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(de) FdA-IFA, Gai Dào Nr. 74 - Breaking the waves: die liberalen Strömungen innerhalb des Anarchistischen Feminismus angreifen Von: Romina Akemi & Bree Busk / Übersetzung: madalton

Date Sun, 12 Feb 2017 12:33:00 +0200


Der folgende Beitrag von zwei Mitgliedern der "Black Rose Federation" stellt die jüngste Ausgabe von "Perspektiven auf anarchistische Theorie" dar, die wir dank des Instituts für Anarchistische Wissenschaft (i) neu veröffentlichen. Du kannst ihre Arbeit unterstützen, indem du dir dein eigenes Exemplar der Zeitschrift von AK Press (ii) erwirbst. Es enthält viele weitere Artikel rund um das Thema Anarchistischer Feminismus. ---- Die "Black Rose Anarchist Federation" schickte eine Delegation zur Teilnahme an AFem2014, einer internationalen, anarchistischen, feministischen Konferenz, die von einer Arbeitsgruppe in Großbritannien organisierter Anarchist*innen ins Leben gerufen worden ist. Die Ziele von AFem2014 waren Sexismus und andere Unterdrückungsformen innerhalb der anarchistischen Bewegung anzugreifen und einen "safer space" zu schaffen, um Gespräche zu individuellen und kollektiven Erfahrungen in Gang zu bringen.

Diese Erfahrungen könnten dann in organisierte Arbeit
umgesetzt werden. Die Konferenzarbeitsgruppe hatte die
Hoffnung, dass die durch dieses Ereignis erzeugte
Energie den Anarchististischen Feminismus als Ganzes
neu beleben könnte. Und diese Energie würde in einer
Reihe von Konferenzen mit globalen Auswirkungen
vervielfältigt. Aus dieser Perspektive war AFem2014
ein bedeutender, politischer Entwicklungsschritt, der
das Anwachsen des Anarchismus markiert und die
Notwendigkeit, dass die Theorie und Praxis von
Feminismus innerhalb des Anarchismus erhöht wird.
Allerdings verließ die Black Rose Delegation AFem2014 mit mehr
Fragen als Antworten - die brennendste davon lautet: "Was ist
Anarchistischer Feminismus?"

AFem2014 ließ die Zielsetzung vermissen, dass ihre Stärke erlaubt
gewesen wäre, verwirklicht zu werden. Es wurde vorausgesetzt, dass
das einfache Bestehen unter dem Patriarchat eine radikale Handlung
darstellt und dass diese gemeinsam geteilte Unterdrückungserfahrung
imstande sein würde für eine gemeinsam geteilte Überlieferung und
Perspektive als Vollmacht zu dienen. Während wir unser eigenes
Überleben und jenes unserer Gefährt*innen feiern, sind wir nicht
gewillt, uns damit zufrieden zu geben. Wenn wir dem Anarchistischen
Feminismus tatsächlich erlauben in unserer Identität verankert zu
bleiben anstatt in unserer Praxis, riskieren wir unvorbereitet erwischt
zu werden, wenn Herausforderungen aufkommen, die mehr als einen
oberflächlichen Ausgleich erfordern. Beispielsweise gab es während der
Konferenz verschiedene Anlässe, bei denen die safer-space-
Vereinbarung durch eine genaue Analyse bezüglich "race" und
Imperialismus gestärkt worden wäre; das Ergebnis war, dass eine weiße
Dreadlock-tragende Teilnehmende eine schnelle Ermahnung für
kulturelle Aneignung erhielt, aber ein komplizierter und leidvoller
Zwischenfall bezüglich eines*einer zum Schweigen gebrachten
Referenten*tin, der sich auf Erfahrungen geschlechtsspezifischer Gewalt
im Nahen Osten bezogen hat, ohne Auswirkung blieb. Als Mitglied
dieser Delegation nahmen wir an, dass der internationale Charakter der
Konferenz Teilnehmenden eine einzigartige Gelegenheit ermöglichen
würde, Organisierungsstrategien aus verschiedenen Teilen der
Welt zu vergleichen und mit neuen politischen Beziehungen
wieder nach Hause zurück zu kehren, welche die
Grundlage für zukünftige Koordinierung sein würde.
Unglücklicherweise war die Konferenz auf mehrere
Arten rückständig, welche diese Möglichkeiten
begrenzten. Das anschaulichste Beispiel stellte die
Schwerpunktsetzung der Konferenzarbeitsgruppe auf
exakte Konferenzbesuchsregeln und die safer-space-
Vereinbarung sowie dem gleichzeitigen Versäumnis
dieselbe Sorgfalt auf die Ausschreibung und Entwicklung
der Konferenzinhalte zu verwenden. Große Bedeutung
wurde darauf gelegt, dass die "richtigen" Leute teilnehmen
(diejenigen, die von genderspezifischer Unterdrückung direkt betroffen
sind) und dass die "richtige" Umgebung geschaffen wird, in welcher sie
sich treffen können (einer Umgebung, die von einer safer-space-
Vereinbarung zum Ausschluss unterdrückenden Verhaltens bestimmt
wird). Es gibt keine negativen Dinge an und für sich. Wir finden jedoch,
dass das übergroße Hauptaugenmerk darauf zu dem Ausschluss des
beabsichtigten Bewahrens des politischen Inhalts führte, die aus einer
Darbietung Anarchistischen Feminismuses, welcher gleichzeitig jede
und keine Politik miteinschloss.

Um auf die politische Krisen unserer Tage zu reagieren, muss der
Anarchistische Feminismus fähig sein, mit Wissen und Überzeugung zu
kommunizieren. Diejenigen unter uns, welche sich wünschen diese
politische Strömung voran zu bringen, müssen sich selbst innerhalb der
Geschichte ausfindig machen und auf die Lehren der Vergangenheit
aufbauen. Wir müssen neue Theorien entwickeln und sie im Kampf
erproben. Wir müssen Massenbewegungen aufbauen und darin von
innen heraus für den Anarchismus eintreten. Wir müssen Forderungen
stellen und mit den Worten des Anarchisten Errico Malatesta aus Italien
"alle möglichen Reformen übernehmen und erringen mit demselben
Geist, der jemanden besetztes Gebiet von Feindes Zugriff entreißt um
weiter fortzuschreiten." (1) Letztendlich müssen wir uns international
orientieren und uns in Solidarität mit unseren weltweiten
Gefährt*innen engagieren. Mittels dieser Mittel kann der Anarchistische
Feminismus eine besondere, politische Kraft werden, die imstande ist,
die schwierigen von Kapitalismus und Staat gesetzten
Herausforderungen, die vor uns liegen, anzugehen.

Laut Definition wird eine umfassende feministische Bewegung nicht
vollständig unsere Politik aus-
machen. Stattdessen wird sie als ein
Weg zum Herausfordern und
Voranbringen des Feminismus
dienen, wo sie gemacht worden ist:
Auf der Straße, bei uns Zuhause, an
unseren Arbeitsplätzen, in den
Medien und mittels unserer ver-
schachtelten und sich überlagernden
sozialen Netzwerken. Den Anarch-
istischen Feminismus aus unseren
kleinen kollektiven Räumlichkeiten
heraus in den sozialen Kampfplatz
zu drängen, meint, dass wir gewillt
sind für Bedeutung innerhalb der
Bewegungen der arbeitenden Klasse
zu kämpfen. Unsere politischen
Aktivitäten sind mehr als nur
nützliche Werkzeuge, um unsere
persönlichen Lebensumstände zu
bewältigen; sie stellen die Blau-
pausen dar für eine Welt, für die es wert ist zu kämpfen und zu sterben.
"Breaking the waves" ist ein Aufruf mit dem liberalen Feminismus zu
brechen und die Notwendigkeit anzuerkennen, unsere eigene
anarchistische, feministische Geschichtstradition zu rekonstruieren. Wir
verkünden gleichzeitig die Notwendigkeit für Anarchist*innen, die
Feminist*innen sind und Feminist*innen, die sich als Anarchist*innen
verstehen, zu diskutieren und zu erörtern, was Anarchistischer
Feminismus in der Praxis bedeutet und diese Definition
weiterzuentwickeln mittels erneuerter Kämpfe. Unser Ziel ist nicht
einen abgeschlossenen Leitfaden zu einem neuen anarchistischen
Feminismus bereitzustellen, sondern ein paar wenige Schritte über die
ungenauen Politikformen, die diese Zeit ausmachen, hinaus
voranzukommen. Wir ahnen, dass viele Leser*innen die Frustrationen
und Zielsetzungen dieses Beitrags teilen, aufgrund unserer eigenen
Erfahrungen und Gespräche mit Gefährt*innen, die sich ähnlich
eingeschränkt fühlen von einer anarchistischen Bewegung, der es an
bedeutender feministischer Praxis fehlt und einer feministischen
Bewegung, die erklärt, dass kollektive Kämpfe nur anfangen können,
nachdem wir uns selbst und all diejenigen, mit denen wir uns
organisieren würden, geläutert haben. Beim Ersteren werden unsere
politischen Aktivitäten mitsamt unseren Meinungen an den Rand
gedrängt. Beim Letzteren gibt es keinen Raum für Bildung, um an
Kämpfen teilzunehmen. Die Dringlichkeiten doppelter Militanz werden
verschärft, sobald unsere zwei politischen Räume um unsere Zeit und
Arbeitskraft konkurrieren. Wenn wir zu Gefährt*innen innerhalb
unserer eigenen Organisationen sprachen, bei AFem2014 und in all den
anderen unzähligen Zusammenhängen, in welchen wir uns gegenseitig
begegnen, gab es einen gemeinsamen, geäußerten roten Faden: Wir
verdienen etwas Besseres und wir sind bereit, dafür zu kämpfen. Wir
hoffen, dass dieser Artikel ein Faktor sein kann produktive,
anspruchsvolle Gespräche um die Fragen, die wir aufgeworfen haben,
zu erzeugen. Und wir sehnen uns danach, uns mit theoretischen
Beiträgen und Kritiken zu
beschäftigen, wenn sie erscheinen.

