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(de) Die BroschÃre soll einen Ãberblick Ãber die Theorie und Praxis des Especifismo bieten. Juanita Martinez und Andrej Mayer (Hg.) I (1/2)

Date Mon, 15 Aug 2011 17:11:55 +0300


Theorie und Praxis des Especifismo - Eine Textsammlung. Winterthur, Mai 2011. Edizioni La ContrabbandieraBroschueren ---- Inhalt --- Vorwort ---- Especifismo: Die anarchistische Praxis der Bildung einer Massenbewegung und der revolutionÃren Organisation ---- âHuerta grandeâ - Material zur internen Verbreitung Ãber theoretische Themen von 1972 ---- Die spezifische Organisation --- Die soziale EinfÃgung des Anarchismus ---- AbsichtserklÃrung des FÃrum do Anarquismo Organizado (Ein Prozess im Aufbau) ---- Abschlusscommuniquà zu den Anarchietagen 2011 in SÃo Paulo ---- Especifismo - eine Strategie auch fÃr die Schweiz? -- Online-Ressourcen -- http://www.arachnia.ch/etomite/Joomla /index.php?option= com_content&task=view&id=386&Itemid=29 http://www.arachnia.ch/etomite/Joomla/media/pdf/Broschueren/especifismo.pdf

Vorwort

Die vorliegende BroschÃre soll einen Ãberblick Ãber Theorie und Praxis des Especifismo bieten. Obwohl diese anarchistische StrÃmung bereits vor einem halben Jahrhundert ausgearbeitet und seither von verschiedenen Gruppen und Organisationen weiterentwickelt wurde, ist sie in den deutschsprachigen LÃndern bisher kaum bekannt. Wir sind der Ansicht, dass der Especifismo trotz seiner vornehmlichen Verbreitung in Lateinamerika auch fÃr uns wichtige Impulse liefern kann. Deshalb haben wir uns entschlossen, einige Texte â mit Ausnahme von Adam Weavers Text zum ersten Mal â einem deutschsprachigen Publikum zugÃnglich zu machen.

Einige der hier vorgestellten Konzepte, die im sÃdamerikanischen Kontext relativ breite Verwendung gefunden haben, sind hierzulande noch kaum bekannt. Dies betrifft v.a. die âinserciÃn socialâ und die âmilitancia socialâ. Der erste Begriff bezeichnet die Strategie des Especifismo, in Massenbewegungen aktiv zu werden und deren Autonomie und Selbstorganisation zu stÃrken, ohne aber selber eine Avantgarde- Funktion einzunehmen. Der Begriff wurde in der vorliegenden BroschÃre wortwÃrtlich mit âgesellschaftlicher EinfÃgungâ Ãbersetzt, obwohl uns die Gefahr, dass diese Ãbersetzung zu MissverstÃndnissen fÃhren kann, bewusst ist. Die Taktik der âmilitancia socialâ beschreibt die konkreten AktivitÃten von Anarchistinnen und Anarchisten in diesen Bewegungen, und wurde von uns mit âsoziale Militanzâ ebenfalls wortwÃrtlich Ãbersetzt. Auch diese Bezeichnung mag ihre TÃcken haben. Aus diesem Grund laden wir dazu ein, diese Begriffe - wie natÃrlich alle hier vorgestellten Konzepte! - kritisch zu reflektieren.

WÃhrend den letzten 50 Jahren, in denen der Especifismo entwickelt wurde, sind natÃrlich eine ganze Menge Texte in seinem Sinne erschienen. Viele sind auf den Websites der especifistischen Gruppen und Organisationen zu finden, einige davon sind auch auf Englisch Ãbersetzt worden (s. Linkliste im Anhang). Wir haben versucht, bei unserer Auswahl sowohl einfÃhrende wie fortgeschrittene, theoretische wie praktische Texte zu berÃcksichtigen. Ziel war es nicht, ein vollstÃndig kohÃrentes Bild des Especifismo zu vermitteln, denn dies wÃrde sowohl den Rahmen einer BroschÃre sprengen wie auch der sehr dynamischen Konzeption des Especifismo, die je nach Ort und Zeit wieder andere Formen annimmt, nicht gerecht werden. Auch sind wir natÃrlich mit den Texten nicht in jedem Detail einverstanden, und mussten oft, die soziale Situation in der Schweiz im Kopf, gewisse AnsÃtze erst fÃr uns selbst âÃbersetzenâ. Die daraus gewonnen Erkenntnisse fanden ihren Niederschlag im abschliessenden Text dieser BroschÃre.

Andrej Mayer und Juanita Martinez, im Mai 2011

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â Especifismo: Die anarchistische Praxis der Bildung einer Massenbewegung und der
revolutionÃren Organisation â
_______________________________________
â Especifismo: Die anarchistische Praxis der
Bildung einer Massenbewegung und der
revolutionÃren Organisation
Quelle:
Ãbersetzung:
AutorIn :
http://nefac.net/node/2081 - english
Anarmedia / LibertÃre Aktion Winterthur
Adam Weaver
Adam Weaver ist ein anarchistischer Kommunist aus San Jose,
Kalifornien. Der Text erschien ursprÃnglich auf Englisch im Magazin
âThe Northeastern Anarchistâ Nr. 11 (http://nefac.net/node/2081). Er
kam spÃter in abgeÃnderter Form als BroschÃre heraus, die bei
Anarmedia (http://www.anarmedia.info) auch auf Deutsch erschienen
ist. Diese Ãbersetzung wurde fÃr die vorliegende BroschÃre leicht
Ãberarbeitet.
Ãberall auf der Welt befindet sich die anarchistische Beteiligung
an
Massenbewegungen
sowie
die
Entwicklung
von
spezifisch
anarchistischen
Organisationen im Aufschwung. Dieser Trend hilft dem Anarchismus, die LegitimitÃt als
dynamische politische Kraft innerhalb von Bewegungen wiederzugewinnen. In diesem
Zusammenhang bekommt auch der Especifismo, ein Konzept, das auf einer 50-
jÃhrigen Erfahrung in SÃdamerika beruht, weltweit immer mehr Aufmerksamkeit.
Obwohl viele Anarchistinnen und Anarchisten mit den grundlegenden Ideen, die der
Especifismo postuliert, bereits vertraut sein dÃrften, sollte er doch als ein originÃrer
Beitrag zum Denken und zur Praxis des Anarchismus betrachtet werden.
Die erste Organisation, die das Konzept des Especifismo entwickelt hat - damals mehr
eine Praxis als eine ausgebildete Ideologie â war die FederaciÃn Anarquista Uruguaya
(FAU), die 1956 von Anarchistinnen und Anarchisten gegrÃndet wurde, welche die
Idee einer spezifisch anarchistischen Organisation umsetzen wollten. Die Diktatur in
Uruguay Ãberlebt, begann die FAU Mitte der 1980er-Jahre, Kontakte mit anderen
sÃdamerikanischen
anarchistischen
RevolutionÃrinnen
und
RevolutionÃren
aufzunehmen und diese zu beeinflussen. Die Arbeit der FAU fÃrderte die GrÃndung der
FederaÃÃo Anarquista GaÃcha (FAG), der FederaÃÃo Anarquista Cabocla (FACA) und
der FederaÃÃo Anarquista do Rio de Janeiro (FARJ) in den jeweiligen Regionen
Brasiliens sowie der argentinische Organisation Auca (Rebell). Die SchlÃsselkonzepte
des Especifismo werden weiter unten genauer erklÃrt, doch sie kÃnnen hier in den
folgenden drei Punkten zusammengefasst werden:
1. Die Notwendigkeit einer spezifisch anarchistischen Organisation, die auf einer
Einheit von Ideen und Praxis aufgebaut ist.
2. Den Gebrauch der spezifisch anarchistischen Organisation zur Entwicklung von
Theorien und strategischer politischer und organisatorischer Arbeit.
â 3 â
â Especifismo: Die anarchistische Praxis der Bildung einer Massenbewegung und der
revolutionÃren Organisation â
_______________________________________
3. Aktive Einmischung in sowie die Bildung von autonomen und breiten sozialen
Bewegungen, was als Prozess der âgesellschaftlichen EinfÃgungâ bezeichnet
wird.
Ein kurzer historischer RÃckblick
Obwohl sich der Especifismo erst in den letzten Jahrzehnten im lateinamerikanischen
Anarchismus entwickelt hat, leiten sich die Ideen, auf denen das Konzept aufbaut, von
einem historischen Faden ab, der sich durch die internationale anarchistische
Bewegung zieht. Die bekannteste ist die plattformistische StrÃmung, die mit der
Publikation der âOrganisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Unionâ
begann. Dieses Dokument wurde 1926 von dem ehemaligen militanten
KleinbauernanfÃhrer Nestor Makhno, Ida Mett und anderen Anarchistinnen und
Anarchisten der Dielo Trouda (die Angelegenheit der Arbeiter) geschrieben, basierend
auf der Zeitung mit demselben Namen (Skirda, 192-213). Als Exilantinnen und
Exilanten der russischen Revolution kritisierte die Dielo Trouda in Paris die
anarchistische Bewegung wegen ihres Mangels an Organisation, die ein gemeinsames
Vorgehen gegen bolschewistische Machenschaften, Arbeitersowjets in ein Instrument
der Einparteienherrschaft zu verwandeln, unmÃglich machte. Als Alternative schlugen
sie eine âGenerelle Union der Anarchistenâ vor, die auf anarchokommunistischen
GrundsÃtzen, nach einer âtheoretischen und taktischen Einheitâ streben und sich auf
den Klassenkampf und die Gewerkschaften konzentrieren sollte.
