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(de) FdA-IFA, Gai Dào Nr. 74 - Ein revolutioniertes Verständnis der Revolution Von: Benjamin (Gaidao), Jan, Sabine, Erik (Initiative)

Date Fri, 24 Feb 2017 09:17:28 +0200


Ein Interview mit der Gustav-Landauer-Denkmalinitiative (Berlin) ---- Hallo zusammen! Zunächst mal eine Frage direkt zu eurem Projekt: ---- Seit wann gibt es die Initiative und was hat euch zu ihrer Gründung bewegt? ---- Jan: Es gibt die Initiative seit dem 17. Januar 2015, also fast genau zwei Jahre. Für den Nachmittag hatten Erik und ich zu einem Gründungstreffen in der "Bibliothek der Freien" in Berlin eingeladen. Schon im November des Vorjahres hatten wir eine Einladung vor allem an anarchistische Kreise und Teile der Landauer-Forschung verschickt. ---- Erik: Wir haben die Einladung jedenfalls ziemlich breit gestreut, auch an Leute aus Zusammenhängen der solidarischen Ökonomie. Blätter wie die GWR, DA, contraste und natürlich die Gai Dào haben sie erhalten.

Jan: Das hatte immerhin den Effekt,
dass die Wittener WAZ schon vor
unserer offiziellen Gründung von uns
wusste und das Vorhaben anlässlich
ihrer Berichterstattung über eine
Tagung in der "Landauer-Bibliothek" in
Witten beiläufig erwähnt. In der
Gründungsrunde waren wir dann zu
siebend und seit diesem Zeitpunkt gibt
es uns offiziell. Aber zum zweiten Teil
Deiner Frage: Was hat uns zur
Gründung bewogen? Da kommen ein
paar Dinge zusammen. Es war wohl vor
allem - und da spreche ich für mich,
aber ich glaube, dass wir diese
Einschätzung teilen - die besondere
historische Konstellation: also einerseits
der 100. Jahrestag der Ermordung
Landauers, andererseits die allgemeinere gesellschaftliche Lage einer
gefühlten Ausweglosigkeit, die nicht zufällig auch der zunehmenden
Bedeutung Landauers - überhaupt des Anarchismus - in der Forschung
und einer gewissen Offenheit für ungewöhnliche Vorschläge
korrespondiert.

Was könnten denn Gründe für diese gefühlte Ausweglosigkeit Vergleich zu anderen
sein?

Jan: Naja, der autoritäre und zentralistische Sozialismus ist
grundsätzlich, und sehr zurecht, diskreditiert. Alle wissen das, auch
wenn manche sich noch nostalgisch dagegen sträuben. Das ist objektiv
nur noch Kitsch. Man wird sehen, wie sich das im "Revolutionsjahr"
ausspielt, ob etwa die im Frühjahr 1918 einsetzenden Massaker an
Anarchist*innen abgespalten werden. Ist man dazu in der Lage, auch
noch sein Revolutionsverständnis zu revolutionieren? Oder wird es nur
die absehbare Aufarbeitungsolympiade geben, aus der alle ihren
partikularen Profit schlagen wollen?

Sabine: Gerade da, beim Revolu-
tionsverständnis, hat uns Landauer
einiges zu sagen. Ich denke, es geht
ihm nicht um Tumult oder um eine
Revolution als plötzliches und ein-
maliges Ereignis, oder um Zerstörung
- und wenn doch, dann wohl eher als
Ausdruck des Unmutes über die
Unterdrückung an sich. Es geht um
langfristige Emanzipation.

Jan: Es gibt also kein Zurück zum
Kasernen-Sozialismus. Zugleich wird
immer mehr Menschen klar, dass die
gegenwärtig dominanten Formen der
Vergesellschaftung komplett gegen die
Wand gehen, auch wenn sie nicht so
genau wissen, was diese Formen
eigentlich sind und wie sie funk-
tionieren. Die Unsicherheit, ja die
Angst, zu der das heute führt, ist eine
wesentliche Bedingung dafür, dass
rechte, autoritäre und nationalistische
Tendenzen Raum greifen können. Eine
andere Bedingung - oder eigentlich ist
es dieselbe - ist die Abwesenheit des
freiheitlichen Sozialismus als relevante gesellschaftliche Kraft, als eine
wirkliche existenzielle Alternative. Das Denkmal für Landauer soll
helfen, ihn wieder stärker in die Diskussion zu bringen, auch über die
eigene Szene hinaus. Es gibt keinen Grund, bescheiden zu sein.

