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(de) Gai Dao N°78 ­- Camillo Berneri ­- Der humanistische Anarchist Von: José María Fernández Paniagua / Übersetzung: Benjamin

Date Fri, 16 Jun 2017 08:53:25 +0300


Die Ermordung Berneris ist seit dem 5./6. Mai nun schon 80 Jahre her. Am 12.05.2017 fand in Berlin zu seinem Gedenken eine Infoveranstaltung in der "Bibliothek der Freien" statt. Die vorliegende Kurzbiografie erschien im Jahr 2010 auf Spanisch, unter anderem auf dem Portal www.portaloaca.com. ---- Es lohnt sich sehr, sich wieder auf den bedeutenden Theoretiker des Anarchismus Camillo Berneri zu beziehen, der eine beständige Entwicklung im libertären Denken verfolgte und ein scharfer Kritiker des schon Erdachten war, um eben dieses zu erweitern. Allerdings hasste er jene Polemik, welche nur versucht ihre*n Kontrahenten*in zu demütigen und die eigene "intellektuelle Größe" zu beweisen. Sein Hauptmotiv blieb die Befreiung, nicht nur von der Autorität der Institutionen, sondern eben auch von jedem Dogma und jeder dogmatischen Erscheinung.

Camillo Berneri wurde 1897 in Lodi (Italien) geboren. Während seiner
Kindheit lebte er in verschiedenen italienischen Städten, da sie
aufgrund des Lehrerberufes der Mutter viele Umzüge unternehmen
mussten. Die Mutter war zudem Jugendbuchautorin und vertrat
progressive Ideen, die den jungen Camillo sehr prägen sollten.

Sehr jung schon begann er seinen politischen Kampf im "Sozialistischen
Jugendbund" von Reggio Emilia, in welchem er sich eine intensive
kulturelle Aktivität und Agitation aneignete. Drei Jahre später verließ
er die Gruppe aber schon um sich dem Anarchismus zu verschreiben.
Als Beweis seines festen Entschlusses verfasste er den "Offenen Brief
eines jungen Anarchisten an die jungen Sozialist*innen", in welchem er
die Degradierung (Anm.: von Anarchist*innen) durch die sozialistische
Partei Italiens kritisierte. Von diesem Tag an widmete er seine Energie
vor allem dem Antimilitarismus, zu dem sich derzeit auch der Großteil
der anarchistischen Bewegung Italiens bekannte. Trotz dessen wurde er
zum Kriegsdienst eingezogen und schließlich, als das Militär von seinen
Ideen erfuhr, bis 1919 auf die Insel Pianosa verbannt.

Andererseits beeinflusste zu dieser Zeit die russische Revolution schon
ganz Europa. Berneri verteidigte diese prinzipiell, obwohl ihm auch
sehr bald Zweifel aufkamen, verursacht durch den autoritären
Eindruck, den die revolutionäre Entwicklung der Sowjets auf ihn
machte. Ergebnisse dieser Kritik, wie auch manche seiner Analysen der
problematischen Situation der Revolution, sind die Texte, die Berneri ab
Juni 1919 in der von Luigi Fabbri und in Ancona herausgegebenen
Zeitung "Volontà" (Der Wille) veröffentlichte.

Wie seine, in der von Errico Malatesta herausgegebenen "Umanitá Nova" (Neue Menschlichkeit)
erschienenen Texte belegen, distanzierte er sich 1921 endgültig vom
russischen Experiment. Nachdem er den Kriegsdienst abgeschlossen
hatte, widmete er sich wieder dem Studium an der philosophischen und
literaturwissenschaftlichen Fakultät der Universität von Florenz,
welches er 1922 abschließt, und unterrichtete von 1923 bis 1926 als
Lehrer auf einer Gesamtschule. In diesen Jahren entwickelte er eine
intensive öffentliche Aktivität und konzentrierte seine Kräfte auf die
Wiederbelebung der anarchistischen Bewegung und den Kampf gegen
den Faschismus.

