A - I n f o s

ein mehrsprachiger Informationsdienst von, fr und ber Anarchisten **
Nachrichten in allen Sprachen
Die letzten 40 Artikel (Homepage) Artikel der letzten 2 Wochen Unsere Archive der alten Artikel

Die letzten 100 Artikel, entsprechend der Sprache
Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

Die ersten paar Zeilen der letzten 100 Artikel auf:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
Die ersten paar Zeilen aller Artikel der letzten 24 Stunden

Links zu den Listen der ersten paar Zeilen aller Artikel der letzen 30 Tage | von 2002 | von 2003
| von 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014 | of 2015 | of 2016 | of 2017

(de) Gai Dao N°78 ­- Über einen kleinen Arbeitskampf im Freiburger Club "The Great Räng Teng Teng" Von: Anarchistische Gruppe Freiburg

Date Mon, 19 Jun 2017 09:19:28 +0300


Der Freiburger Club "The Great Räng Teng Teng" hat sich ein alternatives Image aufgebaut, doch wie so oft ist die Fassade mehr Schein als Sein. ---- Schmerzhaft musste dies eine Angestellte unlängst erfahren: Inspiriert durch einen Vortrag zum Thema Arbeitskämpfe in der Kleingastronomie von der FAU (1) Dresden, forderte sie bei ihrem Chef eine Erhöhung des Lohnes auf 8,84€ für alle Mitarbeiter*innen ein. Dies ist der seit Januar 2017 geltende Mindestlohn. Die Erhöhung war schon ca. 2 Monate überfällig. Der Chef reagierte jedoch nicht gerade kooperativ und rechtfertigte den bisher nicht erhöhten Stundenlohn von 8,50€ unter der Woche mit der etwas erhöhten Entlohnung von bis zu 10,00€ an Wochenenden. Der Haken ist dabei, dass nicht alle Angestellten jede Woche an einem Wochenende arbeiten dürfen und können.

Die Angestellte und eine Kollegin sind seit einigen Jahren schon für die
Lohnabrechnungen zuständig und zahlen alle Mitarbeiter*innen nach
der Schicht aus. Die betroffene Kollegin beharrte auf dem gesetzlich
verbrieften Mindestlohn und zahlte bei der nächsten Auszahlung - als
Akt der direkten Aktion - die Differenz zum Mindestlohn an alle
Angestellten direkt aus der Kasse aus. Wie vorgegeben dokumentierten
sie und die Kollegin dies auf den Abrechnungen. Beide enthielten ihrem
Chef also nicht vor, dass sie beschlossen hatten, den der Belegschaft
zustehenden Mindestlohn auszuzahlen. Für den Chef war dies der
gefundene Anlass der aufsässigen Arbeiterin fristlos zu kündigen -
etwas, dass bei einer so langen Anstellung nicht rechtmäßig ist. Seine
Antwort auf diesen Einwand: "Dann verklage mich doch." Seine
Begründung für die fristlose Kündigung: Mit der Entnahme von
lächerlich geringen Beträgen aus der Kasse sei das Vertrauen zwischen
ihm und der Angestellten zerstört. Angesichts des zweistelligen
Centbetrags pro Stunde, der auch auf der Abrechnung belegt war, und
der langen Zeit, welche die Mitarbeiterin schon Teil der Belegschaft
war, eine absurde Behauptung.

Womit er jedoch anscheinend nicht rechnete: Einige Kolleg_innen der
Gekündigten solidarisierten sich mit ihr. Der Vorfall brachte bei vielen
das Fass zum Überlaufen, denn schon vor dem Vorfall war das
Verhältnis zum Chef schwierig. So konnte er von der Belegschaft nur
via Facebook kontaktiert werden, tauchte des öfteren betrunken auf der
Arbeit auf und überwachte einzelne Angestellte auf Schritt und Tritt.
Gemeinsam wurde beratschlagt zum Chef zu gehen und die
Wiedereinstellung der Kollegin zu fordern. Im Falle eines Nicht-
Einlenkens wollte man kollektiv kündigen. Bei einem Kneipengespräch
wurden wir auf diesen Plan der Belegschaft aufmerksam und schlugen
vor, doch einen gemeinsamen Streikposten vor dem Club abzuhalten,
um potentielle Gäste über die Forderungen aufzuklären und den
öffentlichen Druck auf den Chef zu erhöhen.

