A - I n f o s

ein mehrsprachiger Informationsdienst von, fr und ber Anarchisten **
Nachrichten in allen Sprachen
Die letzten 40 Artikel (Homepage) Artikel der letzten 2 Wochen Unsere Archive der alten Artikel

Die letzten 100 Artikel, entsprechend der Sprache
Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

Die ersten paar Zeilen der letzten 100 Artikel auf:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
Die ersten paar Zeilen aller Artikel der letzten 24 Stunden

Links zu den Listen der ersten paar Zeilen aller Artikel der letzen 30 Tage | von 2002 | von 2003
| von 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014 | of 2015 | of 2016 | of 2017

(de) FdA/IFA Gai-Dao #77 - Gegen den Mythos Ernesto "Che" Guevara Von: Mark Usberti

Date Mon, 29 May 2017 08:45:23 +0300


Auch 50 Jahre nach dem Tod des Guerillaführers bleibt festzuhalten: Guevara hat keinerlei emanzipatorischen und befreienden Anspruch gehabt ---- Als Symbol und Abbild des Rebells, Revolutionärs und kompromisslosen Kämpfers für eine bessere Gesellschaftsordnung ist er in weiten Teilen der Welt bekannt - und auch 2017, wenn sich sein Todesdatum zum 50. Mal jährt, werden nicht nur die Mainstream-Medien über ihn berichten, sondern sich auch zahlreiche linke und revolutionäre Organisationen positiv auf ihn beziehen. ---- Von den Mainstream-Medien, aber auch von einer abstrakten Revolutionsromantik beseelten Personen, wird er immer wieder als libertär angehaucht gehalten. Und auch in anarchistischen Zusammenhängen trägt sich hartnäckig die Legende, dass Guevara zumindest strömungsübergreifend einzustufen ist, also sowohl marxistisch-leninistische als auch anarchistische Positionen vertreten haben soll.

Bei einem genaueren Blick auf sein Leben und Werk sowie allgemein
der Geschichte der anarchistischen Bewegung auf Kuba zur Zeit
Guevaras ist unschwer zu sehen, dass er keinerlei Schnittmenge mit
anarchistischen Positionen hatte. Gewiss war er ein mutiger Kämpfer,
der sich tapfer und selbstlos mit Leib und Leben für den Sturz des
Batista-Regimes auf Kuba eingesetzt hat. Jedoch sollte man sich hüten,
ihm anarchistische Tendenzen zuzuschreiben oder ihn als
strömungsübergreifende Figur zu stilisieren. Gründe dafür gibt es
genügend:

Stalinist

"Ich bin zum Kommunismus
durch Väterchen Stalin gekom-
men und niemand muss kommen
und mir sagen, dass ich Stalin
nicht lesen darf"[...]"Damals
wie heute finde ich immer noch
eine Menge Dinge, die sehr gut
sind" (van der Walt). So schrieb
Guevara noch im November 1960
über Stalin und sein politisches
Wirken. Bis 1963 war sein
kommunistisches Politikverständ-
nis stark vom stalinistischen Typ
der Sowjetunion geprägt
(Gambone; MLB; AF). Dies
bedeutete, dass er nach der
erfolgreichen Revolution ab 1959
alles daran setzte, einen büro-
kratischen und zentralistischen Staat aufzubauen, der alle Macht im
regierenden Funktionärskörper ansiedelt. Einer Mitbestimmung der
nicht an der Regierung beteiligten Bevölkerung oder gar einer
Selbstverwaltung der Menschen stand er entgegen. In jedem Bereich
sollte es einen hierarchischen und an militärische Strukturen
angelehnten Aufbau geben. Dieses Ziel verfolgte Guevara zusammen
mit Raul Castro, dem Bruder von Fiedel Castro. Durch diese beiden
einflussreichen Personen gab es einen starken stalinistischen Einfluss
auf die neuen gesellschaftlichen Grundlagen nach der Revolution
(MLB). Das sowjetische Modell des Staatskapitalismus sollte so schnell
wie möglich umgesetzt werden. Dies bedeutete eine zentral gesteuerte
Planwirtschaft sowie die gesamte Verstaatlichung der Wirtschafts-
strukturen auf Kuba statt Selbstverwaltung durch die arbeitenden
Menschen (Wikipedia).

Nachdem er 1963 zu dem Schluss gekommen ist, dass das sowjetische
Staatsmodell nicht geeignet ist, wendet er sich den gleichfalls
zentralistisch-restriktiven, hierarchisch-autoritären Staatsmodellen
Mao-Chinas und Nordkoreas zu (Gambone; MLB; AF; Wikipedia). Bei
einem Besuch des stalinistischen Nordkoreas gab er seine Eindrücke
folgendermaßen wieder: "Vielleicht das Land, das uns am stärksten
beeindruckt hat" (GWR). Seine klare Befürwortung von
Staatsbürokratie, Hierarchien, Autorität und Unterdrückung der
arbeitenden Klasse bleibt somit trotz der Abkehr von der Sowjetunion
weiterhin unverändert bestehen.

