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(de) Anarkismo.net: Der nächste Schritt für Occupy Wall Street: Häuser besetzen, Betriebe besetzen by Freie ArbeiterInnen Union - FAU
Date
Wed, 30 Nov 2011 19:01:04 +0200
Wie weiter mit der Occupy-Bewegung? ---- Um ihr zweimonatiges Bestehen zu demonstrieren,
hatte die „Occupy Wall Street“-Bewegung für Donnerstag, den 17. November 2011, zu einem
Aktionstag in New York und landesweit aufgerufen. Trotz der Räumung des Camps im Zuccotti
Park zwei Tage vorher, hielt die Bewegung am Aktionstag fest und einige Tausend
beteiligten sich an verschiedenen Aktionen, unter anderem an einer Versammlung zur
Unterstützung von ArbeiterInnen im Kampf um Arbeitsplätze am Foley Square. Das linke
Online-Magazin »Insurgent Notes« um Loren Goldner verteilte bei den Protesten das
nachstehend übersetzte Flugblatt, das nach der Bedeutung der Proteste und der möglichen
weiteren Entwicklung fragt. ---- Nach zwei Monaten der Besetzungen und nachdem sie in
Portland, Oakland und jetzt in Manhattan angegriffen wurden, könnte die
Occupy-Wall-Street-Bewegung (OWS) heute kurz davor stehen, einen Schritt weiter zu gehen –
die massenhafte Versammlung der StudentInnen am Union Square und die von ArbeiterInnen am
Foley Square könnten versuchen, den zunehmenden Ruf nach einem Generalstreik in die Tat
umzusetzen. Dann sollten nicht mehr nur Plätze, sondern auch Häuser im Hinblick auf den
kommenden Winter besetzt werden.
Darüber hinaus sollten Betriebe besetzt werden, wodurch die Arbeiterklasse das ganze
System blockieren könnte. Dies wäre ein weiterer Schritt in die Richtung, die Verwaltung
der Gesellschaft auf eine völlig neue Grundlage zu stellen. Was immer heute (am 17.
November) und in der kommenden Aktionswoche geschehen mag, es ist an der Zeit, die Stärken
und Schwächen der Platzbesetzungen in New York und in den ganzen USA abzuschätzen.
Es steht außer Frage, dass es sich hier um die wichtigste Bewegung handelt, die wir in den
letzten vierzig Jahren auf den Straßen der USA erlebt haben. Allein schon die Tatsache,
dass sie sich innerhalb weniger Wochen auf tausend Städte ausweitete, bezeugt dies. Das
lawinenartige Anschwellen der „Forderungen“ hat die gesellschaftliche und ökonomische
Misere von vierzig Jahren, deren passives Erdulden nur von gelegentlichen Ausbrüchen des
Widerstands unterbrochen worden war, mit einem Mal zu einer nicht mehr zu leugnenden
Realität gemacht. Politiker, Fernsehikonen und diverse Experten sind völlig unvorbereitet
von einer Bewegung erwischt worden, die in ihrem plötzlich völlig bedeutungslos gewordenen
Universum nicht mehr mitspielen wollen. Auch wenn viele Statements der Bewegung wie aus
einer „Wundertüte“ zu stammen scheinen, hat sie es ganz zu recht vermieden, sich zu sehr
mit bestimmten Forderungen, Ideologien oder Anführern zu identifizieren. Aus der
jahrelangen alltäglichen sozialen Realität hat sie nur zu gut gelernt, nicht auf dieses
Spiel hereinzufallen. Hinter allem steht das, was die Bewegung zum Ausdruck bringt: Die
Ablehnung einer Gesellschaft, die immer mehr Menschen auf den Schrotthaufen wirft. Würde
sich die Bewegung zu sehr auf irgendeine Wunschliste von Forderungen beziehen, würde sie
zurückbleiben hinter ihrem eigenen tiefen Gespür dafür, dass sich alles ändern muss, und
der Gewissheit, das nichts so bleiben kann, wie es ist.
Die wichtigsten Kräfte, die über das Potenzial zur Umlenkung dieser Bewegung in geordnete
Kanäle verfügen (die Demokratische Partei und die Gewerkschaftsvertreter), ringen nun
darum, die Bewegung zu kontrollieren, zu zerstreuen und zu unterdrücken, so wie sie es zum
Beispiel im Frühjahr in Wisconsin geschafft hatten. Aber ganz so einfach gelingt ihnen das
nicht.
Angesichts von Platzbesetzungen in tausend Städten verbieten sich vorschnelle
Verallgemeinerungen. Die Medien hatten versucht, den Kern der Bewegung als jung, weiß,
arbeitslos und „Mittelschicht“ zu beschreiben – wobei letzteres sich zunehmend als
irreführende Bezeichnung für die Arbeiterklasse entpuppt. Aber unabhängig davon, wie sich
die Bewegung in der Anfangsphase zusammensetzte, hat sie sich in verschiedenen Städten
durch die starke Beteiligung von Schwarzen, Latinos und älteren Menschen deutlich
ausgeweitet (am sichtbarsten wurde dies bei der Massendemonstration zum Hafen von Oakland
am 2. November).
