(de) Trotzkistische Luegen ueber Anarchismus (en)

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04 Jul 1997 11:47:00 +0200


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Short english preface: Following is the german translation of an article originally published in the 211th. issue of the english anarchist magazine Black Flag, available from BM Hurricane, London Wc1N 3XX, England. The english original was sent to A-Infos on the 18th of June under the title "(en) Trotskyist lies on anarchism".

Kurze Vorbemerkung: Es folgt die deutsche Uebersetzung eines Artikels der urspruenglich in der 211. Ausgabe der englischen anarchistischen Zeitschrift Black Flag veroeffentlicht wurde, die ueber BM Hurricane, London Wc1N 3XX, England bezogen werden kann. Der Text des englischen Originals wurde am 18. Juni unter dem Titel "(en) Trotskyist lies on anarchism" auch an diesen A-Infos Verteiler verschickt.

Robert (for the german A-Infos Collective/fuer das deutsche A-Infos Kollektiv)

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*EINE ANTWORT AUF DIE HAEUFIGSTEN MARXISTISCHEN* *LUEGEN UEBER DIE SPANISCHE REVOLUTION*

Es ist wohl fair zu sagen, dass die meisten MarxistInnen in England ihre Kritik der profunden Rolle der AnarchistInnen in der spanischen Revolution den Buechern des Trotzkisten Felix Morrow entnehmen. Morrows Buch "Revolution and Counter-revolution in Spain" (Revolution und Konterrevolution in Spanien - d.Ue.) ist aus einer orthodox trotzkistischen Perspektive verfasst und mitunter werden die Ereignisse dieser Perspektive angeglichen anstatt sie zu untersuchen. Beispielsweise transformiert Morrow die "Bloshevisten-Leninisten", eine obskure Sekte, die es wahrscheinlich nicht zu einer zweistelligen Mitgliederzahl brachte, zu den einzigen, die die spanische Revolution haetten retten koennen. Weshalb? Weil allein sie ueber jenes kostbare Gut der Mitgliedschaft in der 4. Internationale und einer trotzkistischen Analyse verfuegten! (was kuemmerts, dass die spanischen Arbeiter Waffen und Solidaritaet brauchen!) Viele von Morrows Behauptungen haben in die linke Folklore einzug gefunden und werden regelmaessig hervorgeholt. Wir wollen an dieser Stelle auf sie antworten.

Morrow behauptet, dass die CNT (die anarchosyndikalistische Gewerkschaft, welche die Revolution durchfuehrte) von einer aeusserst zentralisierten Iberischen Anarchistischen Foederation (FAI) kontrolliert worden sei. Die FAI wurde 1927 als eine Konfoederation regionaler Foederationen (einschliesslich der Portugiesischen Anarchistischen Union) gegruendet. Diese regionalen Foederationen koordinierten wiederum lokale und bezirksbezogene Foederationen anarchistischer Bezugsgruppen mit aeusserster Autonomie. Floglich mag es zentralistische Tendenzen innerhalb der FAI gegeben haben, eine "aeusserst zentralistische politische Partei" war sie jedoch nicht. Desweiteren waren viele AnarchosyndikalistInnen und Bezugsgruppen nicht in der FAI (obwohl die meisten sie anscheinend befuerworteten) und fuer viele FAI-Mitglieder rangierte die Loyalitaet zur CNT an erster Stelle. So heisst es beispielsweise im Protokoll des Nationalen Plenums der FAI im Januar-Februar 1936: "Das regionale Komitee (von Aragon, Rioja und Navarra) wird von den meisten Militanten vollstaendig vernachlaessigt, da sie in den groesseren Aktivitaeten der CNT aufgehen." Und "einer der Gruende fuer die schlechte Verfassung der FAI war die Tatsache, dass fast alle GenossInnen in den Verteidigungskomitees der CNT aktiv waren." (Bericht der regionalen Foederation des Nordens). Da diese Zitate aus internen Dokumenten stammen, duerfte es sich dabei schwerlich um Luegen handeln. Es ist offenkundig, dass AnarchistInnen den groessten Einfluss innerhalb der CNT hatten (die bereits lange anarchosyndikalistisch war, ehe es zur Gruendung der FAI kam). Doch die "Kontrolle der FAI" war eine Erfindung einer reformistischen Minderheit innerhalb der CNT, zum Beispiel Angel Pestaņa, der aus der CNT eine "neutrale" Bewegung machen wollte und spaeter die Syndikalistische Partei gruendete und die Cortes unterstuetzte.

