(de) Neue Gedanken zur spanischen FAI (en)

I-AFD/IFA - A-Infos Germany (i-afd_1@anarch.free.de)
04 Jul 1997 11:47:00 +0200


A AA AAAA The A-Infos News Service AA AA AA AA INFOSINFOSINFOS http://www.tao.ca/ainfos/ AAAA AAAA AAAAA AAAAA

Short english preface: Following is the german translation of an article originally published in the 211th. issue of the english anarchist magazine Black Flag under the heading "We, The Anarchists!", available from BM Hurricane, London Wc1N 3XX, England. The english original was sent to A- Infos on the 18th of June under the title "(en) New thoughts on the FAI (de)".

Kurze Vorbemerkung: Es folgt die deutsche Uebersetzung eines Artikels der urspruenglich in der 211. Ausgabe der englischen anarchistischen Zeitschrift Black Flag unter dem Titel "We, The Anarchists!" veroeffentlicht wurde, die ueber BM Hurricane, London Wc1N 3XX, England bezogen werden kann. Der Text des englischen Originals wurde am 18. Juni unter dem Titel "(en) New thoughts on the FAI (de)" auch an diesen A-Infos Verteiler verschickt.

Robert (for the german A-Infos Collective/fuer das deutsche A-Infos Kollektiv)

------ ------ ------ ------ ------ ------ ------ ------ ------ ------ ---- *Wir, die AnarchistInnen!*

*Eine Studie ueber die Anarchistische* *Foederation Iberiens (FAI) 1927-1937* *von Stuart Christie* Herausgegeben von Meltzer Press: £ 12.50, Spiralbindung

Dieses Buch beinhaltet einige wesentliche Lehren fuer AnarchistInnen, die eine weite Verbreitung verdienen. Die Spanische Revolution und die Ereignisse, aus denen sie hervorging sind aus anarchistischer Perspektive die wichtigsten Geschehnisse dieses Jahrhunderts (bisher jedenfalls!). Diese Ausgabe von Black Flag erscheint zum 60. Jahrestag jener Ereignisse um den 1. Mai in Barcelona, die den Triumph der stalinistischen Reaktion und die Niederlage der Revolution kennzeichneten.

Die Rolle der Militanten der FAI und der CNT (Spaniens anarcho- syndikalistische Gewerkschaft) in der Revolution ist zum Gegenstand zahlloser Spekulationen geworden, insbesondere durch jene, die dem Anarcho- Syndikalismus feindlich gegenueberstehen. Christie's Buch behandelt das meiste, was von buergerlichen Kommentatoren ueber Spanien behauptet wurde. Aber der wahre Wert dieser Arbeit besteht darin, dass sie den Verrat anarchistischer Prinzipien durch FAI und CNT in den Kontext der Evolution dieser Organisationen einbettet und die Frage nach der Fuehrung und - wichtiger noch - der "AnhaengerInnenschaft" stellt.

Christie erlaeutert zunaechst, dass drei Faktoren beruecksichtigt werden muessen, will man die juengere spanische Geschichte verstehen. Zunaechst, dass der Anarchismus tief in der ArbeiterInnenklasse verwurzelt war, zumindest teilweise weil sich in ihm ihre Beziehungen und Werte spiegelten. Zweitens, dass vom Anarchismus der hauptsaechliche ideologische Einfluss innerhalb der ArbeiterInnenbewegung ausging. Und drittens, dass die anarchistischen Militanten, die ihre Organisationen ueber Jahrzehnte der Repression hinweg verteidigten und aufbauten, von dem Wunsch angetrieben wurden, eine libertaer-kommunistische Gesellschaft herbeizufuehren. Ziele, die sie sowohl in Widerspruch zu Staat und Chefs, als auch zu den FuehrerInnen ihrer eigenen Gewerkschaftskonfoederation geraten liessen.

