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(de) Gai Dao N°78 ­- Anarchist*in sein Von: Ruymán Rodríguez / Übersetzung: GAIDÀO

Date Sat, 24 Jun 2017 08:29:44 +0300


Dieser Text von Ruymán Rodríguez, einem Mitglied der FAGC (Federación Anarquista de Gran Canaria) wurde erstmals am 26.03.2017 auf der Seite alasbarricadas.org veröffentlicht und ist bereits in englischer Übersetzung auf autonomies.org erschienen. Er kann als Ergänzung zum ebenfalls in dieser Ausgabe gedruckten Text "Der andere Anarchismus" gesehen werden. ---- Seitdem ich sehr jung war und anfing Kontakte zu anderen Anarchist*innen außerhalb meines Kreises herzustellen, hat mich überrascht, wie an die, sagen wir mal, "anarchistische Identität" herangegangen wird. Ja klar, sicherlich kann man diese als eine Identität begreifen, eine kulturelle, philosophische, politische oder soziale Identität. Immer sagten die Leute, mit einem Hauch von Feierlichkeit und den Horizont mit glühenden Augen betrachtend: "Ich, Anarchist*in? Eines Tages wäre ich zwar gerne eine*r. Gerade bin ich aber eher nur dabei." Oder auch: "Anarchist*in? Dieses Wort ist zu groß
für mich. Es ist ein Prozess. Ich versuche es eben." Dazu fehlte nur noch
bedeutungsvolle Geigenmusik und auf den Schultern eine Schicht
Schnee, nur fällt dieser so gut wie nie auf den Kanarischen Inseln. Ich,
obwohl ich kein Experte auf diesem Gebiet war, mein Kopf aber schon
mit Büchern vollgestopft hatte, wusste nicht so richtig, ob ich mich
selbst dazu zählen konnte.

Im Laufe der Zeit habe ich bemerkt, dass sich dieser Diskurs auch nicht
abschwächte. Sich als Anarchist*in zu bekennen, wird von manchen als
so eine Art Prüfung betrachtet: vom Kokon zum höheren Sein. Es ist ein
jahrelanger Prozess, der Lektüre, Training und das Lernen von formalen
Codes und Anforderungen verlangt. Es läuft fast wie bei einer
Bewerbung. Sich bewerben zum*zur Anarchist*in, wie anstrengend. Wir
haben wahrscheinlich alle schon mal gehört, wie jemensch sagt, er*sie
sei 24 Stunden am Tag Anarchist*in oder so ähnliche Sachen. Auch
Victor Serge schrieb in seinen Memoiren: "Der Anarchismus nahm uns
komplett ein, weil er von
uns alles verlangte und
uns alles gab. Es gab
keinen Lebensbereich,
den er nicht beleuchtete
- zumindest schien es
uns so. Ohne konsequent
etwas im eigenen Leben
damit am Leben im
Allgemeinen zu
verändern, hätte mensch
ja auch einfach Katholik*in, Liberale*r, Radikale*r, Sozialist*in oder
sogar Syndikalist*in sein können." Ich selbst habe auch schon ähnliche
Dinge gesagt und sie scheinen mir auch weiterhin korrekt zu sein. Aber
ich sehe nicht ein, warum mensch den ganzen Tag lang durch und
durch anarchistisch sein muss, als wären wir dazu verdammt oder
müssten eine Art Enthaltung leben, die auch im Schlaf mit auf die
Toilette nehmen. Zum Teil handelt es sich natürlich um eine
Handlungsweise, eine Umgangsform mit anderen und eine Weise das
Leben zu verstehen oder auch einen empirischen Vorschlag, der
versucht die Theorie mit der Praxis zu vereinbaren und wohl kaum
Einseitigkeit impliziert. Natürlich können wir zum Beispiel auch nicht
nur 12 Stunden am Tag Diabetiker*in sein, auch wenn ich erkenne, dass
der Vergleich mit einer Bauchspeicheldrüsenkrankheit ziemlich weit
hergeholt ist. Paul Válery sagte, dass: "jede Person in sich sowohl eine*n
Diktator*in als auch eine*n Anarchist*in" tragen würde. Dann könnten
wir doch die Person Anarchist*in nennen, in der sich die zweite Facette
mehr manifestiert und mit größerer Kraft die erste bekämpft.

