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(de) Anarkismo.net: Internationalismus und Antiimperialismus von unten by Lucien van der Walt (it)
Date
Thu, 08 Mar 2012 13:45:09 +0200
Anarchismus und Syndikalismus in der kolonialen und postkolonialen Welt In den
Weltregionen, die dem Kolonialismus und Imperialismus unterworfen sind, spielte die
anarchistische Bewegung – einschließlich ihres gewerkschaftlichen Ablegers, des
Syndikalismus – eine Schlüsselrolle. Die Rolle der Anarchisten und Syndikalisten in den
nationalen Befreiungsbewegungen war zentral, manchmal führend. Die Bewegungen in Asien,
Afrika, Lateinamerika und der Karibik – aber auch in Teilen von Europa, insbesondere in
Osteuropa und Irland – müssen als integraler Bestandteil der Geschichte der
Arbeiterklasse, der Linken und der Unabhängigkeitsbewegungen in diesen Regionen betrachtet
werden.
In den Weltregionen, die dem Kolonialismus und Imperialismus unterworfen sind, spielte die
anarchistische Bewegung –einschließlich ihres gewerkschaftlichen Ablegers, des
Syndikalismus – eine Schlüsselrolle. Die Rolle der Anarchisten und Syndikalisten in den
nationalen Befreiungsbewegungen war zentral, manchmal führend. Die Bewegungen in Asien,
Afrika, Lateinamerika und der Karibik – aber auch in Teilen von Europa, insbesondere in
Osteuropa und Irland – müssen als integraler Bestandteil der Geschichte der
Arbeiterklasse, der Linken und der Unabhängigkeitsbewegungen in diesen Regionen betrachtet
werden.
Einige linke Autoren haben den Anarchismus mit Verweis darauf als „historischen Fehler“
verurteilt, dass er „fast nichts zu tun [hatte] mit den antikolonialen Kämpfen, die
revolutionäre Politik [im 20. Jahrhundert] definierten“1. Weniger polemisch behauptete
John Crump, ein mit dem japanischen Anarchismus sympathisierender Autor, der „Anarchismus
hat in der ‚Dritten Welt’, in den Kolonialgebieten kaum Wurzeln geschlagen“2.
Solche Auslassungen sind in gewissem Sinne verständlich. Texte über die Geschichte des
Anarchismus und Syndikalismus konzentrieren sich tendenziell auf die nordatlantischen
Länder und ignorieren 80 Prozent der Menschheit und einen Großteil der Geschichte dieser
Strömung. Darüber hinaus widmen diese Studien der anarchistischen und syndikalistischen
Beteiligung an den antiimperialistischen Kämpfen kaum Aufmerksamkeit3. Das Kernproblem
aber besteht darin, dass diese Behauptungen schlicht falsch sind. Anarchisten und
Syndikalisten spielten in den Kämpfen all dieser Regionen, auch in Unabhängigkeitskämpfen,
eine wichtige Rolle. Daher sollten die Debatten, die in der (post-)kolonialen Welt
innerhalb der anarchistischen und syndikalistischen Bewegung geführt wurden, genau
untersucht werden.
Anarchistischer Antiimperialismus?
Die Themen, mit denen sich diese Bewegungen konfrontiert sahen – und sehen –, sind heute
noch entscheidend für revolutionäre Politik und müssen von Anarchisten und Syndikalisten
auf Grundlage klarer historischer Referenzen und nicht abstrakter Losungen angegangen
werden. Etwa die Frage, ob der Imperialismus geschlagen werden kann: Führen
Unabhängigkeitskämpfe immer und zwangsläufig nur zur Herrschaft einer neuen Elite, wie
einige meinen4, oder können sie ein Weg zur sozialen Revolution sein? Wie können
‚rassische’ Spaltungen in Arbeiterklasse und Bauernschaft überwunden werden? Dies sind
Fragen, die von der Bewegung in der (post-)kolonialen Welt ausführlich diskutiert wurden;
und aus ihrer aktuellen Praxis lässt sich einiges lernen.