Anarchistischer Feminismus

Anarchistischer Feminismus ist ein
Begriff, dem eine klare Definition
fehlt. In der US-amerikanischen
anarchistischen Bewegung kommt
er so inkonsequent zum Einsatz,
dass es schwierig ist, seine Bedeu-
tung zu mehr zusammenzufassen als
"antipatriarchale Arbeit, die von
Anarchist*innen gemacht wird,
gewöhnlich von Frauen". In einer
Welt, in der unsere revolutionären
Bewegungen ergiebige, historische
Theorien und Kämpfe haben, um
davon zu schöpfen, glauben wir
nicht, dass solch eine Definition
ausreichend ist. Seit dem
Anarchistischen Feminismus eine Erzählung von ununterbrochenen
kollektiven Kämpfen fehlt, wirkt er als eine "bissigere" Form des
Feminismus, der am sichtbarsten ist, wenn das Patriarchat im Bereich
der zwischenmenschlichen Interaktion infrage gestellt wird und der
gemessen werden kann durch die Erfahrung des Individuums und
seiner*ihrer Fähigkeit bestimmte soziale Verhaltensweisen und
engstirnige Lebensstile zu bearbeiten. Diese Geschichtslosigkeit und der
Mangel an Genauigkeit hinderte Individuen und Organisationen nicht
daran, bedeutende politische Beiträge im Namen des anarchistischen
Feminismus zu leisten.

Quiet Rumors: An Anarcha-Feminist Reader (1978) (iii) markierte einen
wichtigen Schritt beim Verdeutlichen der anarchistischen,
feministischen Tradition. Indem eine breit gefächerte Auswahl an
Autor*innen zusammengebracht wurde und andauernd der Inhalt
mittels nachfolgenden Auflagen aktualisiert wurde, erfassten die
Herausgeber*innen die zersplitterten, oftmals einander wider-
sprechenden und gewachsenen Politikformen, die unter die Familie des
Anarchistischen Feminismus fallen. Eine Rezension von Red Sonja,
einem Mitglied der Northeastern Federation of Anarchist Communists
(NEFAC) merkte an, "wenn der Anarchismus 'unbestimmt' der sich
ausbreitende Körper des Denkens ist, welcher es ist, weil er sich auf
solche entgegengesetzte philosophische Wege wie schroffen
Individualismus auf der einen Seite und libertären Kommunismus auf
der anderen Seite erstreckt, dann umfasst der "Anarcha-Feminismus"
auch solch ein unüberschaubares politisches Terrain mit
verschwommenen Grenzen." (2) Bedauerlicherweise stehen viele der in
"Quiet Rumors" enthaltenen Aufsätze isoliert, weil ihnen ein
zusammenhängender Gedankengang fehlt, um von einer Idee zur
nächsten zu folgen. In der Einleitung zur dritten Auflage feiert die
Autor*in Roxanne Dunbar-Ortiz, dass weibliche, anarchistische
Heldinnen und Zustände wieder in den Mittelpunkt gerückt werden:
"Unsere Aufgabe als Anarcha-Feminist*innen kann nichts weniger sein,
als die Welt zu verändern und anzufangen, dass wir unsere heldenhafte
Vorgänger*innen aufsuchen müssen" (3). Und bisher es ist oftmals der
Fall, dass Anarchistischer Feminismus ausschließlich von diesen
weiblichen Revolutionär*innen beschrieben wird auf Kosten davon sie
im Zusammenhang der Organisationen und Bewegungen, in denen sie
agierten, zu verstehen.

Als Anarchistin, die ausführlich über die Unterdrückung der Frauen
gesprochen und geschrieben hat, ist Emma Goldman der erste (und
oftmals der einzige) Name, der einem einfällt, wenn man an
Anarchistischen Feminismus denkt. Sie war alles außer einer
Individualistin und sie als solche überzubewerten rückt sie historisch
ins falsche Licht. In den USA war sie bei den Industrial Workers of the
World (IWW) politisch aktiv und beteiligte sich am Kampf, die
Geburtenkontrolle zu legalisieren sowie in der Antikriegsbewegung
während des Ersten Weltkriegs. Goldman ist immer noch
wirkungsmächtig innerhalb des Anarchismus, aufgrund ihrer
bemerkenswerten Bedeutung innerhalb breiter Bewegungen und
historischer Ereignisse. Und es ist ein Fehler sie ausschließlich als
romantische Persönlichkeit zu betrachten, welche im Allgemeinen
falsch zitiert wird durch den Ausspruch: "Wenn ich nicht tanzen kann,
will ich nicht Teil eurer Revolution sein." Es gibt etliche
zeitgenössische Anarchist*innen, die neben Goldman bezüglich
ihres Bekanntheitsgrads stehen, wie beispielsweise Lucy Parsons
und Voltairine De Cleyre. Es kommt in Organisationen selten
vor, auf die Ebene der feministischen Berühmtheit
aufzusteigen, die von den zuvor genannten Individuen
erreicht worden ist, aber sogar bei Anarchist*innen, die
an den geschichtlichen Frauenkämpfen nicht
interessiert sind, kann darauf gezählt werden, dass
sie die "Mujeres Libres" kennen, eine Frauen-
organisation, die für Geschlechtergerechtigkeit
während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-
1939) gekämpft hat. Die Tendenz, unsere
politischen Aktivitäten als von aufge-
werteten Individuen veranschaulicht zu
betrachten, setzt uns der Gefahr vieler
Fallstricke aus. Erstens werden wir
gefördert, uns die politischen
Aktivitäten dieser Personen als
in der Zeit verhaftet vorzu-
stellen und eben nicht als Produkt lebenslänglichen experimentellen
Lernens. Indem wir uns an Personen binden und eben nicht an
bestimmte politische Theorien und Praxisformen, werden wir
gezwungen eine Möglichkeit zu finden ihre unausbleiblichen
Schwächen zu ignorieren oder sind gewillt sie vollständig als
unvollkommende Inkarnation eines Vorbilds zu verwerfen. In Wahrheit
ist in vielen Fällen das Geschlecht unserer Vorgänger*innen die am
wenigsten interessante Sache an ihnen. Wir werden ihnen besser
gerecht (und auch uns selbst), indem wir sie in ihren eigenen
historischen Kontext setzen und analysieren, wie sie die politischen
Herausforderungen ihrer Zeit angingen.

Anarchistische Feminist*innen verpassten politische Aktivitäten zu
entwickeln, die sich vom liberalen, sozialistischen/marxistischen oder
linksradikalen Feminismus abheben. Stattdessen lassen sie die
Ablehnung der sexistischen Kultur erkennen, die in vergangenen
Generationen politischer Arbeit angetroffen worden ist, ohne jemals
eine positive Vision zu verdeutlichen wie wir unsere Bewegungen
ausgestalten, oder welche Theorien und Taktiken am besten zu unseren
Zielen passen. Ohne eine revolutionäre Ideologie, die den Weg
beleuchtet hin zu den ständig zunehmenden Herausforderungen von
Staat und Kapitalismus, werden die Individuen in diesen Räumen mit
wenigen Wahlmöglichkeiten zurückgelassen, außer für immer in sich zu
gehen, das Bewusstsein zu bilden, aber für keinen höheren Zweck.
Dabei gibt es ein kollektives Verlangen innerhalb des Anarchismus, das
Patriarchat zu bekämpfen. Zu jeder Wende werden wir erfahren, dass
die Lösung eine individuelle ist. Aber an dieser Stelle stimmen wir
Anarchist*innen und aufstrebende Anarchistischen Feminist*innen
Carol Hanisch in ihrem bahnbrechenden Artikel "Das Persönliche ist
politisch" zu: "Es gibt gegenwärtig keine persönlichen Lösungen. Es gibt
einzig kollektive Aktionen für eine kollektive Lösung." (4)

Die Grenzen der Wellen-Theorie und des akademischen
Feminismus: Was stellt unsere historische und politische
Familie dar?