Seine Schriften in den geläufigen anarchistischen Zeitungen umfassten
eine Vielzahl unterschiedlicher Themen: Syndikalismus, Philosophie,
Fragen über Erziehung und Literatur, Die Befreiung der Frau* und viele
mehr. Zudem scheint die Frage des Föderalismus eines seiner
Hauptanliegen gewesen zu sein, wie die Artikel "Beitrag zur Debatte
über den Föderalismus", "Der Föderalismus des Peter Kropotkins" und
"ür ein Programm kommunalistischer Aktion" zeigen. Mi diesen
Überlegungen wollte er den vielen organisatorischen Unsicherheiten
antworten, welche die alternativen Ideen gegenüber dem
Staatszentralismus umgaben.

Ende des Jahres 1926 zwang die Mussolini Regierung - der Faschismus
etablierte sich seit 1922 - die italienischen Professor*innen dazu einen
Treueeid auf die Regierung abzulegen. Berneri verweigerte, so konnte er
nie wieder seine Professur ausüben und begab sich ins Exil, aus dem er
nicht mehr zurückkehrte. Während der nächsten zehn Jahre in seinem
Exil in verschiedenen Ländern durchlebte er - zum Teil durch Spionage
von italienischen Faschist*innen - eine andauernde Verfolgung, die
seine intellektuelle Tätigkeit in den vielen Zeitungen aber nicht
verhindern konnte.

Seine beständige Hingabe an die anarchistischen Forderungen
konkretisierte sich in Hinblick auf eine mögliche Revolution in Italien,
was in vielen Texten zum Ausdruck kommt, die er in der Zeitung "Lotta
Umana" (Menschlicher Kampf) veröffentlichte, an der sich zu diesem
Vorhaben auch Luigi Fabbri und andere beteiligten. Außerdem
veröffentlichte Berneri in diesen Jahren viele verurteilende und
anklagende Arbeiten über den Faschismus und dessen repressiven
Charakter gegen jede Opposition. Berneri blieb optimistisch bezüglich
der Niederlage der faschistischen Macht, indem er argumentierte, dass
Unterdrückung in großem Ausmaße weder dazu fähig ist ihre Macht zu
normalisieren noch dazu die Geburt einer revolutionären Kraft in der
italienischen Bevölkerung zu verhindern. Solche Voraussagen erfüllten
sich leider erst einmal nicht, die Situation blieb sehr hart und
verschlimmerte sich zudem durch das Zersplittern der
antifaschistischen Bewegung. Das Zerfallen der Bewegung bedauerte
Berneri ebenfalls stark.

1929 wurde die Bewegung "Giustizia e libertà" (Gerechtigkeit und
Freiheit) gegründet. Angetrieben von Carlo Roselli und jungen
Republikaner*innen und Liberalen wirkte diese sowohl im Exil als auch
im Innern Italiens. Das Ziel der Bewegung war es eine revolutionäre
Massenaktion zu initiieren, welche den Faschismus zerschlagen und
eine Republik entstehen lassen sollte. Sowohl Berneri als auch die
gesamte anarchistische Bewegung hielt zu ihnen Kontakt. Gleichzeitig
kam es aber auch zu unterschiedlichsten Polemiken und Streitigkeiten.


Eines der Hauptmotive Berneris war die Entmystifizierung des
Arbeiterkultes und der "unteren Klassen", von denen ein Großteil der
Linken ausging. Ergebnisse dieser Auseinandersetzung sind vor allem
seine Werke: "Der Arbeiterkult" (1934) und "Humanismus und
Anarchismus" (1936).

Ende Juli 1936, wenige Tage nach der faschistischen Provokation, kam
Berneri in Barcelona an. Sofort beginnt er sich mit Freiwilligen, die den
Faschismus bekämpfen wollen, neu zu gruppieren und sich in der
Kolonne Ascaso zu organisieren, die sich bald auf den Weg zur Grenze

von Aragón machte.
Aufgrund verschiedener
körperlicher Beschwerden
musste Berneri die Front
später verlassen, widmete
sich dafür aber der
kulturellen und
propagandistischen Arbeit in
Barcelona. So realisierte er
verschiedene

Radiosendungen, die von italienischen Freiwilligen geleitet wurden und
arbeitete an der Herausgabe der Zeitung "Guerra di clase" (Krieg der
Klassen). In dieser Publikation nahm er das Thema der russischen
Revolution wieder auf, in einem sehr kritischen Gestus und aus der
derzeitigen Perspektive und Situation in Spanien. Seine Arbeiten aus
dieser Zeit sind entsprechend: "Der Staat und die Klassen", "Die
Abschaffung und das Absterben des Staates" und "Die Diktatur des
Proletariats und der Staatssozialismus".