So fanden zwei der drei großen anarchistischen Revolutionen im 20. Jahrhundert außerhalb
der westlichen Welt statt und waren Teil von Unabhängigkeitskämpfen oder nationalen
Befreiungsbewegungen: Die Rede ist von der Ukraine (1918–1921) und von Korea/Mandschurei
(1929–1931); die dritte ist natürlich Spanien (1936–1939). Jüngste Arbeiten beginnen die
bisherigen Behauptungen und irreführenden Ansätze infrage zu stellen. Ein Beispiel hierfür
ist Anarchism and Syndicalism in the Colonial and Postcolonial World, 1870-1940: the
praxis of national liberation, internationalism and social revolution, herausgegeben von
Steven Hirsch und Lucien van der Walt (Brill, 2010). Mit einem Vorwort von Benedict
Anderson und einer Einleitung der Herausgeber umfasst der Band Beiträge zu Argentinien
(Geoffroy de Laforcade), Brasilien (Edilene Toledo und Luigi Biondi), China (Arif Dirlik),
Kuba, Mexiko, Panama und Puerto Rico (Kirk Shaffer), Ägypten (Anthony Gorman), Irland
(Emmet O’Connor), Korea (Dongyoun Hwang), Peru (Hirsch), Südafrika (van der Walt) und zur
Ukraine (Aleksandr Shubin). Dieses internationale Team widmete sich intensiv den
Berührungspunkten von Anarchismus und Syndikalismus mit der „nationalen Frage“ in diesen
Regionen: Das sind einerseits die ethnischen und ‚rassischen’ Spaltungen in der
Bauernschaft und Arbeiterklasse und andererseits die Kämpfe um nationale Selbstbestimmung
und antirassistische Gleichheit im Kontext kolonialer und imperialer Machtkonstellationen.
Anarchistische Hegemonie im „Trikont“
Diese Bewegungen endeten nicht in den 1940ern, um in den 1960ern oder 1990ern wieder
aufzukommen. Das sind irreführende Mythen, die sich in einem Gutteil zeitgenössischer
Literatur finden, die behauptet, die anarchistische und syndikalistische Bewegung hätte
mit der Niederschlagung der Spanischen Revolution „aufgehört, eine lebendige Bewegung zu
sein“5. Ich möchte darauf verweisen, dass es bis in die 1950er und 1960er bedeutende
anarchistische und syndikalistische Gewerkschaftsflügel z. B. in Argentinien, Bolivien,
Brasilien, Chile und Kuba gab; in Korea hielt die Präsenz trotz Diktatur bis in die 1950er
an; Anarchisten und Syndikalisten spielten eine bedeutende Rolle in den Untergrundkämpfen
der 1950er in Russland und China sowie der 1970er und 80er in Argentinien, Kuba und
Uruguay; und als die CNT im Spanien der 1970er wieder erstand, erreichte ihre
Mitgliedschaft bald ein halbe Million.
Wenn wir nur die (post-)koloniale Welt bis in die 1940er betrachten, ist festzuhalten,
dass Syndikalismus und Anarchismus in den Gewerkschaften Argentiniens, Brasiliens, Chiles,
Kubas, Mexikos und Perus über viele Jahre hegemonial waren, und dass sie bedeutende, aber
nicht beherrschende Strömungen in den Gewerkschaften Algeriens, Boliviens, Bulgariens,
Chinas, Kolumbiens, Costa Ricas, Ecuadors, Ägyptens, Malaysias, Mosambiks, Panamas,
Paraguays, Polens, Puerto Ricos, Südafrikas, Venezuelas und anderswo darstellten.