Dementsprechend suchen Anarchist*innen die Übereinstimmung (oder
wonach suchen sie eigentlich?), aber scheint es mir manchmal eher die
Suche nach Überstimmung zu sein zwischen den Ideen, die jemensch
hat und den Ideen, die sie*er gerne hätte. Ideen können sehr einfach
angenommen werden, aber vor allem sind sie auch einfach
vorzutäuschen. Unser Streben nach Übereinstimmung ist im
Allgemeinen nicht das nach Übereinstimmung zwischen Ideen und
Praxis, was logisch wäre,
sondern rein formaler
Natur. Daher scheinen
wir auch so viel Wert
darauf zu legen, was wir
sagen und was wir
behaupten zu denken
aber nur so wenig auf
das was wir letztendlich
tun.

Von alldem kommt, was ich "die Suche nach dem Grad der
moralischen Perfektion" nenne. Uns besorgt dieser innere Teil des
anarchistischen Daseins, der paradoxerweise extrem
exhibitionistisch ist. Wir wollen eine dem Anarchismus
entsprechende Sprache, ein paar angeblich anarchistische
persönliche Verhaltensweisen, aber es wird nicht der
geringste Aufwand betrieben um irgendetwas praktisch-
anarchistisches zu unternehmen. So wandelt sich der
Anarchismus zu einer Religion oder einer
transzendentalen Philosophie, in der bestimmte Grade
an Erleuchtung oder Weisheit erlangt werden können
bis mensch ins Nirvana gelangt oder irgendein
Superbewusstsein erreicht hat. Als ob wir
buddhistische Mönche bzw. Nonnen oder christliche
Mystiker*innen wären. In der FAGC (Anarchistischen
Föderation Gran Canaria) scherzen wir mittlerweile
oft über den "Grad der anarchistischen Perfektion",
den wir erreicht haben: bei Grad 9 ist die*der
Anarchist*in so weit, dass er nicht mal mehr einen
Schatten wirft und bei Grad 10, der höchste bisher
bekannte Anarchismusgrad, kann mensch bereits die
Fotosynthese vollziehen.

Ein so verstandener Anarchismus, als unerreichbares Ziel,
das Märtyrertum verlangt, als exklusiver und elitärer Club,
der einen Einstellungstest erfordert, interessiert mich nicht.
Ja, wir sollten authentisch sein, aber diese Authentizität
verlangt eine Wechselwirkung zwischen dem was wir sagen
und dem was wir tun, das kann zum Beispiel bedeuten, damit
anzufangen von realistischen Dingen zu sprechen. Eine Schildkröte, die
zugibt, dass sie nicht fliegen kann, wäre so ehrlich wie ihre Aussage
kohärent wäre. Authentizität kann auch bedeuten, die eigenen
Widersprüche zu erkennen und damit die eigenen Grenzen. Authentisch
ist auch, in Kauf zu nehmen, dass das Leben selbst, das uns alle umgibt,
uns daran hindert, wenn wir es erhalten oder einfach nur machen
wollen, worauf wir Bock haben. Authentizität bedeutet auch, zu
versuchen sich zu ändern, aber gleichzeitig die Schwierigkeiten und die
persönlichen und kollektiven Niederlagen anzuerkennen. Authentisch
sein bedeutet, dass einem*r nicht gleich die Luft wegbleibt, wann mal
ein Komma in einem Lehrsatz falsch gesetzt ist. Authentizität ist, am
Leben zu bleiben um frei atmen zu können und das zu ändern, was uns
nicht gefällt, anzuerkennen, dass es uns unmöglich ist, perfekt zu sein,
dass wir, so wie auch die Schildkröte, nicht fliegen können.
Authentizität ist gleichermaßen Konflikt und Suche, ist weder
Perfektion noch Snobismus.