Das Buch skizziert die historische Entwicklung des Anarchismus in Spanien, und wie er die ArbeiterInnenbewegung - vor allem die Kataloniens, dem Zentrum der Industrie - vorantrieb und beeinflusste. Es bemueht sich auch um eine analytische Antwort auf eine Frage, die der Autor mit eigenen Worten wie folgt beschreibt: "Wie koennen Ideale den Prozess der Institutionalisierung ueberleben? Wenn dies nicht moeglich ist, sollte es zumindest moeglich sein, die Wendepunkte zu identifizieren, um dem Prozess Widerstand entgegenzusetzen".

Seit 1927 brach innerhalb der CNT zwischen der Gewerkschaftsfuehrung und den bewussten anarchistischen Militanten der Basis ein Kampf um Herz und Seele der Gewerkschaft aus. Dieser Konflikt fand 1931 seinen Hoehepunkt, als die *treintistas*, Fuehrungsfiguren, die das "Manifest der Dreissig" unterzeichnet hatten, die Konfoederation verliessen und eine kleine Zahl von Gewerkschaften ihnen folgte. Kommentatoren von aussen behaupteten, dass die ReformistInnen durch eine Parteiartige Organisation mit rigider Disziplin herausgedraengt worden seien - der FAI. Aber die Wahrheit lautet etwas anders.

Christie erklaert uns wie die ReformistInnen - von denen viele nationale oder regionale SekretaerInnen waren - glaubten, dass sie sich auf Gewerkschaftsbezogene Themen konzentrieren und mit der sozialistischen UGT um Mitglieder konkurrieren sollten. Doch die UGT hatte durch ihre Kooperation mit Primo de Riveras Diktatur, der Gesetze erliess, die sie bevorzugten und die CNT benachteiligten, an Glaubwuerdigkeit verloren waehrend die CNT mit ihrer Botschaft des offenen Klassenkampfes und der direkten Aktion bestaendig anwuchs. Die CNT Fuehrung, obgleich als einzelne Personen beliebt, hatte den Kontakt zur Basis verloren. Ein Grund, weshalb Personen wie Angel Pestaña in diese Positionen gelangen konnten, war, dass anarchistische Militante sich wegen der korrumpierenden Eigenschaften solcher Positionen sich weigerten, sie einzunehmen.

Die ReformistInnen versuchten, die Verfassung der CNT zu veraendern und sie von ihrer foederalistischen und antikapitalistischen Grundlage fortzubewegen zu einer blossen Vermittlungsorganisation zwischen ArbeiterInnen und dem Kapital. Zur selben Zeit arbeitete die UGT innerhalb der Strukturen der Diktatur Primo de Riveras und nutzte dort ihre Position aus, um die CNT anzugreifen. Die ReformistInnen wollten die CNT sozusagen "aus der Kaelte holen" damit sie von den Angriffen der Sozialisten geschuetzt operieren koenne. Vor diesem Hintergrund traf sich eine kleine Zahl von Militanten 1927 in Valencia, wo sie die Anarchistische Foederation Iberiens - die FAI - gruendeten, der sich auch portugiesische Militante anschlossen. Die FAI beschrieb ihre Beziehungen zur CNT als *trabazon* - eine organische UEbereinkunft auf lokaler Ebene zwischen CNT und FAI durch Verteidigungs- und Gefangenenhilfskomitees.

Zu diesem Zeitpunkt war die FAI eine ad hoc Organisation von Bezugsgruppen. Nie schloss sich die Mehrheit der in der CNT organisierten AnarchistInnen in ihr zusammen, trotz anderslautender Behauptungen buergerlicher und marxistischer Historiker wie Woodcock, Carr und Morrow, die sie als zentralisierten parteiartigen Apparat beschreiben. Sie bestand aus AnarchistInnen, die sich weigerten, ihrer Gewerkschaftsfuehrung zu folgen und gemaess der historischen Rolle der AnarchistInnen den libertaeren Geist der CNT zu verteidigten. Tatsaechlich waren viele der beruehmtesten Namen, die mit der FAI in Verbindung gebracht werden nicht einmal Mitglieder und es bestehen sogar Zweifel, ob Durruti je ein regulaeres Mitglied war.

