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(de) FdA/IFA: Gai Dao #83 - Einen Anarchismus bitte - dirty on the rocks Von: Vincent Heßelmann

Date Wed, 15 Nov 2017 09:23:20 +0200


Eine Erwiderung auf Maurice Schuhmanns Artikel in der Gai Dào Nr. 82 ---- Ein Anarchismus dirty on the rocks - wäre Anarchismus ein Cocktail, sollte er am besten so serviert werden. Mit viel Substanz und Geschmack: dirty ist ein Cocktail, in den zusätzlich ein Schluck Saft oder Olivenwasser beigemischt wurde. Und frisch gehalten: on the rocks wird ein Cocktail mit Eiswürfeln serviert, die ihn zwar länger kühl halten, das Getränk aber, indem sie schmelzen, ein wenig verwässern. ---- Maurice Schuhmann wendet sich in seinem Beitrag "Wider die Vermurxung und Verwässerung des Anarchismus" in der Gai Dào Nr. 82 polemisch dagegen, anarchistische Positionen durch die Integration anderer Theorieansätze zu verfälschen. Zuerst identifiziert er den Anarchismus als ein Produkt von Radikalaufklärung (Godwin) und Frühsozialismus (Proudhon) und macht fünf definierende Komponenten aus:

- die konsequente Ablehnung von Herrschaft des Menschen über den Menschen
- die Betonung menschlicher Freiheit und Autonomie
- die Ablehnung des Staates und jeglicher politischer Machtstrukturen
- freie Assoziation als Grundlage der gesellschaftlichen Organisation
- ein "gemeinsamer Theoriekanon"

Im zweiten Schritt verwirft Schuhmann die theoretischen Versuche
nach 1968, marxistische und anarchistische Ansätze zu vereinigen und
weist auf deren grundlegende Konflikte hin. Weitergeführt wird die
Überlegung zu Gebilden wie "Anarcho-Stalinismus",
"Nationalanarchismus" und "Anarchokapitalismus" sowie dem Versuch,
eine parteipolitische anarchistische Plattform in der PDS zu etablieren.
Drittens betrachtet der Autor die "Lifestyle-Anarchismen" (queerer
Anarchismus, Vegananarchismus, Anarchopunk), die ebenso wie der
Anarchafeminismus als unvollständige Auseinandersetzungen mit dem
Anarchismus gedeutet werden. Davon hebt er den
Anarchosyndikalismus ab, der die anarchistische Theorie lediglich um
eine neue "Taktik/Kampfform bzw.[ein]Organisationsmodell" ergänzt
habe. (1)

Ich kann den ersten beiden Schritten der Polemik nahezu einwandfrei
zustimmen. Die Wurzeln des Anarchismus können plausibel bei
Godwin und Proudhon gesehen werden. Auch die knapp festgestellten
Strömungen und fundamentalen Positionen finde ich überzeugend; eine
auffallende Lücke zeigt sich hier allerdings, schließlich ist die
Anwesenheit des Ziels in den Mitteln ein den anderen Grundsätzen
wenigstens ebenbürtiges Prinzip. Ich werde auf dieses Prinzip weiter
unten zurückkommen. "Anarcho-Stalinismus", "Nationalanarchismus"
und "Anarchokapitalismus" verdienen die Anerkenntnis als
ernstzunehmende Entwicklungen der anarchistischen Bewegung
ebensowenig wie parteipolitische Irrungen. Schwierigkeiten habe ich
aber mit dem dritten Argumentationsschritt von Schuhmann.

Schuhmann macht die These geltend, dass der Anarchafeminismus die
anarchistischen Grundsätze eigentlich nicht vollständig rezipiert hätte,
sondern - in dieser Hinsicht den "Lifestyle-Anarchismen" ähnlich -
lediglich seine Symbolik und Rhetorik kopiert. Dies scheint mir auf
einer falschen Wahrnehmung des anarchafeministischen Programms zu
basieren. Anarchafeminist*innen wandten sich mit ihren Ansätzen ja
zum einen gegen den bürgerlichen Radikalfeminismus, der im
Patriarchat die Letztbegründung aller Herrschaftsverhältnisse entdeckt
zu haben meinte. (2) Zum anderen wandten sie sich gegen einen
Anarchismus, der noch immer blind war für viele materielle und ideelle
Unterdrückungen, die Frauen* erleiden. (3) Die Forderung "alle
unterdrückten Menschen miteinander zu vereinigen" (4) verdeutlicht
diese doppelte Konfrontation: weder kann eine Befreiung im Rahmen
des bürgerlichen Staates verwirklicht werden, noch kann der
Anarchismus "die konsequente Ablehnung von Herrschaft des
Menschen über den Menschen" verwirklichen, wenn patriarchale
Unterdrückung nicht analysiert und bekämpft wird. Der
Anarchafeminismus ermächtigt den Anarchismus also (wie auf anderen
Feldern der Postkolonialismus, die Queer Theory oder der
Poststrukturalismus) ein Stück weiter den eigenen Versprechen
nachzukommen, indem eine analytische und praktische Orientierung
für antipatriarchale Auseinandersetzung gegeben wird.