Eine Ãhnliche Entwicklungen war der âOrganisatorische Dualismusâ, der in historischen
Dokumenten der italienischen anarchistischen Bewegung der 1920er-Jahre erwÃhnt
wird. Die italienischen Anarchistinnen und Anarchisten verwendeten diesen Begriff, um
die Beteiligung sowohl an anarchistischen politischen Organisationen als auch in der
ArbeiterInnenbewegung (FdCA) zu fÃrdern. In Spanien grÃndeten sich die âFreunde
von Durrutiâ, eine Gruppe, die gegen die allmÃhliche RÃckgÃngigmachung der
Spanischen Revolution von 1936 agitierten (Guillamon). Im Dokument "Hacia una
nueva revoluciÃn" ("In Richtung einer neuen Revolution") griffen sie einige Ideen der
Plattform auf, kritisierten den Reformismus der CNT-FAI und deren Kollaboration mit
der republikanischen Regierung, welche, so behaupteten sie, zur Niederlage der
antifaschistischen und revolutionÃren KrÃfte beigetragen hatte. Einflussreiche
Organisationen in der anarchistischen Bewegung Chinas zwischen 1910 und 1920,
etwa Wuzhengfu-Gongchan Zhuyi Tongshi Che (Gesellschaft anarchistisch-
kommunistischer Genossen), schlugen Ãhnliche Ideen vor (Krebs). Obwohl diese
unterschiedlichen StrÃmungen alle spezifische Merkmale haben, die aus den jeweiligen
Bewegungen und LÃndern heraus entstanden sind, teilen sie doch alle die gleichen
Ideen, die Bewegungen, Zeiten und Kontinente Ãberqueren.
Especifismo ausgearbeitet
Die Especifistas sehen ihre Politik auf drei Hauptpfeilern ruhend, wobei die zwei ersten
im Bereich der Organisation liegen. Mit der Betonung der Notwendigkeit, eine
spezifisch anarchistische Organisation mit Einheit in Theorie und Praxis aufzubauen,
â 4 â
â Especifismo: Die anarchistische Praxis der Bildung einer Massenbewegung und der
revolutionÃren Organisation â
_______________________________________
machen die Especifistas klar, dass sie gegen eine Synthese-Organisation 1 von
RevolutionÃrinnen und RevolutionÃre oder eine lose Verbindung von verschiedenen
anarchistischen StrÃmungen sind. Sie sehen diese Form von Organisation als eine
Ãbertriebene Suche nach einer notwendigen Einigung von Anarchistinnnen und
Anarchisten, die bis zu dem Punkt gehen kann, wo Einigkeit auf Kosten von klaren
Positionen, Ideen und VorschlÃgen hergestellt wird. Das Ergebnis dieser Arten von
Vereinigungen sind libertÃre Kollektive, die nicht viel mehr gemeinsam haben, als sich
als Anarchistinnen und Anarchisten zu bezeichnen. (En La Calle)
Obwohl diese Kritiken von den sÃd-amerikanischen
Especifistas
ausgearbeitet
wurden,
haben
nordamerikanische Anarchisten und Anarchistinnen
ebenso
ihre
Erfahrungen
mit
synthetischen
Organisationen aufgezeigt, denen es aufgrund von
verschiedenen
und
sogar
widersprÃchlichen
politischen Tendenzen an jeglichem Zusammenhalt
mangelt. Oft fÃhren die Vereinbarungen solcher
Gruppen dazu, dass nur eine vage Politik des
kleinsten gemeinsamen Nenners entsteht, die nur
wenig Spielraum fÃr gemeinsame Aktionen oder
entwickelte
politische
Diskussionen
zwischen
Anarchistinnen und Anarchisten zulÃsst.
Ohne
eine
Strategie,
die
sich
aus
einer
gemeinsamen politischen Vereinbarung ergibt, sind
revolutionÃre
Organisationen
dazu
verurteilt,
lediglich auf Manifestationen von UnterdrÃckung und
Ungerechtigkeit reagieren zu kÃnnen und einem
Kreislauf von unfruchtbaren Aktionen hÃngen zu
bleiben, welche immer wieder wiederholt werden,
ohne je deren Konsequenzen zu analysieren oder zu
verstehen (Featherstone et al). Weiter kritisieren die
Especifistas an dieser Tendenz, dass sie von SpontaneitÃt und Individualismus geprÃgt
ist und nicht zu seriÃser, systematischer Arbeit fÃhrt, die nÃtig wÃre, um revolutionÃre
Bewegungen
aufzubauen.
Die
lateinamerikanischen
RevolutionÃrinnen
und
RevolutionÃre betonen, "dass Organisationen mit einem Programm, dass sich jeglicher
kollektiver Disziplin widersetzt, sich weigert, sich selbst zu definieren oder sich
anzupassen, direkt aus dem bÃrgerlichen Liberalismus entspringt, der nur auf starke
Anreize reagiert, nur in extremen Situationen kÃmpft und darauf verzichtet,
fortgesetzt zu arbeiten, besonders in den vergleichsweise ruhigen Phasen zwischen
KÃmpfen." (En la Calle)
Ein wichtiger Punkt in der especifistischen Praxis ist die Rolle der anarchistischen
Organisation, die auf der Basis einer gemeinsamen Politik beruht, als ein Raum fÃr die
1 Das Konzept der Synthese-Anarchismus entstand wie die Plattform Mitte der 1920er-Jahre in
Frankreich. Im Gegensatz versucht er, die organisationswilligen Teile der anarchi-individualistischen,
anarcho-kommunistischen und anarcho-syndikalistischen StrÃmungen zu fÃderieren. Heute wird
dieses Konzept durch die Internationale der anarchistischen FÃderationen (IAF/IFA) vertreten.
â 5 â
â Especifismo: Die anarchistische Praxis der Bildung einer Massenbewegung und der
revolutionÃren Organisation â
_______________________________________
Erarbeitung
einer
gemeinsamen
Strategie
und
die
Reflexion
Ãber
die
Organisierungsarbeit der Gruppe. GestÃtzt durch kollektive Verantwortung gegenÃber
den PlÃnen und der Arbeit der Organisation wird ein Vertrauen zwischen den
Mitgliedern und Gruppen aufgebaut, welches eine tiefgrÃndige, auf hohem Niveau
gefÃhrte Diskussion der Aktionen zulÃsst. Das erlaubt der Organisation, kollektive
Analysen durchzufÃhren, kurzfristige und langfristige Ziele zu entwickeln und
kontinuierlich ihre Arbeit aufgrund von Erfahrungen und UmstÃnden zu reflektieren
und zu redigieren.
Aufgrund dieser Praktiken und aufgrund der Basis ihrer ideologischen Prinzipien,
sollten revolutionÃre Organisationen versuchen, ein Programm zu entwickeln, das ihre
kurz- und mittelfristigen Ziele definiert und das auf ihre langfristigen Ziele hinarbeitet:
Das Programm muss sich von einer genauen Analyse der Gesellschaft und von den
ZusammenhÃngen der KrÃfte, die ein Teil davon sind, herleiten. Das Fundament muss
die Erfahrung der KÃmpfe der UnterdrÃckten und deren Bestrebungen sein, und von
diesen Elementen her mÃssen Ziele und Aufgaben formuliert werden, die von der
revolutionÃren Organisation verfolgt werden, um nicht nur im Endziel, sondern auch in
den Etappen Erfolge zu erzielen. (En La Calle)
Der letzte Punkt, der in der Praxis des Especifismo zentral ist, ist die Idee der
âgesellschaftlichen EinfÃgungâ.2 Sie wurzelt im Glauben, dass die UnterdrÃckten der
revolutionÃrste Teil der Gesellschaft sind und dass der Samen der zukÃnftigen
revolutionÃren Transformation der Gesellschaft schon in diesen Klassen und sozialen
Gruppierungen liegt. Gesellschaftliche EinfÃgung meint anarchistische Einmischung in
die alltÃglichen KÃmpfe der UnterdrÃckten und der ArbeiterInnenklasse. Sie bedeutet
nicht die Arbeit in Ein-Themen-Interessenkampagnen, in der die Ãblichen politischen
Aktivistinnen und Aktivisten tÃtig sind, sondern innerhalb von Bewegungen jener
Menschen, die um eine Verbesserung ihrer Situation kÃmpfen, die nicht immer nur aus
materiellen NÃten zusammenkommen, sondern auch aus sozialen und geschichtlich
verwurzelten GrÃnden, um gegen die Attacken des Staates und des Kapitalismus
Widerstand zu leisten. Diese beinhalten die ArbeiterInnenbewegungen der breiten
Masse, Bewegungen von Immigrantinnen und Immigranten, die eine Legalisierung
ihres Status fordern, Nachbarschaftsorganisationen, die gegen Polizeigewalt und
Polizeimorde
aufstehen,
Studierende
der
ArbeiterInnenklasse,
die
gegen
BudgetkÃrzungen antreten, und die armen und erwerbslosen Menschen, die gegen
ZwangsrÃumungen und LeistungskÃrzungen kÃmpfen.
Durch die alltÃglichen KÃmpfe werden die UnterdrÃckten zu einer bewussten Kraft. Die
Klasse an sich, oder mehr noch die Klassen an sich (als Definition, die Ãber die
reduktionistische Sichtweise des stÃdtischen Proletariats hinausgeht, um alle
unterdrÃckten Gruppen in der Gesellschaft zu umfassen, die ein materielles Interesse
an einer neuen Gesellschaft haben), werden durch diese tÃglichen KÃmpfe, in denen
es um unmittelbare Notwendigkeiten geht, zu stÃrkeren, kampferprobten, und
2 Obwohl der Begriff âgesellschaftliche EinfÃgungâ, der direkt aus den Texten des Especifismo kommt,
Organisationen beeinflusst hat, sind einige meiner Genossinnen und Genossen mit ihm nicht
einverstanden. Bevor man diesen Begriff also voreilig und unkritisch verwendet, sollte er vielleicht
diskutiert werden.
â 6 â
â Especifismo: Die anarchistische Praxis der Bildung einer Massenbewegung und der
revolutionÃren Organisation â
_______________________________________
restituierten Klassen an sich. D.h., sie entwickeln sich von sozialen Klassen und
Gruppierungen, die objektiv und aufgrund gesellschaftlicher Beziehungen existieren,
zu einer tatsÃchlichen sozialen Kraft. ZusammengefÃhrt durch natÃrliche Methoden,
und vielfach durch ihren eigenen selbst organisierten Zusammenhalt, werden sie zu
selbstbewussten Akteurinnen und Akteuren, die sich ihrer Macht, Stimme und ihrer
wahren Feinde â fÃhrende Eliten, die Kontrolle Ãber die Machtstrukturen der modernen
sozialen Ordnung ausÃben â bewusst sind.