Akademische Feminist*innen teilten die
Geschichte der feministischen Bewe-
gungen in den USA in drei
fortschrittliche Wellen
ein. Bei der Ersten Welle
stand der Kampf für das Stimmrecht im frühen 20. Jahrhundert im
Mittelpunkt. Die Zweite Welle - bekannt als die Frauenbefreiungs-
bewegung - entwickelte sich in den 1960ern und 1970ern über den
Kampf für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbruch und die
erfolglose Forderung nach einer Gesetzesänderung im Gleichberechti-
gungsrecht. Schließlich wirkte die Dritte Welle weiter als Kritik der
weißen und heteronormativen Politikformen des Zweiten-Welle-
Diskurses. Die Dritte Welle verkörpert einen Wechsel von einer
bewegungsbasierten Politikform zu einer individuelleren Heran-
gehensweise. Weil ihr die Grundlage in einem bestimmten Kampf fehlt,
bestehen die Ideen und Praktiken dieser Welle ohne ein klares Ergebnis
weiter. Diese westliche Auffassung moderner feministischer Geschichte
wurde weitgehend nachvollzogen und akzeptiert. Dabei gibt es immer
noch eine große Menge Diskussionen um die exakte Beschaffenheit
jeder Welle und welche Auswirkungen sie auf die Feminismen heute
haben. Sogar jetzt gibt es ein Gerangel, um eine Vierte Welle zu
bestimmen in Bezug auf Frauenteilhabe in neu entstehenden
Technologien. Allerdings können wir als Anarchist*innen und
Feminist*innen, die innerhalb der revolutionären Tradition aktiv sind,
unser Erbe mittels individualistischer, liberaler oder akademischer
Ansätze des Feminismus nicht ausfindig machen.

Viele antikapitalistische, revolutionäre Frauen wurden bequemerweise
in akademischen Texten und Geschichten weggelassen. Gegen Ende des
19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sozialistische Frauen
wenige Verbindungen mit dem Feminismus der Ersten Welle aufgrund
seiner bürgerlichen Elemente und seines reformistischen Rahmens. In
Großbritannien, wo die Wahlrechtsbewegung eine größere Basis von
Menschen der arbeitenden Klasse aufwies und mehr militante Taktiken
benutzt worden sind, gab es mehr politisches Zusammenspiel (5). Die
universitären, feministischen Studiengänge erwägen selten kritische
Abhandlungen der Wahlrechtsbewegung, was faktisch die Aktivitäten
dieser revolutionären Frauen ausradiert. Stattdessen feiern sie die
Leistungen der Ersten Welle und fügen sie in die Erzählung des
historischen Fortschritts ein. Aber was bedeutet Fortschritt, wenn weiße
Wahlrechtsorganisierte sich weigern, schwarze Wahlrechts-
kämpfer*innen wie beispielsweise Ida B. Wells einzubeziehen? Die
Geschichte des Feminismus ist voll von diesen Widersprüchen, die für
wichtige Lernerfahrungen stehen. Wenn wir nach den Worten und
Taten forschen, von denen wir unsere Tradition ausarbeiten, werden
wir in beiden vertrauten und merkwürdigen Orten auf Verbundenheit
stoßen, einschließlich den Traditionen des marxistischen und liberalen
Feminismus. Das Errichten einer anarchistischen, feministischen,
geschichtlichen Tradition wird uns eine Plattform geben, um unsere
eigenen politischen Aktivitäten voranzubringen, unsere Arbeit in
Zusammenhang mit allem schon unternommenen zu verstehen und um
dann voranzukommen. Anarchistische Feminist*innen, die danach
streben ihre politische Tradition zu rekonstruieren, müssen vorsichtig
vorgehen und sogar mutig in unbekannte Gewässer aufbrechen. Wir
waren schon immer da, aber wir wurden nicht immer gesehen.

In "Schwarze Flamme: Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus
und Syndikalismus" stellen die Autoren fest: "Wir müssen ein gewisses
Unbehagen eingestehen gegenüber der Neigung vieler, Anarchist*innen
und Syndikalist*innen als "anarchistische Feminist*innen" oder
"Anarcha-Feminist*innen" zu bezeichnen." (6) Wir teilen ihr Unbehagen.
Diese Praxis reflektiert einen Trend, der unter Historiker*innen und
Aktivist*innen der Zweiten Welle aufgetaucht ist, die angefangen haben
nach Frauen in der Geschichte zu forschen. Einige begannen
rückwirkend starke und unabhängige Frauen aus der historischen
Vergangenheit als Feminist*innen zu benennen, indem sie ein
ahistorisches Verständnis des Feminismus verstärkten. Zusätzlich
scheiterten diese Autor*innen und Theoretiker*innen eine dialektische
Analyse des Feminismus zu bieten, der Bedeutung was sich über die
letzten hundert und mehr Jahre geändert hat. Während der
feministischen Bewegung der Zweiten Welle in den USA ereignete sich
ein politischer Wandel, als viele sozialistische Frauen die feministische
Ideologie der Epoche mit ihren antikapitalistischen und revolutionären
Ansichten durchdrangen. Während es eine handvoll sozialistischer und
anarchistischer Frauen gab, welche die feministische Bezeichnung im
späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verwendeten, tat dies die
übergroße Mehrheit nicht. Dies erfolgte deshalb, weil der Feminismus
als Bewegung entstand, welche die Bedürfnisse der bürgerlichen und
gehobenen Frauen der Mittelklasse vertrat, die denselben Zugang zu
bürgerlichen Rechten und beruflichen Möglichkeiten wie ihre
männlichen Gegenspieler verlangten.

Die Diskussion des rückwirkenden Nutzens und Missbrauchs des
Feminismus stellt kein belangloses Streitgespräch über Begrifflichkeiten
und Verbindungstrennungen dar, sondern eine Frage der politischen
Tragweite. Dies nicht zu tun, stellt erstens alle Feminismen als Teil
derselben Familie dar und stärkt "gender" gegenüber Klasse und
politischer Zugehörigkeit. Zweitens löscht es das gesamte politische
Erbe aus, besonders revolutionäre Traditionen, die außerhalb der Wellen
und manchmal gegen sie gearbeitet haben. Die Mehrheit der
sozialistischen und anarchistischen Frauen können der feministischen
Verbindungstrennung nicht entkommen, die jede*n an das Geschlecht
erinnert. Zusätzlich bestimmt diese Vorgehensweise - "Feminist*innen"
in der Geschichte zu finden - ein feministisches falsches Bewusstsein,
welches die Vorstellung verstärkt, dass ein paar Frauen über ihren
Feminismus "unwissend" seien, während Frauen, die außerhalb
erwarteter weiblicher Verhaltensweisen liegen, als "unschwesterlich"
oder "patriarchale Frauen" bezeichnet werden (7). Es gibt einige Frauen,
die das Patriarchat unterstützen, aber die übergroße Mehrheit muss
verhandeln und Kompromisse schließen, um innerhalb des Patriarchats
und der kapitalistischen Gesellschaft zu überleben. Indem verschiedene
Feminist*innen nicht in ihren historischen Kontext gesetzt werden,
wird zuletzt der ideologische Kern des Feminismus aufgeweicht und
aufgelöst bis zu dem Punkt, dass er aufhört eine Sammlung von
Theorien und Praktiken zu sein und stattdessen durch ein zeitloses,
jenseitiges Gefühl ersetzt wird, das sogar die likes von Hillary Clinton
auf sich ziehen kann. Es gibt eine zunehmende Notwendigkeit,
Feminismus als eine politische Ideologie wieder zu bekräftigen, um
erneut eine Bewegung aufzubauen, in der Ideen diskutiert werden und
radikale Theorien genauso wie Praxen aufblühen können.

La Alzada: Acción Feminista Libertaria (Chile)

Das Wort "alzada" ist die weibliche Form des spanischen Hauptwortes
für "Rebell", "Aufrührer" oder "Eskalierer". Der Begriff "Gebietsarbeit"
(territorial work) bezieht sich auf Gemeinde- und Wohnraumarbeit,
weil er einen geografischen Ort betont. Der Begriff "libertär" (libertaria)
wird in Lateinamerika und Spanien synonym zu "anarchistisch"
verwendet. Der Gebrauch des Wortes "militant" bezieht sich auf ein
Mitglied einer revolutionären Organisation, das ein erwartetes Niveau
politischer Aktivität erreicht. Anarchistische, "especifistische"
Organisationen, wie beispielsweise
die Anarchistische Föderation
Uruguay (FAU), treibt die Schaffung
spezieller (especifista), anarchistischer
Organisationen für politische Arbeit
voran und verwendet die Strategie
der sozialen Inklusion zur Teilhabe in
sozialen Bewegungen. "Soziale
Inklusion" bedeutet eine Grundlage
für anarchistische Ideen innerhalb
Gewerkschaften und anderen sozialen
Organisationen, indem sie horizon-
tale, politische Teilhabe betont. Der Begriff "Multisectoralismus"
(Multisektoralismus) ist ein Ausdruck der Linken in Chile - siehe
Endnote 20 für die Begriffserklärung.