Was würdet ihr sagen, war das Besondere an Gustav Landauer im
Anarchist*innen seiner Zeit?

Sabine: Besonders war die Vielzahl seiner Aktivitäten: Er war als Autor
und Publizist, Dramaturg und Übersetzer tätig. Er hat die Zeitung "Der
Sozialist" mit herausgegeben und zahllose Artikel zum aktuellen
politischen Geschehen publiziert. In der Münchner Räterepublik war er
dann noch für kurze Zeit "Volksbeauftragter für Volksaufklärung", eine
Art provisorischer Kultusminister. Ein ambitioniertes Aktionsprogramm
aus dieser Zeit ist überliefert, das die Einrichtung eines Museums für
moderne Kunst und die Förderung von Künstler*innen durch staatliche
Ankäufe ebenso vorsah wie die Abschaffung der Prügelstrafe an den
Schulen und die Beteiligung der Schüler*innen in einem Schulrat. Auch
das Zölibat für Lehrer*innen (1) sollte aufgehoben werden, und es sollte
eine Einheitsschule bis zum 13. Lebensjahr geben.

Erik: Sein energisches
Eintreten für die Räte-
republik, das zu seiner
Ermordung führte, ist un-
vergessen. Aber er gehörte
auch zu den wenigen, die
tatkräftig den herauf-
ziehenden ersten Weltkrieg
verhindern wollten. Hierfür
hat er die Arbeiter*innen
zur Planung eines Massen-
streiks aufgerufen. Leider
wurden fast alle Flugblätter
und Broschüren von der
Polizei eingezogen.

Sabine: So wie ich Lan-
dauer verstehe, ging es ihm
um die Befreiung aus der
Knechtschaft durch eine
echte Verbindung zwischen
den Menschen, durch eine
Verbindung, die aus einem
gemeinsamen Geist kommt.

Ein gemeinsamer Geist,
den die Menschen zugleich eigenständig miteinander entwickeln, um so
ihre Fähigkeiten und ihre Wirkmacht zu steigern. Es geht ihm nicht
darum, den Menschen eine Formel zu predigen, auch keine Formel der
Revolution oder der Befreiung. Zuallererst geht es darum, festzustellen,
was die realen Verhältnisse sind. Auf welchem Grund befinden wir uns?
Was sind die vorhandenen Möglichkeiten zur Befreiung aus diesen
Verhältnissen? Wie kann man gemeinsam wirkmächtig werden?

Welches Selbstverständnis braucht es dazu? Wie entsteht dieses
Selbstverständnis? Welche Organisationsformen und Formate gibt es,
welche müssen, der Situation entsprechend, neu erfunden werden?

Erik: Neben seinen Schriften beeindruckt auch heute noch sein
unerschrockenes politisches Engagement, beispielsweise als Redner
gegen Menschenrechtsverletzungen.

Jan: Jedenfalls würden viele das heute so nennen. Das war ein
unglaublich beherztes und kraftvolles Engagement, unter großen
Entbehrungen. Der konnte gar nicht anders, aber ganz unmoralisch,
irgendwie aus Stolz und aus Liebe.

Erik: Die Probleme, mit denen wir es heute zu tun haben, haben sich ja
schon in Landauers Zeit entwickelt. Und er hat diese Probleme in einer
Weise analysiert, aus der wir viele Denkanstöße und Anregungen
gewinnen können. Zu seinen Themen gehörten die beginnende
Globalisierung, die Umweltzerstörung, alternative Lebensformen und
eine noch heute aktuelle Betrachtungsweise der Stellung der*des
Einzelnen zum Staat. Er ging hier von Beziehungen und
Verhaltensweisen aus, die uns gewissermaßen selbst zum Staat machen
und die es grundlegend zu verändern gilt, wenn wir nicht länger Staat
sein wollen. Die Aktualität Landauers lässt sich auch daran ablesen,
dass gegenwärtig seine Schriften wiederentdeckt werden und seine
Thesen in den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften ebenso breit
diskutiert werden wie in Aktivistengruppen, etwa vom "Unsichtbaren
Komitee" in Frankreich.