Die Wurzeln der Kollaboration, die die ReformistInnen vorschlugen, lagen in der taktischen Kooperation, die sie mit militaerischen und politischen Oppositionellen jeglicher Couleur waehrend der Diktatur unterhielten. Obwohl die AnarchistInnen eine Minderheit darstellten, hielten sie doch eine machtvolle moralische Autoritaet unter den Gewerkschaftsmitgliedern inne. Viele FAIistas kamen aus dem offenen Klassenkampf des *pistolerismo*, in dem die Unternehmer bewaffnete Soeldner anwarben, um CNT Mitglieder zu ermorden. Als die Diktatur zusammenbrach, kam es zu einer Woge von Streiks, fuer die die FAI verantwortlich gemacht wurde, obwohl ihre Existenz zu dieser Zeit nominell war.

Bislang hatten Pestaña und seine Verbuendeten die Oberhand behalten. Sie gaben die Zeitung A ccion heraus und kontrollierten das Nationalkomitee. Sie draengten auf engere Kontakte zu den Republikanern als strategische, nicht als taktische Massnahme. Einer von ihnen, Juan Peiró, musste zuruecktreten, nachdem er ein besonders dubioses Manifest unterzeichnet hatte - *Inteligencia Republicana*. Im April erlangte die sozialistisch- republikanische Koalition einen ueberwaeltigenden Wahlsieg, nachdem sich das Nationale Plenum der CNT fuer eine taktische Wahlbeteiligung zugunsten der Linken aussprach.

Die zweite Republik erliess eine Reihe von Massnahmen gegen die CNT, einige absichtlich um die UGT zu bevorzugen, andere - wie die gemischten Geschworenengerichte - als Nebenprodukt. Am 1. Mai eroeffnete die *guardia* *civil* das Feuer auf die CNT Demonstration, wobei eine Person getoetet und 15 verwundet wurden. Nun begann die FAI als Pol des Widerspruchs gegen die ReformistInnen innerhalb der CNT in Erscheinung zu treten. Die Auseinandersetzung brach auf dem III. Kongress im Juni auf, wurde dort aber nicht geloest.

Waehrend des Sommers polarisierte der gesteigerte soziale Konflikt mit der Regierung diese Differenzen. Die ReformistInnen spekulierten mit dem "Manifest der 30" darauf, die Revolutionaere zu isolieren. Aber sie versagten. Die Basis, die den offenen Klassenkampf des Staates und der Chefs taeglich erlebte, schloss sich der Seite der FAI an. Die Treintistas verliessen die CNT und Pestaña gruendete spaeter die Syndikalistische Partei.

Christie vertritt nun den Standpunkt, dass die FAI ihre Schuldigkeit getan habe, aber von "entwurzelten Intellektuellen" wie Diego Abad de Santillan uebernommen worden sei. Es steht fest, dass die meisten ihrer Militanten zu ihrer alltaeglichen Arbeit als Mitglieder der CNT zurueckkehrten. Viele andere wurden nach dem gescheiterten Aufstand, der zum Massaker bei Casas Viejas und zu einer Welle von Repressionen und Verhaftungen fuehrte, aus ihrer Aktivitaet gerissen. De Santillan hatte sich der FAI 1933 angeschlossen. Er war von oekonomischer Planung besessen und ging davon aus, dass die FAI dem Anarchismus das noetige Mass an Disziplin und Organisation liefere, mit der er seine historische Mission erfuellen koenne. Die Gruppen um De Santillan traten fuer "mehr Demokratie" ein und es wurden Versuche unternommen, die Nosotros Gruppe (die aus Durruti, Ascaso etc. bestand) auszuschliessen, obgleich diese Bemuehungen keine Erfolge zeitigten. Mit Sicherheit hatte sich die Kultur gewandelt und viele der Militanten aus der ArbeiterInnenklasse fuehlten sich innerhalb der FAI nicht laenger wohl. Um es mit Progreso Fernández zu sagen: "Viele Leute sprangen damals ab, aber wir blieben AnarchistInnen, weil Anarchismus eine Lebenseinstellung ist".

