A - I n f o s

ein mehrsprachiger Informationsdienst von, fr und ber Anarchisten **
Nachrichten in allen Sprachen
Die letzten 40 Artikel (Homepage) Artikel der letzten 2 Wochen Unsere Archive der alten Artikel

Die letzten 100 Artikel, entsprechend der Sprache
Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

Die ersten paar Zeilen der letzten 100 Artikel auf:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
Die ersten paar Zeilen aller Artikel der letzten 24 Stunden

Links zu den Listen der ersten paar Zeilen aller Artikel der letzen 30 Tage | von 2002 | von 2003
| von 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014 | of 2015 | of 2016 | of 2017

(de) FdA/IFA Gai-Dao #77 - Filmbesprechung: "Eine kleine Geschichte der Anarchie" Von: Jens Störenfried

Date Fri, 19 May 2017 09:13:06 +0300


Letztens schrieb mir eine Genossin eine SMS mit dem Hinweis: "Spannende Anarchismus-Doku,
läuft gerade auf Arte". Als ich später in die Mediathek schaute, entdeckte ich dort die zwei Teile der mir bisher unbekannten Doku, welche unter der Regie von Tancrède Ramonet schon 2013 in Frankreich produziert worden ist. ---- Ich denke, es hat sein Für und Wider, wenn Anarchie/Anarchismus als Thema von professionellen Filmemacher*innen bearbeitet und somit der Allgemeinheit zugänglich gemacht wird. Wichtiger finde ich eigentlich, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die selbst nach anarchistischen Prinzipien leben, anstatt über Anarchismus als historischen Gegenstand zu sprechen. Der Film "Projekt A" hat viel eher diesen Fokus, mich persönlich aber nicht sonderlich überzeugt (siehe den Beitrag von Zottel in der Gaidao #63 "Von Widerstand und Selbstorganisation zur Biogurke").

Screenshot ARTE: Arbeiter*innenbörse in Frankreich

Die Verkürzung auf die historische Darstellung anarchistischer
Bewegung, welche in diesem Fall wieder einmal mit dem Ereignis des
Spanischen Bürgerkriegs endet, finde ich bedauerlich. Zumal im
Abspann auch einige Bildsequenzen aus den Bewegungen der Nach-
Weltkriegszeit auftauchen und somit zumindest angedeutet wird, dass
die Geschichte weitergeht. Die Zuschauer*innen können aber noch
hoffen, weil ein dritter Teil ev. noch fertiggestellt wird, in dem es um
die neuere Geschichte gehen soll. Dann würde erst der im Trailer
angedeutete Anspruch wirklich konkretisiert. Denn darin wird gefragt:
"Wo entsprang diese Bewegung, die seit 150 Jahren jeden Gott und
jeden Herr ablehnt? Warum ist der Anarchismus, der eine bessere Welt
wollte, als die, die sie früher war, noch immer aktuell? Warum ist seine
Geschichte mehr denn je die unsere?"

Für alle, die sich etwas mit der Geschichte des Anarchismus beschäftigt
haben, bringt der Film kaum neue Infos. Andererseits sind die
Eckpunkte anarchistischen Wirkens in der Vergangenheit
nachvollziehbar und vor allem mit einer Herangehensweise
ausgearbeitet, die von großer Sympathie zeugt ohne dabei verklärend
zu wirken. Zu Wort kommen anerkannte Anarchismus-Forscher*innen
aus verschiedenen Ländern wie Marianne Enckell, Mikhail Tsovma,
Normand Baillargeon oder Robert Graham und viele andere.
Tatsächlich pflegen diese das historische Erbe des Anarchismus und
erhalten ihn durch Bücher, Vorträge, Radio-
sendungen usw. im kollektivem Gedächtnis.
Dass diese Aufgabe getan wird, wo Akti-
vist*innen in ihren alltäglichen Kämpfen oft
weder Zeit noch Lust haben, ihre eigene Ge-
schichten zu dokumentieren, ist für die
Verbreitungsmöglichkeiten anarchistischer Ide-
en meiner Ansicht nach äußerst wichtig und
wertvoll.