Jan: Landauer war ein philosophischer Autor und zugleich ein
brillianter Essayist. Diese Kombination ist schon besonders. Heiner
Koechlin sagte einmal, er sei der einzige Anarchist seiner Generation
gewesen, der überhaupt philosophisch dachte. Ich kenne keinen
anderen. Das heißt, er war auf begriffliche Präzision bedacht und hat
wirklich an seinen Begriffen gearbeitet. Auch wenn diese nicht offen zu
Tage lagen und Landauer mit der Sprache gewissermaßen, nun ja: Er
spielte mit der Sprache, mit den Bedeutungen, die er ihr entlocken
konnte, sogar mit ihrem Rhythmus, ihrem Klang. Wie die meisten
seiner Lehrer, wie Schopenhauer, Nietzsche, Mauthner, Fichte, wie
Goethe und die Romantiker, hasste er die "Philister", die
"Stubengelehrten" und "Traktätchenverfasser", die uns mit ihrem
Begriffsgeklapper langweilen und ermüden. Bei denen es um nichts
geht, als höchstens um ihre kleinen Angelegenheiten und den Erhalt
ihrer Pöstchen. Er wollte die Menschen - und zwar möglichst viele
Menschen - auch innerlich anrühren, sie bewegen und mitreißen. Das
Denken sollte zugleich eine leibliche Erfahrung sein und gar nicht vom
Leben zu trennen. Eigentlich ist es ja immer so. Auch Langeweile und
Ermüdung sind schließlich leibliche Zustände. Landauer hat sich
jedenfalls stets auch als Dichter und Schriftsteller verstanden. Zugleich
hat man zu recht immer wieder die systematische Strenge seines
Schreibens konstatiert. Es geht also nicht um hohles Wortgebimmel und
zufällig zusammengestoppelte, weihevolle Phrasen, sondern es werden
wirkliche Erkenntnisse transportiert. Eugene Lunn meinte einmal sehr
bestimmt, Landauer sei der wichtigste deutsche Anarchist seit Stirner
gewesen. Ich glaube, Lunn hat recht. Sein Einfluss auf Zeitgenossen wie
Mühsam, Rocker oder Souchy, noch auf Horst Stowasser, war sehr
bedeutend. Es ist auch diese Kombination von denkerischer Redlichkeit
und Poesie, die Landauer so besonders macht.

Welches Werk würdet ihr interessierten Leser*innen zum Einstieg
in die Philosophie Landauers empfehlen? Ihr selbst habt ja "Die
drei Flugblätter des sozialistischen Bundes" herausgegeben. Wird
es weitere Veröffentlichungen geben?
....................................................
Anm. d. Red.: Gemeint sind phänotypisch weiblich identifizierte Lehrer*innen; ein Zölibat für Lehrer gab es nicht.
......................................................
Erik: Aufgrund seiner prekären Lebenssituation konnte Landauer kaum
längere Abhandlungen schreiben und viele seiner Überlegungen sind in
Artikeln verstreut, die er für unterschiedliche, auch bürgerliche
Zeitungen schrieb. Das meiste erschien im "Sozialist", der wichtigsten
anarchistischen Zeitung des Kaiserreichs. Die von Siegbert Wolf im AV-
Verlag herausgegebenen ausgewählten Schriften ermöglichen einen
hervorragenden Zugang, den es so noch gar nicht gegeben hat. Als
Einstieg empfiehlt sich der "Aufruf zum Sozialismus", den es, sehr
schön eingeleitet und kritisch ediert, nun auch in dieser Reihe gibt. Er
ist aber auch kostenlos im Netz verfügbar.

Sabine: "Beginnen - Aufsätze über Sozialismus". Da gibt es auch die
Flugblätter. In der neuen Edition ist das vor allem Band 3.1, also
"Antipolitik". Ich habe selbst allerdings erstmal mit einer Novelle
angefangen. In "Arnold Himmelheber" geht es unter anderem um Liebe
und Ehebruch. Sie ist ähnlich schwungvoll und dynamisch geschrieben
wie die "Kreuzersonate" von Tolstoi.

