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(de) FdA-IFA, Gai Dào Nr. 74 - Anarchafeminismus Auf den Spuren einer Utopie -- Eine Leseempfehlung Von: Benjamin

Date Sat, 25 Feb 2017 11:50:27 +0200


Das im Jahr 2000 im wundervollen Unrast-Verlag erschienene Buch "Anarchafeminismus - Auf den Spuren einer Utopie" stellt eine wirklich gelungene und spannende Einführung in den Anarchafeminismus dar. Durch diese Rezension möchte ich jeder*m Anarchist*in und jeder*m Feminist*in das Werk wärmstens ans Herz legen! Dieser Text sollte daher nicht als gewöhnliche Buchkritik, sondern vielmehr als eine Leseempfehlung gelesen werden. Die Politologin, Soziologin und Autorin Silke Lohschelder geht in ihrem Buch den Ursprüngen der Bewegung auf den Grund und zeichnet anhand der Lebensgeschichten und Werke berühmter Anarchafeministinnen wie Louise Michel, Emma Goldman und Vera Figner den historischen Zusammenhang zwischen Anarchismus und Feminismus nach. Ergänzt wird die Arbeit Lohschelders durch Texte der Soziologin und Lektorin Inés Gutschmidt und der Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Liane M. Dubowy.

Das Buch ist sehr verständlich geschrieben und vermittelt durch seinen
klaren Aufbau und die kurzen Kapitel der*dem interessierten Leser*in
einen genauen Überblick über die historischen Rahmenbedingungen
und die konkreten Ereignisse, Lebensgeschichten und Kämpfe in denen
die anarchafeministische Perspektive deutlich wurde. Zunächst
beschreibt Lohschelder in der Einleitung die Ausgangsthese ihres
Buches: "daß der Anarchismus die sexistische Herrschaft ausblendet, er
also Sexismus als eigenen Unterdrückungsmechanismus nicht in seine
Analysen mit einbezogen hat." (1) Hierbei bezieht sich die Autorin vor
allem auf die "erste Generation" des theoretischen Anarchismus,
analysiert jedoch ebenso den möglichen strukturellen und konkreten
Sexismus innerhalb neuerer anarchistischer Strömungen. Es geht ihr
also auch darum durch ihre radikale Kritik die zahlreichen Versuche
und Kämpfe von Frauen* aufzuzeigen, welche sich dieser Repression
auch innerhalb anarchistischer (u.a. linker) Bewegungen seit jeher
widersetzten. So heisst es stellvertretend für alle Anarchisti*innen über
Louise Michel: "daß Anarchistinnen im Vergleich zu ihren männlichen
Genossen deutlich härter kämpfen müssen: zu ihrem Kampf gegen die
Herrschaft durch den Staat kommt der Kampf um Anerkennung
innerhalb der eigenen Strukturen"(2). Das Buch ist sehr übersichtlich in
drei große Kapitel geteilt, die jeweils einen Themenkomplex behandeln.
Im ersten Teil des Buches "Anarchistische Theorie,
Geschlechterverhältnis und Frauenrollen" geht es um die notwendige
kritische Aufarbeitung der ersten anarchistischen Theoretiker
Proudhon, Bakunin und Kropotkin aus feministischer Perspektive.
Schon hier wird die radikal anarchistische Praxis durch ihre Kritik an
den altbekannten "Großvätern des Anarchismus" deutlich. So kann bei
aller Liebe und Bewunderung ein "Personenkult" getrost umgangen
werden und solidarisch-kritisch den ersten anarchistischen Revoluzzern
auf Augenhöhe begegnet werden. So muss dann auch die
Zusammenfassung Lohschelders am Ende des ersten Teils anerkannt
werden, dass es leider eben keinem der "untersuchten anarchistischen
Denker" gelungen ist "in dem Punkt der Frauenrolle ähnlich
revolutionäre Gedanken zu vertreten wie in ihren anderen
theoretischen Positionen." (3)

