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(de) Gai Dao N°78 ­- Was Anarchist*innen in der Wissenschaft machen sei ihnen überlassen Von: Mona Alona

Date Fri, 23 Jun 2017 10:00:32 +0300


Eine Antwort auf Ben's Text "Die vierfache (Zweck)Entfremdung wissenschaftlicher Arbeit", erschienen in der GAIDAO #77, S.16 ---- In seinem knappen Beitrag in der letzten Gai Dào (#77) stellte Ben am Ende die Frage: "Was machen Anarchist*innen im Wissenschaftsbetrieb?". Die sehr berechtigte Frage wirkt auf mich allerdings rhetorisch. Ben's Darstellung lässt darauf schließen, dass er für sich die Antwort schon weiß: nichts. ---- Dabei spricht er ja selbst von einem Dilemma in dem Menschen mit radikalen Vorstellungen und Ansprüchen stecken, wenn sie gezwungen sind, ihre Lohnarbeit zu verkaufen und dies an staatliche Institutionen tun - ein Thema, welches mich und manche*n andere*n - ob direkt oder indirekt - sicherlich schon schwer zu schaffen gemacht hat und möglicherweise lebenslang begleiten wird. Dabei finde ich es falsch, dass Ben diesen Widerspruch einseitig aufzulösen versucht, indem er - meiner Ansicht nach - eine fundamentalistische Position durchscheinen lässt, insofern er andeutet: Nichts. Punkt.

Wobei ich wiederum überhaupt nichts gegen Prinzipien habe und es absolut wichtig finde,
wenn wir welche entwickeln und hochhalten. Ein Prinzip ist jedoch
etwas anderes als ein Dogma: Es ist eine selbstgewählte Position und
Richtung, die der Begründung bedarf und der mensch selbst gerecht
werden muss im Gegensatz zum Dogma, dem, "was eben einfach so ist".

Nun liefert Ben ja auch Begründungen, was aus anarchistischer
Perspektive problematisch am Wissenschaftsbetrieb ist. Wissenschaft ist
Lohnarbeit, das ist richtig. Die Idee, dass Lohnarbeitende eines Tages
einen Generalstreik durchführen und damit die Verhältnisse über den
Haufen werfen könnten, halte ich allerdings für einen Mythos aus dem
19. Jahrhundert, auf den ich deswegen auch gar nicht weiter eingehen
möchte. Zweitens, schreibt Ben, dienen Wissenschaftler*innen zumeist
dem Staat. Dies ist nur teilweise der Fall. Wissen ist genauso ein Produkt
auf dem Markt, welches unter krasser Konkurrenz gehandelt wird.
Unternehmen haben ihre wissenschaftlichen Abteilungen und kaufen
neue Forschungsergebnisse ein, vergeben sogar Förderungen und so
weiter. Ben bezieht sich hier also offensichtlich nicht auf "den
Wissenschaftsbetrieb" im Allgemeinen. Sonst müsste er sich ja auch
damit auseinandersetzen, warum beispielsweise Physiker*innen - im
Dienste der Wissenschaft aber im kapitalistischen Wissenschaftsbetrieb -
an neuen Waffensystemen forschen, Biolog*innen die Gentechnik
voranbringen, Chemiker*innen mit Nanotechnologien experimentieren
und so weiter. Nahe liegt, dass vor allem Geistes- und
Sozialwissenschaftler*innen gemeint sind. Dies lässt auch sein drittes
Argument vermuten, wenn er schreibt, sie erarbeiteten dem Staat, wie
Lehrer*innen, vorrangig seine Legitimation. Sicherlich richtig. Wohl
aber nicht vorrangig. Es geht dem Staat auf jeden Fall darum Wissen zu
produzieren. Wissen ist ja auch an sich nichts Gutes. Die Frage ist also,
wer das Wissen produziert, welche Interessen dahinter stehen und
welcher Art das Wissen ist. Ist es staatlich produziertes Wissen, soll es
der Legitimation des Staates dienen und Staats-Bürger*innen erzeugen,
aber ebenso auch deren Arbeitsmarktfähigkeiten. Das interessante bei
Wissen ist, dass es zwar mit bestimmter Absicht produziert wird, seine
Verwendung aber sehr schlecht kontrolliert werden kann. Das heißt es
ist durchaus möglich, dass wir beispielsweise in der Schule etwas
lernen, womit wir uns später gegen das (staatliche) Schulsystem richten
können. Deswegen halte ich Bens Aussagen bis hier her als
Gemeinplätze, die alle nicht weiter spektakulär und diskussionswürdig
sind.