Jan: Die "Flugblätter" haben wir als Heft herausgegeben, um den
Leuten gleich bei unseren Veranstaltungen etwas zum Weiterlesen
anbieten zu können. Die waren ja auch damals als Einstieg gedacht. Es
gibt bereits eine weitere Broschüre: über den Anarchismus in der
historischen Luisenstadt in Berlin, also in Mitte und Kreuzberg bis 1933.
Erik hat da sehr viel recherchiert und aus den Polizeiarchiven gehoben.
Und ja, auf jeden Fall den "Aufruf zum Sozialismus".

Was sind das für Veranstaltungen, die Du erwähnst?

Jan: Vorträge und Diskussionen, Gedichtabende aus historischen
Blättern und vor allem anarchistische Stadtführungen in verschiedenen
Stadtteilen Berlins. Unsere erste Veranstaltung war auch ziemlich
spektakulär. Das war auf dem "Carnival of Subculture" im Mai 2015.
Wie der Zufall - in Form des Ordnungsamtes - es wollte, fand die
nämlich zeitgleich und direkt neben den berüchtigten "Bike Wars" statt.
Das hat uns etwas zusätzliches Laufpublikum beschert und ansonsten
eine dramatische musikalische Untermalung mit präpariertem
Schlagzeug und Trompeten. Ein Heidenlärm! Ich konnte kaum glauben,
wie Erik dennoch, äußerlich völlig unbeeindruckt, die Veranstaltung
durchgezogen hat. Wir hatten ein erstes Flugblatt dabei und sogar in
aller Eile Landauer-Lesezeichen im DIY-Stil gebastelt. (Lacht.)

Welcher Aspekt von Landauers Philosophie ist euch besonders
wichtig?

Erik: Das kann ich nur persönlich beantworten. Für Landauer ist die
Geschichte ein offener Prozess, bei dem es darauf ankommt, ob die
Menschen ein selbstbestimmtes, freies und lebendiges Dasein überhaupt
wollen. Um dieses Ziel zu erkämpfen, muss eine Gegenmacht zu den
herrschenden Verhältnissen aufgebaut werden, eine solidarische
Ökonomie. Zwischen den Aktiven ist die Übereinstimmung in der
Zielsetzung erforderlich, die Landauer "Geist" nennt. Ich interpretiere
dies als gemeinsame belastbare Grundhaltung, die Zwang sowie
Fremdbestimmung ablehnt und zugleich eine gemeinsame
Zukunftsperspektive formuliert. Um als Gruppe selbstbestimmt handeln
zu können, ist ein individueller Reifungsprozess jedes*r Einzelnen nötig,
den Landauer als "stille Revolution" bezeichnete. In ihr werden
Verhaltensweisen hinterfragt und abgelegt, die der Bildung einer freien
Gesellschaft entgegenstehen.

Jan: Ich glaube, die Rede von der "Gegenmacht" geht etwas am Kern
vorbei. Es gibt bei Landauer sehr deutlich ein Primat der Affirmation,
des Aufbaus usw., also nicht diese negative Fixierung, die gar nichts
wäre, wenn sie nicht etwas hätte, gegen das sie rebellieren könnte. Das
nimmt er von Nietzsche ebenso wie von Spinoza. Bei Stirner finden sich
ähnliche Tendenzen unter dem Begriff der "Empörung". Proudhon
bestätigt ihn darin dann nur noch; bei dem läuft es ähnlich. Der
Gedanke ist, dass wir den Sozialismus aufbauen, was auch dazu führt,
dass der Kapitalismus zusammenbricht, denn wir sind ja nun mit etwas
anderem beschäftigt und stecken da möglichst keine Energie mehr rein.
Es geht also zuerst um etwas Positives, um eine eigene Macht. Die ist
natürlich auch gegen die bestehenden Verhältnisse gerichtet, insofern
sie diese auflöst und den ganzen Krempel in einen neuen
Zusammenhang bringt. So ungefähr. Was aber in der Konsequenz nicht
heißt, dass Landauer nicht auch Hungerrevolten und Streiks
befürwortet und angefeuert hätte. Man kann das "Gegenmacht"
nennen, aber das Wort scheint mir ein Verständnis dessen, worum es
ihm geht, eher etwas zu erschweren.