Beispiele fÃr gesellschaftliche EinfÃgung, welche die FAG angibt, sind ihre Arbeit in
Nachbarschaftskomitees in stÃdtischen Gemeinden und Slums (die populÃre
Widerstandskomitees genannt werden), Allianzen mit einfachen Mitgliedern der
Landlosenbewegung MST, und innerhalb der AbfallsammlerInnen. Aufgrund des
massiven Anteils temporÃrer und abhÃngiger Arbeit, UnterbeschÃftigung und
Arbeitslosigkeit in Brasilien Ãberlebt ein wichtiger Anteil der ArbeiterInnenklasse nicht
primÃr durch Lohnarbeit, sondern durch Subsistenzwirtschaft und im informellen
Wirtschaftssektor, wie etwa Gelegenheitsjobs auf dem Bau, Strassenhandel oder das
Sammeln von Abfall und recyclebaren GegenstÃnden. Aufgrund von einigen Jahren
Arbeit hat die FAG eine starke Beziehung zu stÃdtischen AbfallsammlerInnen, die
catadores, aufgebaut. Mitglieder der FAG haben diese unterstÃtzt, ihre eigenen
nationalen Organisationen zu grÃnden, welche AbfallsammlerInnen mit ihren
Interessen national mobilisieren und Geld sammeln, um einen kollektiv organisierten
Recyclingbetrieb aufzubauen.3
Die especifistische Konzeption sieht nicht vor, dass seine Theorie durch eine
FÃhrerschaft, eine âMassenlinieâ oder durch Intellektuelle den Massenbewegungen
aufgezwungen wird. Anarchistische Aktivistinnen und Aktivisten sollten nicht
versuchen, soziale Bewegungen zu anarchistischen Proklamationen zu bewegen,
sondern ihren genuin anarchistischen Charakter (Selbstorganisation, Kampf fÃr die
eigenen Interessen) bewahren. Das setzt die Perspektive voraus, dass soziale
Bewegungen ihre eigene Logik finden, oder eine Revolution machen, die nicht
notwendigerweise voraussetzt, dass sie sich selber als Anarchistinnen und Anarchisten
sehen, sondern wenn sie als Ganzes (oder zumindest mit ÃberwÃltigender Mehrheit)
ein Bewusstsein ihrer eigenen Macht erlangt haben und diese Macht im alltÃglichen
Leben ausÃben, also in ihrer Weise anarchistische Ideen adaptieren. Eine zusÃtzliche
Rolle der anarchistischen Aktivistinnen und Aktivisten innerhalb der sozialen
Bewegungen ist, so glauben die Especifistas, sich an die vielfÃltigen politischen
StrÃmungen, die innerhalb der Bewegungen existieren werden, zu wenden und aktiv
gegen opportunistische Elemente wie Avantgardismus und Wahlpolitik vorzugehen.
Especifismo im Kontext des nordamerikanischen und
westeuropÃischen Anarchismus
Innerhalb der aktuellen StrÃmungen des revolutionÃren, organisierten Anarchismus in
Nordamerika und Westeuropa weist vieles auf die Inspiration und den Einfluss der
Plattform hin, die weltweit den grÃssten Anteil am momentanen AufblÃhen der am
3 Eduardo, damals SekretÃr fÃr externe Beziehungen der brasilianischen FAG. âSaudacoes Libertarias
dos E.U.A.â E-mail an Pedro Ribeiro. 25. Juni 2004
â 7 â
â Especifismo: Die anarchistische Praxis der Bildung einer Massenbewegung und der
revolutionÃren Organisation â
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Klassenkampf orientierten anarchistischen Organisationen hat. Viele sehen die
Plattform als ein historisches Dokument, welches die Fehler des organisierten
Anarchismus innerhalb der globalen revolutionÃren Bewegungen dieses Jahrhunderts
anspricht, und verorten sich selbst in dieser âplattformistischen Traditionâ. Aus diesem
Grund verdienen Especifismo und der Plattformismus einen Vergleich und eine
GegenÃberstellung.
Die Autorinnen und Autoren der Plattform waren Veteranen der Russischen Revolution.
Sie unterstÃtzten den Guerillakrieg der KleinbÃuerinnen und -bauern gegen die
westeuropÃischen Armeen und spÃter gegen die Bolschewiki in der Ukraine, deren
BÃrgerinnen und BÃrger eine vom russischen Imperium unabhÃngige Geschichte
hatten. Deshalb sprachen die Autoren der Plattform mit Sicherheit aus einer FÃlle von
Erfahrungen und innerhalb ihres historischen Kontextes von einem der zentralsten
KÃmpfe. Aber das Dokument fÃhrt seine AnkÃndigung, Klassenkampfanarchistinnen
und -anarchisten zu vereinen, kaum aus und ist sehr still in der Analyse oder dem
VerstÃndnis von zahlreichen SchlÃsselfragen, welche RevolutionÃrinnen und
RevolutionÃre dieser Zeit beschÃftigt haben, etwa die UnterdrÃckung von Frauen oder
der Kolonialismus.
Obwohl die meisten heutigen anarchokommunistisch orientierten Organisationen
behaupten, von der Plattform beeinflusst zu sein, kann diese im RÃckblick nur als ein
pointiertes Statement gesehen werden, das aus dem Sumpf heraus entstanden ist, in
den der Anarchismus nach der Russischen Revolution gefallen ist. Als ein historisches
Projekt werden die VorschlÃge und Grundideen der Plattform von individualistischen
Tendenzen innerhalb der anarchistischen Bewegung zum grÃssten Teil abgelehnt,
werden aufgrund von Sprachbarrieren missverstanden, wie manche behaupten
(Skirda, 186), oder hat nie ihm wahrscheinlich zugeneigte Elemente oder
Organisationen erreicht, die sich um dieses Dokument herum hÃtten vereinen kÃnnen.
1927 organisierte die Gruppe Dielo Trouda in Frankreich eine kleine internationale
Konferenz fÃr ihre UnterstÃtzerinnen und UnterstÃtzer in Frankreich, die aber schnell
von den BehÃrden aufgelÃst wurde.
Im Vergleich dazu ist die Praxis des Especifismo eine lebendige, entwickelte Praxis und
eine viel relevantere und aktuellere Theorie, die sich aus 50 Jahren anarchistischer
Organisation heraus entwickelt hat. Entsprungen am sÃdlichen Ende Lateinamerikas,
aber mit einem weitreichenden Einfluss darÃber hinaus, leiten sich die Ideen des
Especifismo nicht von einem einzelnen Dokument ab, sondern haben sich von selbst
aus den Bewegungen des globalen SÃdens heraus entwickelt, welche den Kampf
gegen den internationalen Kapitalismus anfÃhren und Beispiele fÃr die weltweite
Bewegungen setzen. Die Especifistas rufen zu einer viel weniger prononcierten
anarchistischen Organisation als die Plattform mit ihrer âtheoretischen und
ideologischen Einheitâ auf, aber ein strategisches Programm, welches auf Analysen
basiert, leitet die Aktionen der RevolutionÃrinnen und RevolutionÃre. Sie zeigen uns
lebendige Beispiele revolutionÃrer Organisation auf, die auf der Notwendigkeit
gemeinsamer Analyse, geteilter Theorie und einer festen Verwurzelung innerhalb der
sozialen Bewegungen basieren.
â 8 â
â Especifismo: Die anarchistische Praxis der Bildung einer Massenbewegung und der
revolutionÃren Organisation â
_______________________________________
Ich glaube, dass uns die Tradition des Especifismo viel Inspiration geben kann, nicht
nur auf einer globalen Ebene, sondern auch und vor allem fÃr nordamerikanische
Klassenkampfanarchistinnen
und
-anarchisten
und
fÃr
multiethnische
RevolutionÃrinnen und RevolutionÃre innerhalb der USA. WÃhrend die Plattform leicht
so verstanden werden kann, dass sie die Rolle der Anarchistinnen und Anarchisten eng
und vor allem innerhalb der Gewerkschaften sieht, zeigt uns der Especifismo lebendige
Beispiele auf, die anschaulich sind und die uns mehr fÃr unsere Arbeit der Bildung
einer heutigen revolutionÃren Bewegung bieten kÃnnen. Ich hoffe ausserdem, dass
uns dieser Artikel, wenn wir all das bedenken, helfen kann, konkreter zu reflektieren,
wie wir uns als Bewegung definieren und unsere Traditionen und EinflÃsse ausbilden
kÃnnen.
Bibliografie
En La Calle (Unsignierter Artikel). âLa Necesidad de Un Proyecto Propio, Acerca de la importancia
del programa en la organizacion polilitica libertariaâ oder âThe Necessity of Our Own Project,
On the importance of a program in the libertarian political organization.â En La Calle,
publiziert von der Argentinischen OSL (OrganizaciÃn Socialista Libertaria) Juni 2001. 22. Dez.
2005. Ãbersetzung von Pedro Ribeiro. Original Portugiesisch oder Englisch
Featherstone, Liza, Doug Henwood und Christian Parenti. âLeft-Wing Anti-intellectualism and its
discontentsâ Lip Magazine 11 Nov 2004. 22 Dec 2005 .
Guillamon, Agustin. The Friends of Durruti Group: 1937-1939. San Francisco: AK Press, 1996.
Krebs, Edward S. Shifu, the Soul of Chinese Anarchism. Landham, MD: Rowman & Littlefield, 1998.
Northeastern Anarchist. The Global Influence of Platformism Today von The Northeastern
Federation of Anarchist Communists (Johannesburg, South Africa: Zabalaza Books, 2003),
24.
Interview with Italian Federazione dei Comunisti Anarchici.
Skirda, Alexandre. Facing the Enemy:
A History of Anarchist Organization
from Proudhon to May 1968.
Oakland, CA: AK Press 2002.