Andererseits können wir all die Übereinstimmung, die wir uns im
Formalen wünschen, vorspielen, während Authentizität Inhalte
impliziert. Anarchist*in zu sein hat sich eher zu einer Frage der
Form als zu einer der Tiefe entwickelt, die sich an
oberflächlichen kulturellen Codes orientiert und übersieht,
was gerade in der Praxis passiert und wann die
Versammlung beendet ist. In diesem Sinne habe ich
mehr Anarchismus außerhalb der anarchistischen
Kreise kennen gelernt als innerhalb. Wir können uns
beispielsweise große Mühe geben keine sexistische
Sprache zu verwenden, so wie ich in diesem Artikel,
und formal zeigen, dass wir in Opposition zum Hetero-
Patriarchat stehen. Ich habe Männer* kennengelernt,
die sehr streng in ihrer Sprache waren und peinlich
genau auf ihre Sprechweise achten, die behaupteten,
jedes Buch über den Feminismus gelesen zu haben, das
ihnen in die Hände fiel, und dass sie immer auf dem
"letzten" Stand sind. Typen, die feministische Workshops
besucht haben oder die selbst, ohne zu erröten, welche
gehalten haben. Selbsternannte "allies" (Verbündete), die
wenn die Scheinwerfer ausgehen und wenn es um die
Umgangsweise mit ihren Genoss*innen ging, hierarchisch,
despotisch und tyrannisch waren und außerdem klassistisch
und autoritär, wenn sie mit den Frauen* aus dem
Viertel interagierten, auf die sie von oben herab
sahen. Individuen, die formal gegen die
Geschlechterunterdrückung waren, die aber eine lebhafte
Aversion gegen Frauen* zeigten, die nicht weiß, gut erzogen und
dünn sind, und die die Frauen* in ihrer Umgebung nur durch das
Prisma ihrer objektivierenden Klischees wahrnehmen können. Und ich
habe auch Frauen* kennengelernt, die Genoss*innen zurechtwiesen,
wenn jene sich nicht von diesen Alpha-Machos bevormunden ließen,
während sie aufmerksam lauschten, wenn letztere über Beauvoir,
Preciado, Mikro-Machismen und der Opposition zur romantischen
Liebe redeten.

Andererseits habe ich aber auch Männer* kennengelernt, die nicht eine
einzige feministische Autorin kannten, die zugaben, es niemals
geschafft zu haben ein Buch zu Ende zu lesen, die keine nicht-
sexistische Sprache verwenden, die nicht einen komplizierten Terminus
zur Dekonstruktion der Geschlechterrollen kannten und die nicht
wussten, was Hetero-Patriarchat bedeutet oder das Wort nur vom
Hören kannten. Und dennoch behandeln dieselben Männer*
ihresgleichen nicht als minderwertig oder subaltern, und das ohne
irgendeine akademische Ausbildung. Sie schließen ihre Genoss*innen24
nicht von Diskussionen und der Entscheidungsfindung aus, sie glauben
nicht, dass diese von ihnen belehrt oder angeleitet werden müssen, sie
hören ihnen in Plena aufmerksam zu und erkennen sie als
Referent*innen an, wann immer ihre Arbeit und ihr Beispiel als
Inspiration dienen kann. Diese Männer* werden wahrscheinlich keinen
gescheiten Diskussionsbeitrag über Geschlechterunterdrückung
beisteuern können, aber sie würden niemals einen "safe space" als Alibi
ausnutzen, um eine Genossin* anzugreifen. Meine weiblichen*
Nachbar*innen, meine mir am nächsten stehenden Genoss*innen,
bevorzugen zusammen mit der zweiten Kategorie zu kämpfen.

Was gesagt wurde, kann so auf alle anarchistischen
Erscheinungsformen bezogen werden. Wir legen das ganze Gewicht auf
den Diskurs, dabei ist das wirklich Wichtige das, was wir machen. Es
sind unsere Taten, die für uns sprechen müssen und definieren, wer wir
sind. Übereinstimmung ist nicht möglich, solange wir nicht real aktiv
werden und damit unsere Ideen stärken. Anarchismus, lediglich als
philosophischer, theoretischer Prozess verstanden, als Erwerb eines
intellektuellen Status, der uns vom angeblichen "Pöbel" trennen soll,
widert mich an und interessiert mich absolut nicht. Sich als
Anarchist*in zu betrachten, um sich vom Rest abzugrenzen und den
anderen aus einer vermeintlichen moralischen Überlegenheit heraus
einen geringschätzigen Blick zuwerfen zu können, ist schlicht und
ergreifend Aristokratie. Daher rühren auch die Moralpredigten und das
nervige Beharren auf "der Bekehrung der Ungläubigen". Das ist
anarchistischer Missionierung.