Spannend ist dann eher noch sein viertes Argument, nämlich das
"Wissenschaftler*innen" sogar die Funktion hätten Kritik zu üben um
damit das Gesellschaftssystem weiter zu entwickeln und am Leben zu
halten. Hier wird sehr deutlich, dass Ben sich eigentlich auf Geistes-
und Sozialwissenschaftler*innen bezieht, was seinen indirekten Schluss,
"der Wissenschaftsbetrieb" im Allgemeinen sei pauschal abzulehnen für
mich unglaubwürdig macht. Dabei ist sein Argument ja stichhaltig:
"Unsere" Gesellschaft legitimiert sich, indem sie Kritik an ihr zulässt. So
wie einer der beschissenen Bundeswehr-Werbeslogans ja allen Ernstes
lautet: "Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst". Das ist
Kacke, klar. Denn es handelt sich um eine Verschleierung von
Herrschaftsinteressen. Dennoch ist es wichtig Unterschiede in
politischen Systemen anzuerkennen. In der Türkei wurden in den letzten
Jahren unter anderem massenhaft Wissenschaftler*innen entlassen.
Wahrscheinlich gehören sie teilweise noch nicht mal direkt der
sogenannten Gülen-Bewegung oder kurdischen Organisationen an.
Stattdessen nimmt der autoritäre Staat wahr, dass
Wissenschaftler*innen, eben weil produktives Denken oft mit
kritischem Denken einher geht, teilweise ein staatsgefährdendes
Potenzial besitzen.

Es ist verdammt wichtig, dass es Menschen gibt, die auch innerhalb
dieses Systems - und ich würde sogar sagen, auch innerhalb staatlicher
Institutionen - Kritik üben und kritisches Denken pflegen. Ob sie dabei
Anarchist*innen sind oder nicht, spielt für mich dabei erst mal keine
Rolle, sondern an welchen Orten Menschen stehen und wie sie da für
eine bessere Gesellschaft wirksam werden können. Dies einfach
wegzuwischen, halte ich für unheimlich blauäugig und gefährlich. Vor
allem offenbart sich bei Ben, stellvertretend auch für andere
Genoss*innen, eine problematische Sehnsucht nach einer reinen
Position, die bezogen werden könnte. Die Sehnsucht nach Klarheit und
Reinheit ist dabei jedoch meiner Wahrnehmung nach einfach die
Kehrseite der Zeit der Beliebigkeit, in der wir leben. Wir müssen den
Dingen auf den Grund gehen. Das bedeutet, wir müssen endlich lernen
in Widersprüchen zu denken und sie auszuhalten. Ja, Ben hat Recht,
Wissenschaft ist Lohnarbeit. In diesem Sinne ist sie also gar nicht von
ihrem angeblich "eigentlichen" Zweck entfremdet, wie seine Überschrift
behauptet. Ihr Wesen besteht darin, dass Wissen Ware ist. Dies ist es
aber zu unterschiedlichem Grad und wir können Wissen raus holen und
für uns und die Allgemeinheit nutzbar machen. Geistes- und
Sozialwissenschaftler*innen dienen auch der Legitimation des Systems
und ihre Kritik ist zumeist zahnlos oder nur das Alibi, die mahnende
Stimme, damit die Herrschenden weitermachen können wie gehabt. Ja
sicher! Dennoch sollten wir darauf sehen, wo überhaupt kritisches
Denken bestehen bleibt und gepflegt wird. Und dass Noam Chomskys
Bücher mit dessen höherem Alter zunehmend unkritischer wurden mag
ja stimmen. Spricht dies aber deswegen einfach dagegen, dass er als
Professor seinen Kram macht und damit wahrscheinlich doch etliche
Personen inspiriert und ihr kritisches Denken geschult hat? Und das auf
jeden Fall weit über die Grenzen einer engen politischen Szene hinaus?

