A - I n f o s

ein mehrsprachiger Informationsdienst von, fr und ber Anarchisten **
Nachrichten in allen Sprachen
Die letzten 40 Artikel (Homepage) Artikel der letzten 2 Wochen Unsere Archive der alten Artikel

Die letzten 100 Artikel, entsprechend der Sprache
Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe_ The.Supplement

Die ersten paar Zeilen der letzten 100 Artikel auf:
Greek_ 中文 Chinese_ Castellano_ Català_ Deutsch_ Nederlands_ English_ Français_ Italiano_ Polski_ Português_ Russkyi_ Suomi_ Svenska_ Türkçe
Die ersten paar Zeilen aller Artikel der letzten 24 Stunden

Links zu den Listen der ersten paar Zeilen aller Artikel der letzen 30 Tage | von 2002 | von 2003
| von 2004 | of 2005 | of 2006 | of 2007 | of 2008 | of 2009 | of 2010 | of 2011 | of 2012 | of 2013 | of 2014 | of 2015 | of 2016 | of 2017

(de) Fda-Ifa, Gai Dao N°76 - Griechenland: Erneute staatliche Angriffe auf besetzte Zentren Von: RalfDreis, Vólos

Date Thu, 20 Apr 2017 10:18:38 +0300


In den frühen Morgenstunden des 13. März 2017 hat die griechische Polizei zwei besetzte Hausprojekte in Athen geräumt. Betroffen waren die selbstverwaltete Flüchtlingsunterkunft Alkibiádou 9 und das seit 2011 besetzte Zentrum Villa Zográfou. In der westgriechischen Kleinstadt Agrínio stürmten MAT-Sondereinsatzkommandos der Polizei den besetzten anarchistischen Treffpunkt, traten Türen ein und zertrümmerten die Einrichtung. Am 15. März kappten Mitarbeiter der städtischen Wasserwerke Athens unter Polizeischutz die Wasserzufuhr des besetzten Theaters Embrós. ---- Als "Fortsetzung der polizeilichen Erstürmung und Räumung der legendären Villa Amalías" im Dezember 2012 unter der damaligen rechten Regierung von Antónis Samarás (Néa Dimokratía, ND), bezeichnete die genossenschaftliche Athener Tageszeitung Efimerída ton Syntaktón (14.03.) die staatlichen Angriffe auf besetzte Hausprojekte.

Mit wütenden Protesten, Demonstrationen, der Besetzung von Radio-
stationen und Brandanschlägen reagierte die anarchistische Bewegung
auf die polizeilichen Angriffe und Räumungen. Im Athener Stadtteil
Zográfou gingen noch am Abend des 13.03. knapp 2.000 Menschen nach
einem spontanen Aufruf
anarchistischer und links-
radikaler Gruppen auf die
Straße. Im Anschluss an die
Demonstration kam es rund
um die nun von Polizei-
truppen besetzte Villa Zográfou
zu Auseinandersetzungen mit
den Repressionskräften. In
den Straßen wurden Barri-
kaden errichtet, bei Banken
die Scheiben eingeschlagen
und die Polizei mit Steinen
angegriffen. Diese setzte
ihrerseits Tränengas und
Blendschockgranaten ein.
Auch in den folgenden Ta-
gen und Nächten kam es in verschiedenen griechischen Städten immer
wieder zu Angriffen auf staatliche Institutionen, Banken und Polizeiwa-
chen.

Von den 127 geräumten Geflüchteten aus der Alkibiádou Straße 9 wur-
den in der Polizeiwache Pétrou Rálli, der zentralen Ausländerpolizei in
Athen, die Personalien aufgenommen. Danach wurde der Großteil von
ihnen auf die Straße gesetzt, da die Behörden keine Bleibe für sie hat-
ten. Nur 31 Geflüchtete wurden in staatlichen Einrichtungen unterge-
bracht. Die Räumung war laut Polizei nach Anzeige des Besitzers Rotes
Kreuz erfolgt, das dort eine Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge
eröffnen will.

Während der kurz darauf folgenden Räumung der Villa Zográfou nahm
die Polizei sieben Anwesende wegen Hausfriedensbruchs in Gewahr-
sam. Die in einem großen Park liegende Villa, war seit 2011 besetzt und
diente verschiedenen sozialen Bewegungen und Nachbartschaftsinitia-
tiven der Stadtteile Zográfou, Býrona und Kaisarianí als politisches und
kulturelles Zentrum. Zur Vielzahl der dort stattfindenden Aktivitäten
gehörten u.a. Elterninitiativen, Film-, Theater- und Musikveranstaltun-
gen, Antifaorganisierung,
biologischer Anbau von
Gemüse und politische In-
formationsveranstaltun-
gen.

