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(de) FdA/IFA Gai Dao #75 - Zum Klassismus der (jungen) linken Radikalen - Von: kasi_mir

Date Sat, 25 Mar 2017 11:20:18 +0300


Dieser Text befasst sich mit dem Klassismus in der, vor allem jungen und internetaffinen, radikalen Linken und wie er sich im konkreten Umfeld der Schreibenden Bahn bricht. ---- Offensichtlicher Klassismus, die Abwertung von Menschen aufgrund "mangelnder" Bildung, ihren Schulabschlüssen oder ihrer ökonomischen und sonstigen sozialen Stellung, gehört häufig nicht mehr zum politischen Weltbild der radikalen Linken. Aber ebenso wie der offensichtliche Rassismus und Antisemitismus (und natürlich der Hetero-Sexismus gegenüber LGBTQI* und ähnliche oder andere Formen der Ausgrenzung) in der bürgerlichen Gesellschaft nur dem versteckten, heimlich oder codiert gepflegten, oftmals unbewussten Rassismus und Antisemitismus (s.o.) weicht, grassiert der Klassimus in der radikalen Linken, oftmals verortet in priviligierten Positionen (Bildungsbürgertum, Studierende), nach wie vor.

Wäre in den frühen Zeiten radikal linker (oder sich dafür haltenden)
Bewegungen Klassismus (zumindest öffentlich geäußert) schwer
denkbar gewesen, wird sich heute intensiv über die Dummheit der
Gesamtbevölkerung und die "rückständigen" Bewohner*innen
ländlicher Gebiete lustig gemacht.

Dies mag vor dem Hintergrund einer radikalen Gesellschaftsanalyse
und -kritik vielleicht erklärbar sein, verneint jedoch auch den
Anspruch, den diese Analyse und Kritik haben sollte: Die Emanzipation
und Befreiung der Gesellschaft beginnt beim Individuum und ist
dementsprechend ein individueller Prozess. Mit Aussagen wie oben
beschrieben spricht mensch jedoch pauschal
gewissen Gruppen der Gesellschaft
Reflektionsvermögen ab. Nicht jede*r hat
die Möglichkeit, im eigenen Umfeld mit
emanzipatorischem Gedankengut in
Kontakt zu treten, und häufig ist der
ökonomische Zwang, dem sich Menschen in
der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft
ausgesetzt sehen, so stark und allumfassend,
dass die Reflektion über und Analyse von
gesellschaftlichen Umständen völlig in den
Hintergrund rückt, zumal erklärtes Ziel
vieler ist, sich ein angenehmes Leben zu
ermöglichen, wenn dafür schon mindestens
40 Stunden die Woche gearbeitet werden
muss. Wie weiter oben angerissen sind
solche Äußerungen erklärbar und vor dem Hintergrund radikaler Kritik
am Bestehenden sicherlich häufig auch gespeist aus soziologischen
Analysen, die gewisse Bildungsgefälle nachzuweisen versucht. Diese
Bildungsgefälle sind aber Produkt eben jener Gesellschaft, die es in den
Augen der Kritiker*innen anzugreifen und umzustürzen gilt, und somit
sollte dieses Gefälle nicht nur analysiert, sondern versucht werden
aufzuheben. Dass dies schwer ist, soll hier nicht bestritten werden,
jedoch wäre es an der Zeit anzudenken, wie diese Bildungsgefälle
effektiv bekämpft werden, wie Menschen mit emanzipatorischem
Gedankengut in Kontakt gebracht und zur andauernden Beschäftigung
mit diesem gebracht werden können.