â 9 â
â âHuerta grandeâ - Material zur internen Verbreitung Ãber theoretische Themen von 1972 â
_______________________________________
â âHuerta grandeâ - Material zur internen Verbreitung Ãber
theoretische Themen von 1972
Quelle:
Ãbersetzung:
AutorIn :
http://www.nodo50.org/fau/documentos/
docum_historicos/huerta_grande.htm - spanisch
LibertÃre Aktion Winterthur
FederaciÃn Anarquista Uruguaya
Der Originaltext erschien erstmals 1972 als internes Diskussionspapier
der FederaciÃn Anarquista Uruguaya und gilt als einer der wichtigsten
theoretischen BeitrÃge zum Especifismo.
Um zu verstehen, was passiert (die Konjunktur), muss man die richtigen Gedanken
anstellen. Korrekt zu denken heisst, die FÃlle an Daten, die uns Ãber die RealitÃt
Auskunft geben, angemessen zu ordnen und zu behandeln.
Korrekt zu denken ist eine unerlÃssliche Bedingung, um das, was in einem Land zu
einem gegebenen Zeitpunkt passiert, richtig analysieren zu kÃnnen. Dazu sind
Werkzeuge erforderlich: Die Begrifflichkeiten. Um in ZusammenhÃngen denken zu
kÃnnen, benÃtigt man ein Ensemble an Begrifflichkeiten, die untereinander
stimmig sind: Ein System der Begriffe, eine Theorie.
Ohne Theorie laufen wir Gefahr, jedes Problem isoliert, mit stetig Ãndernden
PrÃmissen oder auf Grundlage von subjektivem Empfinden, Eingebung oder
oberflÃchlichen EindrÃcken zu betrachten.
Die Partei [die FAU, Anm. d. Ã.] konnte gravierende Fehler verhindern, weil sie in ihrer
Analyse von Begrifflichkeiten ausgegangen ist, die einen hohen Grad an KohÃrenz
aufwiesen. Sie hat aber ebenso grosse Fehler begangen, indem sie ihre Theorie als
Organisation zu wenig weit vorangetrieben hat.
Um ein Programm entwickeln zu kÃnnen, mÃssen wir die Ãkonomische, politische und
ideologische RealitÃt unseres Landes kennen. Dasselbe gilt fÃr die Ausarbeitung einer
politischen Linie, die ausreichend klar und konkret ist. Wenn wir nur wenig wissen,
erhalten wir kein Programm, sondern nur eine sehr allgemein gehaltene Linie, die fÃr
die einzelnen Bereiche, in denen die Partei arbeitet, schwierig zu konkretisieren ist.
Wenn wir keine klare und konkrete Linie haben, kÃnnen wir keine effiziente politische
Praxis entwickeln. Der politische Wille der Partei droht so, sich zu verwÃssern. Der
âVoluntarismusâ verkommt so zu einer Beliebigkeit in der politischen Praxis. Es ist uns
in diesem Fall nicht mehr mÃglich, auf Grund einer ungefÃhren EinschÃtzung der
zukÃnftigen Entwicklung in entscheidender Weise auf das Tagesgeschehen Einfluss
nehmen â umgekehrt nimmt dieses Einfluss auf uns, und zwingt uns eine reaktive
statt proaktive Praxis auf.
Ohne Linie fÃr die theoretische Arbeit wird eine Organisation, so gross sie auch sein
mag, von den Ãusseren UmstÃnden getrieben, die sie weder beeinflussen noch
verstehen kann. Die politische Linie setzt ein Programm voraus, d.h. die
Formulierung von Zielen, die in jeder Etappe erreicht werden sollen. Das Programm
â 10 â
â âHuerta grandeâ - Material zur internen Verbreitung Ãber theoretische Themen von 1972 â
_______________________________________
gibt an, mit welchen KrÃften wir permanent oder vorÃbergehend
zusammenarbeiten kÃnnen und welche uns feindlich gesinnt sind. Aber um
dies zu wissen, muss man die RealitÃt des Landes sehr gut kennen. Deshalb ist es zum
jetzigen Zeitpunkt vorrangig, sich diese Kenntnisse anzueignen. Und dazu braucht
man eine Theorie.
Die Partei braucht ein klares Schema, um kohÃrent Ãber das Land, die Region und die
KÃmpfe der internationalen ArbeiterInnenschaft nachdenken zu kÃnnen. Wir benÃtigen
ein effizientes Rahmenwerk, um die anwachsende Masse an Daten ordnen
und hierarchisieren zu kÃnnen, die wir aus unserer wirtschaftlichen,
politischen und ideologischen RealitÃt gewinnen kÃnnen. Was wir brauchen,
ist eine Methode, um diese Daten zu behandeln. Damit wir sehen, welche
wesentlich sind, und welche prioritÃr, welche sekundÃr einzubeziehen sind; damit wir
unsere KrÃfte angesichts dieser Front an Arbeit prÃzis einteilen kÃnnen: Ein
begriffliches Schema, das es erlaubt, gemÃss einer systematischen, kohÃrenten
Ordnung eine Sache mit einer anderen zu koppeln, und das uns bei den politischen
TÃtigkeiten unserer Partei unterstÃtzt. Und damit uns die Beispiele, wie man mit
diesen begrifflichen Schemen arbeiten muss, uns dabei helfen, diese fÃr andere
RealitÃt, andere Aktionsbereiche zu modifizieren.
Aber die Arbeit, unser Land kennenzulernen, mÃssen wir selber tun, da
niemand sie uns abnehmen wird.
Wir werden bei der Ausarbeitung dieser theoretischen Schemen nicht bei Null
anfangen kÃnnen. Wir werden nicht in der Lage sein, eine Theorie mit all ihren
Implikationen aufzustellen. Der Grund liegt in der generellen RÃckstÃndigkeit unserer
Bewegung
und
seiner
spezialisierten
Institutionen
und
die
mangelnde
Einsatzbereitschaft, um diese Aufgabe zu meistern.
Folglich mÃssen wir die Theorie so nehmen, wie sie sich entwickelt, sie aber stets
kritisch analysieren. Denn wir kÃnnen keine Theorie blind akzeptieren, als ob sie ein
Dogma wÃre.
Wir wollen eine vollstÃndige VerÃnderung in unserem Land bewirken, und werden
deshalb nicht die bourgeoisen Lehren Ãbernehmen. Mit diesen werden wir so zu
denken beginnen, wie die Bourgeoisie will, dass wir denken.
Wir wollen Uruguay und den Rest der Welt als RevolutionÃre studieren. Folglich werden
wir unter den Elementen, die die verschiedenen sozialistischen StrÃmungen
ausmachen, nur diejenigen auswÃhlen, die uns fÃr diesen Zweck am besten dienen.
Wir werden keine Lehre adaptieren, nur um uns damit ein modisches
MÃntelchen umzuhÃngen â also Phrasen zu wiederholen, die andere Personen zu
anderen Zeiten an anderen Orten gesagt haben, um andere Situationen und andere
Probleme zu beschreiben. Die Theorie ist nicht dafÃr gedacht. Nur Scharlatane nutzen
sie zu diesem Zweck.
Die Theorie ist ein Instrument, ein Werkzeug, das dazu dient, eine Arbeit zu
verrichten. Sie hilft uns, das Bewusstsein zu entwickeln, das wir benÃtigen. Das erste,
was uns interessiert kennenzulernen, ist unser Land. Wenn die Theorie uns nicht dabei
â 11 â
â âHuerta grandeâ - Material zur internen Verbreitung Ãber theoretische Themen von 1972 â
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hilft, neue Kenntnisse zu entwickeln, die hilfreich fÃr die politische Praxis sind, ist sie
unbrauchbar und wandelt sich in ein belangloses Geplauder, in eine sterile,
ideologisierende Polemik.
Diejenige, welche eine moderne Drehbank kauft, doch anstatt zu drehen nur Ãber das
Drehen spricht, wirkt lÃcherlich und ist ein Scharlatan. Dasselbe gilt fÃr denjenigen,
der eine Drehbank benutzen kÃnnte, doch weiterhin von Hand dreht, weil man es
frÃher so gemacht habe...
Einige Unterschiede zwischen Theorie und Ideologie
Es sollen nun einige Unterschieden zwischen den Begriffen aufgezeigt werden, die man
normalerweise als Theorie und Ideologie bezeichnet.
Die Theorie zielt auf die Ausarbeitung eines begrifflichen Instrumentariums, um prÃzis
zu denken und die konkrete RealitÃt gut kennenzulernen. In diesem Sinn lÃsst sich die
Theorie mit einer Naturwissenschaft vergleichen.
Die Ideologie dagegen besteht aus nicht-wissenschaftlichen Elementen, die zur
Dynamisierung der Aktion beitragen, indem sie die Aktion auf der Grundlage von
UmstÃnden antreiben, die nicht direkt aus der objektiven Situation entspringen (auch
wenn diese UmstÃnde abhÃngig von ihr sind). Die Ideologie wird durch die objektiven
Gegebenheiten bedingt, wenn auch nicht mechanistisch durch sie bestimmt.
Die tiefgreifende und exakte Analyse einer konkreten Situation, in ihrem realen,
strikten und objektiven Ausdruck, wird so zu einer theoretischen, mÃglichst
wissenschaftlichen Standards genÃgenden Analyse. BeweggrÃnde, Zielvorgaben,
Bestrebungen und Ideale fallen dagegen in den Bereich der Ideologie.
Die Theorie schildert und prÃzisiert die Bedingungen der politischen Aktion, wÃhrend
die Ideologie die politische Aktion motiviert und antreibt, indem sie sie in ihren
âidealenâ Zielen und ihrem Stil formt.
â 12 â
â âHuerta grandeâ - Material zur internen Verbreitung Ãber theoretische Themen von 1972 â
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Zwischen Theorie und Ideologie existiert eine starke Verbindung, weil die
ideologischen PrÃmissen in den Schlussfolgerungen der theoretischen Analyse
begrÃndet liegen. Je stÃrker sich die Ideologie auf die theoretischen Erkenntnisse
stÃtzt, desto effizienter wird sie als Motor der politischen Aktion.
Die Reichweite theoretischer Arbeit
Die theoretische Arbeit ist immer eine Arbeit, die auf realen Geschehnissen basiert, sie
stÃtzt sich auf das, was in der historischen und gegenwÃrtigen RealitÃt passiert.