Am 9. März 2013 verkündete eine Gruppe anarchistischer
Feminist*innen in Santiago, Chile die Gründung von "La Alzada". La
Alzada ist nicht die einzige libertäre, feministische Organisation in
Chile - weder vor noch nach ihrer Entstehung. Allerdings entschieden
wir uns La Alzada hervorzuheben, weil ihr organisatorisches Ziel der
Errichtung des libertären Feminismus mit unserer eigenen politischen
Vision verbunden ist. Es ist wichtig zur Kenntnis zu nehmen, dass der
Hintergrund der Gründung von La Alzada das Anwachsen und
Aufkommen einer anarchistischen Bewegung über zwei Jahrzehnte war.
Gleichzeitig wurden die Auswirkungen der feministischen und queeren
politischen Aktivitäten ebenfalls innerhalb der revolutionären Linken
verspürt. Organisationen wie beispielsweise "Coordinadora
Universitaria por la Disidencia Sexual (CUDS, Universitäre
Koordination sexueller Opposition) und "La Champurria" (dies
bedeutet: das Gebräu/die Mischung auf Mapudungung) spiegelt das
Erscheinen einer queeren, sozialen Bewegung sowie neue Diskurse über
Feminismus und Queersein wieder (8). Die Praktiken von La Alzada
geben drei wesentliche Elemente wieder, die wir hervorheben möchten:
Die Bedeutung soziale Bewegungen und soziale Wohnraumarbeit
anzugehen; ihre politischen Aktivitäten innerhalb der Linken zu
vergegenwärtigen und wirkungsmächtig zu machen; die Heraus-
arbeitung neuer Theorie.

Um La Alzadas Arbeit in den Zusammenhang zu stellen, ist es
notwendig die politische Bedeutung und den Stellenwert sexueller
Opposition zu erklären. Der Begriff "sexuelle Opposition" (sexual
dissidence) hat eine bestimmte Bedeutung und Herkunft innerhalb des
Feminismus, der queeren und sozialen Bewegungen in Chile. Sexuelle
Opposition ist eine Kritik des Patriarchats, Heteronormativität genauso
wie der LGBTQ-Bewegung (Lesben-, Schwule, Bi-, Trans-, Queer-) in
ihrem Bündnis mit dem Staat. Einige von dieser Bewegung hörten auf,
die Sozialisation der Gewalt zu hinterfragen und streben nach
Reformen wie z.B. Gleichstellung im Heirats- und Antidis-
kriminierungsrecht. (9) Der Begriff wirkt auch als ein Kontrapunkt zu
dem Konzept der sexuellen Vielfalt, der den Kampf für Bürgerrechte
und Inklusion innerhalb des kapitalistischen Staats betont, anstatt das
Vorhandensein des Patriarchats infrage zu stellen. Das bekannteste
"sexuelle Oppositionskollektiv" ist
CUDS, das ihre Arbeit so beschreibt:
"Es gibt hier keine Frauen, Männer
oder Schwule. Wir sind diejenigen,
welche die feministische Welle in
Santiago, Chile weggeworfen hat.
Offiziell sind wir ein postfeminis-
tisches, universitäres Kollektiv der
sexuellen Opposition, welches unsere
Körper organisiert, um sexuelle
Terroraktionen innerhalb Räume
sexuellen Autoritarismuses durchzu-
führen." (10) CUDS organisiert politische Interventionen, um Gespräche
zu entfachen, umstrittene Angelegenheiten zu erkunden und die
sozialen Parameter zu hinterfragen, die das Patriarchat normalisiert hat.
Im November 2012 organisierte CUDS eine Protestaktion beim
Nationalen Treffen Unterschiedlicher Feminist*innen, nachdem ein
CUDS-Mitglied an der Teilnahme behindert worden war, weil es "cis-
männlich" sei. (11) CUDS ging zur Tagung und hängte ein Transparent
draußen auf, auf dem stand "Feminismo en Toma" ("Feminism
Occupied"), um Aufmerksamkeit auf eine wachsende feministische
Bewegung zu lenken, die sowohl Männlichkeit als auch Transphobie
herauszufordern angestrebt hat und in der CUDS einen "Feminismus
ohne Frauen" beansprucht.(12) Am 25. Juli, beim Feministischen Marsch
2013, der die Legalisation von Schwangerschaftsabbruch forderte, lief
CUDS mit einem Transparent mit, auf dem stand: "El Derecho a No
Nacer" ("Das Recht, nicht geboren zu werden"). Sie spielten eine
berühmte Rolle während der Besetzung der nationalen Kathedrale in
der Innenstadt von Santiago. Andere Transparente beinhalteten:
"Sodomisiert das Heteropatriarchat mit eurer Klitoris" und "Treibt ab
wie Tiere". Die Bewegung der sexuellen Opposition führte ebenfalls
zum Anwachsen von "Transfeminismus" in Chile, indem sie eine
ähnliche Rolle bei der Politisierung von Trans-Engagement
übernommen hat, um innerhalb der feministischen Bewegung und
gegen das Patriarchat sich zu bilden und zu intervenieren.

La Alzadas entscheidende Abweichung von anderen feministischen
Gruppen liegt darin, dass sie eine sozial-politische Organisation sind, in
der die Mitgliedschaft ein vorgegebenes Niveau politischer Aktivität
erfodert (13). Alzada-Kämpfer*innen nehmen an Inklusionsarbeit mit
Frauen der arbeitenden Klasse teil und innerhalb der Studierenden-
bewegung. Sie bringen ihre eigenen politischen Interventionen in die
anarchistischen und feministischen Bewegungen ein. Die Mitgliedschaft

steht allen Personen offen und sie fördert die Inklusion sich als
männlich identifizierender Personen. Sie arbeiten eng mit den
Hausarbeitsgewerkschaften SINTRACAP und SINAICAP zusammen,
die geteilt sind in in Chile geborene (die Früheren) und im Ausland
geborene Mitglieder (die Späteren), welche meistens aus Peru und
Bolivien hinzustoßen. Sie organisieren gewerkschaftliche Arbeitstreffen,
wie beispielsweise das Lehren von mündlichen und körpersprachlichen
Ausdrucksformen um Vertrauen und politische Bildung für
Basismitglieder aufzubauen (14). Sie verwendeten das "Theater der
Unterdrückten" - eine interaktive Methode, um sozialen Wandel und
Kritik zu propagieren - als ein Werkzeug, um Unterdrückungs-
erfahrungen zu analysieren und kämpferische Pläne zu entwickeln (15).
Sie nahmen auch am Streik der Hafenarbeiter*innen im Januar 2014 teil,
der eine hauptsächlich männliche Basis aufwies. Sie erhielten Kritik von
einigen Feminist*innen für ihre Teilnahme, aber La Alzadas Antwort
lautete, dass es wichtig gewesen sei, bei einem Hauptarbeitskampf dabei
zu sein. Es ermöglicht ihnen, sich mit Arbeiter*innen zu engagieren und
ihre feministische Arbeit zu diskutieren und gleichzeitig Solidarität zu
zeigen (16). Sie sehen diese Art von Arbeit als Teil davon, eine
feministische Gewerkschaftbewegung aufzubauen, die gleichzeitig die
feministische, arbeitende und anarchistische Bewegung herausfordert.