Ein anderer Fokus Berneris Analyse in der "Guerra di clase" war die
Situation in Spanien und seine politische Stellungnahme hierzu. Einer
seiner besten Texte darüber zeigt das sehr deutlich: Im "Offenen Brief
an die Genossin Federica Montseny" kritisiert Berneri die Beteiligung
von Anarchist*innen an der republikanischen Regierung und bestärkt
seinen Wunsch, dass die Revolution parallel zum Sieg über Franco
weiterlaufen muss

Eine andere Tätigkeit, der Berneri sich in Barcelona widmete, war die
Analyse von Archivdokumenten des italienischen Konsulats in
Barcelona, dank denen er den Text "Mussolini und die Eroberung der
Balearen" ausarbeiten konnte, welcher erst 1937 erschien und in dem er
über die imperialistischen Bestrebungen des Faschisten Mussolini im
Mittelmeerraum informierte. Berneri selbst sprach von einer rigorosen
Anstrengung, die er dieser Arbeit widmete und dass er wirklich alles
unternahm um die aufbewahrten Dokumente ehrlich zu verarbeiten.

Die letzten öffentlichen Interventionen Berneris - kurz vor seinem Tod
Anfang Mai 1937 - waren die Verteidigung der POUM vor den
Verleumdungen der PSUC, nach denen die POUM mit den
Faschist*innen kollaboriert hätte. Außerdem verlas er im Radio eine
motivierende Lobesrede für den zu der Zeit kürzlich verstorbenen
marxistischen Kommunisten Antonio Gramsci, der dem italienischen
Faschismus zum Opfer fiel. Wenige Tage später wurde er zusammen mit
seinem Genossen Francesco Barbieri von einer Patrouille der UGT und
der Polizei aus seiner Wohnung gezerrt. Am Tag darauf fand man
seinen von Kugeln durchlöcherten Körper. Ein weiteres Opfer der
stalinistischen Schande, ein
weiterer internationaler
Revolutionär, der nach
Spanien kam um gegen den
Faschismus zu kämpfen.
Paradoxerweise wurde
Berneri von den Händen von
Menschen ermordet, die
ebenfalls behaupteten den
Faschismus zu bekämpfen.

Über das Werk und das Denken von Berneri

1922 veröffentlichte das Blatt "Pagine libertarie" (Libertäre Seiten) den
Text "Anarchismus und Föderalismus - Das Denken von Camillo
Berneri", in welchem der italienische Libertäre ironischerweise noch
offen den ideologischen Konservatismus der anarchistischen Bewegung
kritisierte und das Fortschreiten des republikanischen Föderalismus
lobte. Zudem machte er abschätzige Andeutungen über den
ideologischen Utopismus, der seit den
"Meistern des Anarchismus" keine
Entwicklungen mehr gemacht hätte und
kritisierte ein fehlendes soziales und
politisches Bewusstsein über aktuelle
Problematiken.