Mein Anarchismus ist etwas anderes. Mein Anarchismus ist nicht dafür
da, mich von den anderen abzugrenzen, sondern mich ihnen
anzunähern. Er ist dafür da, die Widersprüche der anderen zu verstehen
und zu sehen, wie viele von diesen auch in mir vorhanden sind. Er ist
dazu da, mich daran zu gewöhnen, nicht mehr von anderen zu
erwarten, als ich auch von mir selbst erwarten kann. Ich will nicht das
Anarchist*in sein etwas Schwieriges und Umständliches ist, sondern
etwas Einfaches, Erreichbares , was alle miteinbeziehen kann. Ich
widerspreche Émile Armand, der sagte: "der Anarchismus ist nicht für
die geeignet, die sich nicht anstrengen". Das bestreite ich. Ich will
keinen Anarchismus für intellektuelle Athlet*innen, für Meister*innen
des abstrakten Denkens oder aus irgendeiner Riefenstahl-Doku als
"Übermenschen" Hervorgegangene. Ich will einen Anarchismus, der
genau für die eine Bezugsquelle sein kann, die bisher ausgeschlossen
wurden, von den Gipfeln des Geistes, von den Räten der Weisen, von
den Klassenräumen und den Akademien. Ich will, dass wir, denen
mentale oder physische Trägheit vorgeworfen wird, uns den
Anarchismus zu eigen machen können und ihn denen ins Gesicht
spucken, die ihn in die Universitäten, die großen Säle, die Kollektive der
Überzeugten und die Studiengruppen verbannen wollen. Ich will, dass
dieser tagtägliche Anarchismus, der sich längst in unseren vielen
Beziehungen, unseren Nachbarschaftstreffen, unseren Küchen für Alle,
in unseren Gärten, unseren Saatgruben und unseren Straßenkämpfen in
unseren Vierteln zeigt, endlich als eine schnelle und effektive Form sich
zum Anarchismus zu bekennen akzeptiert wird, ohne dass sich dieses
Label überhaupt gegeben werden muss und ohne daraus Folklore zu
machen oder in einen Fetischismus von Flaggen, Symbolen und
Abkürzungen zu verfallen.

Ich will, dass Anarchist*in sein etwas Nahes, Erreichbares und
Greifbares ist, dass die Anarchist*innen durch ihre Aktivitäten definiert
werden und nicht nur durch die Ideen, die sie angeblich verteidigen. Ich
will, dass dieser intuitive Anarchismus, ohne Namen und Stempel,
anerkannt werden kann als ein anarchistischer Ausdruck erster
Ordnung. Dass verstanden wird, dass eine anarchistische Theorie, die
praxis- und realitätsfern ist, wie ein geschliffenes Stück Kristall zwar
rein, makellos und strahlend, dafür aber ziemlich fragil und
zerbrechlich bleibt. Daneben gleicht der Anarchismus des Viertels aber,
der Anarchismus der Straße, der auf Versuchen und praktischem
Handeln beruht, der Anarchismus, den ich verteidige, eher einem
unbehandelten Felsen, der von Erde umgeben und voll von
Einschlägen, dafür jedoch unglaublich solide und vom Gebrauch blank
poliert ist. Ich will definitiv nicht, dass der Anarchismus in die
Arbeitszimmer der Professor*innen verfrachtet wird, sondern dass wir
ihn aus den Vitrinen holen und mit den Menschen teilen, dass er wie
ein kleines Stück Papier sein kann, das die Leute den ganzen Tag mit
sich in ihrer Tasche tragen können, voller Knicke und Falze, die er
durch das viele Kopieren und Vervielfältigen bekommen hat, schon
schmutzig und abgenutzt vom vielen Gebrauch.

Und wenn das alles nie akzeptiert werden wird von den "offiziellen"
Anarchist*innen? Na von mir aus. Ein anderer Anarchismus, ohne
intellektuelle Komplexe und Perfektionismus, nah an den
Pflastersteinen und der Schufterei der Straße, wird aufhören Positionen
zu ergreifen und stattdessen die Postionen links unterhaken und
vorwärts schreiten. Tiefgreifende Veränderungen warten nicht auf
Konsens.
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Spanischer Originaltext:
alasbarricadas.org/noticias/node/38245
!
Englische Übersetzung:
autonomies.org/en/2017/04/to-be-an-anarchist-ruyman-
rodriguez
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