Die polizeiliche Erstür-
mung des "anarchikó
stéki", des besetzten anar-
chistischen Treffpunkts im
westgriechischen Agrínio,
diente wohl vor allem der
Einschüchterung. Nach
Angaben der Besetzer*in-
nen traten die Polizeiein-
heiten Türen ein,
durchsuchten das gesamte
Gebäude und zerschlugen
Teile der Einrichtung be-
vor sie wieder abzogen. In ihrer Erklärung auf indymedia Athens wird
zudem der polizeiliche Diebstahl von 600 Euro, die für Gerichtskosten
eines Genossen vorgesehen waren, bekannt gemacht.

Als "erneuten Versuch staatlicher Repression gegen das freie, selbstver-
waltete Theater Emprós" werten die Besetzer*innen in ihrer Erklärung
vom 15.3. den aufgerissenen Bürgersteig und die abermalige Kappung
der Wasserzufuhr zu dem seit 2011 besetzten Theater. "Mit dem x-mali-
gen Abschalten von Strom und Wasser will uns diese angeblich linke
Regierung die Luft zum Atmen nehmen. Die gleiche Regierung, die im
morgengrauen offene soziale Zentren und besetzte selbstverwaltete
Flüchtlingsunterkünfte räumen lässt. Also ehemalige linke "Genossen",
die all die entstandenen Gegenstrukturen gierig aufsaugten um sie als
Steigleiter zur Macht zu benutzen, treffen nun die politischen Entschei-
dungen um sie zu vernichten. Wie im übrigen nicht anders zu erwarten,
geht doch jeder "Aufstieg" zur Macht mit einem Abstieg in die politi-
sche Amoralität einher."

Syriza biedert sich der Rechten an

Auch andere linke und anarchistische Organisationen machen Syriza
und die Regierung von Ministerpräsident Aléxis Tsípras für die Rämun-
gen verantwortlich. Die "Antiautoritäre Bewegung Athen" erinnert in
ihrer Erklärung auf indymedia an die Räumungen im Juli 2016 in Thes-
saloníki im Anschluss an das antirassistische "No Border Camp". Die
"Anarchistische Föderation" erklärt, dass die Entwicklung für sie keine
Überraschung darstelle. "Radikalen Menschen ist und war die Rolle der
Sozialdemokratie, ihrer immer währenden Taktiken und Lügen, schon
seit Ewigkeiten bekannt."

Da Syriza weder in den Verhandlungen mit der Troika noch im Alltags-
leben der Griech*innen mit Erfolgen aufwarten kann, rangiert die Partei
in Umfragen gerade noch bei 16 %. Die Repression selbstverwalteter
Strukturen dient nun vor allem dazu, Handlungsfähigkeit gegenüber
dem Inneren Feind zu beweisen und sich für zukünftige Regierungs-
bündnisse zu empfehlen. Nur wenige Tage zuvor war es zu harten ver-
balen Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Opposition im
parlament gekommen. Der konservative Oppositionsführer Kon-
stantínos Mitsotákis hatte wiederholt die Entlassung des "Ministers für
Bürgerschutz" Níkos Tóskas gefordert, weil der seine Arbeit nicht gut
mache. "Wenn ich an die Regierung komme, werde ich in Exarchia auf-
räumen"", war in den griechischen Medien einer der meistzitierten Sät-
ze von Mitsotákis. Anarchist*innen und die von vielen Bewohner*innen
des zentralen Athener Stadtteils als Besatzungsmacht wahrgenommene
Polizei liefern sich im traditionel linksgerichteten Exárchia seit Jahr-
zehnten immer wieder heftige Straßenschlachten.

Tóskas selbst verteidigte im Radiosender "Praktorío 104,9" die polizeili-
chen Räumungen als "voll und ganz gerechtfertigt". "Das Gebäude in
Zográfou gehört der Gemeinde, die es als kulturellen Raum nutzen will.
Das zweite Gebäude gehört dem Roten Kreuz und soll für unbegleitete
Minderjährige genutzt werden." Für Flüchtlinge sei es im Übrigen "so-
wieso besser, in staatlich organisierten Räumen zu sein". Kein Wort
verlor Tóskas darüber, dass diese "staatlich organisierten Räume" in
Griechenland oftmals nicht vorhanden sind oder die Geflüchteten unter
absolut unmenschlichen Bedingungen in ihnen hausen müssen. Allein
in Athen leben ca. 4.000 Geflüchtete in besetzten, selbstverwalteten
Strukturen.

Die ehemaligen Besetzer*innen der Villa Zográfou wiesen darauf hin,
dass die geplante "öffentliche kulturelle Nutzung" der Villa und des
umliegenden Parks, in Wirklichkeit als staatliches Konservatorium nur
einem kleinen privilegiertem Teil der Bevölkerung zu Gute kommen
werde.
_________________________________________
A - I n f o s Informationsdienst
Von, Fr, und Ber Anarchisten
Send news reports to A-infos-de mailing list
A-infos-de@ainfos.ca
Subscribe/Unsubscribe http://ainfos.ca/mailman/listinfo/a-infos-de
Archive: http://www.ainfos.ca/de