Sabine: Mich interessieren seine Ideen über Siedlungsprojekte und
Kommunen. Landauer selbst war theoretisch sehr enthusiastisch über
Siedlungsprojekte und hat für kurze Zeit in einem Siedlungsprojekt
gelebt. Er war dann allerdings schnell enttäuscht und hat sich aus dem
Projekt herausgezogen. Wenn ich über die Potenziale einer Kommune
nachdenke, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, scheint es mir fast
die einzige Form, die verbindlich genug sein könnte, diesen
gemeinsamen Geist - im Sinne Landauers - zu entwickeln. Es braucht
meiner Meinung nach Orte, mindestens aber Kommunikationsräume
für die sich die Individuen verantwortlich fühlen, um Solidarität
verbindlich leben zu können.

Landauer schrieb ja selbst für mehrere anarchistische Zeitungen.
Was kann die anarchistische Szene bzw. eine anarchistische
Zeitschrift wie die GAIDAO heute von Landauer lernen?

Erik: Landauer hat sich nie in die "Szene" zurückgezogen, die zu seiner
Zeit stark durch den Vulgärmarxismus der Sozialdemokratie geprägt
war und in der die Klasse des Proletariats als dazu ausersehen galt, die
neue Gesellschaft herbeizuführen. Er hielt Vorträge vor allen
Bevölkerungsgruppen, stand mit vielen, ganz unterschiedlichen, sogar
konservativen Persönlichkeiten im Austausch. Er wirkte weit über die
damaligen anarchistischen Gruppen hinaus in die Gesellschaft hinein.
Auch die kurzlebige erste Räterepublik in München war kein rein
anarchistisches Projekt. Um heute wieder gehört zu werden, müssen
anarchistische - oder, besser gesagt, freiheitliche, selbstbestimmte linke
Positionen - in gesellschaftliche Debatten hineingetragen werden und
zwar auf allen Ebenen, auf denen die ablaufen.

Jan: Es gibt heute beide Tendenzen. Nicht mehr nur den letztlich
konservativen Rückzug in die Szene, sondern auch den Versuch,
auszubrechen. Ich denke, das ist der richtige Weg. Es geht schließlich
um Ausweitung. Wer sich nur im Vertrauten einigelt, hat schon verloren
und droht außerdem zu verkalken.

Sabine: Landauer hat sich jedenfalls niemals frustrieren lassen. Sein
Denken ist so ein fröhliches, fortschreitendes Denken. Das hat was ganz
helles und Fröhliches, trotz aller Schwierigkeiten. Dieser klare Blick auf
die Situation und der kämpferische, positive, befreiende Geist, mit dem
er sich den grausamen Verhältnissen entgegenstellt. Das ist heute
vielleicht noch aktueller als damals.

Jan: Als es 1909 um den Erscheinungszyklus des "dritten Sozialist" ging,
sagte Landauer, er wünsche sich "ein Blatt der Wirkung und eine
Macht", nicht nur ein "gutes Sektenblättchen". Aber ob klein oder groß,
monatlich oder wöchentlich: Er wollte, dass man mit der Zeitung
arbeitet, im Sinne der Diskussion und als Organ einer Bewegung. Ich
denke, das hat eine gewisse Aktualität. Leider fehlt dafür im
Anarchismus oft das Verständnis. Es gibt keine derartige Kultur und oft
trifft man auf ein seltsam unterkomplexes Verständnis von Praxis, wo
die öffentlich geführte Diskussion keine große Rolle spielt. Das war mal
anders. Landauer sah sein Schreiben und seine Arbeit als Redakteur
jedenfalls als eine eingreifende und gestaltende Praxis. Allerdings hatte
er oft auch Schwierigkeiten, genügend Beiträge einzuwerben. Dann hat
er übersetzt oder alte Texte wieder abgedruckt. Wenn die angeblich
Lebenden sich nicht herbeilassen wollen, sagte er einmal, mache er
eben die angeblich Toten zu seinen Mitarbeiter*innen. In Zeiten des
Internets müsste man im Einzelnen sehen, ob das sinnvoll ist. Aber es
könnte durchaus interessant sein, historische Artikel, die seitdem nicht
mehr erschienen sind, zu drucken und zu kommentieren.

Gibt es etwas bei Landauer, dass ihr fragwürdig bzw. diskussions-
würdig findet?

