A - I n f o s

ein mehrsprachiger Informationsdienst von, fr und ber Anarchisten **
Nachrichten in allen Sprachen
Die letzten 40 Artikel (Homepage) Artikel der letzten 2 Wochen Unsere Archive der alten Artikel

Die letzten 100 Artikel, entsprechend der Sprache
Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

Die ersten paar Zeilen der letzten 100 Artikel auf:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
Die ersten paar Zeilen aller Artikel der letzten 24 Stunden

Links zu den Listen der ersten paar Zeilen aller Artikel der letzen 30 Tage | von 2002 | von 2003
| von 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014 | of 2015 | of 2016 | of 2017

(de) Gai Dao N°78 ­- Der andere Anarchismus Von: Dave aus K

Date Tue, 20 Jun 2017 12:12:32 +0300


Zu mir ---- Ich bin schon seit einigen Jahren im Dunstkreis linker, anarchistischer oder sonstwie politischer Gruppen aktiv. Mal mehr und mal weniger. Ich bin einer von diesen white-male-cis-studiert-"Hab ich was vergessen?"-Typen. Ich hielt mich nie für einen derer, die damit unreflektiert umgehen. Eher für einen von denen, die permanent das Gefühl haben, sich dafür rechtfertigen zu müssen. Immerhin hat mich das dazu gebracht, einiges kritisch zu hinterfragen. ---- Zu diesem Text ---- Mir scheint es, dass die anarchistische Bewegung in Deutschland recht steril ist. Ich hab lange versucht mich dem anzupassen und es allen Recht zu machen und ich hab lange gebraucht, um zu erkennen, wie sehr ich mich selbst darin verloren habe. Ich bin ein typischer KopfMensch, deshalb habe ich im Vorfeld hierzu einen 15-seitigen Text geschrieben, wo ich darauf eingehe, wieso ich Geschlechterrollen abschaffen möchte, aber meist das generische Maskulinum verwende,
wieso ich immer noch gerne oben ohne rumlaufe, obwohl das ein
männliches Privileg ist, wieso ich Konsensentscheidung prinzipiell nicht
für besser halte als Mehrheitswahlen, wieso ich nicht versuche politisch
korrekt zu sein etc. Das wichtigste war vielleicht ein kleiner Abschnitt,
in dem ich dafür plädiere, sich nicht ständig gegenseitig fertig zu
machen, nicht ständig Grabenkämpfe zu führen, sich nicht als
Faschisten zu bezeichnen oder anzuschreien. Über
diesen Text habe ich mit einigen Freund*innen
diskutiert und mir ist dabei klar geworden, dass ich
schon viel früher und viel direkter gewisse Themen
hätte ansprechen sollen. Durch diese Gespräche
habe ich wichtige Impulse bekommen und
außerdem erlebt, das Diskussion und Streit nicht
immer anstrengend, trocken oder verletzend sein
müssen.

Mir ist aber auch klar geworden, dass mein Text nicht
nur selbst staubtrocken und steril, sondern auch aus einer
so defensiven Haltung geschrieben war, dass er genau
das Verhältnis reproduziert hat, das er angreifen
sollte. Außerdem war er anonym und theoretisch.
Und obwohl eine ausführliche theoretische
Erörterung dieser Themen interessant wäre,
geht es erst in zweiter Linie darum. In erster Linie ist diese ganze Sache
eine sehr persönliche. Es geht um die Frage, welche Rolle ich innerhalb
dieser Gesellschaft einnehmen will und wie mein Bezug zu einer wie
auch immer gearteten anarchistischen Bewegung aussehen kann.