Die Studierendenbewegung stellt eine weitere zentrale Stelle politischer
Aktivitäten dar. Vor der Spaltung innerhalb der FEL (Frente de
Estudiantes Libertario - Libertäre Studierendenfront), einer
anarchistischen Studierendenföderation, waren viele Alzada-Mitglieder
auch FEL-Kämpfer*innen. 2013 beschloss die FEL, eine Einheitsliste mit
anderen linken Studierendenföderationen für den Vorsitz der
Universitätsstudierendenföderation zu gründen, die CONFECH
(Confederatcion de Estudiante de Chile). Melissa Sepulveda, Mitglied
von La Alzada und ehemals FEL - sie beteiligt sich aktuell in der
"Acción Libertaria" - gewann den Vorsitz nach einer libertären und
feministischen Kampagne. Das Propagandamaterial beinhaltete die
Parole "Demokratisiert die Universität... De-maskulinisiert die Politik!".
Sepulveda nutzte ihre Stellung als Kopf von CONFECH um einen
multisektoralen Ansatz zu vertiefen (17). Multisektorale Politik schafft
Verbundenheit von Solidarität und Arbeit innerhalb der verschiedenen
Bereiche der politischen Aktivitäten (Arbeit, Gebiet, Bildung).
Sepulveda unterstütze die Forderung nach einer "Universidad No
Sexista (nicht-sexistischen Universität). Dieser Aufruf wurde
ursprünglich beim Treffen vom Netzwerk für Volksbildung unter Frauen
(REPM) 1981 verfasst (18). Mit Unterstützung verschiedener
feministischer und linker Organisationen fand der erste Kongress für
eine nicht-sexistische Bildung im September 2014 statt. Die
Kongressorganisierenden erstrebten den Beginn eines Dialogs und
entwickelten konkrete Vorschläge, um die Institutionalisierung von
geschlechtsspezifischer und sexueller Diskriminierung sowie
patriarchale Politik innerhalb des Bildungssystems zu konfrontieren
(19). Das Kongressprotokoll, welches den Diskussionsüberblick umfasst,
gibt die Themen und Forderungen wieder. Eine davon lautete ein
Bildungsprojekt aufzubauen, welches die im Bildungssystem
innewohnende sexistische und heteronormative Logik hinterfragt. Ihre
abschließende Forderung veranschaulicht ihr breites politisches
Bezugssystem: "Die Netzwerke innerhalb des Feminismuses zu stärken
und mit anderen sozialen Akteur*innen zu koordinieren (Arbeitende,
pobladores (20), indigene Menschen, etc.) und in allen Bereichen ein
Projekt freier Bildung darzulegen, welches qualitativ hochwertig, nicht
sexistisch, nicht religiös und interkulturell ist sowie im Dienste der
Menschen steht". (21)

Schließlich wird La Alzadas Arbeit durch ihren Einsatz gekennzeichnet,
politisch innerhalb der anarchistischen und revolutionär-linken
Bewegungen in Chile zu intervenieren. In einem 2013 geführten
Interview erklären La Alzada:

"Viele anarchistische und linke Organisationen mit revolutionären
Absichten versuchen Frauen wieder aufzuwerten, besonders Frauen der
arbeitenden Klasse als doppelt Ausgebeutete. Die meiste Zeit geht es
nicht über ein Flugblatt hinaus, welches keine konkrete Praxis schafft.
Von der Unterordnung der Frauen über die Kontrolle über unsere
Körper bis zur Kritik der Familie - solche Themen sind Teil der
Propaganda verschiedener Rundschreiben, Artikel und Berichte
innerhalb breiterer Kämpfe des Anarchismus. Allerdings wird dies
wenig bedeuten, falls wir unsere (politischen) Positionen nicht
vertiefen. Die Idee der "Emanzipation der Frau" wird abgestanden ohne
die Einbeziehung eines feministischen Rahmenkonzepts innerhalb
genau dieser Organisationen. Das Bestehen von La Alzada umreißt die
Notwendigkeit zweier Aufgaben: Auf der einen Seite tragen wir
Verantwortung innerhalb libertärer Räume und auf der anderen Seite
die Erfordernis, die Hände auszustrecken und Gebietsarbeit aus einem
geschlechtsspezifischen Blickwinkel innerhalb jener sozialen und
öffentlichen Räume zu leisten (22)."

Dieses Rahmenkonzept fordert gleichzeitig den feministischen
Separatismus und diejenigen heraus, die revolutionäre Feminist*innen
dafür kritisieren, dass sie ihre Zeit und Energie in den Aufbau
politischer Organisationen einsetzen. La Alzada gestalten ihre
Interventionen und die Entwicklung feministischer und anarchistischer
Praxis innerhalb anderer Bewegungen nach Bedarf ihres revolutionären
Einsatzes. Falls wir anarchistische Räume oder die arbeitende
Bewegung als "nicht lohnenswert" betrachten, warum uns dann
beunruhigen, wenn wir uns anarchistische Feminist*innen nennen?

Der Rückfall zu modernen feministischen politischen Aktivitäten

Die 1990er bedeuteten einen politischen Wechsel globaler Politik,
genauso wie hinsichtlich anarchistischer und feministischer
Organisierung. Der Zusammenbruch der Sowjetunion führte zu einer
massenhaften Desillusionierung von leninistischer Politik, aber es gab
ebenso einen Moment der politischen Wiederorganisierung zum
globalen Kapitalismus. Der Mangel eines Gegenspielers ermöglichte die
Ausweitung des neoliberalen Kurses, vorgeschlagen vom Washingtoner
Konsens (23). Der Konsens von Washington war eine Bezeichnung, die
1989 in einem Schriftstück von John Williamson geprägt wurde. Es
beschrieb die staatsbürgerliche und wirtschaftliche Politik, die in
Washington diskutiert worden ist, um in ein neues Post-Kalter-Kriegs-
Zeitalter einzuführen und die mögliche Ausdehnung wirtschaftlicher
Politik, die später als Neoliberalismus bekannt wurde. Der ökonomische
Austragungsort traf auf den sozialen, als die Angriffe auf soziale
Reformen zur Rationalisierung dieses Kurses zwangsläufig wurden. In
den USA gab es eine Verschmelzung des neoliberalen Wirtschaftssystem
mit der christlich-evangelikalen Ideologie, die wiederum den
sogenannten Kulturkampf hervorbrachte. Unter anderem wurde Rush
Limbaugh eine zentrale Figur in den 1990ern. Rush Limbaugh
verwendete die Kulturkampf-Theorie des Marxisten Antonio Gramsci
aus Italien, um die sozialen Erfolge der letzten 30 Jahre rückgängig zu
machen. Feminist*innen waren auf solch eine Kampfansage
unvorbereitet (24).

Die sozialen Bewegungen des rechten Flügels wie beispielsweise
"Operation Rescue" kamen in diesem Zeitraum auf und machten die
Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbruch zu ihrer zentralen
Kampfparole (25). Liberale feministische Organisationen wie
beispielsweise die "Landesweite Organisation für Frauen" (NOW)
zeigten darauf geringste Reaktionen und drängten stattdessen darauf,
den Gebrauch des Wortes "Schwangerschaftsabbruch" aus ihrer
Propaganda zu entfernen. Höhere Kosten und eine
Leistungsverdichtung innerhalb der Stadtgebiete führten dazu, dass die
Privatkliniken die Verfügbarkeit reproduktiver Leistungen begrenzten.

In den 1990ern hatten Frauen wenig Wahlmöglichkeiten außer die
begrenzten Erfolge zu verteidigen (26). Dies kennzeichnete das Ende
einer offensiven Frauenbewegung, die danach strebte Rechte
auszuweiten, und einen Wandel zu einer defensiven Bewegung, die
verzweifelt darum kämpft, die Erfolge der vorangegangenen Jahrzehnte
zu bewahren. Es ist hilfreich zu beachten, dass die feministische Punk-
Szene des Riot Grrrl zur gleichen Zeit entstand wie durch "Operation
Rescue" Schwangerschaftsabbruchkliniken geschlossen wurden und Bill
Clinton "Wohlstand wie wir ihn kennen" zurücksetzte. Riot Grrrl war
eine politische Reaktion auf die Frustration einer neuen Generation, die
einem Moment der politischen Schwäche und Enttäuschung die Stirn
bot. Eine kulturelle Bewegung wie Riot Grrrl bot eine dringend
benötigte Kritik an männlich dominierten Räumen, dennoch war sie auf
eine begrenzte Zuhörer*innenschaft eingeschränkt. Dieser Zeitabschnitt
beinhaltete auch Organisationen wie beispielsweise INCITE! (im Jahr
2000 gegründet), deren Arbeit auf "community accountability" und
"restorative justice" gerichtet war als eine Antwort auf die gewaltige
Ausweitung der Gefängnisindustrie (prison industrial complex - PIC)
während der 1990er. Viele der Gründer*innen von INCITE! kamen von
"Critical Resistance", einer Anti-Knast-Organisation aus Kalifornien.
Allerdings erzeugte der Niedergang der sozialen Bewegungen, die fähig
waren sich dem Neoliberalismus zu widersetzen, eine Strömung hin zu
Selbstreflektion und die Schaffung von Projekten mit begrenztem
Umfang und geringer Teilnehmer*innenbasis (27).