Zur Verteidigung des Anarchosyndikalismus als "reinem" Anarchismus
argumentiert Schuhmann demgegenüber, der Syndikalismus habe nicht
die theoretischen Grundlagen des Anarchismus verändert, sondern
lediglich Werkzeuge zu deren Realisierung geboten. Dieses Argument
finde ich wenig überzeugend. Zunächst gesteht der Autor zu, dass das
Verhältnis von Syndikalismus und Anarchismus auch unter
Zeitgenoss*innen Anlass zu Kontroversen geboten hat. Betrachtet man
die Auseinandersetzung genauer, zeigt sich, dass im syndikalistischen
Prinzip des rein ökonomischen Kampfes und der auf den Arbeitsstätten
und wirtschaftlichen Beziehungen aufbauenden Organisation der
kommenden Gesellschaft eine strukturelle Bedrohung der Herrschafts-
und Ausbeutungsfreiheit gesehen wurde. (5) Der Syndikalismus sei
durch den politischen Kampf zu ergänzen, andernfalls könne eine
befreite Gesellschaft nicht erreicht werden. (6)

Schließlich möchte ich darauf hinweisen, dass es mir nicht zielführend
erscheint, die Mittel des Kampfes und der Organisation unabhängig von
der anarchistischen Theorie und deren ideellen Grundlagen zu
betrachten. Wie oben angedeutet würde ich vielmehr mit Malatesta
bekräftigen: "diese Mittel sind nicht willkürlich, sondern sie sind
bedingt durch die Ziele, die wir anstreben und die Umstände, unter
denen der Kampf stattfindet; denn wenn wir die Wahl der Mittel
ignorierten, erreichten wir andere Ziele, möglicherweise solche, die
denen diametral entgegengesetzt sind, die wir erhoffen." (7) Die aus
dem Syndikalismus übernommenen Mittel (wie basisgewerkschaftliche
Organisierung) sind deshalb nicht weniger eine Veränderung dessen,
was der Anarchismus ist, als die Ideen des Anarchafeminismus (etwa
Kritik hegemonialer Männlichkeit).

Die Stärke des Anarchismus zur Verwirklichung der ihn definierenden
Ideale liegt nicht darin, den "gemeinsamen Theoriekanon" reinzuhalten,
sondern stets neue Formen von Herrschaft und Ausbeutung in den
Blick nehmen zu können. Es sollte im Sinne eines reinen Anarchismus
nicht um die abstrakte, ideengeschichtliche Reinheit gehen, die
Schuhmann andeutet, sondern vielmehr um eine Reinheit in der
Umsetzung der anarchistischen Ideale - und dazu trägt bspw. ein
Anarchafeminismus nicht weniger bei als die von verschiedensten
Chauvinismen durchsetzten "Klassiker" eines Proudhon, Landauer oder
Bakunin, die den "gemeinsamen Kanon" bilden.

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(1) Schuhmann, Maurice: Wider die Vermurxung und Verwässerung des Anarchismus. Polemisches Plädoyer für einen "reinen"Anarchismus,
in Gai Dào Nr. 82 - Oktober 2017, S. 15-16.
(2) Lohschelder, Silke u.a.: AnarchaFeminismus. Aufden Spuren einer Utopie , Unrast, Münster, 2. Aufl. 2009, S. 152, 158.
(3) A.a.O., S. 156.
(4) Kornegger, Peggy/Ehrlich, Carol: Anarcha-Feminismus, Berlin, 1979, zit. n.: a.a.O., S. 158.16
(5) Malatesta, Errico: Anarchismus und Syndikalismus, in: Malatesta Gesammelte Schriften, Karin Kramer Verlag, Berlin, 1977, S. 160-166, S. 162f.
(6) Malatesta, Errico: Ein Anarchistisches Programm (1920), in: a.a.O., S. 167-182, S. 178ff.
(7) A.a.O., S. 169f.
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