So wurden etwa die ersten modernen Gewerkschaften in China von Anarchisten gegründet. 1921
gab es allein in der Provinz Guangdong etwa 40 anarchistisch geführte Gewerkschaften; bis
Mitte der 1920er existierte in den Gewerkschaften von Guangdong und Húnán eine
„anarchistische Vorherrschaft“6. Auch die ersten Gewerkschaften auf der Malaiischen
Halbinsel wurden von Anarchisten gegründet, die bis mindestens 1945 eine führende Rolle
spielten7. Wenn wir uns anarchistische Bauernbewegungen anschauen, fällt ins Auge, dass
einige der größten Bewegungen dieses Typs in China, Korea, Mexiko und der Ukraine zu
finden sind. In Mexiko gehen anarchistische Bauernaufstände zurück bis zur Revolte von
Julio Chávez López in den Jahren 1867 bis 1869, die mit anderen den Zeitraum bis zum
anarchistischen Magón-Aufstand von 1911 prägte. Die mexikanischen Anarchisten hatten einen
starken, wenn auch nicht allumfassenden Einfluss auf Emiliano Zapata, wie sein Programm,
der „Plan von Ayala“, und der zapatistische Bundesstaat Morelos belegen.
An zweiter Stelle ist der gewichtige, wenn auch komplizierte, anarchistische und
syndikalistische Einfluss auf Gewerkschaften in Irland, Nordrhodesien (Sambia),
Südrhodesien (Simbabwe) und Südwestafrika (Namibia) ebenso zu nennen wie der auf die
aufkommenden Widerstandsbewegungen in Nicaragua und Indien. In allen angeführten Fällen
überlagerten sich anarchistische und syndikalistische Strömungen mit anderen politischen
Traditionen und vermischten sich zu Strömungen, die wir am besten halb-anarchistisch oder
halb-syndikalistisch nennen.
In Asien, in der Karibik, in Lateinamerika und Afrika entstanden erst im Verlauf der
1920er bedeutende marxistische Bewegungen; und selbst dann dauerte es in vielen Ländern
noch Jahre, bis in der Linken eine kommunistische Hegemonie hergestellt war. Das erste
marxistische Buch auf chinesisch war 1920 das Kommunistische Manifest – zu dieser Zeit
waren die Arbeiten Kropotkins in vielen asiatischen Sprachen verbreitet. Mao Zedong war
Anarchist, bevor er zum Marxisten wurde – und er war damit in China keine Ausnahme. Das
Ursprungsprogramm der Brasilianischen Kommunistischen Partei war anarchistisch8. Die erste
bedeutende KP in Mexiko, 1919 gegründet, war viele Jahre lang vom Anarchismus beeinflusst.
Die erste KP Afrikas wurde im Oktober 1920 mit einem grundlegend syndikalistischen
Programm in Südafrika gegründet. Anthony Gorman zeigt, dass auch die 1921 gegründete
Ägyptische Sozialistische Partei, Vorläuferin der Ägyptischen Kommunistischen Partei,
starkem anarchistischen Einfluss ausgesetzt war und von einigen gar „die anarchistische
Partei“, al-hizb al-ibahi, genannt wurde.
Nationale Befreiung auf anarchistisch?
Der letzte Fragenkomplex, den unser Band aufwirft, betrifft das anarchistische und
syndikalistische Verhältnis zur nationalen Frage. Einerseits ist da das Problem der
ethnischen und ‚rassischen’ Spaltungen unter den arbeitenden und armen Massen: Die
Forschung belegt, dass Anarchisten und Syndikalisten die klassenweite Einheit verfochten
und aktiv gegen nationale und rassistische Unterdrückung kämpften. Bemerkenswerte
Beispiele sind Brasilien und Kuba (unter ehemaligen Sklaven), Mexiko und Peru (unter
Indígenas) sowie Südafrika (unter Schwarzen, Farbigen und Asiaten).
Andererseits ist da das Feld der anarchistischen und syndikalistischen Rolle in den
antikolonialen und Unabhängigkeitsbewegungen, die Fragen des strategischen Ansatzes und
die Einschätzung ihres tatsächlichen Einflusses auf diese Bewegungen ins Blickfeld rückt.