Da ich selbst nicht im Wissenschaftsbetrieb arbeitete, kann ich Bens
abschließende Frage nicht beantworten, was Anarchist*innen darin zu
tun haben. Deswegen sollten wir welche fragen, die da drin stecken.
Was machen Anarchist*innen als Maurer*innen, Krankenpfleger*innen,
Schauspieler*innen, Programmierer*innen oder Hartz-4-Abhängige? Bei
welchem Lohnarbeitsberuf finden sich die Widersprüche von denen Ben
spricht denn nicht; wenn auch jeweils auf unterschiedliche Weise? Im
Hintergrund richtet sich Ben doch tatsächlich gegen die größte Illusion:

Nämlich gegen jene, dass eine Lohnarbeit möglich und auch sinnvoll
wäre, die keine Widersprüche für Anarchist*innen mit sich brächte. Im
Wissenschaftsbetrieb der Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen wird
diese Illusion genährt, weil dort Menschen tatsächlich kritisch denken
können und dafür Geld bekommen. (Und sich dafür den Arsch
aufreißen und sich selbst ohne Ende verraten und verkaufen, damit sie
überhaupt mal einen Beitrag platzieren können, den jemand beachtet.)
Gegen diese Illusion gilt es sich zu richten. Und überhaupt auch gegen
die Vorstellung, dass kritisches Denken hauptsächlich seinen Platz in
Universitäten hat. Selbst wenn dem so wäre, sollten wir es dort raus
holen und uns aneignen! Dennoch ist es doch jeweils an allen Einzelnen
zu entscheiden, welche Wege sie gehen.

Wenn jemand von uns als Wissenschaftler*innen arbeiten will und sich
als Anarchist*in versteht - warum denn nicht? Die Person braucht
Kohle. Die Person muss sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten
irgendwie arrangieren, um durchzukommen. Die Person hat auch
andere Möglichkeiten (z.B. sich den Buckel krumm zu schuften oder auf
der Straße zu leben), aber es ist doch auch wichtig und legitim, dass sie
zum Teil verwirklichen kann, worauf sie einfach Bock hat. Diese
Tätigkeiten kann sie nämlich dazu nutzen, Ressourcen, Wissen und so
weiter raus zu holen und anderen, sowie auch der anarchistischen
Bewegung, zugänglich zu machen. Vom Wissenschaftsbetrieb zu
sprechen, ist dabei was ganz anderes, als beispielsweise vom Militär.
Doch selbst dort wäre es richtig, die Leute nicht zu verurteilen, sondern
mit ihnen in Kontakt zu kommen und sie zu fragen, ob sie was für die
soziale Revolution tun können und wenn ja was. Im Zweifelsfall wird
dies wohl auf ihre Desertion hinauslaufen - warum sollten sie dann
aber nicht ein paar Waffen und Fähigkeiten mitnehmen? (Was jedoch
fast ebenso unwahrscheinlich ist, wie mit einem Generalstreik den
Kapitalismus zu überwinden)

Und die Widersprüche, diese schrecklichen Widersprüche - ja keine
Ahnung, die gilt es auszuhalten! Es gilt sie nicht aufzulösen und zu
vereinfachten mit pauschalen Antworten, sondern aufrecht zu halten!
Für mich bedeutet die soziale Revolution mit der Sehnsucht nach der
besseren Gesellschaft und Ideen, wie es dahin geht, in Widersprüchen
zu denken und zu handeln. Oder bin ich mit dieser Position eine
kritische Reformistin? Bin ich deswegen eine Pseudo-Anarchistin?
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