Wir wollen hier nicht näher auf die tausenden von Slogans eingehen – diese Vielfalt ist
nur zu verständlich bei einer so jungen Bewegung, die zum großen Teil aus Menschen
besteht, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine solche Erfahrung machen. Vorstellungen wie
die „1%“, „die Reichen sollen ihren fairen Anteil bezahlen“, „lasst die Banken blechen“
oder „schafft die Zentralbank ab“ finden sich dort genauso wie Angriffe auf den
„Kapitalismus“. Mit der starken Konzentration auf die „Banken“ wird sicherlich übersehen,
dass die Quelle des massenhaften Elends in der Krise des kapitalistischen Systems, eines
Systems der Lohnarbeit, liegt. Daher gibt es auch keine Vorschläge, die Krise durch den
Aufbau einer Welt jenseits der Lohnarbeit zu überwinden, also durch eine sozialistische
oder kommunistische Gesellschaft (wobei wir uns darüber im Klaren sind, dass diese Worte
in allzu vielen Fällen missbraucht worden sind). Um zu einer solchen Orientierung zu
gelangen, müsste offen über die Klassenfrage gesprochen werden. Es ist offensichtlich,
dass sich die große Mehrheit der Menschen aus der Arbeiterklasse in den USA trotz ihrer
Sympathien für die Bewegung nicht aktiv an ihr beteiligt – vielleicht nicht zuletzt
deswegen, weil sie arbeiten und um ihr tägliches Überleben ringen.
Die Bewegung der Platzbesetzungen muss die kreative Militanz von tausenden Menschen auf
der Straße nutzen, um die große Mehrheit zu erreichen, die manchmal nur ein paar Blöcke
von den Straßenkämpfen entfernt ganz normal ihren Geschäften nachzugehen scheint. Die
zunehmende Zahl von Aktionen gegen Zwangsversteigerungen und Zwangsräumungen hat zur
Ausweitung der Bewegung beigetragen. Ein wichtiger nächster Schritt könnte darin bestehen,
Häuser zu besetzen, um Orte für Versammlungen und dringend benötigten Wohnraum zu
schaffen, oder für Workshops und Veranstaltungen. Darüber hinaus sollte die Bewegung mit
Arbeitsniederlegungen und Betriebsbesetzungen verbunden werden, wodurch in schärferer
Weise als bisher die Frage des Privateigentums und die Frage „Wer herrscht?“ aufgeworfen
würde.
Ein nahe liegender Anknüpfungspunkt sind die anstehenden Tarifverhandlungen des Local 100
der Transit Workers Union (Gewerkschaft der Bus- und U-Bahn-FahrerInnen in New York City).
Ein weiterer wäre die anhaltende Pattsituation zwischen dem Local 21 der Hafenarbeiter an
der Westküste (ILWU) in Longview (Washington) und der EGT-Corporation, die massenhaft
Streikbrecher einsetzt. Oder die geplante Besetzung von fünf öffentlichen Schulen in
Oakland zusammen mit Eltern und SchülerInnen, um ihre Schließung zu verhindern. Wir sind
uns sicher, dass es der Bewegung im Rahmen solcher Aktionen nicht schwer fallen wird,
zwischen den ArbeiterInnen an der Basis (die sich bereits bei einigen Gelegenheiten
beteiligt haben) und den Gewerkschaftsbürokraten zu unterscheiden, die eine zahnlose
„Solidaritätserklärung“ nach der anderen verabschieden, ohne die geringste, noch nicht
einmal symbolische Mobilisierung.
Noch weniger müssen wir uns mit den Politikern der Demokratischen Partei aufhalten, allen
voran der Bürgermeisterin von Oakland Jean Quan, die versucht haben, die Bewegung für ihre
eigenen Ziele zu benutzen, bevor sie dann die Bereitschaftspolizei schickten.
Besetzungen sind jedoch nur ein weiterer Schritt: Darüberhinaus wird es darum gehen, die
gesellschaftliche Produktion zu übernehmen, sie an unseren Bedürfnissen auszurichten und
sie auf eine völlig neue Grundlage zu stellen.
Was auch immer in der nächsten Zukunft geschehen wird, die Mauer des Schweigens über 40
Jahre lang aufgehäuftes Elend ist durchbrochen worden. Jeden Tag werden neue Angriffe auf
die arbeitenden Menschen bekannt, während der globale Kapitalismus außer Kontrolle gerät.
Noch nie war so klar, dass die kapitalistische „Normalität“ auf der Passivität derjenigen
beruht, die unterdrückt werden, um das System zu retten. Mit dieser Passivität ist es
vorbei – von Tunesien und Ägypten über Griechenland und Spanien bis nach New York,
Oakland, Seattle und Portland. Heute stellt sich die Aufgabe, alles dafür zu tun, diesen
point of no return zu erreichen, an dem die Verhältnisse danach schreien: „Wir haben die
Chance, die Welt zu verändern – ergreifen wir sie!“
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