Seit den 1990ern gab es einen Ausbau feministischer und Queer-Theorie
an den Universitäten. Arbeiten wie "Das Unbehagen der Geschlechter"
(1990) von Judith Butler sowie "Feminism is for Everybody: Passionate
Politics" (2000) von bell hooks hatten starken Einfluss auf feministische
Politik und boten queerer Politik Beachtung. Die akademische Welt
wurde ein Ort, an dem Feminismus aufblühen konnte. Aber
Feminismus wurde in steigendem Maße von Kämpfen der arbeitenden
Menschen getrennt aufgrund seiner Abschottung innerhalb der
Lehrräumlichkeiten. In den letzten paar Jahren tauchten Bewegungen
wie "Occupy Wall Street" und "Black Lives Matter" auf. Obwohl
Bestandteile des Hochschulfeminismus innerhalb der Praxis dieser
Bewegungen sichtbar sind, waren die Auswirkungen gering. Diese Art
Feminismus wurde nicht entworfen, um außerhalb der akademischen
Mauern aufzublühen. Dem Hochschulfeminismus kann zugute gehalten
werden, dass er einige feministische Ideen in die Mainstream-
Gesellschaft eingeführt hat. Das Thema Vergewaltigung an
Hochschulen beispielsweise wurde unlängst von der Obama-
Verwaltung zur Kenntnis genommen und in den großen Pressekanälen
diskutiert, die Gelegenheiten für radikale Erzählungen anboten -
beispielsweise Bildung zu "rape culture" sowie Widerstand gegen "slut
shaming" und "catcalling". Neue Feminist*innen analysieren gerade die
systematischen Auswirkungen des Patriarchats auf ihren Alltag. Ihre
Sichtweise spiegelt jedoch oftmals die Erfahrungen und Wünsche
bestimmter Akteur*innen: der Hochschulstudent*innen. Das Ergebnis
dieser Begrenzung ist eine Kultur, die symbolische Aktionen und
Diskussionen im Internet über kollektive Kämpfe stellt (28). Der
Schwerpunkt auf die individuellen Erfahrungen mit dem Patriarchat
und individuelle Reaktionen darauf, spiegelt die Tiefe, mit der liberale
Politik den feministischen Aktivismus in den USA beeinflusst hat.
Diese Perspektive auf das Individuelle führt nicht zur Berücksichtigung
der breiteren Not, welche Frauen, queere, genderqueere und
Transgender-Leute am Arbeitsplatz und in Gemeinschaften der
arbeitenden Klasse erfahren.

Unsere Suche nach einer reinen Vorwegnahme hat sich in eine
kollektive Praxis der Über-Wachsamkeit gewandelt, in welcher die
"Textbox-Kultur" als neues Machtverhältnis aufgetreten ist. Es ist am
offensichtlichsten in feministischen und queeren Online-communities,
die in den sozialen Medien verortet sind wie beispielsweise Tumblr. Die
sogenannten "sozialen Gerechtigkeitskämpfer*innen" verwenden oft
das öffentliche Anprangern und individuelle Propaganda, um
politischen Einfluss zu erzeugen. Dies verstärkte einen rein
aktivistischen Ansatz, bei dem es keine Unterscheidung zwischen
Personen gibt, die versuchen politische Begrifflichkeiten zu verstehen
und chauvinistischen, transphoben Trollen. Wir weichen nicht von der
Wichtigkeit vorwegnehmender Politik ab, sondern von der
Interpretation der Vorwegnahme als einem Zustand feststehender
Reinheit anstatt eines immer im Realisierungsprozess sich befindenden
Ideals. In der Zwischenzeit bietet die feministische Bewegung für den
status quo wenig Bedrohung und fährt fort in den abgestandenen
Gewässern der liberalen Politik zu faulenzen.

Bevor wir alles nehmen, fordern wir das Folgende

Als anarchistische Kommunist*innen, die sich dem intersektionalen
Klassenkampf verpflichtet fühlen (womit gemeint ist, dass unsere
Organisation untersucht wie unterschiedliche Formen von
Unterdrückung und Ausbeutung sich gegenseitig beeinflussen), weiß
unsere feministische Praxis um eine politische Linie, die uns mit
Werkzeugen ausstattet, damit wir unsere Kämpfe gegen Kapitalismus
und Patriarchat verstehen und voranbringen. Wir können an die Lehren
der "Pariser Commune", der "Russischen Revolution" und des
"Spanischen Bürgerkriegs" anknüpfen. Gleichzeitig können wir uns mit
den neu entstehenden Theorien und Praxen des globalen Südens
beschäftigen. Anarchist*innen aus den USA im Speziellen benötigen
keine Einschränkung unserer revolutionären Bildung auf die
Klassenzimmer, wenn es Möglichkeiten gibt von Gefährt*innen zu
lernen, die lebhaft neue Methoden des Engagement auf beiden
amerikanischen Kontinenten ausprobieren. Indem wir die
"especifismo"-Taktik der sozialen Inklusion benutzen, können wir
unsere Politik auf eine authentische Art und Weise einführen, welche
die Fähigkeit besitzt sich auszuweiten und zuzuspitzen, wenn Kämpfe
sich überschneiden. Obwohl soziale Forderungen an den Staat zu stellen
häufig als reformistische Strategie bloß gestellt wird, können gewisse
Reformen das Leben der arbeitenden Menschen verbessern und
schützen sowie unsere revolutionäre Leistungsfähigkeit strategisch
entwickeln. Der Kampf zur Erreichung dieser Arten unmittelbarer Siege
kann eine Praxis bewegungsübergreifender Solidarität erzeugen und
eventuell den politischen Schauplatz des Staates infragestellen, in
welchem wir den Rhythmus der Politik beeinflussen können, und eben
nicht einfach bürgerlicher Politik hinterherjagen oder reagieren. Um
effektiv in diesen politischen Bündnissen zu handeln, müssen wir
Verbindlichkeit und ein klares Verständnis von unserer eigenen Politik
haben. Wir müssen vorbereitet sein zu überlegen, welche Forderungen
Kompromisse hervorbringen können und welche ihren eindeutigen,
radikalen Charakter bewahren müssen.

Durch das Zusammenfassen der Teile über La Alzada und des jüngsten
geschichtlichen Hintergrunds gibt es einige Aspekte, die wir
hervorheben wollen. Die Gliederung der feministischen Bewegung in
den USA seit den 1990ern bestimmt als historischer Ort, wo wir heute
stehen. Die allgemeine Einstellung zu Feminismus in den USA lautet,
dass wir Lobreden vorbereiten für "wem die Stunde schlägt". Beiträge
wie "Der Krieg gegen Frauen ist vorbei - und die Frauen haben ihn
verloren" in "Mother Jones" fassen kurz den Verlust der reproduktiven
Rechte über die letzten Jahrzehnte zusammen (29). Diese Artikel lassen
oftmals die aktuellen sozialen Bewegungen in den USA weg, welche die
Grundlage für das klare Ansprechen einer neuen feministischen Politik
sein können, die sich an den Rändern zusammenbraut (30). La Alzada
bietet ein Beispiel einer anarchistischen feministischen Organisation,
die sich sowohl mit interner als auch externer Auseinandersetzung
beschäftigt. Dies beinhaltet neue Gender-Theorien (wie beispielsweise
zur sexuellen Opposition) innerhalb eines klassenkämpferischen
Rahmens. In vielen anarchistischen und linken Organisationen werden
Versuche unternommen Solidarität mit dem Kampf gegen das
Patriarchat zu zeigen, indem starker Rückhalt für feministische Belange
und Forderungen gezeigt wird. Dennoch führt die Taktik des "Für den
Feminismus stimmen" oftmals zu nichts aufgrund des geringen
Rückhalts und/oder dem Mangel an Angeboten, die
innerorganisatorischen Tätigkeiten kontinuierlich umzusetzen. Dies
schließt das Unvermögen ein, die politische Leistungsfähigkeit
feministischer, queerer und Transgender-Gefährt*innen aufzubauen.
Wir brauchen mehr als Feminismus auf Papier; wir benötigen
antipatriarchales Engagement bei unseren organisationsinternen und
externen Aktivitäten. La Alzadas Arbeitsgebiete spiegeln Forderungen
nach der Legalisierung von Schwangerschaftsabbruch, sexueller,
reproduktiver und nicht-reproduktiver Rechte und nicht-sexistische
Bildung wieder. Auch stellen sie Annahmen bezüglich Organisierung in
strategischen Bereichen infrage, indem sie Interventionen aufzeigen,
um das patriarchale kapitalistische System zu zerbrechen (31) (32).

"Breaking the waves" ruft zu einem Bruch mit dem liberalen
Feminismus auf, indem die Strömung nach liberalem Feminismus
politischer Herrschaft aufgeführt wird, um die Entwicklung der
revolutionären, feministischen Theorie und Praxis abzuwürgen. Wir
wollen uns über defensive Forderungen und Selbstkritik, die einen
Kampf um die vom System angebotenen Krümel wiederspiegeln, hinaus
bewegen. Stattdessen wollen wir den Fluss unserer politischen Energie
in den Aufbau von Bewegungen lenken, die in die Offensive gehen, um
gleichzeitig unsere alltäglichen Lebensbedingungen mithilfe sozialer
Forderungen zu verbessern, während wir die Art Gesellschaft, die wir
uns aufzubauen wünschen, vorwegnehmen. Dies bedeutet auch, dass
wir unsere kleineren Kampagnen als Möglichkeit auffassen, um für den
langen Kampf gegen den patriarchalen Kapitalismus zu lernen und zu
trainieren. Wir verfügen über die politische Energie und das Verlangen
zu kämpfen, aber wir haben nicht gelernt wie wir diesen Energiefluss
auf revolutionäre Art und Weise vergrößern.

