geld an die kämpfende Bewegung weitergibt.
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de