Guevaras politische Haltung hatte
durch seinen großen Einfluss vor,
während und nach der Revolution
gravierende Auswirkungen auf die
Entwicklung der nachrevolutio-
nären Gesellschaftsstrukturen auf
Kuba.

Einschränkung von Freiheiten -
Ausweitung der Repression

Nach dem erfolgreichen Sturz des
Batista-Regimes 1959 war Guevara
verantwortlich für den Aufbau der
staatlichen Kontrollapparate (AF).
Zusammen mit Vertreter*innen
der sowjetischen Sicherheits-
polizei entwickelte er einen Staats-
sicherheitsapparat (G-2; MLB). Er spielte eine
Schlüsselrolle beim Aufbau der Sicherheitspolizei,
welche die große Masse der Bevölkerung
kontrollierte und bespitzelte (AF). Dies bedeutete,
dass jede kritische Äußerung oder Handlung, die
nicht im Sinne des (wie schon weiter oben
beschrieben autoritär-zentralistischen) Regierungs-
apparates war, erfasst und oftmals auch behördlich
verfolgt wurde. Somit wurden neben Anhäng-
er*innen des Batista-Regimes auch Graswurzelbewegungen aller
Richtungen kontrolliert und begrenzt (MLB).

Als Industrieminister ab Februar 1961 baute Guevara ein
Bestrafungssystem auf, welches bei Disziplinlosigkeit,
moralischen Verstößen oder Arbeitsminderleistung Zwangs-
arbeit in Arbeitslagern vorsah (MLB; GWR). In seiner
Funktion als Chef des Industrieministeriums achtete er
darauf, dass die Gewerkschafts-bewegungen unterworfen
wurden und als nützliches Werkzeug des Staates fungierten.
Er begründete dieses Vorgehen damit, dass die Regierung am
besten die Interessen der Menschen repräsentieren würde (MLB).
Außerdem war er auch beim Aufbau des Revolutions-
verteidigungs-kommittees beteiligt. Es war unter anderem für die
Ausspionierung und Kontrolle der Stadtviertel und Wohngegenden
zuständig. Alle jene, welche der Errichtung einer Ein-Parteien-Diktatur
kritisch bis ablehnend gegenüberstanden, wurden durch diesen Apparat
unterdrückt und verfolgt (MLB).

So kann festgehalten werden, dass das gesellschaftliche Leben der
Menschen auf Kuba im politisch-aktivistischen Bereich, im
Arbeitsleben, in den Wohnvierteln und in den gesellschaftlichen
Beziehungen durch die Staatsapparate kontrolliert und jedes
abweichende Verhalten bestraft werden konnte.

Verfolgung von Anarchist*innen

Natürlich waren von all diesen repressiven Maßnahmen des Staates
auch Anarchist*innen betroffen: Als Kritiker*innen der autoritär-
stalinistischen Entwicklung der Revolution, weil sie statt Zentralismus
und Parteidiktatur für die Errichtung von Selbstverwaltungsstrukturen
und Basisorganisationen eintraten, weil sie sich als syndikalistische
Gewerkschafter*innen für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen
einsetzten oder einfach nur die Bevormundung eines sich in alle
Bereiche des Lebens einmischenden Staatsapparates ablehnten. Ihre
anarchistischen Organisationsstrukturen wurden zerschlagen. Sie
wurden von den Staatsapparaten zunehmend überwacht, kontrolliert,
verhaftet oder ermordet. Ihre freien Schulen wurden geschlossen. An all
diesen Vorgängen war Guevara beteiligt, indem er entweder die
Voraussetzungen für die Repressionsapparate schuf und die Ziele der
Verfolgung und Unterdrückung vorgab oder weil er zeitweise die
Aufsicht über die Repressionsapparate inne hatte.

Ab 1960 betrafen die Ermordungen nicht mehr nur Batista-
Anhänger*innen, sondern auch Castro-
Kritiker*innen in der Arbeiterbewegung. Die
anarchosyndikalistische Presse wurde verboten
und Anarchist*innen inhaftiert. Guevara war
daran direkt beteiligt (AF).

Im Laufe der repressiven Entwicklung der
Kubanischen Revolution flohen immer mehr
Anarchist*innen ins Exil (vor allem in die USA), um der
Verfolgung zu entkommen.