Richtig ist auch, dass die Geschichten von
Anarchist*innen aufgrund ihrer historischen
Niederlagen sowie ihres Ziels einer letztendlich
herrschaftsfreien Gesellschaft, oftmals
unterdrückt oder völlig verzerrt dargestellt
wurden und werden. Und dies ist die große
Stärke der Doku von Tancrède Ramonet: Das
allgemeine Geschichtsverständnis durchschnitt-
lich interessierter Arte-Zuschauer*innen um ein
Stück Realität zu erweitern. Dementsprechend bietet sich der Film auch
für Einführungsveranstaltungen zum Thema sehr gut an und ermög-
licht aufgrund seiner ansprechenden Umsetzung Diskussionsanstöße
dazu. Wäre auch nett, wenn ihn jemand sogar im Geschichtsunterricht
unterbringen könnte ...

Gut thematisiert ist auch das brisante Kapitel anarchistischer
Geschichte der "Propaganda der Tat", weil es nicht verleugnet oder
einfach gerechtfertigt, sondern selbstkritisch und sachlich behandelt
wird. Somit wird die Frage gestellt, was die Ursachen von Gewalt sind
und in welchem Verhältnis relativ unorganisierte und meist individuelle
Gewaltakte von Anarchist*innen zu jenen der Staatsgewalt oder der
von Faschist*innen stehen.

Zum Schluss der Doku, in der Ära des
Faschismus ab 1939, unterlegen einige mahnende
Worte die meiner Wahrnehmung nach kritische
Absicht der Produzent*innen, wenn es heißt:
"Auch in Demokratien mordet die politische
Rechte.[...]In einer Welt voller Stacheldraht sind
Libertäre als erste Ziel der Repressionen.[...]Sie
werden zusammengetrieben, deportiert oder[...]
exekutiert. Denn in der allgemeinen Krise des
Kapitalismus ist für die Bourgeoisie die
Zerschlagung jeder Revolution Voraussetzung für
ihre Expansionsbestrebungen. Die Imperialisten,
für die Frieden ein Fremdwort war und ist,
arbeiten längst auf den Krieg hin.[...]Deshalb
galt es auch die Erinnerungen auszulöschen, an
die Männer und Frauen, die Staat, Geld und
Grenzen abschaffen und - allem und jedem zum
Trotz - eine bessere Welt schaffen wollten."

Screenshot ARTE: Eisenbahner*innenstreik in den USA

Fazit: Anarchie/Anarchismus immer wieder nur historisch aufzurollen,
birgt die Gefahr in sich, die heute kämpfende Bewegung trotzdem nicht
ernstzunehmen und an romantischen Vorstellungen eines vermeintlich
authentischeren Früher festzuhalten, "Wo es noch um was ging".
Wichtig für uns alle ist die kritische Überprüfung der eigenen
historischen Bezugspunkte, wie auch der reflektierte Umgang mit der
politisch-weltanschaulichen Tradition in die wir uns stellen - gerade,
damit sie lebendig und mit unseren eigenen Inhalten gefüllt wird.
Gleichzeitig ist die Verbreitung von Wissen über Anarchismus in jedem
Fall wünschenswert, weil sie Anknüpfungspunkte schafft, um mit
Menschen ins Gespräch zu kommen und zumindest etwas Skepsis
gegenüber Staat und Kapitalismus aufrecht zu erhalten. Für dieses Ziel
und um aufzuzeigen, dass sich "seriöse" Historiker*innen mit
Anarchismus als Gegenstand beschäftigen, ist die Doku "Eine kleine
Geschichte der Anarchie" als Einstieg, als Überblick und zum
Auffrischen sehr empfehlenswert.
------------------------
Freundlicherweise hat schon mal jemand beide Teile aufyoutube
hochgeladen.
Ansonsten ist der Film aber auch als DVD bei "absolutmedien"
erhältlich:
https://absolutmedien.de/film/2002/Kein+Gott%2C+kein+Herr!21+
Eine+Geschichte+der+Anarchie
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de