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(de) FAU, direkte aktion: KOLLEKTIVE BETRIEBSPRAXIS IN DER STADTLOGISTIK

Date Tue, 30 Jun 2020 09:31:00 +0300


Fragen zur demokratischen Wirtschaftsführung an das Fahrwerk Kurierkollektiv aus Berlin. ---- Betrieb & Gesellschaft Von: Redaktion der DA-Verteilzeitung zum 1. Mai - 26. Juni 2020 ---- DA: Was macht eigentlich ein Kurierdienst? ---- Das Kurier*innengeschäft besteht im Wesentlichen darin, ad hoc eilige oder fragile Sendungen von A nach B zu befördern. Liebesbriefe, Baupläne, sensible Technik, sperrige Möbel, vergessene Schlüssel und noch Vieles mehr. Alles, was sicher und schnell ankommen soll, wird von uns transportiert. Das kann sowohl im Auftrag gewerblicher, als auch privater Kund*innen geschehen, wobei der Anteil gewerblicher Kund*innen deutlich überwiegt. Um ein schnelles Reagieren auf Bestellungen zu gewährleisten, befinden sich täglich ca. 15 Kolleg*innen auf Fahrrädern und Lastenrädern auf den Straßen Berlins und sind jederzeit über Funk erreichbar, um Aufträge und dazugehörige Infos zu bekommen. Für besonders große und schwere Sendungen sind zusätzlich zu den Rädern auch zwei Elektro-Transporter im Einsatz.

DA: Mit welchen Bedingungen seid ihr in der Branche konfrontiert?

Als Kurier*innenkollektiv haben wir uns ausgehend von den primären Zielen einer jeden Selbstorganisation auf die Organisation innerhalb der Kurier*innenbranche in Berlin spezialisiert und sind in diesem Gewerbe tätig. Die Kurier*innenbranche in Berlin und auch in anderen europäischen Städten hat keine verbindlich geregelte Norm oder Regelung in den Abläufen und Strukturen. Es ist viel mehr ein Konglomerat von selbständigen Einzelpersonen, die in Kooperation mit diversen Unternehmen arbeiten und somit eine sehr schwache Ausgangsposition bei der Verhandlung der Arbeitsbedingungen einnehmen. Sie stehen als Selbstständige unter enormem wirtschaftlichen Druck und können als einzelne Personen ihre Rechte und Belange nur sehr schlecht gegenüber ihren Kooperationspartnern geltend machen. Des Weiteren haben sie keinerlei Einfluss auf die Preisvorgaben und können daher nicht über das Maß der von ihnen geleisteten Arbeit frei entscheiden, sondern sind stets ihren eigenen Sachzwängen unterworfen. Auf dem Rücken der Selbständigkeit der fahrenden Personen, ist - trotz aller Regelungen im Arbeitsgesetz - eine Art Akkordarbeit möglich. Hierbei werden die Kurier*innen nicht entsprechend geleisteter Arbeitszeit entlohnt, sondern nach erledigten Aufträgen, was eine Lebensgestaltung außerhalb der Arbeitszeit sehr erschwert und eventuelle Leistungsschwankungen oder gar Ausfälle nicht berücksichtigt. Des Weiteren schafft diese Art der Organisation eine starke Konkurrenz zwischen den fahrenden Personen und somit Leistungszwang. Diese Form der Ausbeutung der Arbeitskraft ist für uns nicht hinnehmbar und im höchsten Maße prekär.

DA: Warum habt ihr Euch für eine kollektive Organisation des Betriebs entschieden?

Wir als Kollektivbetrieb sind uns der momentan bestehenden Verhältnisse und unserer Arbeit innerhalb dieser bewusst. Dennoch ist es erklärtes Ziel eines jeden Kollektivbetriebs, eben diese Verhältnisse aufzubrechen und eine sozialere, auf Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit beruhende Gesellschaftsform zu erwirken. Hierzu ist es unumgänglich, die bestehenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden nicht nur zu untergraben und einzuschränken, sondern in Gänze aus der Arbeitswelt und somit auch aus der Gesellschaft an sich zu entfernen. Die Trennung der Arbeitskraft von der Verfügung über die selbige ist Kernproblem und Haupttriebkraft der bestehenden ausbeuterischen Verhältnisse in der Lohnarbeit. Nur die Unmündigkeit und das Unwissen der Arbeitenden über die Verwendung ihrer Arbeitskraft rechtfertigt die Existenz einer organisierenden und bestimmenden Instanz, die über eben diese Arbeitskraft verfügt. Allein die Selbstbestimmung einer jeden Person über ihre Arbeitskraft kann Mittel zum Erlangen einer gleichberechtigten und sozialen Gesellschaft sein. Ohne den Umstoß der wirtschaftlichen Verhältnisse ist die Entwicklung zu einer solchen Gesellschaftsform nicht denkbar. Das Fahrwerk Kurier*innen Kollektiv versteht sich als antikapitalistisch.

DA: Und wie macht sich diese Motivation in der Arbeitsweise des Betriebs bemerkbar?

Wir als Kurier*innenkollektiv versuchen diese Art der Dienstleistung auf ein gerechtes, auf Gleichberechtigung und Kooperation beruhendes Niveau zu heben und somit eine Arbeitsumgebung zu schaffen, die es den Kurier*innen erlaubt, nicht nur Einfluss auf den Betriebsablauf zu nehmen, sondern diesen aktiv mitzugestalten und an allen Entscheidungsprozessen teil zu haben.
Eine hierarchielose Struktur ist hierbei von größter Wichtigkeit. Nur durch das Überwinden diverser Hierarchien und anderen Vorteilen kann eine gleichberechtigte Beteiligung aller an einem Betrieb gewährleistet werden. Erste und wichtigste Maßnahme hierzu ist es, dass alle Personen, die an dem Kollektivbetrieb beteiligt sind, entsprechend der geleisteten Arbeitszeit und in gleicher Höhe entlohnt werden. Hierbei spielt es keine Rolle, welche Position die entsprechende Person übernommen hat und welche Art Arbeit sie übernimmt, alles wird in gleicher Weise entlohnt. Alle Einnahmen dienen ausschließlich der Finanzierung des Betriebes und der Reproduktionskosten der an dem Kollektiv beteiligten Personen. Eine Bereicherung einzelner, oder die Schaffung von Mehrwert durch Ausbeutung der Arbeitskraft zum Zweck der Kapitalbildung ist ausgeschlossen.

Der Artikel stammt aus der Verteilzeitung zum 1. Mai 2020 und ist sowohl hier als auch im Syndikat eures Vertrauens in gedruckter Form zu haben.
https://direkteaktion.org/wp-content/uploads/2020/05/2020-DA-Verteilzeitung-Onlineversion_compressed.pdf

https://direkteaktion.org/kollektive-betriebspraxis-in-der-stadtlogistik/
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