Noch schwerer als diese offene Formen von Verächtlichmachung wiegt
jedoch ein anderes Phänomen, das sich hauptsächlich aus
internetaffinen, linksradikalen Kontexten speist. Facebook-Seiten wie
"Nachdenkliche Sprüche mit Bilder" oder die Web-Serie "Haben wir
noch Pepps?" finden inzwischen große Verbreitung und Rezeption vor
allem in der jungen, linksradikalen Szene. Die Problematik liegt dabei
sowohl bei den verbreiteten Inhalten dieser Seiten und Projekte jedoch
auch in der Feststellung, dass diese Art von „Humor“ inzwischen
identitätsstiftendes Moment einer Szene wird, die schon ob ihrer
(teilweisen Selbst-)Definition ein ausgrenzendes Verhalten mit sich
bringt. Eine Szene kann niemals inklusorisch sein, wenn sie bestimmte
sprachliche und inhaltliche Codes
Kleidungsstile und Musikrichtungen nutzt
um daraus ein Gemeinschaftsgefühl
Zugehörigkeit und Erkennbarkeit zu
konstituieren. Die Analyse dieser
Problematik soll jedoch an anderer Stelle
vertieft werden, da sie hier den Rahmen
sprengen würde. Stattdessen soll hier auf
die Problematik mit dem „Humor"
angesprochener Internetprojekte
eingegangen werden. Die beiden oben
angesprochenen Akteur*innen der sozialen
Ausgrenzung machen sich vor allem ein
fehlerbehaftetes Sprach- und
Schreibverhalten zu eigen, dass inzwischen
immer weitere Kreise zieht.

"Haben wir noch Pepps?" erklärt dies aus dem (nicht explizit gezeigten)
Drogenkonsum der Protagonisten, also den Folgen gesellschaftlichen
Zwangs, der Menschen die Notwendigkeit suggeriert, den permanenten
Rausch der Ausbeutung mit noch stärkeren Rauscherfahrungen
übertönen zu müssen, und den daraus folgenden körperlichen und
intelektuellen "Beeinträchtigungen". Hier stellt sich jedoch die Frage,
inwiefern diese Darstellungen der satirischen Aufarbeitung dieses
Zusammenhangs dienen soll, oder einfach nur dem "humoristischen
Mehrwert". Sollte letzteres der Fall sein, so ist es nicht mehr als die
Herabwürdigung von Menschen, die den oben beschriebenen
Umständen Tag für Tag ausgesetzt sind und häufig nicht aus
ihrer Haut können, obwohl sie sicherlich auch oft ein Leben
z.B. in der Amphetaminsucht für nicht wünschenswert
erachten. Dies soll natürlich nicht bedeuten, dass jede*r,
der*die die Substanzen konsumiert, zwangsläufig sich so
äußert und gibt wie der Protagonist der Web-Serie. Allerdings
sind nach Ansicht der Schreibenden alle, gerade jedoch
extreme Suchtverhalten und -problematiken eng mit den
gesamtgesellschaftlichen Zwängen beziehungsweise der
imaginierten Flucht vor diesen verwoben und nicht
unabhängig davon zu betrachten.

Gerade jedoch "Nachdenkliche Sprüche mit Bilder" stellt
puren Bildungschauvinismus dar. Auf Aufnahmen, die oft
beruhigende Landschaften zeigen, werden Sprüche voll von
syntaktischen und semantischen Fehlern gepostet, die inhaltlich
angelehnt sind an verschiedenste, häufig in der Gesamtgesellschaft
rezipierten motivierende oder zum Nachdenken anregende Sprüche.
Diese sind natürlich inhaltlich zumeist nicht tragbar und reproduzieren
und manifestieren das Bestehende (zB. in ihrem Bezug auf Fleiß, Glück
und ähnliches, aber auch im Bezug auf patriarchale
Beziehungsstrukturen), aber auch hier ist die Frage offen, was hier
satirisch aufgearbeitet werden soll: Der nicht wahrgenommene
politische Kontext der ernst gemeinten Sprüche oder die "Dummheit"
der Menschen, die solche Sprüche verbreiten und Zuflucht in ihnen
finden.