Sabine: Dafür habe ich noch zu wenig von ihm gelesen. Was mir - als
Feministin - in seinem literarischen Werk nicht gefallen hat, war sein
konservatives Frauenbild.

Erik: Wie bei allen Persönlichkeiten trifft man auch bei Landauer auf
Positionen, die man nicht teilt. Seine Ablehnung anderer als monogam
heterosexueller Beziehungen war zu seiner Zeit schon fragwürdig. Bei
seiner Sicht spielen sicher auch seine Gefängniserfahrungen eine Rolle,
denn Gefangene, die keine Familie im damaligen Sinne hatten, waren
hinter Gittern den Schikanen der Wärter in hohem Maße ausgesetzt,
zudem wurde die Versorgung bis hin zu den Mahlzeiten durch die
Ehefrauen geleistet, Bestechungen der Wärter inbegriffen. Immerhin
hat er seine ablehnende Haltung nach heftigen Diskussionen mit Erich
Mühsam später revidiert, war lernfähig.

Jan: Man hört oft, dass er ein religiöser Denker gewesen sei oder sich
vom Proletariat abgewendet hätte. Das ist irreführend und ziemlicher
Quatsch. Aber er hatte so ein Ideal der romantischen Zweierbeziehung
als Nukleus und Bildungselement der sozialistischen Gesellschaft. Da
gibt es sicher noch andere Möglichkeiten. Vielleicht war er in diesem
Punkt auch gegen Proudhon nicht ganz immun. Die Philosophin Eva
von Redecker nennt Landauer einen Feministen. Ich denke, das ist
äußerst gewagt, um es vorsichtig zu formulieren. In mancherlei
Hinsicht lässt sich das zwar sagen. Er war zum Beispiel entschieden
gegen den Ausschluss von Frauen aus intellektuellen Zirkeln. Aber was
macht man damit, dass er privatim eine weibliche Erziehung empfohlen
hat, die deutlich auf eine traditionelle Rollenverteilung hinausläuft?
Glücklicherweise geht es uns nicht darum, einen kritiklosen
Personenkult um Landauer aufzubauen. Es geht um das Viele, das
wegweisend ist, und zwar noch heute. Und es wäre nicht weniger ein
kritikloser Personenkult - lediglich mit umgekehrtem Vorzeichen -, ihn
wegen seiner Mängel in Gänze zu verwerfen und etwa zu meinen, man
hätte nichts mehr von ihm zu lernen.

Erik: Auch geht es der Denkmalinitiative nicht nur um Landauer; er
steht auch stellvertretend für die Wiedervergegenwärtigung freiheitlich
linker Positionen, die in Deutschland bis 1933 durchaus im Konzert der
politischen Debatten vernehmbar waren. Viele Impulse für eine freie
Gesellschaft verdanken wir den frühen anarchistischen Strömungen, die
weit über die explizit anarchistischen Gruppen hinaus wirksam waren.
Zu den Gravitationsfeldern des Anarchismus gehörten die Volks-
bühnenbewegung ("Kultur für wenig Geld"), die Volkshochschulen
("Bildung für Alle"), die Frauenemanzipation, die Gleichstellung von
Schwulen und Lesben, die Entwicklung alternativer Lebensformen, die
Freiheit von religiösem Wahn (Freidenkerbewegung), der
Antimilitarismus, die antiautoritäre Pädagogik bis hin zu Einflüssen auf
frühe moderne Strömungen in der Kunst (Naturalismus,
Expressionismus, Dadaismus). Das sind Positionen, die heute in vielen
Teilen der Gesellschaft angekommen sind. Daher ist der Anspruch
berechtigt, im öffentlichen Raum Erinnerungsmarken zu setzen. Man
darf aber nicht vergessen, dass der gesellschaftliche Wandel unter sehr
hohen Opfern erkämpft wurde. Um an sie zu erinnern und die
lebendige Kraft der Freiheit zu stärken, wollen wir einen Denkort in
Berlin schaffen.

Gibt es bereits Denkmäler, Gedenktafeln oder Straßen, die an
Landauer oder andere Anarchist*innen erinnern?