Abschließende Betrachtungen

Zuletzt muss darauf hingewiesen werden, dass das
Castro-Regime Lügen verbreitet hat, um die
anarchistische Bewegung außerhalb Kubas für ihre
Zwecke einzuspannen. 1961 sympathisierte der
damalige Sekretär der Asociación Libertaria de Cuba
(ALC, Anarchistische Vereinigung Kuba) Manuel Gaona
Sousa stark mit dem Castro-Regime. Er schrieb das Manifest
"Eine Erklärung und Stellungnahme der Anarchist*innen
Kubas". Das sogenannte "Gaona-Manifest" bestritt die Verfolgung
und Inhaftierung von Anarchist*innen durch das Castro-Regime.
Statt dessen wurde im Manifest unter anderem behauptet, dass die
Anarchist*innen Teil der Umsetzung der Kubanischen Revolution seien
und es keine Einschränkung der Freiheiten gäbe. Das Manifest wurde
mit Gaonas Unterschrift sowie 24 anderen Unterschriften von (zum Teil
über den Inhalt des Manifests getäuschten) Anarchist*innen an quasi
alle anarchistischen Zeitungen und Zeitschriften weltweit geschickt
und dadurch verbreitet. Die Folge war Verwirrung in den
anarchistischen Bewegungen. Die ins Exil geflüchteten Anarchist*innen
von Kuba wurden mehr als 15 Jahre von Teilen der anarchistischen
Bewegung als "konterrevolutionär" bezeichnet. Der Entzug der
Solidarität mit den von Kuba ins Exil geflüchteten Anarchist*innen
kann als einer der größten Fehler innerhalb der anarchistischen
Geschichte bezeichnet werden (Uzcategui).

Allen Anarchist*innen sollte daran gelegen sein, nicht wieder in diese
Falle zu tappen und die Fehler aus der Vergangenheit zu wiederholen.
Dazu gehört ebenfalls die kritische Auseinandersetzung mit der Person
Ernesto Guevara und seiner Rolle innerhalb des nachrevolutionären
Gesellschaftsaufbaus auf Kuba.

Ja, der Mut und die Entschlossenheit Guevaras, sich mit vielen anderen
Revolutionärer*innen, Marxist*innen wie Anarchist*innen gegen das
Batista-Regime entgegenzustellen und ein autoritäres Regime zu
stürzen, verdient Respekt. Mehr aber auch nicht. Denn ein
diktatorisches Regime zu stürzen, um es dann durch ein repressives
staatskapitalistisches System zu ersetzen, in welchem alle
Kritiker*innen ebenfalls verfolgt werden, kann nicht als Schritt nac
vorne betrachtet werden. Wer sich auf Guevara unkritisch bezieht, ihn
zu mehr machen will, als er war oder eigene anarchistische/antiauto-
ritäre Ideale in die Person Guevara hineinsetzen will, wird weder ihm
noch der anarchistischen/antiautoritären Bewegung gerecht. Schlimmer
noch: Damit werden marxistisch-leninistische autoritäre Inhalte und
Positionen befördert und verbreitet, die dem Anarchismus diametral
entgegenstehen. Denn wer sich mit Guevara intensiver befasst, landet
unweigerlich bei dessen autoritären Positionen und Handlungen.

Quellen:!

MLB: The myth ofChe Guevara:
http://theanarchistlibrary.org/library/mlb-the-myth-of-che-
guevara
AF: Organise, Issue 47, Winter 1997/1998: Myths and legends -
Che Guevara: http://theanarchistlibrary.org/library/various-
authors-che-guevara-why-anarchists-should-view-him-critically
Lucien van der Walt: Che Guevara:
http://theanarchistlibrary.org/library/various-authors-che-
guevara-why-anarchists-should-view-him-critically
Rafael Uzcategui: Authoritarian Demonization ofAnarchists -
Cuba and the Gaona Manifesto:
http://theanarchistlibrary.org/library/rafael-uzcategui-
authoritarian-demonization-of-anarchists
Frank Fernandez: Cuban Anarchism: The History ofA
Movement: http://theanarchistlibrary.org/library/frank-
fernandez-cuban-anarchism-the-history-of-a-movement
GWR: Ein Marxis-Leninist namens Ernesto Guevara:
http://www.graswurzel.net/289/che.shtml
Wikipedia1: Che Guevara (20.3.17):
https://de.wikipedia.org/wiki/Che_Guevara
Larry Gambone: Saint Che: The Truth Behind the Legend ofthe
Heroic Guerilla, Ernesto Che Guevara:
http://theanarchistlibrary.org/library/larry-gambone-saint-che-
the-truth-behind-the-legend-of-the-heroic-guerilla-ernesto-che-
guevara
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de