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(de) FDA-IFA, Gai Dào #100 - Gustav Landauer als radikaler Denker der Gegenwart Von: Libera Pisano

Date Tue, 16 Apr 2019 09:15:53 +0300


Ein Jahrhundert nach seinem Tod ist Gustav Landauer noch immer ein radikaler Denker der Gegenwart. Ein besonderer Zug seines Denkens ist eine politische Hermeneutik der Zeit. Sein Geschichtskonzept stellt eine radikale Herausforderung der Hegelschen Idee der Selbstverwirklichung des Geistes dar; die wichtigste politische Verkörperung dieser Idee war der Marxismus. ---- Landauer zufolge ist dessen Vertrauen in den Fortschritt nicht nur dogmatisch, sondern auch gefährlich, weil es den konkreten Umbruch auf eine ferne Zukunft verschiebt. ---- Ganz im Gegenteil überträgt Landauer die Revolution von der Hoffnung auf die Zukunft in die Dringlichkeit der Gegenwart. ---- Revolution ist weit davon entfernt, das ultimative Ziel der Geschichte zu sein, sondern eine meta-historische Schwelle, welche die Umwandlung einer "Topie" (einer stabilen Phase der Geschichte) in eine "Utopie" (die Umkehrung dieser Stabilität) erfordert. Landauer zufolge ist die Revolution ein
Zeitenbruch, der Übergang von einer Topie zur gemein-
samen Utopie, die noch nicht da ist. Eine Umkehrung ist
jederzeit möglich, doch ist der Geschichtsverlauf ebenso
dem Risiko einer Katastrophe ausgesetzt. Am Ende seines
"Aufruf zum Sozialismus" ist Yovel, das jüdische Jubeljahr,
theologisch-politisches Vorbild einer Revolution, die als
permanente Unterbrechung der Ordnung verstanden wird.1
Der Bruch in der zeitlichen Kontinuität und die Spannung
zwischen Erlösung und Zerstörung stehen im Mittelpunkt
von Landauers revolutionärem Messianismus. Aber die
Revolution ist nicht nur ein meta-historisches Ereignis,
sondern auch eine metanoia , eine Umkehr, die für die
Schaffung eines neuen Menschen notwendig ist. Genau
dieses pädagogische Bedürfnis veranlasste Landauer, sich
konkret an der Bildung des werdenden Mensch zu betei-
ligen und im November 1918 Kurt Eisners Ruf nach
München zu folgen. Eisner hat ihn zur "Umbildung der
Seelen"2 aufgerufen. In seinem Vorwort zur zweiten Auflage
des "Aufruf zum Sozialismus" beschreibt Landauer die
Revolution als eine mystische Verwandlung der menschli-
chen Beziehungen: "Dieser neue Geist waltet mächtig und
innig in der Revolution; Puppen werden zu Menschen;
eingerostete Philister werden der Erschütterung fähig; alles,
was feststeht, bis zu Gesinnungen und Leugnungen, kommt
ins Wanken;[...]das Unglaubliche, das Wunder, rückt in
den Bereich des Möglichen"3. Diese Zeilen wurden von
Landauer im Januar 1919 während der Revolution in
München geschrieben. Es geht um Wörter über die Revolu-
tion in der Revolution. Hier mahnt Landauer die Revolutio-
näre: "Halten wir uns wie ein Hiob unter den Völkern, der
in Leiden zur Tat käme; von Gott und der Welt verlassen,
um Gott und der Welt zu dienen." 4 Sie sollten bewusst die
tragische Last der eigenen historischen Mission und des
meta-historischen Schicksals auf sich nehmen, um eine
horizontale Erlösung in der Gemeinschaft zu bewirken.
Landauers Teilnahme an der Räterrepublik vom April 1919
wurde von vielen als bewusstes Martyrium interpretiert,
umso mehr, als er in den letzten Tagen aus München hätte
fliehen können; aber er hat es nicht getan. Wie ein anarchis-
tischer Sokrates der Moderne hat Landauer sein Schicksal
angenommen und sein Leben bewusst für den dionysischen
Jubel der Revolution geopfert. Landauers Erbe wurde von
seinen Freunden auf unterschiedliche Weise thematisiert.
Kurz nach seinem Tod erschien eine Ausgabe der Zeitschrift
"Masken" zu seinem Gedächtnis. Die erste großartige
Erinnerung ist von Martin Buber, der nach dem tragischen
Tod seines geliebten Freundes, dessen geistiges Erbe
übernahm. Laut Buber hat Landauer als "der Prophet der
kommenden Menschengemeinschaft gelebt und ist als ihr
Blutzeuge gefallen"5; auch Fritz Mauthner beschreibt
Landauer als ewigen Anarchisten und Märtyrer, "wie ein
Komet entschwindend, unendlich Licht mit seinem Licht
verbindend"6.
Das Denkmal aus Wörtern, das die Freunde für Landauer
aufgerichtet haben, um den Märtyrer der Gemeinschaft zu
loben, macht sein Ende vielleicht weniger tragisch und
verzweifelt. Gustav Landauer bleibt jedoch einsam. Seine
Einsamkeit ist dreifach: die des Revolutionärs, dessen Drän-
gen zur Verwirklichung von Freunden und Familie nicht
geteilt wird; die eines Visionärs, der Anarchie als Schöpfung
nicht als Zerstörung betrachtet; die des Propheten, der die
Nähe von Judentum und Sozialismus verkündet.
Aber wenn der Aufrührer der Völker getötet wurde, spricht
der Prophet der Gemeinschaft weiterhin zu uns aus der
Wüste7, die eine radikale Metapher seiner Einsamkeit ist,
die ein Exil des Denkens und gleichzeitig eine Sehnsucht
nach der Gemeinschaft des Geistes ist. Diese begehrte
Gemeinschaft befindet sich im Spannungsfeld zwischen
Absonderung und Vereinigung, Wiedergeburt und Zerstör-
ung, Nostalgie und Hoffnung. Gerade in der Utopie dieser
unerwarteten Verbindungen liegt das größte Erbe Gustav
Landauers, der - noch hundert Jahre nach seinem Tod -
unsere Gegenwart immer wieder herausfordert .

1 Gustav Landauer: Aufruf zum Sozialismus. Berlin 1919
[1911], S. 136.
2 Gustav Landauer: Sein Lebensgang in Briefen, 2 Bde. Hg.
von Martin Buber und Ina Britschgi-Schimmer. Frankfurt
am Main 1929, Bd. 2, S. 296, Fußnote 1.
3 Landauer: Aufruf zum Sozialismus (s. oben), S. X.
4 Ebenda, S. XVI.
5 Martin Buber: Landauer und die Revolution. In: Masken:
Halbmonatsschrift des Düsseldorfer Schauspielhauses Jg. 14,
Nr. 18/19, Juni 1919, S. 282-291, hier S. 291.
6 Fritz Mauthner: Zum Gedächtnis. In: Masken, S. 300-304,
hier S. 304.
7 Vgl. Hanna Delf: "Prediger in der Wüste sein ...". Gustav
Landauer im Weltkrieg. In: Gustav Landauer. Dichter,
Ketzer, Außenseiter. Essays und Reden zu Literatur,
Philosophie, Judentum (Gustav Landauer Werksausgabe, Bd.
3). Hg. von Hanna Delf. Berlin 1997, S. XXIII-LI.
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