Allerdings, als eine solche Arbeit geschieht sie immer nur in den Gedanken, bleibt eine
Abstraktion: Somit ergeben sich aus ihr auch keine Begrifflichkeiten, die ârealerâ sind
als andere.
DiesbezÃglich ist es wichtig, zwei grundlegende Aussagen zu machen:
1) Es muss zwischen der existierenden, konkreten RealitÃt, zwischen den realen,
historischen Prozessen, und den gedanklichen VorgÃngen, die auf der Grundlage
der Kenntnis und VerstÃndnis der RealitÃt erfolgen, unterschieden werden.
Anders ausgedrÃckt: Es ist notwendig, die Differenz zwischen dem Sein und dem
Denken anzuerkennen, zwischen der RealitÃt, wie sie ist, und deren Kenntnis,
die man erwerben kann.
2) Das Sein hat Vorrang vor dem Denken und die RealitÃt vor der Erkenntnis. In
anderen Worten: Das, was in der RealitÃt passiert, ist fÃr die Entwicklung des
Tagesgeschehens bestimmender als das, was man Ãber diese Gegebenheiten
denken oder wissen kann.
Ausgehend von diesen grundlegenden Annahmen mÃssen nun einige AusfÃhrungen
gemacht werden, um die Reichweite der theoretischen Arbeit festzulegen, d.h. wie
umfangreich der durch die prÃzise, wissenschaftliche Erkenntnis geleitete Lernprozess
sein muss.
Die theoretische Arbeit geht immer von einem bereits zuvor determinierten
âRohmaterialâ aus. Dieses ist nicht Teil des Konkret-Realen, der tatsÃchlichen
RealitÃt, besteht aber dennoch aus Informationen, Daten und Auffassungen
Ãber diese RealitÃt. Dieses Rohmaterial wird im Laufe der theoretischen Arbeit
vermittels bestimmter nÃtzlicher Konzepte und Methoden bearbeitet. Das resultierende
Produkt ist das Wissen, die Erkenntnis.
Anders ausgedrÃckt: Es existieren nur reale, konkrete und singulÃre Objekte
(determinierte historische Situationen in determinierten Gesellschaften zu
determinierten Zeitpunkten). Der Prozess des theoretischen Denkens hat zum Ziel,
diese zu kennen.
Manchmal muss die Erkenntnisarbeit auf abstrakte Objekte zurÃckgreifen, die nicht in
der RealitÃt, sondern bloss in der Vorstellung existieren, aber dennoch unentbehrliche
Instrumente, eine Vorbedingung zur Erfassung realer Objekte sind (wie z.B. das
Konzept der sozialen Klassen). Also wird im Prozess der Erkenntnisgewinnung das
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â âHuerta grandeâ - Material zur internen Verbreitung Ãber theoretische Themen von 1972 â
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Rohmaterial (die oberflÃchliche Betrachtung der RealitÃt) in das Produkt (die
exakte, wissenschaftliche Kenntnis der RealitÃt) verwandelt.
Der Begriff âwissenschaftliche Erkenntnisâ muss bezÃglich der gesellschaftlichen
RealitÃt prÃzisiert werden. Auf diese RealitÃt angewendet weist er nach seinem
VerstÃndnis in prÃzisen, mÃglichst objektnahen Begriffen auf die Wirklichkeit, wie sie
ist, hin.
Es muss gesagt werden, dass der Prozess der Erkenntnis der gesellschaftlichen
RealitÃt, wie der Erkenntnisprozess jeglicher RealitÃt, die studiert wird, stetig vertieft
werden kann. Wie die Physik, die Chemie und andere Naturwissenschaften die
Erkenntnisse Ãber diejenigen Wirklichkeiten, die ihre Studienobjekte enthalten,
unbeschrÃnkt vertiefen kÃnnen, kÃnnen die Sozialwissenschaften die Erkenntnis Ãber
die soziale Wirklichkeit unbeschrÃnkt vertiefen. Aus diesem Grund ist es sinnlos,
auf eine âabgeschlosseneâ Kenntnis der sozialen RealitÃt zu warten, um auf
ihrer Grundlage zu handeln und versuchen, sie zu verÃndern. Anderseits ist
es ebenso unsinnig, sie ohne vertiefte Kenntnis zu transformieren.
Die prÃzise, wissenschaftliche Kenntnis Ãber die RealitÃt, wie sie sich uns hier
prÃsentiert, Ãber unsere gesellschaftliche Struktur erlangt man nur, indem man mit
Informationen, statistischen Daten etc. arbeitet, die durch das abstraktere begriffliche
Instrumentarium, das die Theorie schafft, vermittelt werden. Durch die praktische
Anwendung der Theorie bilden wir uns dieses immer prÃziser und konkreter werdende
Instrumentarium, das uns damit zur Kenntnis unserer RealitÃt fÃhrt.
â 14 â
â âHuerta grandeâ - Material zur internen Verbreitung Ãber theoretische Themen von 1972 â
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Nur durch ein angemessenes theoretisches, d.h. tiefgreifendes und wissenschaftliches
VerstÃndnis kÃnnen sich ideologische Elemente (Bestrebungen, Werte, Ideale etc.)
ausbilden, die adÃquate Mittel zur Transformation (d.h. mit kohÃrenten Prinzipien und
einer effizienten politischen Praxis) der besagten sozialen RealitÃt liefern kÃnnen.
Die politische Praxis und die Erkenntnis der RealitÃt
Eine effiziente politische Praxis erfordert also die Kenntnis der RealitÃt (Theorie), die
auf ihr beruhende Forderung nach objektiven Werte der Transformation (Ideologie)
und die konkreten politischen Mittel, um diese Transformation umzusetzen (die
politische Praxis sui generis). Die drei Elemente sind in einer dialektischen Einheit
begrÃndet, welche die Kraft zur gesellschaftlichen Transformation hervorbringt, die die
Partei erreichen will.
Man mag sich fragen: MÃssen wir auf eine abgeschlossene theoretische Entwicklung
hoffen, um handeln zu kÃnnen? Nein. Die Hervorbringung einer Theorie ist nicht ein
akademisches Problem, sie beginnt nicht bei Null. Sie formiert, wÃchst und entwickelt
sich auf bereits bestehenden ideologischen Werten und auf einer politischen Praxis.
Mehr oder weniger richtig, mehr oder weniger falsch existieren diese Elemente
historisch vor der Theorie und regen diese zu ihrer Entwicklung an.
Der Klassenkampf existierte viel frÃher als seine theoretische Konzeption. Der Kampf
der Ausgebeuteten wartete nicht auf die Erschaffung der Theorie, damit diese ihm das
Recht gab, sich zu entfesseln. Sein Sein, seine Anwesenheit bestand vor seiner
Kenntnis, vor der theoretischen Analyse seiner Existenz.
Ausgehend von dieser grundlegenden Untersuchung, erweist sich deshalb das
Handeln, die politische Praxis als fundamental und prioritÃr. Nur ausgehend von dieser
Praxis, in ihrer konkreten Existenz und den erwÃhnten Voraussetzungen fÃr ihre
Entwicklung kann ein nÃtzliches theoretisches Denken entstehen. Auf dass dieses
keine unentgeltliche Ansammlung von abstrakten Postulaten mit mehr oder weniger
KohÃrenz und innerer Logik, aber ohne Verbindung zum Verlauf der realen Prozesse
sein mÃge: Um effizient Theorie betreiben zu kÃnnen, muss man eine Praxis
haben.
KÃnnen wir auf Theorie verzichten, indem wir auf die Dringlichkeit der Praxis
verweisen? Nein. Dennoch mag eine politische Praxis existieren, die, sagen wir, nur auf
ideologischen Kriterien beruht, d.h. Ãberhaupt nicht oder nur ungenÃgend auf einer
angemessenen theoretischen Analyse fusst. Dies ist der Regelfall in unserer
Bewegung.
Niemand kann behaupten, dass in unserer Umgebung oder einer anderen Region
Amerikas eine adÃquate theoretische Analyse oder ein ausreichendes begriffliches
VerstÃndnis existiert, nicht einmal annÃhernd. Dies ist auch fÃr andere Orte und
andere RealitÃt zutreffend. Die theoretische Entwicklung befindet sich erst im
Anfangsstadium. Dennoch kÃmpft man seit vielen Jahrzehnten. Trotzdem darf diese
Tatsache nicht zur GeringschÃtzung der fundamentalen Wichtigkeit der theoretischen
Arbeit fÃhren...
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â âHuerta grandeâ - Material zur internen Verbreitung Ãber theoretische Themen von 1972 â
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Auf die vorher formulierte Frage muss man also antworten: Vorrangig ist die Praxis,
doch ihre Effizienz wurzelt in der mÃglichst prÃzisen Kenntnis der RealitÃt.
In einer RealitÃt wie der unseren, in einer gesellschaftlichen Struktur wie der in
Uruguay muss die theoretische Entwicklung von einer Gruppe von effizienten
theoretischen Konzepten ausgehend starten und eine mÃglichst grosse Masse an
Daten miteinbeziehen, welche das Rohmaterial fÃr die theoretische Praxis ergeben.
Die nackten, isolierten Daten schaffen ohne eine angemessene begriffliche Einordnung
kein angemessenes Bild der RealitÃt. Sie schmÃcken und verstellen lediglich die
Ideologien, in deren Dienst sie stehen.
Doch auch die abstrakten Konzepte tragen nichts zur Kenntnis der RealitÃt bei,
beziehen sie sich nicht auf die daraus gewonnenen Daten.
Die Arbeit auf dem theoretischen Feld, die in unserem Land betrieben wird, fluktuiert
normalerweise zwischen diesen zwei Extremen.
â Die spezifische Organisation
Quelle:
http://www.anarkismo.net/article/5827 - portugiesisch
Ãbersetzung: LibertÃre Aktion Winterthur
AutorIn :
Jaime Cubero
Jaime Cubero war Anarchist und Aktivist im Centro de Cultura Social in
SÃo Paulo.
Die spezifische Organisation der anarchistischen Bewegung ist, wie die Bezeichnung
impliziert, eine Instanz mit Eigenheiten, die die grundlegenden Prinzipien definieren,
auf denen ihre Praxis fundiert.