Erik: Sehr wenige im Vergleich zur historischen Leistung. Die Beiträge
der anarchistischen Bewegung wurden von anderen politischen
Strömungen seit 1933 aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.
Erinnerungsorte dienen immer dazu, Öffentlichkeit herzustellen und
das Wissen um historische Kämpfe zu tradieren. Die Erinnerungskultur
um Erich Mühsam ist eine der wenigen Ausnahmen, denn seine
Popularität als Dichter ließ sich nicht unterdrücken. An seinem
ehemaligen Wohnhaus in Charlottenburg, in dem er zwischen 1924 und
1928 lebte, gibt es eine sehr ansprechende Gedenktafel und in Britz, wo
von 1928 bis 1933 sein Wohnsitz war, einen Gedenkstein. In
Friedrichshain erinnert auch die Mühsamstraße an ihn, wie es in
erstaunlich vielen deutschen Städten Straßenbenennungen als Ehrungen
für Erich Mühsam gibt. Allerdings wurde er zeitbedingt von der SED
auch politisch vereinnahmt, beispielsweise als 1987 eine Kaserne und
eine Artilleriedivision der NVA in Rostock nach ihm benannt wurden,
ein geradezu grotesker Vorgang für einen eingefleischten
Antimilitaristen. Der wohl bedeutendste anarchistische deutsche
Schriftsteller nach Mühsam, Theodor Plievier, wurde im Berliner
Wedding geboren und am Ort seines Geburtshauses, in der
Wiesenstraße, befindet sich eine Gedenktafel. Zeitweise war sogar eine
Schule nach ihm benannt. Für Gustav Landauer gibt es in Berlin
lediglich eine Gedenktafel in Hermsdorf in der Schloßstraße 17. Dort
wohnte er zwischen 1902 und 1908. Seine Frau Hedwig Lachmann, eine
zu ihrer Zeit bekannte Dichterin und kongeniale Partnerin Landauers,
wird darauf nicht einmal erwähnt. Auf dem Friedhof der Sozialisten
wird er als Opfer aus der Zeit der Weimarer Republik namentlich
genannt. In der Berliner Innenstadt, in der er zwischen 1889 und 1917
wirkte, gibt es bis heute keinen Erinnerungsort. Aber gerade dort waren
die Redaktionen des "Sozialist" und die Säle, in denen er oft vor großem
Publikum sprach. Hierher gehört ein solcher Erinnerungsort!

Jan: In München gibt es eine Gedenkplatte für Landauer am
Fremdspracheninstitut in der Amalienstraße 36. Im Internet kursiert
aber eine falsche Adresse, die auf das Hauptgebäude der Universität
verweist.

Könntet ihr euch also vorstellen eure Erinnerungsarbeit auch auf
andere libertäre Personen auszuweiten?

Erik: Die Recherchen zu Landauer fördern das Wissen um zahlreiche
weitere Persönlichkeiten, die in der anarchistischen und anarcho-
syndikalistischen Bewegung eine wichtige Rolle gespielt haben. In
Berlin lebten und wirkten längere Zeit neben Gustav Landauer und
Erich Mühsam auch Max Stirner, John Henry Mackay, Milly und Rudolf
Rocker, zeitweise aber auch Emma Goldman und an der heutigen
Humboldt-Universität studierte einst Michael Bakunin. Noch
einigermaßen bekannt sind Augustin Souchy und Helmut Rüdiger
durch ihre Tätigkeit für die FAUD. Weitgehend vergessen ist heute Fritz
Kater, der langjährige Vorsitzende der Geschäftskommission der FAUD
und einer der Vorsitzenden des ersten internationalen syndikalistischen
Kongresses in London 1913. Ebenso erging es Berthold Cahn, der bis
1933 ein ungeheuer umfangreiches Bildungsprogramm in anarch-
istischen Stadtteilgruppen verwirklichte und 1938 von den Nazis
ermordet wurde. Auch Raphael Friedeberg kennt heute kaum jemand
mehr. Der hochgeschätzte Lungenfacharzt popularisierte den
Generalstreikgedanken in Deutschland und löste innerhalb der SPD
eine weitreichende Kontroverse aus. Er hatte wesentlichen Anteil
daran, dass dieses originär anarchistische Konzept des passiven
Widerstands zur erfolgreichen Niederschlagung des Kapp-Putsches
eingesetzt wurde. Sonst hätten die Nazis schon 1920 die Herrschaft
angetreten. Besonders verdient es Agnes Reinhold, dass an sie erinnert
wird, denn sie war eine der frühen Vorkämpferinnen für Frauenrechte,
die mutig gegen die schrecklichen Zustände im Frauenzuchthaus zu
Delitzsch auftrat und zu ihrer Zeit als "anarchistische Louise Michel"
geehrt wurde. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Mit unseren
Veranstaltungen und Publikationen versuchen wir, Kenntnisse über
Leben und Wirken dieser Menschen zu vermitteln. Erinnerungsarbeit
darf aber kein Selbstzweck sein. Es gilt in der Gegenwart den Diskurs
auf Freiheit und Selbstbestimmung auszurichten und wieder an das
anzuknüpfen, was ab 1933 zerstört wurde.