Eine Bewegung benötigt erreichbare Ziele und einen Grund für die
Einzelperson, Zeit, Energie und (möglicherweise) ihr Leben zu
investieren. Einige von uns sind durch starkes ideologisches
Engagement aktiv, während andere auf der Grundlage von Themen sich
beteiligen, die unsere persönlichen und familiären Lebensbedingungen
direkt betreffen. Der Prozess der Feststellung dieser Gemeinsamkeiten
wird den Stammbaum zu einer weitläufigeren Bewegung darstellen, die
sowohl intersektional als auch bereichsübergreifend ist (33). Der
Wiederaufbau einer feministischen Bewegung, die engagiert ist,
Kolonialismus und patriarchalen Kapitalismus zu bekämpfen, muss sich
mit breiteren sozialen Fragen beschäftigen. Wir wollen uns über den
Kreislauf, wogegen wir sind hinaus bewegen, weil es so viel gibt, das
wir hervorbringen wollen. Wir sehen diese Liste an Forderungen als
laufende Arbeiten an: Samen, welche die Nährstoffe einer kollektiven
Bewegung benötigen, um ihnen Leben und Bedeutung zu geben. Das
Folgende stellt eine Auflistung unserer Anfangsforderungen dar:

* Umfassende Gesundheitsfürsorge

* Rückhalt für reproduktive und nicht-reproduktive Rechte mithilfe der
Errichtung auf reproduktiver, sexueller und gender-basierender
Krankenhausdienste, einschließlich kostenlosem Schwangerschafts-
abbruch auf Wunsch, in allen öffentlichen Krankenhäusern und an
gebietsmäßig abgelegenen Orten

* Unterstützung reproduktiver Dienste für Einzelpersonen, die sich
wünschen, ein Kind zu bekommen oder zu adoptieren. Dies schließt
kostenlose Kinderbetreuungsplätze in der Gemeinde sowie zugängliche
Ernährungsprogramme in der Nachbarschaft und der Schule mit ein.
Diese Programme fördern auch den Zusammenbruch männlicher
Geschlechterrollenbilder und -rollenerwartungen in Bezug auf Familie
und häuslicher Pflege.

* Betreuung von Betroffenen genderspezifischer Gewalt, inklusive
Unterkünfte, Therapie und Zugang zu psychischer Gesundheitsdienste

* Rehabilitationsdienste für Sexualstraffällige inlusive Gruppen- und
Einzeltherapie

* Dass alle Gesundheitsfürsorgedienste und damit in Zusammenhang
stehende Dienste mit Respekt, Wissen und Leidenschaft für diejenigen,
welche sie aufsuchen, angeboten werden ungeachtet von Geschlecht,
sexueller Orientierung, Beziehungstyp oder Familienmodell

* Elternzeit, Familienzeit in Notfällen, Rechte und Ressourcen für
häusliche Pflege, jederzeit erreichbare Dienste für Zuhause und in der
Öffentlichkeit für Menschen mit Behinderung

* Ausweitung des staatlich geförderten Wohnungsbaus; Zugang zu
hochwertigem Wohnraum, der die Interaktionfähigkeit in der Gemeinde
durch Design und provisorische Ressourcen erhöht und der die
vielfachen Bedürfnisse und die Sicherheit derjenigen, die dort leben
werden, honoriert

* Gemeindekontrolle der Räume und Ressourcen, um die Ziele der
Gemeinde besser zu erreichen. Es ist wichtig für diese Organisierung,
dass sie aus Gemeindeorganisierung und Versammlungen entspringt,
unterschieden von Gemeinderäumen, die Wohltätigkeitsarbeit leisten,
welche Autonomie- und Selbstorganisationsfähigkeiten der arbeitenden
Klassengemeinschaften begrenzt

* Volle Autonomie für indigene Menschen und die Bereitstellung von
kostenfreien Ressourcen; nach hunderten Jahren kolonialer
Unterdrückung und Ausbeutung von Ressourcen muss den indigenen
Gemeinschaften die volle Kontrolle über ihren Boden und ihre
Lebensgrundlagen gegeben werden. Ressourcen, die benötigt werden,
um ihre Gemeinschaften wieder aufzubauen, so wie sie es für
angebracht halten, müssen als kleinste Entschädigung aufgebracht
werden. Dies beinhaltet den (Minen-)Abraum zu entsorgen sowie die
Rückgabe gestohlenen Bodens. Es gibt viele weitere Forderungen, die
von indigenen, widerständigen Gemeinschaften überreicht worden sind
und auf all diese Forderungen sollte eingegangen werden

* Sozialisierung von Bildung; die Ausweitung von Bildung für alle
(unabhängig vom Alter) als soziales Recht anstatt eines Privilegs

* Sexual-, antisexistische und interpersonelle Bildung; indem das
Bedürfnis nach einem interdisziplinären Bildungssystem angegangen
wird, welches Kinder und Heranwachsende Sexualbildung ermöglicht
und patriarchale Geschlechternormen infrage stellt; die nicht-
sexistischen Bildungskampagnen in Lateinamerika und Spanien bieten
Beispiele wie ein antipatriarchales, antikapitalistisches und
antikolonialistisches Bildungssystem vorangebracht und angestoßen
wird

* Annullierung des Taft-Hartley-Gesetzes sowie des Smith-Connally-
Gesetzes; diese beiden Gesetze wurden in den 1940ern verabschiedet,
um die Erträge und das politische Gewicht der Arbeitendenbewegung
zu behindern, im Anschluss an die Organisierungskampagnen der CIO
in den 1930ern und den Streikwellen, die auf den Zweiten Weltkrieg
folgten (als 25 Prozent der Arbeitenden gewerkschaftlich organisiert
waren). Während wir denken, dass wir uns unabhängig von der durch
den Staat gegebenen Legalität organisieren sollen, wird der arbeitenden
Klasse durch die Annullierung dieser Gesetze Freiraum gegeben für
Selbstorganisierung und Streiks. Diese Gesetze verbieten gegenwärtig
wilde Streiks, indirekte Boykotte, Solidaritätsstreiks sowie Streiks von
Staatsangestellten. Sie erlauben zusätzlich der Bundesregierung
während Kriegszeiten, Industriezweige zu beschlagnahmen und zu
kontrollieren, die von Arbeitenden gefährdet oder eingenommen sind .

* Die Entkriminalisierung von Sexarbeit und Unterstützung der hori-
zontalen Selbstorganisation der Sexarbeitenden

* Dass nicht erfasste Arbeitende vollständig vom amerikanischen
Arbeitsrecht geschützt werden. Und dass das Inkrafttreten dieser Rechte
nicht durch Abschiebungen bestraft werden. Genauso sollen diese
Gesetze ausgeweitet werden und und zusätzliche Ressourcen verfügbar
gemacht werden, um gender-basierte Arbeitsplatzungerechtigkeiten
und Belästigungen anzugehen.

* Die Abschaffung der staatlich genehmigten Heirat, die danach strebt,
die Beziehungen und Familien zu bestimmen durch die Zuweisung von
Leistungen und sozialer Akzeptanz .

* Freiheit für alle Menschen vor Einschüchterung durch Bedrohung
oder dem Gebrauch von geschlechtsspezifischer Gewalt; ein Ende der
Gesetze, Annahmen und Institutionen, die patriarchale Herrschaft und
Aggression aufrechterhalten; sofortige Intervention, um die Leben
derjenigen zu retten, die an den Schnittstellen mehrfacher
Unterdrückung leben, die überproportional Gefahr laufen geschädigt
oder getötet werden.

Schlussfolgerungen

Wir haben die Notwendigkeit einer Rückkehr dazu, feministische
Massenbewegungen aufzubauen skizziert sowie die Initiierung frischer
anarchistischer Ideen und Taktiken innerhalb aufkommender Kämpfe.
Während wir jedoch unsere Rollen und Forderungen ausformulieren,
müssen wir ebenfalls überlegen wie und wo der Anarchistische
Feminismus den Bewegungen etwas anzubieten hat. Mithilfe einer
Wiedererforschung unseres revolutionären Erbes und einer
grundsätzlichen Beschäftigung mit den spannenden neuen Theorien
und Praxen unserer globalen Gefährt*innen können wir fortfahren mit
dem Übergang von unseren kleinen Kollektiven und online-
communities zu einer Position gefestigter politischer Stärke. Dieser
Prozess wird uns erlauben, Erfahrungen individueller Not mithilfe
kollektiver Kämpfe und eines Tages die hegemonielle Macht von
Kapitalismus und Staat zu bekämpfen. Falls der Anarchistische
Feminismus scheitert, sich an die Herausforderungen unseres
politischen Moments anzupassen, müssen wir uns mit einem Jahrzehnt
Denkfragmente abfinden, die den Rückfall der wenigen verbleibenden
Rechte dokumentieren, die von den sozialen Bewegungen unserer
Vorgänger*innen schwer erkämpft worden sind. Wir verdienen etwas
Besseres und wir sind bereit dafür zu kämpfen.