Das revolutionÃre Projekt, das fÃr den libertÃren Sozialismus eintritt, erfordert eine
Organisation, in der Strategien fÃr alle Gegebenheiten und mÃglichen Alternativen
ausgearbeitet werden, und in der zur gleichen Zeit die Praxis eine vorgezogene Ãbung
fÃr das Projekt ist. Daher dÃrfen Freiheit, Verantwortlichkeit, Ethik, FÃderalismus,
SolidaritÃt, Selbstbestimmung etc. nicht nur Konzepte eines theoretischen Diskurses,
sondern Leitlinien fÃr eine Praxis oder das Handeln der Anarchistinnen und Anarchisten
in der Organisation sein. So sind die Individuen die Zellen der Organisation, wie die
Gruppen und Kollektive ihre Basiskerne sind.
Die AffinitÃtsgruppen bestehen aus Aktivistinnen und Aktivisten, deren Beziehungen
intensiver sind als diejenigen, die nur vermittels der revolutionÃren Ideen und Praxis
bestehen. Jede Gruppe umfasst eine begrenzte Anzahl Personen, welche einen
hÃheren Grad an IntimitÃt erlaubt. Sie sind dann autonom, wenn ihre Mitglieder
sowohl individuell als auch in der Gruppe Wechsel vornehmen. Sie funktionieren als
Katalysatoren der Bewegung, indem sie Initiativen und die Bewusstseinsbildung
anregen. Die Vereinigung oder Auftrennung einer Gruppe ist durch ihre eigenen
â 16 â
â Die spezifische Organisation â
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UmstÃnde und Interessen bestimmt, und nicht durch einen zentralistischen Entscheid.
Ein- und Austritte sind spontan, frei und ohne Druck von Aussen. WÃhrend Phasen
verstÃrkter politischer Repression sind die AffinitÃtsgruppen sehr widerstandsfÃhig.
Aufgrund des hohen Grades an Geschlossenheit, der unter den Mitgliedern existiert, ist
es schwierig, eine Gruppe zu unterwandern, und selbst unter erschwerten UmstÃnden
sind die Gruppen in der Lage, Kontakt untereinander zu halten. Nichts verhindert, dass
die Gruppen auf dem Niveau zusammenarbeiten, das sie fÃr richtig befinden. Sie
kÃnnen sich auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene in permanenter Weise oder
nur fÃr ein gemeinsames Projekt zusammenschliessen. Jede Gruppe trÃgt Sorge, die
notwendigen Mittel zu beschaffen, um in mÃglichst autonomer Weise funktionieren zu
kÃnnen.
Eine Einigkeit der Interessen als gemeinsames Ziel, aber ohne damit die Autonomie zu
zerstÃren ist eine grundlegende Charakteristik des FÃderalismus. Auf diese Weise sind
die lokalen Einheiten regional, und die regionalen national organisiert, bis hin zur
internationalen KonfÃderation. Alles, was hinsichtlich jeder Einheit gesagt wurde, muss
von diesen im eigenen Rahmen frei und autonom entschieden werden, vom
Individuum bis zur FÃderation. Nur wenn Fragen gemeinsame Ziele betreffen, sei es
zwischen Gruppen, sei es zwischen zwei nationalen FÃderationen, muss das
gegenseitige EinverstÃndnis und der Kompromiss gesucht werden, wobei die
beteiligten Einheiten um eine freiheitliche und verantwortliche Einigung besorgt sind.
Was ist Freiheit? Durch die ganze Geschichte ein kontroverses Thema. Gibt es den
freien Willen, oder ist alles vorherbestimmt? Haben wir Einfluss auf unser Handeln
oder nicht? Werden wir nur durch unsere inneren Impulse gesteuert, die wir nicht
kontrollieren kÃnnen? Der Mensch ist ein rationales Tier: eine Wahrheit, die wir alle
akzeptieren. Rational zu sein heisst, fÃhig sein, zu entscheiden, etwas vorzuziehen,
abzuwÃgen, eine LÃsung mit einer anderen zu vergleichen, MÃglichkeiten von
MÃglichkeiten zu antizipieren. Der Mensch ist in der Lage, die Konsequenzen seiner
Handlung abzuschÃtzen. FÃhig dazu, sich vorzustellen, dass wenn sie/er auf diesem
Weg fortschreitet, ihr/ihm dieses oder jenes gelingen kÃnnte. Dass eine Aktion eine
bestimmte Konsequenz hat. Und dies, weil er fÃhig ist, zu urteilen, zu vergleichen,
abzuschÃtzen und auszuwÃhlen. Wenn der Mensch nur eine Maschine wÃre, kÃnnte er
keine Vorstellung von der Zukunft haben. Eine Vorstellung von der Zukunft zu haben
bedeutet UnabhÃngigkeit, FÃhigkeit zur erneuten Wahl unter verÃnderten
Bedingungen. Das deshalb, weil der Mensch ein unabhÃngiges Wesen ist und die
Freiheit kennt. Wenn wir einen Impuls fÃr einen klar umrissenen Akt spÃren und wir
seine Konsequenzen bedenken, wird uns eine Reihe von MÃglichkeiten aufgezeigt, die
wir rational analysieren kÃnnen. Wir halten den Impuls zurÃck, wir unterdrÃcken den
â 17 â
â Die spezifische Organisation â
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Wunsch und uns dazu entscheiden, nicht zu tun, was wir wÃnschen. Diesen Fakt, den
wir in unserem Leben verifizieren kÃnnen, zu verleugnen, wÃrde in der Konsequenz
auch alle Sinnhaftigkeit von Bildung zu verneinen. Das grÃsste Hindernis, gegen das
wir zu kÃmpfen haben, sind die Behauptung und der Glauben, dass wir die grossen
gesellschaftlichen und Ãkonomischen Probleme nur auf Kosten der Freiheit lÃsen
kÃnnen. Aber Freiheit ist viel mehr. Denn nur durch die ErkÃmpfung von tatsÃchlicher
Freiheit kÃnnen wir die LÃsung finden, die wir fÃr diese Probleme suchen. Der Weg der
Freiheit ist einer der praktischen Freiheit. Mit AusÃbung der Freiheit erschaffen wir
freie Menschen.
Verantwortung ist die Verpflichtung, fÃr Aktionen oder Aufgaben, die einem anvertraut
worden sind, gerade zu stehen. Niemand kann verantwortlich sein, ohne frei zu sein.
Verantwortung hat zwei Aspekte: Einen individuellen und einen kollektiven.
Individuelle Verantwortung zwingt eine Person, nur fÃr ihre eigenen Aktionen oder fÃr
ihr anvertraute Aufgaben einzustehen. Kollektive Verantwortung hingegen zwingt
einen nicht nur dazu, fÃr die eigenen, sondern auch fÃr die Aktionen anderer Leute
gerade zu stehen, sofern es sich um eine vorsÃtzliche, von einer Gruppe oder
vereinigten Einzelpersonen frei entschiedenen Tat im Rahmen einer gemeinsamen
Aufgabe handelt. Alle sind in diesem Fall individuell und kollektiv verantwortlich und
ihre Freiheit wird durch diesen doppelten Charakter der Verantwortung bestimmt.
Individuelle Verantwortung, die Verpflichtung, fÃr die eigenen Taten oder fÃr einem
anvertrauten Aufgaben einzustehen, kann von keiner im Vollbesitz seiner/ihrer
geistigen KrÃfte stehenden Person umgangen werden. Es gibt drei Typen von
Anarchistinnen und Anarchisten: a) Individualistinnen und Individualisten, die jeder
Organisation feindlich gegenÃberstehen; b) Individualistinnen und Individualisten, die
eine freie und zeitlich begrenzte Assoziation befÃrworten, die Organisation aber
ablehnen; c) die UnterstÃtzerinnen und UnterstÃtzer der methodologischen und
permanenten Organisation. Als AnhÃngerInnen der letzten Position werden wir nicht
Ãber die zwei ersten sprechen. Die Konzeption der individuellen Verantwortung
innerhalb der Organisation, die Teil der Koexistenz der Individuen und der Gesellschaft
als ein grundlegendes BedÃrfnis ist, deren RealitÃt ihrer Existenz vorangeht. Teil des
fÃr eine anarchistische Gesellschaft wesentlichen SolidaritÃtsprinzips; ein Teil, der sich
Ãber alle Menschen erstreckt, die seine Konzeption teilen und fÃr die gleichen Ziele
kÃmpfen. An ein gemeinsames VerstÃndnis von Interessen gebunden, sind sie fÃr alle
Aktionen in ihrem Leben verantwortlich, die einen sozialen Charakter haben, d.h. die
in ihren guten oder schlechten Folgen mÃglicherweise die Existenzbedingungen, die
Sicherheit und das Wohlergehens anderer Menschen beeinflussen. Aktionen, die
Freundinnen und Freunden schaden, mÃssen verhindert werden. Die Beispiele sind
endlos und werden mehr, wenn sich der Kampf verschÃrft, wie es bspw. bei Streiks der
Fall ist, wenn die kollektive Verantwortung sich in der individuellen Verantwortung
ablagert und so "grundsÃtzlich" wird.
Kollektive Verantwortung ist der anarchistischen Organisation eigen. Die Anwendung
von fÃderativen Prinzipien beinhaltet sie. Sie ist auf- und absteigend: Sie zwingt
sowohl die Individuen, fÃr ihre Aktionen vor dem Kollektiv einzustehen, wie auch das
Kollektiv, vor den Individuen. Es besteht kein Gegensatz zwischen kollektiver und
individueller Verantwortung. Beide vervollstÃndigen und erweitern sich unter dem
gesellschaftlichen Gesichtspunkt. Wenn eine Gruppe oder ein Kollektiv eine
Entscheidung trifft, die aus der praktischen Anwendung ihrer Prinzipien entspringt,
â 18 â
â Die spezifische Organisation â
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welche die Planung einer Aktion befÃrworten, kann kein Mitglied sich davon lossagen,
UnterstÃtzung verweigern oder in einer Weise handeln, dass die Erreichung des Ziels
gefÃhrdet. Alle sind mitverantwortlich. Die Verantwortung ist kollektiv und sozial. Die
Entscheidung war kollektiv, die Verantwortung ist kollektiv. Die Entscheidung wurde in
einer souverÃnen und fÃr alle freien Form getroffen. Freiheit bedeutet nicht das Fehlen
von Restriktionen. Sie ist die AuswahlmÃglichkeit, die freie Anerkennung von sozialen
Verpflichtungen. In der Organisation offenbaren sich Kompromiss und Verantwortung
von
selbst.