Kritik

Ich halte die anarchistische Bewegung für zum großen Teil sehr
verbissen, ausgrenzend und steril, häufig auch aggressiv. Sie wird
scheinbar dominiert von Menschen, die wie ich einen hohen
Bildungsstand haben und tendenziell eher privilegiert sind. Und die
sich irgendwelche schönen Theorien ausdenken, an die sich dann alle
halten sollen. Erschreckenderweise scheint es dabei gar nicht mal so
viel inhaltliche Auseinandersetzung zu geben. Es scheint mehr die
Frage zu sein, ob man bereit ist, irgendwelche Verhaltensweisen
nachzuahmen, als sich tatsächlich mit Herrschaftsstrukturen zu
beschäftigen. Zum Beispiel ist es in weiten Teilen ein No-Go, auf
gegenderte Sprache zu verzichten, aber die gleichen Jungs, die nur noch
von Genoss*innen sprechen sind oft nicht weniger sexistisch als vorher.
Übrigens gelten Sprachvorschriften auch in der Gaidao: "In der Gaidao
werden alle Texte mit * gegendert. Du ersparst uns viel Zeit und Mühe,
wenn du deinen Text schon mit * gegendert an uns schickst" (Zitat von
der Webseite). Ich wollte aber nicht ausschweifen, sondern es knapp
und persönlich halten. Ich will nicht ständig darüber nachdenken, was
ich tue und falsch machen könnte. Ich will auch gar nicht immer alles
richtig machen. Ich will nicht Angst haben, ich selbst zu sein. So
habe ich es bei mir selbst beobachtet und so habe ich es auch
bei anderen beobachtet: Im Anarcho-Plenum einen auf PC
machen, daheim dann sexistische Musik hören, Fleisch
essen, den neuesten nationalistischen Hollywood-Streifen
feiern.

Moment, wird das jetzt ein Plädoyer für Scheiß-
Verhalten? Nein, mit Sicherheit nicht. Aber dafür, sich
selbst treu zu bleiben und nicht nur das eigene Verhalten
zu hinterfragen, sondern vielleicht auch die heilige
Theorie, die mir dieses Verhalten verbietet.
Tatsächlich hat man dann irgendwann auf
gewisses Scheiß-Verhalten einfach keinen
Bock mehr. Aber genauso wenig auf
Vorschriften, was ich essen, wie ich
sprechen oder wie ich mich anziehen soll.

Und wieso das Ganze?

Wie schon gesagt, ist das hier ein persönlicher Text und zentral ist die
Frage: Sind die anarchistische Bewegung und ich überhaupt
kompatibel? Ich würde mich deshalb über viel Feedback freuen. Für
mich ist seit einigen Jahren jede Form politischer Tätigkeit irgendwie
mit Anarchismus verknüpft und Anarchismus ist meine einzige
Perspektive auf eine Welt, in der ein menschenwürdiges Leben möglich
ist. Innerhalb der anarchistischen Bewegung habe ich das Menschliche
hingegen oft vermisst. Es geht aber nicht nur um mich. Wäre das hier
nur mein privates "Ich will nicht auf meine Privilegien verzichten"-
Rumgeheule (was mir mit Sicherheit einige unterstellen werden), hätte
ich das auch für mich behalten können. Aber es geht mir auch um eine
Perspektive für eine anarchistische Bewegung, die sich in weiten Teilen
komplett vom Rest der Gesellschaft entfernt hat.

Ich sehe im alltäglichen Leben viele Menschen, die mit den Ideen des
Anarchismus sympathisieren, aber null Bock auf Anarchist*innen
haben. Ich würde mir ein Loch in den Bauch freuen, wenn wir
irgendwann mal einen Anarchismus hätten, für den man kein
abgeschlossenes Studium und Einweisung in politisch korrektes
Verhalten braucht. Ich bin versucht, diese Idee als "volkstümlichen
Anarchismus" zu bezeichnen, aber weil das Wort Volk nicht so toll ist,
nenne ich es einfach mal einen etwas "anderen Anarchismus".

Also, zerreißt mich bitte nicht, aber kritisiert gerne den Text. Und
wenn ihr das ein oder andere genauso seht, meldet euch - ich freu
mich drauf.

Dave aus K (random_anarchist@riseup.net)
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de