Romina Akemi ist Mitglied der "Black Rose Anarchist Federation"
(USA) und von "Solidaridad - Federación Comunista Libertaria"
(Chile). Sie war jahrelang Bekleidungsindustrienäherin, die sich in
gewerkschaftlichen und politischen Organisationen engagiert hat. Sie
nahm im Lauf der Jahre auch an vielen internationalen sozialistischen
und anarchistischen Treffen teil, die ihre internationalistische
Perspektive angeregt haben.

Bree Busk ist eine amerikanische Anarchistin, die in Santiago (Chile)
lebt und arbeitet. Als Mitglied sowohl bei der "Black Rose Anarchist
Federation" (USA) als auch bei "Solidaridad - Federación Comunista
Libertaria" (Chile) hat sie sich dem Aufbau einer internationalen

Koordinierung der beiden Amerikas verschrieben. Sie widmet sich
aktuell den Bewegungen in beiden Staaten mittels Kunst, Organisierung
sowie der Bereitstellung der unsichtbaren, reproduktiven Arbeit, welche
Organisationen benötigen, um zu überleben und zu erblühen.

Endnoten

i) https://anarchiststudies.org/
ii)
https://www.akpress.org/perspectivesonanarchisttheorymagazine.html
iii) übersetzt: Stille Gerüchte: Eine anarcha-feministische Textsammlung
1) Errico Malatesta, "Reformism," Life and Ideas: The Anarchist
Writings ofErrico Malatesta (Oakland: PM Press, 2015)
2) "Book Review: Quiet Rumors: An Anarcha-Feminist Reader,"
Common Struggle/Lucha Común, April 20, 2003
3 Dark Star Collective, Quiet Rumors: An Anarcha-Feminist Reader
(Oakland: AK Press, 2008), p. 11.
4 Carol Hanisch, "The Personal is Political," Notes from the Second Year:
Women's Liberation (New York: Radical Feminism, 1970)
5 Nym Mayhall, Laura E. The Militant Suffrage Movement: Citizenship
and Resistance in Britain, 1860-1930. (Oxford: Oxford University Press,
2003).
6 Michael Schmidt and Lucien van" der Walt, Black Flame: The
Revolutionary Class Politics of Anarchism and Syndicalism (Oakland:
AK Press, 2009), 23.
7 Susan Faludi, "The Death of a Revolutionary: Shulamith Firestone
helped to create a new society. But she couldn't live in it," The New
Yorker, April 15, 2013
8 Informationen zu CUDS: http:// disidenciasexual.tumblr.com/
9 Der kursiv geschriebene Bereich ist ein direktes Zitat von einem*r der
Autor*innen dieses Artikels, einer Übersetzung eines Interviews mit La
Alzada. Siehe: Gutiérrez D., José Antonio. "La Alzada: ‘The revolution
must include the feminist struggle, with and inside the libertarian,'"
Ideas and Action, October 25, 2013
10 http://disidenciasexual.tumblr.com/
11 http://revistacortela.com/la-rebelion-de-la-masculinidad/
12 http://www.pueg.unam.mx/images/
seminarios2015_2/otras_rutas/sesion2/por_un_feminismo_sin_mujeres_
cuds.pdf
13 Für eine Definition der sozialen politischen Organisation, siehe
Gutiérrez D., José Antonio. "The Problems Posed by the ConcreteClass
Struggle & Popular Organization: Reflections from the Anarchist
Communist Perspective." Anarkismo.net. November 14, 2005
14 La Alzada-AFL, "Construyendo femi- nismo sindical: taller de
oratoria y expresión corporal con el Sintracap." Solidaridad: Periódico
Comunista Libertario Solidaridad, 16 de noviembre del 2013
15 Der brasilianische Theaterdirektor Augusto Boal entwickelte das
Theater der Unterdrückten in den 1950er Jahren.
16 La Alzada-AFL, Solidaridad Feminista con el Conflicto Portuario
Hacia una Sindicalismo de clase, de lucha y feminista, enero 2014
17 Multisektoralismus ist ein Begriff, der innerhalb der Linken in Chile
verwendet wird. Die drei Hauptsektoren sind Arbeit, Gebiet und
Studierendenbewegung. Multisektoralismus bedeutet eine bereichs-
übergreifende Analyse zu haben, indem solidarischer Rückhalt für
Forderungen und Aktionen in anderen Bereichen gezeigt wird. Der
Kampf der Mapuche wird auch als ein weiterer , aber eigenständiger
Sektor in Betracht gezogen. Die Umwelt, Feminismus und Kolonialismus
werden nicht als getrennte Bereiche betrachtet, sondern als
querverlaufende Themen, die in die anderen Bereiche eingeschlossen
werden müssen.
18 http://www.cladem.org/ campanas/educacion-no-sexista/ prensa/69-
ens-otros-medios/443-dia-inter- nacional-de-la-educacion-no-sexista
19 http://eldesconcierto.cl/por-que-es- necesaria-una-educacion-sexista-
en-chile/
20 Das Wort "poblacion" wird am besten definiert als Barackenstadt
oder armes Arbeiterklasse-Viertel. "Poblaciones" um Santiago herum
haben jedoch ihre eigene politische Geschichte, seitdem sie sich als
Landübernahme von Leuten herausgebildet haben, die von den
ländlichen Gebieten in die Stadt gewandert sind. Einige "poblaciones"
verfügen über eine starke politische und linke Tradition, wie
beispielsweise "La Legua", "Villa Francia" und "Nueva Amanecer".
Einzelpersonen, die in einer "poblacion" leben, bezeichnet man als
"poblador*a".
21 Diese Forderung fasst nicht nur Positionen zusammen, die von
feministischen, idigenen und queeren Bewegungen vorgestellt werden,
sondern spiegelt auch die radikale Forderung einer Sozialisierung von
Bildung wieder, die von Bereichen der Studierendenbewegung
vorgeschlagen wird.
22 José Antonio Gutiérrez D., "La Alzada: "The revolution must include
the feminist struggle, with and inside the libertarian," Ideas and Action,
October 6, 2013
23 See John Williamson, "A Short History ofthe Washington Consensus"
24 Charlie Bertsch, "Gramsci Rush: Limbaugh on the Culture War," Bad
Subjects, 1994
25 Isabel Wilkerson, "Drive Against Abortion Finds a Symbol: Wichita,"
New York Times. August 4, 1991
26 Molly Redden, "The War on Women is Over-And Women Lost,"
Mother Jones, September/October 2015
27 Von der Mitte bis zu Ende der 1990er Jahre erfuhr Kalifornien einige
soziale Bewegungen, einschließlich Demos für Rechte der
Immigrant*innen, Gegenwehr gegen die Ausweitung des
Gefängnnissystems sowie große Demos zur Unterstützung von Mumia
Abu Jamal. Allerdings wurden diese Bewegungen kleiner, gefolgt von
den Protesten gegen die WTO (Welthandelsorganisation) 1999 in Seattle
und ab 2002 rückte die Antikriegsbewegung in den Mittelpunkt.
28 Eine der Hauptdiskussionen, die an Hochschulen geführt werden,
dreht sich um die Verwendung von Triggerwarnungen. Siehe: Rani
Neutill. "My trigger-warning disaster: "9 1/2 Weeks," "The Wire" and
how coddled young radicals got discomfort all wrong," Salon, Oct. 28,
2015
29 Redden, "The War on Women Is Over-and Women Lost," Mother
Jones.
30 Chris Dixon, Another Politics: Talking Across Today's Transformative
Movements (Berkeley: University ofCalifornia Press Books, 2014).
31 Strategische Bereiche sind Bereiche, denen Priorität eingeräumt wird.
Siehe Endnote 20
32 Patriarchaler Kapitalismus ist ein spezieller Begriff, der von La
Alzada-Aktivist*innen verwendet wird, um eine strategisch sich
bildende Diskussion zu erzwingen, die Kapitalismus und Patriarchat als
verflochtene Systeme und keine abgestuften analysiert.
33 Wir stellen zwei politische Begriffe vor, die an verschiedenen Orten
verwendet werden. "Intersektionalität" wird in den USA und
Großbritannien verwendet. "Intersektoralität" (oder "Multisektoralität")
wird in Chile verwendet. Intersektionalität bezeichnet eine Analyse, die
Identität, "race" und Klasse einschließt. Multisektoralität beinhaltet
diese Aspekte, aber setzt die Betonung der Sektoren (Arbeit, Gebiet,
Studierendenbewegung) als Grundlage für politische Aktion, die den
Aufbau sozialer Bewegungen verstärkt.


Den englischen Originaltext findet ihr hier:
http://www.blackrosefed.org/breaking-the-waves/
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