Das
NichterfÃllen
von
(Selbst-)Verpflichtungen
kÃnnen
Unverantwortlichkeit, Unreife, SchwÃche oder andere ethische Komplikationen
andeuten.
Alle unsere Taten haben moralische und ethische Konnotationen. Alles, was bisher
gesagt wurde, hat ethische Konsequenzen. Es gibt riesige Studien zur Ethik, die von
transzendenten (religiÃsen) bis zu ultra-rationalistischen, amoralischen Positionen
reichen, die totalitÃre, rassistische, etatistische Positionen rechtfertigen wollen. Uns
interessiert die inhÃrente Ethik, die die libertÃre Lehre untermauert, und die von
Proudhon studiert und verteidigt, von Kropotkin auf solider Basis weiterentwickelt
wurde. Sie gehen von einer natÃrlichen Ordnung zwischen den Menschen aus, die auf
den Spannungen beruht, die sich ausformen und bestÃndig sind, wie sie alle Ethik in
diesen Spannungen und den Interessen, die durch sie erschaffen wurden, begrÃndet
sehen. Folglich bildet sich automatisch eine Ethik heraus, wenn eine Gesellschaft auf
einfacher und natÃrlicher Basis organisiert wird, nicht nur aus Notwendigkeit, sondern
weil die Menschen wÃhlen kÃnnen. Somit wissen Leute, wenn sie sich fÃr ein
gemeinsames Ziel zusammenschliessen, alsbald, wie sie von ihrer Organisation die
â 19 â
â Die spezifische Organisation â
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richtigen (angepassten) Regeln und Prinzipien ableiten kÃnnen, die es ihnen erlaubt,
ihr Ziel zu erreichen. Dies lÃsst sich durch die ganze Geschichte der konstanten
Polarisierung von Freiheit und Autoritarismus, und in allen Bewegungen, die einen
sozialen Umsturz anstreben, verfolgen. In dieser Form entwickelt die anarchistische
Organisation ihre Ethik, die auf einer Verpflichtung zur Angemessenheit beruht, da alle
âmoralischenâ Aktionen frustrierend sind. FÃr die Anarchistin oder den Anarchisten ist
alles eine unmoralische Aktion, was den Normen der Organisation widerspricht. Die
Kraft, die Entwicklung und die grossen MÃglichkeiten des anarchistischen Projekts
beruhen grundsÃtzlich auf der KohÃrenz seiner Ethik.

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â Die soziale EinfÃgung des Anarchismus
Quelle & AutorIn: Die franzÃsische Originalversion erschien im
September 2010 auf dem Blog âThÃorie anarchiste-communisteâ
(http://theorie.anarchiste-communiste.over-blog.com/article-l-
insertion-sociale-de-l-anarchisme-42379078.html)
Ãbersetzung:
LibertÃre Aktion Winterthur
FÃr alle anarchistischen Aktivistinnen und Aktivsten, die die Revolution nicht als einen
âmobilisierenden Mythosâ oder ein folkloristisches Element, dessen Entsorgung im
AntiquitÃtenschrank man nur noch hinauszÃgert, sehen, stellt sich die Notwendigkeit
einer revolutionÃren Strategie und Taktik.
Eine Ausnahme hiervon sind ohne Zweifel Anarchistinnen und Anarchisten, die sich zu
einem gewissen Spontaneismus bekennen, der aus der anarchistischen Bewegung
einen Zaungast, im besten Falle eine Besserwisserin der revolutionÃren StrÃmungen
macht.
FÃr die revolutionÃren Anarchistinnen und Anarchisten, also diejenigen, welche
denken, dass eine Revolution nicht nur mÃglich, sondern notwendig ist, weil diese, das
Joch der kapitalistischen, autoritÃren, patriarchalen, rassistischen und staatlichen
Gesellschaft zerschlagend, die Bedingung fÃr eine wirkliche Emanzipation der
Menschen ist, geht es darum, nicht quasi-religiÃs darauf zu hoffen, dass eine
Revolution âgeschiehtâ, d.h. sie bloss zu erwarten. Man erwartet sie oftmals aus der
Angst, auf avantgardistische Abwege zu geraten, wie ein dem revolutionÃren Prozess
Ãusserliches Element. Damit schafft man aber gerade die Bedingungen, die es
avantgardistischen, âstellvertretendenâ oder etatistischen StrÃmungen erlauben, den
revolutionÃren Prozess zu instrumentalisieren.
Dabei geht es gerade um das Gegenteil: In der Eigenschaft als Ausgebeutete unter
Ausgebeuteten nehmen wir an diesem revolutionÃren Prozess teil. Nicht als die
GralshÃterinnen und GralshÃter einer absoluten, âwissenschaftlichenâ oder
âhistorischenâ Wahrheit, nicht als Avantgarde, die die anderen Ausgebeuteten
verachtet oder sie als untergeordnet ansieht, sondern als Akteurinnen und Akteure,
die an ihrer eigenen Befreiung interessiert sind und auf diese hinarbeiten.
â 20 â
â Die soziale EinfÃgung des Anarchismus â
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Dies bedingt natÃrlich auch den Bruch mit dem liberalen Postulat, das von individueller
Freiheit spricht, ohne die Bedingung ihrer tatsÃchlichen Realisierung zu erÃrtern, d.h.
die sozialen Voraussetzungen einer solchen Emanzipation, die nicht der Luxus von
wenigen sein sollten, sondern eine erreichbare RealitÃt fÃr alle Ausgebeuteten. Das
erfordert, mit der Verwechslung zwischen dem kollektiven Kampf / der kollektiven
Organisation und der hierarchischen Organisation Schluss zu machen, d.h. zu
bekrÃftigen, dass der kollektive Kampf die Vorbedingung fÃr die individuelle Befreiung
ist, da er in seinem Verlauf ein Bruch mit dem hierarchischen System und der
hierarchischen Sozialstruktur herbeifÃhrt.
Es sind dieser erforderliche Kampf, und die Notwendigkeit eines kollektiven Bruchs mit
dem Bestehenden, die die Isolation des Individuums gegenÃber der hierarchischen
Macht und die materiellen Bedingungen der Herrschaft in jeder Form durchbrechen.
Infolgedessen heisst Akteurin oder Akteur des revolutionÃren Prozesses zu sein, die
Dynamik des Bruchs mit dem hierarchischen System zu stÃrken, d.h. die Bedingungen
fÃr eine kollektive revolutionÃre Kraft zu schaffen, die die effektive (nicht
metaphysische, sondern konkrete und reelle) Befreiung der Individuen erlaubt.
Dies setzt eine Freiheitskonzeption voraus, die positiv (die Gesamtheit der konkreten
materiellen MÃglichkeiten fÃr die gesamte Menschheit, die die Notwendigkeiten des
sozialen Lebens, das diese AusÃbung der Freiheit fÃr alle, und nicht nur fÃr ein paar
Menschen Ãberhaupt erst realisieren kann, nicht als EinschrÃnkung betrachtet) und
nicht negativ (die Abwesenheit irgendeiner BeschrÃnkung fÃr das Individuum, ohne
dass auf negative Auswirkungen auf andere geachtet wird, die ihrerseits vielleicht
dadurch neuen Zwang oder neue FreiheitsbeschrÃnkungen erleiden mÃssen) ist.
Die Ausgangslage fÃr eine kollektive revolutionÃre Kraft zu schaffen heisst, am
Zusammengehen von allen Ausgebeuteten und UnterdrÃckten gegen den Staat, den
Kapitalismus und das System der patriarchalen und rassistischen Herrschaft zu
arbeiten.
Das bedeutet auch, eine anarchistische Perspektive zu verteidigen, also Herrschaft und
Hierarchie sowohl auf zwischenmenschlicher als auch gesellschaftlicher Ebene
zurÃckzuweisen,
Von unseren Lebensbedingungen ausgehen
Wir mÃssen von unseren konkreten Lebensbedingungen ausgehen, um populÃre
KÃmpfe zu entwickeln, die rund um alltÃgliche BedÃrfnisse angelegt sind, welche den
Widerspruch zwischen unseren Interessen und derjenigen der herrschenden Klassen
sichtbar machen.
In solchen KÃmpfen kann die Idee aufkommen, dass der Umsturz des Systems der
Herrschaft, des Kapitalismus und des Staates notwendig und mÃglich ist. Dass die
libertÃren Ideen ein gutes Echo finden mÃgen.
Beispielsweise zeigen KÃmpfe um Wohnraum die GrÃben zwischen den Interessen der
BesitzerInnen und der MieterInnen oder BesetzerInnen auf.
â 21 â
â Die soziale EinfÃgung des Anarchismus â
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Das Gleiche gilt fÃr Lohn- oder ArbeitskÃmpfe, wo die Interessen der AktionÃrInnen
und der Bosse auf diejenigen der Arbeiterinnen und Arbeiter prallen.
Wenn wir um die Gesundheitsversorgung fÃr Ausgebeutete kÃmpfen, konfrontieren wir
die Bourgeoisie, die die Umwelt verpestet und die das Proletariat mit Hilfe der
pharmazeutischen Industrie erpresst.
Wenn wir von unseren konkreten Lebensbedingungen ausgehen, bedeutet das auch,
mit einer aktivistischen Konzeption von Politik zu brechen, die zu den
Demonstrationen, den sozialen Bewegungen oder den KÃmpfen ârenntâ, ohne sich an
ihrer Erschaffung und Entwicklung zu beteiligen.
Die Konsequenz eines solchen idealistischen Ansatzes ist, die Arbeit am Aufbau einer
kollektiven Kraft, welche unser wirkliches Leben verÃndert, durch eine permanente
Agitation ohne Bezug zur RealitÃt zu ersetzen, eine Agitation, die nur stellvertretend
ist und am Ende in die Delegation und in den Parlamentarismus fÃhrt.