Berneri dachte, dass der Anarchismus
weitläufiger in seinen Konzeptionen sein
sollte, mutig und unersättlich. Dass er
aufpassen sollte nicht innerhalb von
Gesellschaften zu verkrusten, indem er seine
Prinzipien konserviert. Dass dieser ohne
hemmende Belehrungen oder maßlose
Glaubensbekenntnis auskommen müsse.
Merkwürdigerweise warnte er auch vor den
Gefahren der Verneinung staatlicher
Verwaltung schlechthin, bezüglich damit einhergehender Lahmlegung
des Lebensrhythmus von Gesellschaften. Im anti-staatlichen Konzept,
wie es von den klassischen Anarchist*innen vertreten wurde, sah
Berneri vielmehr eine Bedingung für einen Föderalismus als ein Projekt
von dezentralisierender Verwaltung. Als ein realisierbares Projekt ziehe
der Föderalismus all die Fachkräfte an, welche die Inkompetenz, die
Verschwendung, die bürokratische Langwierigkeit und die andauernde
Enteignung durch die zentralisierte Verwaltung erkannt haben.
Einerseits zeigte sich in diesem Artikel eine vehemente Verteidigung des
Föderalismus als eine realistische Lösung für die Probleme seiner Zeit.
Andererseits forderte Berneri eine Überwindung von sich
herausgestellten Doktrinen, eine progressive Entwicklung eines
Anarchismus, der realistische Antworten bietet, aber fern von
Simplifizierungen der fundamentalen ideologischen Prinzipien bleibt.
Im Bereich der Moral und der Philosophie stellte sich Berneris erklärter
Humanismus heraus, den er in seinen Schriften mit zahlreichen Zitaten
an Kropotkin anlehnte.

Der italienische Anarchist Berneri glaubte nicht an die menschliche
Bestie. Er dachte, dass auch in den finstersten Ecken im Inneren der
Menschen etwas von Wert existiert, das, wenn nur die richtigen Stellen
berührt werden, von sich allein aus schon den Manichäismus der
Klassen verachtet. Außerdem dachte er, dass es in jedem sozialen Kreis
erwähnenswerte Qualitäten gibt und dass sich die Auflösung der
Klassen durch ihre Vermischung ergeben wird. Letztendlich verteidigte
Berneri den Humanismus, als eine der innewohnenden
Charakteristiken des Anarchismus der sich aus der Wertschätzung
gegenüber der individuellen Entwicklung jeder Person und der
erstrebten Befreiung der ganzen Menschheit zu einer klassenlosen
Gesellschaft hin ergibt.

In seinem bekannten "Offenen Brief an die
Genossin Federica Montseny" beschreibt
Berneri sehr klar aber ironisch die Situation,
in der vier Anarchist*innen unter der
Prämisse die Revolution verteidigen und jede
diktatorischen Versuch bekämpfen zu wollen
der Regierung von Francisco Largo Caballero
beigetreten sind. Die Schrift beginnt u.a. mit
den Worten "Genoss*innen Minister*innen...".
Berneri informiert diese darin über die
hinterhältigen Säuberungsaktionen, die von
Moskau aus gegen vermeintlich "reaktionäre"
Revolutionäre diktiert worden waren. Er
spricht über seine Zweifel, ob es möglich ist
die Front von Aragón waffentechnisch zu
stärken, eine Region, die berüchtigt ist für
ihre landwirtschaftlichen Kollektivierungen und die Räte von Aragón
und Katalonien - Berneri bezeichnete sie als "die iberische Ukraine". Er
kritisierte den Pakt der Regierung mit Frankreich und England, der
versprach, deren Interessen in Marokko nachzugehen und im Gegenzug
die Zone zu verlassen. Außerdem sollte durch eine neue
Hierarchisierung der "Volksarmee" die "Autonomie" gestärkt werden,
das ohne Befragung der Meinung der Basis. Berneri wurde mit jeder
Aktion der Regierung misstrauischer. Letztendlich kritisierte er
Montseny und die anderen beteiligten Anarchist*innen für ihre
Regierungsbeteiligung überhaupt, in einer Funktion von üblichen
Politiker*innen, die mit dem Feind verhandeln anstatt sich den
aktuellen Kämpfen zu widmen und diese mit Nachschub zu versehen.
Das Dilemma, bestand für Berneri in der Frage nach "Krieg oder
Revolution". Es konnte nur noch "Der Sieg über Franco dank des
revolutionären Krieges" sein "oder die Niederlage".

Link zur Quelle:
http://www.portaloaca.com/historia/biografias/
665-camillo-berneri-el-humanista-anarquista.html
!
Weitere deutschsprachige Texte von und über Berneri findet
ihr auf: https://www.anarchismus.at/anarchistische-
klassiker/camillo-berneri
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