Ein Teil der anarchistisch-syndikalistischen Bewegung mied solche Kämpfe und verwies auf
deren Fruchtlosigkeit. Auch dieser Teil war prinzipiell gegen den Imperialismus, aber
tatsächlich hielt er Abstand von den nationalen Befreiungsbewegungen. Solche Strömungen
hatten keinen Einfluss auf diese Kämpfe. Eine zweite Position brachte es mit sich, dass
Anarchisten und Syndikalisten einen klassenübergreifenden Nationalismus unkritisch, ja
enthusiastisch, übernahmen. Sie kapitulierten in diesen Kämpfen vor den Nationalisten, die
auf einen neuen Staat abzielten. Dieser anarchistisch-syndikalistische Ansatz ist
beispielsweise zu beobachten in Teilen der Bewegung in China, Tschechien und Korea. Der
interessanteste – und historisch wichtigste – Ansatz der Anarchisten und Syndikalisten war
der jener Strömung, die als unabhängige Kraft innerhalb der nationalen
Befreiungsbewegungen arbeitete, um diese Kämpfe umzuwandeln in eine anarchistische soziale
Revolution. Sie weigerte sich, die nationale Befreiung den Nationalisten zu überlassen.
Obwohl sie in einigen Punkten mit Nationalisten zusammenarbeitete, zielte sie darauf,
deren Einfluss durch das anarchistische und syndikalistische Programm zu ersetzen. Dieser
Ansatz war die vorherrschende Position in der Bewegung in China und Korea; zentral war er
zudem in der Bewegung in Kuba, Ägypten, Irland, Mexiko, Puerto Rico, Südafrika und der
Ukraine.
Wie sind diese Ansätze zu beurteilen? Leicht festzustellen ist, dass sich die abseits
stehende anarchistisch-syndikalistische Position, die die nationalen Befreiungsbewegungen
ignorierte, selbst marginalisiert hat. Jene, die sich den Nationalismus zu eigen machten,
wurden zunehmend in die nationalistische Bewegung integriert und, als die Nationalisten
die Staatsmacht erobert hatten, vereinnahmt oder unterdrückt. Dahingegen legte jener
Flügel, der die Herausforderung der nationalen Befreiungskämpfe annahm und sie übernehmen
und umwandeln wollte, die Basis für die Revolutionen in der Ukraine und der Mandschurei.
Vor einem abschließenden Befund jedoch, ist noch einige Forschungsarbeit zu leisten.
Lucien van der Walt
Übersetzung: A. Förster
Erschienen in Direkte Aktion, 209 – Jan/Feb 2012
Anmerkungen
[1] Chris Day: The Historical Failure of Anarchism: implications for the future of the
revolutionary project. Kasama Essays for Discussion, 2009 [1996] (online als PDF), S. 5.
[2] John Crump: Anarchism and Nationalism in East Asia. Anarchist Studies 4 (1), 1996, S.
60 f.
[3] Bis vor kurzem war das englischsprachige Standardwerk zur anarchistischen Geschichte
Peter Marshall‘s Demanding the Impossible: a history of anarchism. Fontana Press, 1993.
Das Buch widmet der Welt außerhalb des Westens 33 von 706 Seiten, die schematisch und
teils nicht korrekt sind.
[4] Murray Bookchin: Nationalism and the National Question. Society and Nature 2 (2),
1994, S. 8-36.
[5] George Woodcock: Anarchism: a history of libertarian ideas and movements. University
of Toronto Press, 2004, S. 408.
[6] Arif Dirlik: Anarchism in the Chinese Revolution. University of California Press,
1991, S. 15, 27, 170; Arif Dirlik: The Origins of Chinese Communism. Oxford University
Press, 1989, S. 214–215.
[7] D.T.K Kim, R.S. Malhl: Malaysia: Chinese anarchists started trade unions, The Sunday
Star, 12.09.1993.
[8] J.W.F. Dulles: Anarchists and Communists in Brazil, 1900–1935. University of Texas
Press, 1973, S. 87–90.
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