Von unseren Lebensbedingungen ausgehen heisst nicht, sich darin einzuschliessen,
sondern uns in einer mehr oder weniger vereinheitlichenden Form, die der
âBalkanisierungâ der politischen KÃmpfe entgegentritt, auf unsere persÃnliche
Situation zurÃckzubesinnen.
Die Herausforderung jeder revolutionÃren Strategie (verstanden als das Nachdenken
Ãber die adÃquatesten Mittel, um, ausgehend vom dringenden Wunsch, zu handeln
statt zu warten, mÃglichst effizient die Bedingungen fÃr einen revolutionÃren Prozess
zu schaffen) besteht darin, die gegenseitige Hilfe zwischen den Ausgebeuteten im
Sinne der Selbstorganisation zu entwickeln und das Zusammenfliessen der KÃmpfe zu
erreichen, die sich gegen die herrschenden Klassen und das sie begÃnstigende
Herrschaftssystem richten.
Wir mÃssen von diesen Bedingungen ausgehen, um zu kÃmpfen, doch mÃssen wir sie
auch in Ãbereinstimmung mit den anderen Ausgebeuteten bringen, insbesondere
dann, wenn der Grad ihrer Ausbeutung hÃher ist als der unsrige. Denn es kann zu
keinem wirklichen Zusammenfliessen der KÃmpfe kommen, wenn man nicht die
Bedingungen der Ãbrigen Teile der beherrschten Klassen berÃcksichtigt. Dabei gilt es
bei den am meisten Ausgebeuteten und UnterdrÃckten zu beginnen.
Weshalb mit diesen anfangen?
Weil es das beste Mittel gegen eine Tendenz der Unsichtbarmachung der durch die am
meisten unterdrÃckten Teile der beherrschten Klassen gefÃhrten KÃmpfe ist, die durch
ihre Situation auf die grÃssten (Ãkonomischen) Schwierigkeiten bei der Entwicklung
ihrer KÃmpfe stossen. Diese Schwierigkeiten haben nichts mit UnfÃhigkeit zu tun.
Dieser revolutionÃre Ansatz unterscheidet sich denn auch radikal vom Paternalismus,
von Stellvertretung oder vom Avantgardismus, berÃcksichtigt aber die die von der
Klassengesellschaft verursachten materiellen Bedingungen.
Sich tatkrÃftig diesen Schwierigkeiten stellen, die SolidaritÃt auf einer egalitÃren Basis
leben (ohne UnterstÃtzung aufzuzwingen, sondern sie anzubieten) und gegenseitigen
â 22 â
â Die soziale EinfÃgung des Anarchismus â
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Respekt zeigen bedeutet ganz einfach, sich die Mittel zu beschaffen fÃr ein
tatsÃchliches Zusammenkommen, das nicht in der Anpassung der am meisten
ausgebeuteten an die am wenigsten ausgebeuteten Teile der beherrschten Klassen
bzw. ihrer jeweiligen KÃmpfe und Forderungen besteht. Diese Tendenz wÃrde
unweigerlich zur VerschÃrfung der GegensÃtze in den sozialen Bewegungen fÃhren,
statt sie aufzuheben.
Das beste Mittel, um dieses Zusammenfliessen der KÃmpfe zu bewerkstelligen, ist
also, den am meisten Ausgebeuteten und UnterdrÃckten unter uns beim Aufbau ihrer
KÃmpfe zu helfen. Dies nicht auf paternalistische Art und Weise, aus bÃrgerlicher
WohltÃtigkeit oder aus religiÃsem SchuldgefÃhl, sondern weil sie, die historisch die
Rolle eines Stachels in den KÃmpfen gespielt haben, ein entscheidendes Element fÃr
den erfolgreichen Abschluss der KÃmpfe sind. Es handelt sich nicht um
âUnterstÃtzungâ, sondern um KlassensolidaritÃt, und in einem weiteren Sinne um die
SolidaritÃt unter den Ausgebeuteten, die auf dem gegenseitigen Interesse und
gemeinsamen Streben nach gleichberechtigter menschlicher WÃrde und nach sozialer
Gleichheit beruht.
Unter den ausgebeuteten Klassen und den beherrschten Gruppen herrscht eine
Vielzahl von Situationen vor. Der Kampf gegen den Rassismus, gegen die
UnterdrÃckung von nationalen Minderheiten (die von der nationalstaatlichen Idee und
vom Rassismus herrÃhrt), gegen die mÃnnliche Dominanz und gegen die Homophobie
und Transphobie ist Bedingung fÃr die Einheit der beherrschten Klassen und eine
unerlÃssliche Etappe, um den Kapitalismus zu Ãberwinden.
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â Die soziale EinfÃgung des Anarchismus â
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Der Kampf gegen die Klassengesellschaft ist Vorbedingung fÃr einen tatsÃchlichen
Kampf gegen den Rassismus und das Patriarchat, der nicht einen grossen Teil der
Frauen, der von Rassismus betroffenen Personen und der den beherrschten Klassen
zugehÃrigen nationalen Minderheiten (durch das rassistische System einer ethnischen
Kategorie zugeteilt) unbeachtet lÃsst.
Die Herrschaftssysteme, auch wenn sie auf relativ autonome Art und Weise
funktionieren, unterstÃtzen und stÃrken sich gegenseitig, weil sie diverse Aspekte
hierarchischer sozialer Beziehungen umfassen, die auf der Kontrolle des KÃrpers und
des Denkens der Individuen beruhen, auf der Ausbeutung ihrer KÃrperkraft und ihrer
Arbeit und auf der GÃngelung ihres Lebens fÃr das Wohl der herrschenden Klassen und
Gruppen.
Durch die gegenseitige Hilfe und den kollektiven Kampf kÃnnen die Vorbedingungen
fÃr die Ãberwindung der GegensÃtze geschaffen werden, die zwischen Beherrschten
als Dominanzbeziehungen bestehen.
Diese gegenseitige Hilfe und KÃmpfe entstehen im Alltag. Der Anarchismus - insofern
man ihn nicht als Dogma, als ein mythisches Konzept, sondern als eine Antwort auf
die Bestrebungen der ausgebeuteten und unterdrÃckten Individuen und Klassen nach
politischer, Ãkonomischer und sozialer Gleichheit, also auf die wirkliche Freiheit
betrachtet â kann sich nur als eine historische Kraft und als Werkzeug zur Befreiung
entwickeln auf Grundlage dieser KÃmpfe gewÃhnlicher Menschen und was jene infrage
stellen, und nicht auf Grundlage von intellektuellen Spekulationen ohne Bezug zur
RealitÃt. Das ist das, was die âespecifistischeâ StrÃmung des Anarchismus betont: der
Anarchismus muss in die Gesellschaft âeingefÃgtâ werden und seinen historischen
TrÃger wiederfinden, nÃmlich die alltÃglichen KÃmpfe der Ausgebeuteten.
Das lÃsst sich nur bewerkstelligen durch das Zusammentreffen der historischen
Errungenschaften der von der libertÃren Bewegung gefÃhrten revolutionÃren KÃmpfen
(Errungenschaften, die nicht als Dogmen gesehen werden dÃrfen, sondern als
Erfahrungen, die es ohne ZÃgern zu aktualisieren gilt) und den sozialen Bewegungen,
die durch die Revolten, die sie antreiben, die Dynamik der Selbstorganisation, die sich
in ihnen ausdrÃckt, und die egalitÃren und kollektiven Bestrebungen, die man in ihnen
findet, eine anti-autoritÃre Dimension haben.
Dieses Zusammentreffen ist nur mÃglich, wenn die anarchistische StrÃmung mit einer
strikt âpropagandistischenâ Logik bricht, mit einer Haltung oder âspektakulÃrenâ Logik,
die sich mehr fÃr die formelle, punktuelle RadikalitÃt interessiert als fÃr eine
âpopulÃreâ Dimension, die die MÃglichkeiten einer RadikalitÃt der Masse und einer
umstÃrzlerischen Dynamik in sich trÃgt, die nicht das Vorrecht irgendeiner Avantgarde
ist, sondern die ihre Wurzeln in den ausgebeuteten Klassen hat, was den repressiven
KrÃften ebenso wie mÃglichen HerrschaftsanwÃrterInnen das Handeln erschwert.
Der Bruch mit der propagandistischen oder spektakulÃren Logik beginnt durch die
alltÃglichen KÃmpfe am Wohnort und am Arbeitsplatz. Er geschieht durch durch den
Aufbau konkreter SolidaritÃt und durch KÃmpfe mit konkreten Zielen, Forderungen
oder Alternativen, und die unmittelbar auf der Notwendigkeit und dem Streben nach
WÃrde basieren.
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â Die soziale EinfÃgung des Anarchismus â
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Der Anarchismus hat nur eine revolutionÃre Dimension, weil er eine gesellschaftlich
âeingefÃgteâ Idee ist, d.h. von den sozialen Bewegungen in ihrer anti-autoritÃren
Dimension (Konfrontation der Herrschaft, Tendenz zur Selbstorganisation) getragen
und in ihnen innewohnend.
Das ist es, worauf die anarchistischen Aktivistinnen und Aktivsten hinarbeiten sollten,
denn wir dÃrfen nicht vergessen, dass das, was uns zu Anarchistinnen und Anarchisten
macht, unser Streben nach Abschaffung der Hierarchien, das aus unserer Revolte
gegen die ungerechte bestehende Ordnung hervorgeht, unsere Gegnerschaft zum
Kapitalismus, zur Klassengesellschaft und zum Staat. Wir sind keine Anarchistinnen
und Anarchisten aus metaphysischen Spekulationen, doch weil wir kÃmpfen, um uns
zu befreien, da ja der Anarchismus eine politische, philosophische, soziale, kulturelle,
strategische und taktische Antwort auf die Fragen ist, die sich uns stellen, wenn wir
die hierarchische Ordnung in Frage stellen.

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/2 â AbsichtserklÃrung des FÃrum do Anarquismo
Organizado (Ein Prozess im Aufbau)
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