Das eingeforderte Teamgespräch wurde vom Chef verweigert, er wolle
sich nur mit Einzelpersonen unterhalten. Unter diesen Umständen
setzte die Belegschaft ihren Plan um, entschied sich gegen den
Streikposten und kündigte - auch aufgrund des schlechten
Verhältnisses zum Chef - aus Solidarität mit der Entlassenen kollektiv.
Dem kamen dann auch 11 von 13 Kolleg*innen nach. Die Gerüchte, die
durch die kollektive Kündigung aufkamen, kratzten am Image des
Clubs, der sich als Reaktion darauf gezwungen fühlte, den Lohn unter
der Woche auf das gesetzlich vorgeschriebene Niveau (um großzügige
16 Cent aufgerundet) heraufzusetzen. So hatte die Solidarität der
Angestellten doch noch eine positive Auswirkung - wenn nicht für sie
selbst, dann zumindest für die neue Belegschaft.

Wir meinen, dass sich aus diesem Arbeitskampf etwas für kommende
Auseinandersetzungen lernen lässt. Zuerst erscheint die kollektive
Kündigung für die Angestellten als ein logischer Schritt: Der Chef ist
scheiße, die meisten sehen den Job sowieso nur als Übergangslösung
und die Kündigung erscheint als naheliegender Akt der Solidarität.
Doch welcher Schaden entsteht dem Chef denn real und welchen
Nutzen bringt die Aktion der Belegschaft?

Für den Chef bedeutet die kollektive Kündigung, dass der laufende
Betrieb für ein paar Tage beeinträchtigt ist und er etwas Zeit in
Bewerbungsgespräche investieren muss. Wenn wir aber ehrlich sind, ist
es in einer Studentenstadt wie Freiburg nicht allzu schwierig, neue
Aushilfskräfte für den Gastro-Bereich zu finden. Der finanzielle
Schaden hält sich also alles in allem in Grenzen. Nach einer kollektiven
Kündigung werden Chefs also mit hoher Wahrscheinlichkeit mit ihren
bisherigen Geschäftspraxen fortfahren. Nehmen wir nun mal an, die
Belegschaft hätte die Idee den Club zu bestreiken umgesetzt: Der Effekt
wäre ähnlich wie der einer kollektiven Kündigung. Der laufende
Betrieb wäre für ein paar Tage beeinträchtigt gewesen. Dazu wäre aber
noch ein schwerer Imageschaden gekommen: ein sich selbst als
alternativ gerierender Club, der nicht einmal den Mindestlohn zahlt?
Zudem hätte die Möglichkeit bestanden, weitere Punkte zu
thematisieren, z. B. rassistische Äußerungen des Chefs und mehrmalige
Anweisungen "Flüchtlinge" nicht in den Club zu lassen. Dieser
ökonomische und das Ansehen des Clubs betreffende Schaden hätten
den Chef möglicherweise dazu bewegt, die Kollegin wieder einzustellen
und an alle Arbeiter*innen den Mindestlohn auszuzahlen.

Zudem ist ein Streik eine Möglichkeit, ein politisches Zeichen zu setzen
und Mut zu machen: Solch eine Aktion einer kämpferischen Belegschaft
hätte vielleicht auch andere Gastro-Arbeiter*innen motiviert gegen ihre
schlechten Arbeitsbedingungen vorzugehen. In der Branche gehören
miserable Arbeitsverhältnisse nämlich leider oft zur Regel. Wir sehen:
Der Effekt eines Mini-Streiks wäre wohl um ein vielfaches größer
gewesen. Trotzdem hat die Belegschaft gezeigt, auf was es ankommt:
untereinander solidarisch handeln und klare Kante gegen die Bosse
zeigen.

(1) Freie Arbeiter*innen Union: Eine anarchosyndikalistische Basisgewerkschaft.Gai Dào
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de