Auch hier würde es gelten, die Umstände satirisch aufzuarbeiten, die
erst dazu führen, dass Fleiß, "Glück", ergo Erfüllung durch materiellen
Besitz, oder patriarchale Beziehungsstrukturen (die auch zum
wahrgenommenen Glück beitragen) Fluchtpunkte für Menschen
werden, obwowhl doch was sie zumeist zur Flucht bewegt die
Umstände sind, die sie mit ihren Fluchtzielen nur weiter verfestigen,
und nicht Menschen abzuwerten, die sich zu solchem Verhalten
gezwungen sehen. Abseits der genannten Internetphänomene ist jedoch
die größere Problematik zu suchen: Die Einarbeitung eben jener
Sprache in den eigenen Sprachgebrauch, oft um ironische Darstellungen
von eigentlich nicht angebrachten Denkmustern kenntlich zu machen.
Hier offenbart sich dann auch, was diese Phänomene eigentlich sind:
Nicht das Angreifen gesellschaftlicher Zustände, sondern das lustig
machen über und verächtlich machen von Menschen, die qua ihrer
Sozialisation nicht mit den gleichen Gedanken und Konzepten in
Kontakt getreten sind, die in der weiter oben beschriebenen Szene als
"klug", "intelligent" und "richtig" gelten. Diese Sprache und ihre
Verwendung soll so zeigen: "Ich kann das sagen, weil ich kenntlich
mache, dass nur dumme Menschen so etwas sagen würden".

Es ist bemerkenswert, wie oft beschriebene Sprachcodes genau dann
hergenommen werden, wenn Dinge gesagt werden, die einer
linksradikalen Position diametral entgegenstehen oder den
persönlichen, politischen Ansichten der*des Sprechenden
zuwiderlaufen. Wie versucht weiter oben kenntlich zu machen,
entspringen diese Sprachcodes aus klassistischen,
bildungschauvinistischen Kontexten, und somit ist vielleicht die
beschriebene Bedeutung solcher Sprachcodes nicht intendiert,
zumindest jedoch unbewusst mitgedacht und auch nicht loszulösen von
ihren Ursprüngen.

Dieses Übernehmen von Sprachcodes wird so, zusammen mit weiter
oben beschriebenen Äußerungen, rein dazu gebraucht diese Menschen
verächtlich zu machen, sich selbst und allen Zuhörenden noch einmal
bewusst zu machen, dass mensch selbst nicht zu dieser Masse
unprivilegierter Menschen ohne Zugang zu Bildung gehört. Zu dieser
Masse zu gehören sei unwünschenswert, denn die Bildung ist wie
selbstverständlich zum höchsten Gut einer Bewegung erkoren, deren
Ziel irgendwann einmal ökonomische und soziale Gerechtigkeit war.
Was zum Beispiel an Jan Böhmermanns Satire "POLIZ1STENSOHN"
noch kritisiert wurde, die fehlende Reflektion eigener Privilegien und
die damit einhergehende Reproduktion von rassistischen und sozialen
Klischees, reproduzieren nun eben jene Kritiker*innen, die zumeist in
der selben weiß-bürgerlichen Mittelschicht sozialisiert wurden wie
Böhmermann.

Wie also können sich als emanzipatorisch
verstehende Menschen solcherart
Verhalten an den Tag legen? Inwiefern ist
diese Art von ausgrenzendem Humor
unterschieden von anderen Formen der
Ausgrenzung, dass er gerade in
linksradikalen Kontexten als legitim
wahrgenommen wird? Dabei ist noch gar
nicht darauf eingegangen worden, wie
schwer für einige Menschen der Zugang
zu intensiver politischer Debatte ist, da
gewisse Konzepte und Denkansätze als
selbstverständliches Wissen vorausgesetzt
werden; zudem fehlt, wie weiter oben
schon einmal angerissen, der Zugang zu politischen Debatten und auch
die Beschäftigung mit Denkansätzen und Konzepten ist durch mehrere
Faktoren (ökonomische Umstände, soziales Umfeld) erschwert.

Um den Zugang zu politischen
Kontexten nicht abseits schon
bestehender struktureller
Hemmschwellen und Schwierigkeiten
noch weiter zu erschweren, ist es nicht
nur nötig, eine Debatte über die
Zugänglichkeit politischer Texte und
Theorien zu führen - was an anderer
Stelle passieren soll und kann - sondern
auch eine ständige Reflektion eigenen,
alltäglichen Verhaltens in
gesellschaftlichen Kontexten, da auch in
diesem Ausgrenzungsmechanismen
abseits "gängiger" Rassismen oder
Sexismen durchaus vorkommen und
schädliche Wirkung entfalten.
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