Chrisities Analyse weist auf die Schwaeche jener am meisten verbreiteten Kritik hin, die von englischsprachigen AnarchistInnen gegen spanische AnarchistInnen vorgebracht wird: dass sie die Wichtigkeit der Organisation nicht hinreichend ernst genommen haetten. Haetten sie doch nur, so klagt die plattformistische (spaeter leninistische) Anarchist Workers Group, haetten sie doch nur die spanische UEbersetzung der "Plattform" erhalten, so waeren sie vielleicht mit besseren Ideen ausgestattet gewesen, um zu siegen. Der Trugschluss dieser Argumentation ist offensichtlich - es war nicht die korrekte politische Linie, welche den Sieg der Revolution haette herbeifuehren koennen, sondern die Taten und Handlungen der beteiligten Militanten. Jene, die innerhalb der FAI ein hoeheres mass an Organisation forderten waren nicht diejenigen, die sich als erste erhoben, um die Faschisten in Barcelona und anderswo zu schlagen.

Der Erfolg der Revolution am 19. Juli 1936 ist gut dokumentiert. Es besteht kein Grund, dies hier nochmals zu wiederholen. Es ist allerdings interessant, wie die FAI und die CNT dazu kamen, schliesslich mit dem Staat zu kollaborieren und sich sogar an der Regierung zu beteiligen. Christie nimmt an, dass dies geschah, weil diese Organisationen sich als Vertreter der Organe der Revolution betrachteten - der Fabrik- und Nachbarschaftskomitees. Auf diese Weise wurde Federica Montseny in die Regierung kooptiert. Ihr Nachbarschaftskomitee schickte sie zum Hauptquartier der CNT-FAI um in Erfahrung zu bringen, was geschah. Statt dessen wurde sie in das Komitee kooptiert. Christies Bericht von der Niederlage der Revolution ist keine leichte Lektuere. Seine Schlussfolgerung lautet, dass wir unsere Ziele und unsere Mittel nicht trennen duerfen und koennen. Durch die Anpassung an die Umstaende fand sich die FAI auf der falschen Seite des Kampfes fuer soziale Gerechtigkeit und Gleichheit wieder. Es waere reine Spekulation, andere Wege vorzuschlagen, die damals haetten eingeschlagen werden koennen. Die spanischen AnarchistInnen standen vor einem schwierigen Dilemma und wir sollten ihre Irrtuemer nicht zu streng beurteilen. Statt dessen sollten wir von ihnen lernen und versuchen, selber nicht die gleichen Fehler zu machen. Und er stellt die Frage, weshalb die anarchistische Basis damals viele Handlungen der CNT-FAI unterstuetzte, die anarchistische Prinzipien verrieten, indem sie die Beziehung zwischen den Zielen und den Mitteln ignorierten.

Eine abschliessende Bemerkung: Fuer das, was es ist, ist dieses Buch viel zu teuer. Ich habe Meltzer press deswegen angeschrieben und sie sind bereit einen Rabatt darauf zu geben: Gruppen, die mehr als ein Buch kaufen, muessen fuer jedes weitere nur 50% des Preises zahlen. Ich denke, dieses Buch sollte weitere Verbreitung finden und in einem guenstigeren Format. All ihr Verlage da draussen solltet Euch mit TMP in Verbindung setzen.

MH

## CrossPoint v3.11 ##

****** A-Infos News Service ***** News about and of interest to anarchists

Subscribe -> email MAJORDOMO@TAO.CA with the message SUBSCRIBE A-INFOS Info -> http://www.tao.ca/ainfos/ Reproduce -> please include this section