Ein weiterer alter Hut Morrows ist der Vorwurf, die CNT habe die Streikwelle der SozialistInnen und Arbeiterallianz sabotiert und Truppen transportiert, die den Aufstand in Asturien niederschlagen sollten. Um diese Anschuldigungen zu verstehen, ist es notwendig die Vorgeschichte des Oktobers 34 und den Unterschied zwischen der CNT und der UGT (Gewerkschaft, die von der reformistischen Sozialistischen Partei PSOE kontrolliert wurde) zu kennen. Zwischen 1931 und 1933 hatten die SozialistInnen in einer Koalitionsregierung mit den RepublikanerInnen die CNT attackiert. Mit Hilfe der SozialistInnen wurden Gesetze erlassen, die spontane Streiks verbaten und zu staatlich gelenkten Vermittlungen verpflichteten. Streiks der CNT wurden gewaltsam unterdrueckt und die UGT stellte StreikbrecherInnen zur Verfuegung, so wie im Streik der Telephongesellschaft 1931. Waehrend und nach den CNT Aufstaenden 1932 in Katalonien und groesseren Aufstaenden im Januar 1933 (9000 CNT Mitglieder kamen in Gefaengnisse) und im Dezember 1933 (16000 kamen in Gefaengnisse) gab es praktisch keine Solidaritaet durch die SozialistInnen. Die SozialistInnen konvertierten ploetzlich zur "Revolution" nachdem sie die Wahlen im November 1933 verloren und saemtliche Gesetze, die sie gegen die CNT erlassen hatten, nun auch gegen sie zur Anwendung kamen. Als der nichtrepublikanischen Rechten im Oktober 1934 Kabinettsitze angeboten wurden, ruef die PSOE/UGT zum Generalstreik auf. Die CNT versaeumte es, sich daran zu beteiligen - ein Fehler, der von vielen AnarchistInnen anerkannt wird. Morrow behauptet, dies sei darauf zurueckzufuehren, dass sie glaubten "alle Regierungen seien gleich schlecht", aber die Wahrheit lautet, dass sie den SozialistInnen zu Recht misstrauten. Ein Aufruf der CNT im Februar 1934, die UGT solle ihre revolutionaeren Ziele deutlich und oeffentlich bekanntgeben, wurde nicht beantwortet. Laesst mensch die Rhetorik beiseite, so scheint das Hauptziel der PSOE im Oktober gewesen zu sein, Neuwahlen zu erzwingen, um erneut eine Koalition mit den RepublikanerInnen eingehen zu koennen. Die CNT sollte als Kanonenfutter dienen, um eine weitere Regierung zusammenzustellen, die sie angreifen wuerde. Im Oktober war - abgesehen von Katalonien (wo die katalonische Regierung die Militanten der CNT am Vortag festnehmen liess und dann versuchte, eine katalonische Autonomie auszurufen) und Madrid (wo die CNT den Generalstreik unterstuetzte) - das einzige wirkliche Zentrum des Widerstandes Asturien. Hier hatte sich die CNT mit den SozialistInnen und den KommunistInnen zu einer "Arbeiterallianz" zusammengeschlossen. Doch entgegen den Vereinbarungen der Allianz gaben die SozialistInnen den Befehl zum Aufstand eigenmaechtig aus - und das sozialistisch kontrollierte Provinz Komitee verweigerte der CNT Waffen. Dies obwohl die CNT in dem Gebiet ueber 22,000 Mitglieder zaehlte (verglichen mit 40,000 der UGT). Morrow erwaehnt CNT EisenbahnarbeiterInnen, die dem Oktoberaufstand das Rueckgrat gebrochen haetten, in dem sie Truppen und Ausruestung transportiert haetten. Doch in Asturien (dem einzigen Gebiet, in dem Truppentransporte gebraucht wurden) kam es durch eine Kuestenlandung von Fremdenlegionaeren und marokkanischen Truppen zum Hauptangriff der Regierung - gegen den Hafen von Gijon, einer CNT-Hochburg. Trotz Bitten der CNT verweigerten ihnen die SozialistInnen Waffen, Gijon fiel nach einem blutigen Kampf und wurde Ausgangspunkt zur Zerschlagung der gesamten Region. Diese sozialistische und kommunistische Sabotage sollte zwei Jahre spaeter wiederholt werden aber Morrows Verzerrungen werden von ignoranten TrotzkistInnen ad nauseam vorgebracht.

Die letzte Luege, der wir entgegentreten wollen, ist die Behauptung, die Freunde Durrutis haetten einen "bewussten Bruch mit der Staatsfeindlichkeit des revolutionaeren Anarchismus" vollzogen. Die Freunde Durrutis wurden im Maerz 1937 von anarchistischen Militanten ins Leben gerufen, die sich weigerten, sich der kommunistisch kontrollierten "Militarisierung" der ArbeiterInnenmilizen zu fuegen. Waehrend der Maitage - des Regierungsangriffes auf die Revolution zwei Monate spaeter - taten sich die Freunde durch ihre Aufrufe hervor, durchzuhalten und die Konterrevolution zu zerschlagen. Sie vollzogen keine "Abweichung" frm Anarchismus - sie weigerten sich, angesichts von GenossInnen, die sich an der Regierung beteiligten, zu kompromittieren. Ihre Flugschriften im April 1937 riefen die Gewerkschaften und Gemeinden dazu auf, den "Staat (zu) ersetzen" und nicht zum Rueckzug. In ihrem Manifest von 1938 wurde dieser Aufruf wiederholt ("der Staat kann angesichts der Gewerkschaft nicht weiterhin in der Gewalt bleiben") und drei Forderungen aufgestellt: Fuer ein Nationales Verteidigungskomitee - von den ArbeiterInnen (einschliesslich derer an der Front) gewahlt und ihnen gegenueber rechenschaftspflichtig, in dem saemtliche Posten rueckrufbar waeren; für alle "oeknomische Entscheidungen an die Gewerkschaften"; und fuer die "freie Gemeinde", um die Gebiete ausserhalb der Gewerkschaftsmandate zu decken. Kuerzlich sagte Jaime Balius, einer der Hauptaktivisten der Freunde Durrutis: "Wir sagten "Alle Macht den Gewerkschaften". Wir waren in keinster Weise politisch orientiert." ("politisch" heisst hier staats- politisch - eine gebraeuchliche Verwendung des Wortes durch AnarchistInnen).

Die Belege dafuer, dass Durruti selbst, der wohl bekannteste anarchistische Militante dieser Zeit, der an der Madrider Front im November 1936 starb, mit dem Anarchismus "geborchen" habe, sind noch fragwuerdiger, sofern das ueberhaupt moeglich ist.

von einem Genossen aus Liverpool

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