Habt ihr Kontakt zu anderen Landauer-Projekten bspw. nach
München?

Erik: Wir stehen in Kontakt mit vielen Initiativen und Gruppen,
darunter auch dem Projekt für die Errichtung des Denkmals in
München als Ersatz für die von den Nazis zerstörte Grabstele, die einst
aus Spendenmitteln realisiert wurde. Die gegenseitige Unterstützung
der Projekte ist uns sehr wichtig.

Jan: Projekte mit direktem Landauer-Bezug gibt es ja nicht sehr viele.
Die "Landauer-Bibliothek" in Witten, die ihren Raum letzten September
mit der Verdrängung des "Trotz Allem" leider verloren hat und derzeit
eingekistet ist, habe ich schon erwähnt. Der "Kulturhistorische Verein
Friedrichshagen", der sich immer wieder auch mit Landauer beschäftigt
und derzeit eine Ausstellung über Landauer in den Akten der
politischen Polizei zeigt, unterstützt die Initiative. Dann ist da noch ein
ziemlich brachliegender Landauer-Blog, der sich umnutzen und
reaktivieren ließe. Auch ist die Initiative ja selbst schon Teil eines noch
ambitionierteren Projektes, das über ihren zeitlichen Horizont
hinausgeht. Es gibt auch noch eine "Landauer-Lachmann-Gesellschaft",
allerdings bisher wohl vor allem ideell und nicht im Sinne einer
öffentlichen Wirksamkeit. Wir haben auch nicht gehört, dass in
Karlsruhe zum 150. Geburtstag schon etwas geplant wäre. Das sind
meist einfach Kapazitätsgrenzen. Vielleicht ändert sich das, wenn
Landauer noch bekannter wird und die bestehenden Projekte mehr
Aufmerksamkeit generieren können. Natürlich stehen wir auch mit der
Landauer-Forschung in Kontakt, vor allem mit dem anarchistischen
Teil, aber nicht nur.

Wie kann mensch euch denn am besten unterstützen bzw. mit euch
Kontakt aufnehmen?

Erik: Wir waren schon überrascht, dass unsere Stadtführungen,
Vorträge und Lesungen oft sehr gut besucht sind. Es gibt offenbar ein
großes Interesse an Inhalten und der Geschichte der anarchistischen
Bewegung in Deutschland. Aber alle Angebote, sowie die Planungen
und die Überzeugungsarbeit, die noch für den Denkort zu leisten ist,
werden gegenwärtig von einer kleinen Gruppe umgesetzt, die für
Unterstützung dankbar ist. Wir treffen uns derzeit in Berlin ca. alle vier
Wochen und freuen uns über neue Mitstreiter*innen! Ihr erreicht uns
per Mail über unsere Webseite. Dort findet ihr auch die nächsten
Veranstaltungen. Wenn die konkrete Errichtung des Denkortes ansteht,
wird es eine Spendenaktion geben, für die wir dann werben werden.
Übrigens können Gruppen, die an anarchistischer Geschichte
interessiert sind oder mehr über Gustav Landauer erfahren wollen, uns
für Vorträge anfragen, auch außerhalb Berlins.

Vielen lieben Dank für die interessanten Antworten und alles Beste
für die Initiative wünscht euch die GAIDAO-Redaktion!


Ein Artikel der Initiative ist bereits in Gai Dào Nr. 54 im
Juni 2015 erschienen, einer in der GWR ist im Erscheinen.
Weitere Infos: https://gustav-landauer.org
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