Aus diesem Grund widmet sich die Autorin im zweiten Teil ihres
Buches mit dem Titel "Anarchistinnen" eben den libertären Frauen*,
denen es durch ihren radikal verstandenen Anarchismus gelungen ist
einen inklusiveren und eben auch eigenen Kampf gegen Herrschaft zu
begründen. Hierfür stellt sie die Lebensgeschichten, der wirklich
bewunderswerten Louise Michel, Emma Goldman und Vera Figner vor.
Jeweils auf wenigen Seiten genaustens zusammengefasst, wird hier die
emanzipatorische Stärke der jeweiligen Anarchafemistin deutlich und
das persönliche Zusammenwirken der anarchistischen und der
feministischen Ideale klar dargestellt. Besonders anhand der Biografie
Emma Goldmans zeigt sich jedoch außerdem ein Dilemma, welches
heutzutage als "Intersektionalität" verstanden wird und eben mehrere
sich überschneidene Repressionsformen bezeichnet wie bspw.
Rassismus, Klassimus und Sexismus4. Bezogen auf Goldman und
andere Anarchafeminist*innen heißt es dementsprechend: "Die
anarchistischen Genossen, mit denen sie die Utopie einer befreiten
Gesellschaft teilte, erwiesen sich als Gegner in ihrem Kampf für die
Anerkennung und die Befreiung der Frauen. Ihre anarchistische
Überzeugung machte sie jedoch gleichzeitig zur Gegnerin der[Anm.:
bürgerlichen]Frauenbewegung, so daß ihr auch der Rückhalt von
Frauenseite fehlte." (5) Ebenfalls im zweiten Teil des Buches gehen die
Autor*innen auf den Kampf der Frauen* innerhalb anderer
anarchistischer Bewegungen ein, so zum Beispiel auf die berühmten
"Mujeres Libres (Freie Frauen)", die in Spanien sowohl den (auch
bewaffneten) Kampf gegen den Faschismus als auch den Machismus
aufnahmen. Ebenfalls wird die bisher auch in anarchistischen
Einführungswerken eher wenig beachtete Bewegung der
anarchistischen Frauen* in Italien beleuchtet. Und auch der Text über
den Anarchismus in Deutschland mit dem Untertitel "Nur eine
Männerbewegung?" zeigt besonders traurige Beispiele einiger
verwirrter Genossen auf, für die ein libertäres Leben in einer befreiten
Gesellschaft noch ganz im Marx'schen Sinne wohl erst nach der
"großen Umwälzung der Verhältnisse" möglich ist. So liest mensch mit
Freude, dass es dennoch genügend v.a. anarchosyndikalistische
Frauen*initiativen und den Syndikalistischen Frauenbund gab, welche
internen Verzerrungen eine konkrete, wahrhaftigere anarchistische
Alternative entgegensetzten.

Ganz besonders motivierend liest sich, der sich an die historischen
Analysen anschliessende dritte Teil des Buches unter dem Titel:
"Anarchafeminismus". Hier wird auf die nochmals vorgestellten
Ursprünge der feministischen Theorie eine anarchistische
Radikalisierung bzw. Ergänzung vorgenommen und somit dem Namen
der Strömung dessen politische Bedeutung verliehen. Im Namen der
Emanzipation der Frauen* wird sozusagen der Anarchismus ergänzt
bzw. entzerrt und gleichzeitig im Namen der Emanzipation aller
Menschen die feministische Theorie um die anarchistische
Herrschaftskritik ergänzt. Außerdem tauchen Themen und Konzepte
auf, mit deren Beschäftigung sich wahrscheinlich ganze Bücher füllen
ließen wie bspw. die Freie Liebe, der Ökofeminismus oder der Schwarze
Feminismus, dessen besondere Perspektive und dessen Kampf im Sinne
der Intersektionalität eine mehr als notwendige Ergänzung darstellt. An
dieser Stelle könnte von neuen Autor*innen sicherlich konstruktiv
angeschlossen und ergänzt werden. Eine Auseinandersetzung des
Anarchafeminismus mit LGBTQ+Perspektiven und Perspektiven von
People of Color innerhalb des Anarchismus und Feminismus würde
sich hier als mehr als sinnvoll erweisen. Denn schließlich sollte im
gemeinsamen Kampf um die befreite Gesellschaft keine Perspektive der
durch Repression betroffenen Personen ignoriert sondern eben
miteinbezogen, anerkannt und respektiert werden. Sehr erbaulich liest
sich dann auch das abschließende Fazit des Buches indem Lohschelder
schreibt: "Meiner Meinung nach ist der Anarchismus Bakunins und
Kropotkins geeignet, das Gerüst für eine feministische Utopie zu bilden.
Eine Einordnung feministischer Theorie in einen weiter gefaßten
politischen Zusammenhang ist sogar notwendig." (6) und "Die
feministische Erweiterung des Anarchismus darf sich aber nicht in der
Theorie erschöpfen. Eine anarchafeministische Praxis (vergleichbar der,
wie sie Michel, Goldman und die Mujeres Libres in ihren
Zusammenhängen vorgelebt haben), setzt sich notwendigerweise von
der anarchistischen Revolutionstheorie ab. Denn obwohl die Befreiung
der Frauen einer grundlegenden Neustrukturierung gesellschaftlicher
Zusammenhänge bedarf, darf patriachale Herrschaft nicht solange
hingenommen werden, bis sich die strukturellen Ursachen dafür durch
eine Revolution verändert haben. Ein konsequent verstandener
Anarchismus muß diese Anaylse in seine Praxis integrieren." (7)

In diesem Sinne: Gegen Herrschaft und Sexismus! Für feministischen
Anarchismus und anarchistischen Feminismus!


Anarchafeminismus - Aufden Spuren einer Utopie
Sike Lohschelder, Inés Gutschmidt, Liane M. Dubowy
Erste Auflage, September 2000
UNRAST - Verlag. Münster
www.unrast-verlag.de

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1 S.11, Z.31-3330

2 S.47, Z.1-4; 3 S.35, Z.31-33; 4 Vgl. Angela Davis, "Race, Class and Gender"; 5 S.96, Z.25-29; 6 S.170, Z.27-30; 7 S.171, Z.13-22
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